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Wir brauchen eine
Bühne und Verkleidungen
Die größte Freude habe ich der Zarin meines Herzens mit
einem anderen Bild unserer Sammlung gemacht: Pieter Brueghel der
Ältere hat es gemalt, sein Sohn hat das Bild kopiert, bevor es im
Haus eines reichen Käufers verschwand. Es hieß „Jahrmarkt
mit Theater“ und zeigte an die dreihundert Frauen, Männer und
Kinder, die in einer kleinstädtischen Kulisse das Leben an einem
Festtag zeigten; in der Bildmitte stand eine Bühne mit Akteuren
und dicht herumdrängendem Publikum.
Ich ließ die Fassaden der gemalten Hauptgebäude nachbauen
und besorgte die Auswahl von geeigneten Mitspielern: Wir spielten
nämlich dieses Bild lebensecht in den alten Kostümen und der
sorgfältig gemalten Ausstattung nach.
Katharina liebte es, mit mir als Liebespaar verkleidet in diesen Szenen
unerkannt an vielen Stellen dabei zu sein. Einige Male spielten wir
sogar das mit derbem bäurischem Klamauk agierende Liebespaar auf
der Theaterbühne. Das Publikum schrie begeistert auf, wenn ich ihr
an die Brüste und sie mir an die Hose griff. Die Dialogtexte
wurden uns von den Souffleusen zugerufen, aber oft auch aus dem
Publikum.
Im Sommer spielten wir dieses Stück für Hunderte
ausgewählter Zuschauer, die sich zeitgerecht kleiden und einen
hohen Eintrittspreis bezahlen mussten. Es war aufwendig, aber es war
ein Ereignis ohne Beispiel in der europäischen Theatergeschichte,
und vor allem hat es der Zarin gefallen.
Übrigens hatte sie besondere Freude an der unübersehbaren
Ausbuchtung in der mittelalterlichen Hosentracht der Männer. Sie
hat sich einen deftigen Spaß daraus gemacht, zum Entsetzen der
Betroffenen, manchen ihr künstlich überdimensioniert
erscheinenden Hosenstall inhaltlich von einer couragierten Hofdame
überprüfen zu lassen. Darauf folgte fast immer eine
handgreifliche Auseinandersetzung mit anderen Zuschauern, die Katharina
genoss und in die ihre ebenfalls verkleidete Leibgarde dann eingreifen
musste.
Die Zarin fand das Geld für unsere diplomatischen
Gastfreundschaften letztlich gut angelegt, weil sie ihr Russland als
friedliebendes und kunstoffenes Reich zeigen wollte.
Aber die Friedensliebe ließ sich nicht lange durchhalten. Meist
waren natürlich die anderen schuld. Katharinas Militärberater
lagen ihr dauernd mit Kriegsforderungen in den Ohren. Ihr schlagendes
Argument war oft: „Krieg ist leichter als endlose Verhandlungen“. Zudem
waren die Generäle oft mit den Herstellern von Kanonen und
Gewehren verbunden, und wenn sie den Kauf von Waffen durchgesetzt
hatten, wollten sie die auch bald erproben und als veraltet geltende
Waffen verbrauchen. Diese Grundstruktur habe ich in mehreren
Ländern erkannt; sie wäre und ist für alle leicht zu
erkennen – wenn man sie überhaupt wahrnehmen will.
In Krisensituationen ließ sich die Zarin oft zu -erotisch immer
aufregenden -Wutausbrüchen und zu ähnlich
gefühlsbetonten Reaktionen hinreißen. Etliche Male gelang es
mir, sie zu besänftigen und friedlicher zu stimmen, aber „mittlere
Stürme“ musste sie offenbar alle paar Wochen austoben.
Unvergleichlich glanzvolle Festwochen gestaltete ich ab dem 1.
Julisonntag, den ich der Zarin als „offiziellen Geburtstag“ empfohlen
hatte; ihren echten am immer lausig kalten 2. Mai haben wir sehr privat
gefeiert, zusammen mit meinem, der war schließlich nur eine Woche
später. Den amtlichen Geburtstag der Zarin feierte das Volk dann
annähernd zeitgleich mit einem großen musischen Programm in
St. Petersburg, Moskau, Riga, Kiew und Odessa.
Berühmt wurde sogar unter den Vergnügungsreisenden die
Überreichung meiner sonntäglichen Blumengebinde an die Zarin.
Blumenzüchter aus Südrussland und Künstler aus vielen
Ländern gestalteten den Hintergrund für die vom
Staatsorchester begleiteten Ballettaufführungen, die begannen,
wenn die Herrscherin mit dem Patriarchen, dem geistlichen Oberhirten,
(und mir im Hintergrund) aus der Basilika trat. Auch das Volk durfte
Blumen auf den Weg der Zarin werfen, das bedeutete auch den
Ärmsten sichtlich viel.
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