Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
Home
Home           




Wiedersehen mit Mahajusha

Zu der „kleinen Gesellschaft" am Abend zählten gut hundertzwanzig Menschen in festlicher Kleidung, lauter bekannte und berühmte Namen; von einigen hatte ich schon gehört oder gelesen. Ich saß am Haupttisch und hatte eine besonders mitteilungsfreudige ungarische Gräfin als Tischpartnerin. Sie wunderte sich und freute sich närrisch über meine detaillierten Kenntnisse vom ungarischen Hochadel mitsamt den dort lebenden Exil-Hoheiten und war entzückt über mein Interesse an Namen und Alter der königlichen Enkel.

Nach einem allgemeinen Toast des Hausherrn und einem Aperitif hörte ich mitten in dem Wortschwall meiner Nachbarin, dass ich als Tischredner angekündigt wurde: „Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit für meinen alten Freund, den Freiherr von Münchhausen aus Bodenwerder an der Weser!“ Irritiert blickte ich zu Rothschild hin, der lächelte und nickte mir auffordernd zu. Sollte es zu seinen beliebten grausamen Scherzen zählen, ohne Absprache und Gelegenheit zur Vorbereitung einfach einen Anwesenden als „Charmeur vom Dienst“ anzukündigen? Einige hierin wahrscheinlich Erfahrene grinsten mich schadenfroh an. Na ja. Ich war in gehobener Stimmung und stellte mich leichtsinnig diesem ungewohnten Abenteuer.
 
Mein Blick ging von den Gastgebern in die Runde; es waren überwiegend reife und erfolgreiche Menschen. Für alle war es eine Ehre, bei Rothschilds eingeladen zu sein, denn der Hausherr zählte zu den einflussreichsten und auch reichsten Männern nicht nur in deutschen Landen. Er war einer der wenigen erfolgreichen Juden, denen man diesen biografischen „Makel“ „großzügig“ nachsah: Rothschild war eben eine Ausnahme-Erscheinung; er hatte sich vielfach als vorbildlicher Bürger und als ungewöhnlich großmütig erwiesen und er war für viele in keiner Weise zu vergleichen mit seinen weithin als lästig und viel zu geschäftstüchtig angesehenen Glaubensbrüdern, die oft als Schuldige und Sündenböcke für manche Notlage ihrer christlichen Mitbürger herhalten mussten.

Der pfiffige Baron wollte mich prüfen, das war mir klar. Aber wann hatte ich einmal eine Tischrede halten müssen!

Ich nahm einen tiefen Schluck Champagner und sagte mir, dass ich schließlich schon mit anderen Herausforderungen ganz gut fertig geworden bin. Ich stand auf, klopfte an mein Glas und während ich unbefangen drauflos plauderte und natürlich den Damen besondere Reverenz erwies, fiel mein Blick auf eine jüngere Dame in Weiß, bei der offensichtlich ein hochbegabter Haarkünstler ein Wunderwerk an ihren schwarzen Locken vollbracht hatte.

Das ist doch... Mein Gott, das ist doch nicht möglich... Mir versagte die Stimme. Ich werde eine Welle mit geöffnetem Mund dagestanden haben. Mein Verhalten muss von allen Gästen irritiert bemerkt worden sein.

Ich versuchte mich aufzufangen und stotterte so etwas zusammen wie: "Meine Damen und Herren, ich bitte Sie um Nachsicht: Bis vor kurzem war ich monatelang unterwegs auf Schiffen in der Einsamkeit der Weltmeere und unter rohen Menschen. Umso stärker blenden mich jetzt diese wundervollen Kristall-Lüster. Aber auch sie sind nur ein schwacher Strahl gegen die Schönheit, über die ich hier einen herausragenden Überblick habe. Ich bin überwältigt von so viel Liebreiz und Anmut; mir schnürt es den Hals zu und ich bin sicher, es geht manchen von Ihnen, meine Herren, ähnlich – jedenfalls im Blick auf die uns umgebende strahlende weibliche Schönheit."

Ich merkte, dass ich ins Schwafeln geriet und suchte ein baldiges glückliches Ende: „Versuchen wir, nach einem andächtigen Schluck auf unsere bezaubernde Gastgeberin und auf alle uns hier mit ihrem Anblick verwöhnenden Damen wieder freier, glücklich und dankbar zu atmen..." Solchen charmanten Stuss finden sie ja meistens gut. Die Herren sprangen lachend auf, wir stießen nach allen Seiten an, schwadronierten durcheinander und ich konnte endlich wieder in die Augen meiner Mahajusha schauen.

Ihr Lächeln war zum Stehlen hinreißend; ihre feucht gewordenen Augen auch. Wir hoben unsere Gläser einander entgegen und vernachlässigten unsere Nachbarn für einen Augenblick. Ich fühlte mich wie im Traum, wie in einem wundervollen Traum, der mich weit zurücknahm in selige Zeiten und die Hauptdarstellerin in diesem Traum war meine persische Prinzessin.

Mahajusha war voll erblüht. „Wehe, sie ist verheiratet! Ich ermorde den Kerl“, dachte ich, während ich mich wieder pflichtbewusst der Ungarin zuzuwenden versuchte. Die Gräfin schien nichts bemerkt zu haben; sie erzählte mir von Jungenstreichen der Enkel des Exil-Königs. Ich aber war minutenlang vollkommen abwesend und wie benommen.

