Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
Home
Home           




Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen

Ich war einige Sekunden lang benommen, wurde aber sofort aufgeschreckt durch vielstimmige entsetzte Frauenschreie. Ich musste mich unter einer Tischdecke hervor arbeiten, bevor ich in viele erschreckte Frauengesichter blickte. Eine Frau ergriff abwehrbereit ein Kuchenmesser und hielt es vor sich. Ich blinzelte in das Halbdunkel des Raumes und begriff, dass meine unvollständige Kleidung ihre Augen beleidigt hatte. Ich wickelte mich in altrömischer Art in die Decke, ehe ich mich mehrfach verbeugte und den Damen eine kleine Rede auf Französisch hielt.

Dafür, dass einige von ihnen mich nicht verstanden haben, verhielten sich die Damen standesgemäß, aber auch großmütig, denn nach wenigen Minuten fand ich mich nicht mehr als verdächtigen Eindringling hingenommen, sondern fühlte mich zunehmend ganz besonders willkommen.

Es war, wie ich nach einem liebevoll bereiteten heißen Bad in einem großen Bottich herausfand, eine Wohngemeinschaft nicht mehr heiratsfähiger Adelstöchter unter- schiedlichen, aber überwiegend erstaunlich niedrigen Alters: alles Frauen, die hier von ihren Familien abgeschoben und mit der Erwartung lebten, unter manchen anderen Entbehrungen auch für den Rest ihres Lebens nie mehr einen Mann aus der Nähe zu erleben.

In den aufregenden Wochen meines Aufenthaltes nahm ich staunend wahr, dass sich die Damen allesamt wundersam veränderten: Sie lebten deutlich auf, brachten mehr Farbe in das Haus, in ihre Kleider und Haartrachten, richteten sich bis ins Leichtsinnige her und konkurrierten sichtlich miteinander.

In einem mehrsprachigen Gemisch schäkerten wir immer ausgelassener miteinander. Ich war darauf bedacht, keine von ihnen zu vernachlässigen und Streitereien um meine individuelle Gesellschaft durch ständige Beweise meines Gerechtigkeitssinnes zu entschärfen. Nie habe ich solch eine innige Gastfreundschaft für möglich gehalten, noch nie auch solchen hemmungslosen Hunger nach Zärtlichkeit und eine gierig werdende Lustbereitschaft; in dieser geballten Fülle war das für mich ungewohnt und noch lehrreich für mein weiteres Leben.

Mit Rücksicht auf den Ruf der Damen musste ich gleich nach dem Mittagessen geräuschvollen und für die Nachbarn sichtbaren Abschied nehmen; allerdings trug ich den Haustürschlüssel in der Tasche und eine vielstimmig ausgesprochene herzliche Einladung so gerührt im Herzen, dass ich mich einsichtig stundenlang in einem nahen Wald aufhielt; Brot, Fleisch und Wein hatten mir die Damen reichlich mitgegeben, bis ich eine Glocke die zweite Stunde des nächsten Tages schlagen hörte. Dann preschte ich im Schutz der Dunkelheit zum Schlösschen zurück, öffnete die Tür und zog mein Pferd mit in die Halle.

Achtzehn Frauen erwarteten mich im Dunkeln; sie führten mein Pferd in den Stall zu ihren eigenen Pferden, verwischten die Spuren vor dem Tor und brachten mich lachend und mit fast jungmädchenhafter Freude ins Warme. Aus der Küche dufteten knusprige Köstlichkeiten; alle sahen mir beim Essen zu und leisteten mir beim Wein Gesellschaft.

Ich tafelte mit großem Behagen, dann wischte ich mir den Mund ab und begann, die Damen reihum innig zu küssen, so, als wäre das in meiner Heimat der Brauch. Ich musste nichts erklären, die Damen schmiegten sich so in meine Arme, als hätten wir das lange geübt. Und als einen Austausch flüchtiger Höflichkeitsküsse hätte niemand dieses Geschehen nennen können.

Sie wagten nur ein kleines Windlicht zu entzünden und bedeuteten mir auch an den folgenden Tagen, mich von den Fenstern fernzuhalten, denn sie fürchteten um ihre Reputation. Als ich mich dann endlich aus ihren Armen lösen musste, bestieg ich mein Pferd heimlich in der Nacht, übrigens wieder bei heftigem Schneefall.

Vorher hatten wir aber eine fröhliche Zeit miteinander. Es bedrückte mich, dass die von ihnen offenbar früher gewählte Sprecherin mit einem rätselhaften Fieber im Bett liegen musste. Vielleicht hatte sie sich vorsorglich in eine Krankheit geflüchtet, um nicht voll mitverantworten zu müssen, was sich als schier unerhörtes Spiel auszubreiten begann.

