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Dreiundzwanzig
liebeshungrige Frauen
Ich war einige Sekunden lang benommen, wurde aber sofort aufgeschreckt
durch vielstimmige entsetzte Frauenschreie. Ich musste mich unter einer
Tischdecke hervor arbeiten, bevor ich in viele erschreckte
Frauengesichter blickte. Eine Frau ergriff abwehrbereit ein
Kuchenmesser und hielt es vor sich. Ich blinzelte in das Halbdunkel des
Raumes und begriff, dass meine unvollständige Kleidung ihre Augen
beleidigt hatte. Ich wickelte mich in altrömischer Art in die
Decke, ehe ich mich mehrfach verbeugte und den Damen eine kleine Rede
auf Französisch hielt.
Dafür, dass einige von ihnen mich nicht verstanden haben,
verhielten sich die Damen standesgemäß, aber auch
großmütig, denn nach wenigen Minuten fand ich mich nicht
mehr als verdächtigen Eindringling hingenommen, sondern
fühlte mich zunehmend ganz besonders willkommen.
Es war, wie ich nach einem liebevoll bereiteten heißen Bad in
einem großen Bottich herausfand, eine Wohngemeinschaft nicht mehr
heiratsfähiger Adelstöchter unter- schiedlichen, aber
überwiegend erstaunlich niedrigen Alters: alles Frauen, die hier
von ihren Familien abgeschoben und mit der Erwartung lebten, unter
manchen anderen Entbehrungen auch für den Rest ihres Lebens nie
mehr einen Mann aus der Nähe zu erleben.
In den aufregenden Wochen meines Aufenthaltes nahm ich staunend wahr,
dass sich die Damen allesamt wundersam veränderten: Sie lebten
deutlich auf, brachten mehr Farbe in das Haus, in ihre Kleider und
Haartrachten, richteten sich bis ins Leichtsinnige her und
konkurrierten sichtlich miteinander.
In einem mehrsprachigen Gemisch schäkerten wir immer ausgelassener
miteinander. Ich war darauf bedacht, keine von ihnen zu
vernachlässigen und Streitereien um meine individuelle
Gesellschaft durch ständige Beweise meines Gerechtigkeitssinnes zu
entschärfen. Nie habe ich solch eine innige Gastfreundschaft
für möglich gehalten, noch nie auch solchen hemmungslosen
Hunger nach Zärtlichkeit und eine gierig werdende
Lustbereitschaft; in dieser geballten Fülle war das für mich
ungewohnt und noch lehrreich für mein weiteres Leben.
Mit Rücksicht auf den Ruf der Damen musste ich gleich nach dem
Mittagessen geräuschvollen und für die Nachbarn sichtbaren
Abschied nehmen; allerdings trug ich den Haustürschlüssel in
der Tasche und eine vielstimmig ausgesprochene herzliche Einladung so
gerührt im Herzen, dass ich mich einsichtig stundenlang in einem
nahen Wald aufhielt; Brot, Fleisch und Wein hatten mir die Damen
reichlich mitgegeben, bis ich eine Glocke die zweite Stunde des
nächsten Tages schlagen hörte. Dann preschte ich im Schutz
der Dunkelheit zum Schlösschen zurück, öffnete die
Tür und zog mein Pferd mit in die Halle.
Achtzehn Frauen erwarteten mich im Dunkeln; sie führten mein Pferd
in den Stall zu ihren eigenen Pferden, verwischten die Spuren vor dem
Tor und brachten mich lachend und mit fast jungmädchenhafter
Freude ins Warme. Aus der Küche dufteten knusprige
Köstlichkeiten; alle sahen mir beim Essen zu und leisteten mir
beim Wein Gesellschaft.
Ich tafelte mit großem Behagen, dann wischte ich mir den Mund ab
und begann, die Damen reihum innig zu küssen, so, als wäre
das in meiner Heimat der Brauch. Ich musste nichts erklären, die
Damen schmiegten sich so in meine Arme, als hätten wir das lange
geübt. Und als einen Austausch flüchtiger
Höflichkeitsküsse hätte niemand dieses Geschehen nennen
können.
Sie wagten nur ein kleines Windlicht zu entzünden und bedeuteten
mir auch an den folgenden Tagen, mich von den Fenstern fernzuhalten,
denn sie fürchteten um ihre Reputation. Als ich mich dann endlich
aus ihren Armen lösen musste, bestieg ich mein Pferd heimlich in
der Nacht, übrigens wieder bei heftigem Schneefall.