Es dauerte lange, bis die Musiker zum Tanz aufspielten. Ich musste zuerst mit der Baronin tanzen, dann mit der Ungarin und danach war Mahajusha ständig umlagert. Ich musste eingreifen, wenn nicht mit dem Säbel, dann mit Abklatschen, wie ich es damals in St. Petersburg eingeführt hatte.

"Bist Du es wirklich, Herzensprinzessin“ fragte ich. Sie lächelte nur: "Ich wusste immer, dass Ihr noch lebt, Haruni!" "Nenne mich nicht mehr so, Prinzessin. Bitte sag zuerst: Bist Du frei?“ Sie hob lächelnd die Arme: „Vollkommen frei." Ich sagte darauf wie im Traum: "Der Himmel hat uns wieder zusammengebracht, zauberschöne Prinzessin, ich bin unendlich glücklich." Und ich drängte wie ein alles Einverständnis voraussetzender Liebhaber: „Bitte komm mit mir nach Amerika!"

Da erstarb ihr Lächeln und sie sagte bekümmert: „Das wird nicht möglich sein, Liebster. Baron Rothschild hat Wichtiges in London mit mir vorbereitet."

Ich setzte alles auf eine Karte: "Komm mit mir, Prinzessin, ich brauche Dich an meiner Seite. Rothschild will mich in die Neue Welt schicken; er wird zustimmen, dass wir zusammen gehen, aber Du musst es wollen!" Mahajusha sah mich lange an, wir hielten uns an beiden Händen. Nie hat mich ein Mensch so beschenkt wie sie: „Ja, ich will wieder bei Dir sein, Herzensfreund.“

Rothschild kam dazu, als ich ihre Innenhände küsste, wie früher. "Ich muss Euch also nicht mehr bekannt machen?" fragte er etwas erstaunt und sah uns neugierig an. "Rothschild, alter Freund", sagte ich erregt und spürte instinktiv, dass ich am stärksten bin, so lange er mich noch nicht voll in der Hand hat: „Ich werde für Dich nach Amerika gehen, wenn die Prinzessin mit mir geht, sonst nicht."

Der kluge Menschenkenner sah uns beide forschend an und fragte Mahajusha nur noch: "Wollen Sie das denn, Hoheit?" Und dann tat Mahajusha etwas, das Rothschild und alle Umstehenden überraschte: Statt mit Worten zu antworten, umarmte sie den Baron mit beiden Armen und küsste ihn auf die Wange. Eine Träne von ihr blieb an seinem Backenbart hängen. Rothschild war sehr gerührt. Als die Musik wieder einsetzte, forderte er sie zum Tanz auf und die beiden tanzten davon wie ein sehr miteinander vertrautes Paar.

Mich traf mancher bewundernder Blick; man sah mir wohl einiges von meinem Glück an. Ich war nicht in bester gesellschaftlicher Verfassung, denn mein Herz flog davon. Ich widmete mich aber noch der Baronin, um auch ihren Segen zu bekommen... Nur ein Mann schien alles anders zu sehen und einzuschätzen. Er schob sich an mir vorbei und zischte mir eine urhessische Verwünschung zu: „Geet hie, worer moje wart!“ Er war wohl, wenn auch chancenlos, an Mahajusha interessiert.

Am nächsten Tag nahm Rothschild die Prinzessin und mich mit in seinen Bankpalast und ließ uns von seinen Spezialisten über die bisherigen und die erhofften Aktivitäten in Nordamerika informieren. Es war mir völlig neu, welche weltbewegenden Entwicklungen das Bankhaus mitgetragen hat. Natürlich wurde es mir mulmig, aber die Herren versicherten mir, dass man, solange ich das wünsche, nur repräsentative Aufgaben von mir erwarte.

"Also, ein Salonlöwe bin nun wirklich nicht und ich will auch keiner mehr werden", stellte ich klar. Aber die Herren schienen die amerikanische Gesellschaft wesentlich robuster einzuschätzen. Sie redeten sich in Begeisterung; meine Gedanken folgten ihnen nicht immer. Als sie erwähnten, dass das Bankhaus zunächst drei Gebäude in New York „leider weit von einander entfernt“ besäße und hinzufügten, dass der wichtigere Kern der Stadt „ziemlich zugebaut sei“, warf ich spontan ein: „Warum bauen sie denn nicht in die Höhe?“ Aber das verstanden sie nicht; ich war wahrscheinlich meiner Zeit wieder einmal etwas voraus – hier in Deutschland jedenfalls.

Rothschild lächelte Mahajusha an, als er sagte: „Ihre Hoheit war bis gestern darauf vorbereitet, mit einem Kollegium von Fachleuten in England und von England aus Entwicklungs-Gesellschaften aufzubauen, Institute, die Private und Behörden beraten, planen und umsetzen helfen, von kleinen Grundstücken bis zur Erneuerung und Vergrößerung von Städten. Das wird in Nordamerika noch viel willkommener sein.

Als Rothschild schließlich sagte: „Versuche es für ein Jahr, Du bleibst doch ein freier Mann. Und glaub mir, es wird dir gefallen – besonders in Eurer idealen Verbindung!“, hatte ich keine Einwände mehr.

Sagt selbst, Freunde und Herzensfreundinnen meiner Freunde: Kann ein an einige Abwechslung im Leben interessierter Mann solch ein Angebot ablehnen?

Seiten  87
<   88   >
 89


Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
Impressum und Kontakt




Webseitengestaltung von Gundula Lendt www.lendt-webdesign.de