Alle Zurückhaltung schien zu schwinden, nachdem ich allen mit einer sie fesselnden Zeichnung klargemacht hatte, dass nach einer noch in Hannover erledigten eindeutigen Operation an meinen Fortpflanzungsorganen keine Frau mehr Sorge vor einer Schwangerschaft haben müsste (ich hatte nämlich oft genug noch zuvor in Deutschland davor gezittert, ungewollt Vater zu werden).

Mir war bald klar, dass ich unmöglich allen Frauenwünschen gerecht werden konnte. Deshalb übte ich improvisiert mit den liebeshungrigen Frauen eine mir bis dahin viel zu wenig vertraute Form liebevoller Geselligkeit. Weil wir aber erhebliche Verständigungsschwierigkeiten hatten, weil sich andererseits eine unbändige Spiel-und Improvisationsfreude ausbreitete, entwickelten sich Spielformen und Spielregeln, auf die ich allein nie gekommen wäre. Einige habe ich noch in Erinnerung, einiges habe ich auch später noch wiederholen und verbessern können, zum Beispiel das „Russische Roulett“, bei dem es darum ging, bei jeder Frau ein von ihr sorgsam verstecktes Goldstück zu finden. Wenn ich nicht fündig geworden war, bis die Frauen bis dreißig gezählt hatten, musste ich ein Pfand geben. Mir wurde die Goldsuche erheblich erschwert, weil sie mir die Augen verbunden und meine Hände auf den Rücken gefesselt hatten. Die Damen haben Tränen gelacht…

Das war nur eine Variation; die Frauen erfanden ständig neue und ich staunte über ihre Einfälle. Diese Spiele haben auch den Zuschauenden großen Spaß bereitet. Nach einigen Gläschen Wein kam eine so ausgelassene Stimmung auf, dass wir zur Geräuschdämmung die Fenster und Türen mit Decken und Kissen abdichten mussten.

Inzwischen war mir eine Frau besonders ans Herz gewachsen, die schlanke, braunäugige Natascha, mit zarten, begeisterungsfähigen Brüsten, unglaublich lieb und zärtlich-verträumt: Sie nahm mich mit einer Inbrunst auf, die mich verzauberte und die ich unendlich dankbar genoss. Leider gönnten uns die anderen Damen nur wenige Nachtstunden inniger Zweisamkeit. Eines Vormittags, als ich wie täglich der immer noch bettlägerigen Sprecherin Angelina meine Aufwartung machte, sagte sie lächelnd nach einem tiefen Seufzer auf Französisch: „Genug, mein Freund, mehr wäre jetzt von Übel. Reiten Sie heute Nacht weiter.“ Ich sah ein, dass sie für uns alle dachte und küsste andächtig ihre Fingerspitzen. Bei einer Armbewegung werden meine Lippen ihre Armbeuge gestreift haben. Hätte ich ahnen können, dass ich hier bei ihr unkontrollierbare und unwiderstehliche Reize auslöste, gegen die wir uns beide nicht mehr wehren mochten?

Als wir viel später aufschauten, standen alle Stiftsdamen verzückt um unser Bett gedrängt, juchzten und jubelten dann, applaudierten begeistert und umarmten und küssten uns. Wir dankten verlegen, beide wohl mit guten Gefühlen.

Es gab ein umwerfendes Abschiedsessen, unterbrochen von herzzerreißenden Umarmungen; dabei zogen mich einige leidenschaftlich für ein paar Minuten in ein Nachbarzimmer und widmeten mir danach nicht voll verstehbare, aber uns alle rührende kleine Reden. Mein Mund war ausgeküsst und ähnlich ging es mir am ganzen Leibe.

Ich weiß nicht mehr, wo ich dieses Schlösschen suchen müsste; vielleicht war es in der Nähe von Thorn oder vor Königsberg oder bei Riga, aber es hat einen festen Platz in meiner Erinnerung und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft ich an diese Frauen gedacht habe und noch denke: an jede einzeln! Sie haben mich über die Jahre inspiriert.

Als ich in jener Nacht durch den Schnee ritt, dachte ich: Solche Erlebnisse werden unmöglich zu überbieten sein; warum bleibe ich hier nicht für immer? Es trieb mich aber weiter und ich erfuhr, dass das Leben noch viel fantasiereicher ist als ich.


Seiten  12
<   13   >
 14


Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
Impressum und Kontakt




Webseitengestaltung von Gundula Lendt www.lendt-webdesign.de