Vorher hatten wir aber eine fröhliche Zeit miteinander. Es
bedrückte mich, dass die von ihnen offenbar früher
gewählte Sprecherin mit einem rätselhaften Fieber im Bett
liegen musste. Vielleicht hatte sie sich vorsorglich in eine Krankheit
geflüchtet, um nicht voll mitverantworten zu müssen, was sich
als schier unerhörtes Spiel auszubreiten begann.
Alle Zurückhaltung schien zu schwinden, nachdem ich allen mit
einer sie fesselnden Zeichnung klargemacht hatte, dass nach einer noch
in Hannover erledigten eindeutigen Operation an meinen
Fortpflanzungsorganen keine Frau mehr Sorge vor einer Schwangerschaft
haben müsste (ich hatte nämlich oft genug noch zuvor in
Deutschland davor gezittert, ungewollt Vater zu werden).
Mir war bald klar, dass ich unmöglich allen Frauenwünschen
gerecht werden konnte. Deshalb übte ich improvisiert mit den
liebeshungrigen Frauen eine mir bis dahin viel zu wenig vertraute Form
liebevoller Geselligkeit. Weil wir aber erhebliche
Verständigungsschwierigkeiten hatten, weil sich andererseits eine
unbändige Spiel-und Improvisationsfreude ausbreitete, entwickelten
sich Spielformen und Spielregeln, auf die ich allein nie gekommen
wäre. Einige habe ich noch in Erinnerung, einiges habe ich auch
später noch wiederholen und verbessern können, zum Beispiel
das „Russische Roulett“, bei dem es darum ging, bei jeder Frau ein von
ihr sorgsam verstecktes Goldstück zu finden. Wenn ich nicht
fündig geworden war, bis die Frauen bis dreißig gezählt
hatten, musste ich ein Pfand geben. Mir wurde die Goldsuche erheblich
erschwert, weil sie mir die Augen verbunden und meine Hände auf
den Rücken gefesselt hatten. Die Damen haben Tränen gelacht…
Das war nur eine Variation; die Frauen erfanden ständig neue und
ich staunte über ihre Einfälle. Diese Spiele haben auch den
Zuschauenden großen Spaß bereitet. Nach einigen
Gläschen Wein kam eine so ausgelassene Stimmung auf, dass wir zur
Geräuschdämmung die Fenster und Türen mit Decken und
Kissen abdichten mussten.
Inzwischen war mir eine Frau besonders ans Herz gewachsen, die
schlanke, braunäugige Natascha, mit zarten,
begeisterungsfähigen Brüsten, unglaublich lieb und
zärtlich-verträumt: Sie nahm mich mit einer Inbrunst auf, die
mich verzauberte und die ich unendlich dankbar genoss. Leider
gönnten uns die anderen Damen nur wenige Nachtstunden inniger
Zweisamkeit. Eines Vormittags, als ich wie täglich der immer noch
bettlägerigen Sprecherin Angelina meine Aufwartung machte, sagte
sie lächelnd nach einem tiefen Seufzer auf Französisch:
„Genug, mein Freund, mehr wäre jetzt von Übel. Reiten Sie
heute Nacht weiter.“ Ich sah ein, dass sie für uns alle dachte und
küsste andächtig ihre Fingerspitzen. Bei einer Armbewegung
werden meine Lippen ihre Armbeuge gestreift haben. Hätte ich ahnen
können, dass ich hier bei ihr unkontrollierbare und
unwiderstehliche Reize auslöste, gegen die wir uns beide nicht
mehr wehren mochten?
Als wir viel später aufschauten, standen alle Stiftsdamen
verzückt um unser Bett gedrängt, juchzten und jubelten dann,
applaudierten begeistert und umarmten und küssten uns. Wir dankten
verlegen, beide wohl mit guten Gefühlen.
Es gab ein umwerfendes Abschiedsessen, unterbrochen von
herzzerreißenden Umarmungen; dabei zogen mich einige
leidenschaftlich für ein paar Minuten in ein Nachbarzimmer und
widmeten mir danach nicht voll verstehbare, aber uns alle rührende
kleine Reden. Mein Mund war ausgeküsst und ähnlich ging es
mir am ganzen Leibe.
Ich weiß nicht mehr, wo ich dieses Schlösschen suchen
müsste; vielleicht war es in der Nähe von Thorn oder vor
Königsberg oder bei Riga, aber es hat einen festen Platz in meiner
Erinnerung und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft ich an
diese Frauen gedacht habe und noch denke: an jede einzeln! Sie haben
mich über die Jahre inspiriert.
Als ich in jener Nacht durch den Schnee ritt, dachte ich: Solche
Erlebnisse werden unmöglich zu überbieten sein; warum bleibe
ich hier nicht für immer? Es trieb mich aber weiter und ich
erfuhr, dass das Leben noch viel fantasiereicher ist als ich.
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