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Wiedersehen mit Mahajusha
Zu der „kleinen Gesellschaft" am Abend zählten gut hundertzwanzig
Menschen in festlicher Kleidung, lauter bekannte und berühmte
Namen; von einigen hatte ich schon gehört oder gelesen. Ich
saß am Haupttisch und hatte eine besonders mitteilungsfreudige
ungarische Gräfin als Tischpartnerin. Sie wunderte sich und freute
sich närrisch über meine detaillierten Kenntnisse vom
ungarischen Hochadel mitsamt den dort lebenden Exil-Hoheiten und war
entzückt über mein Interesse an Namen und Alter der
königlichen Enkel.
Nach einem allgemeinen Toast des Hausherrn und einem Aperitif
hörte ich mitten in dem Wortschwall meiner Nachbarin, dass ich als
Tischredner angekündigt wurde: „Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit
für meinen alten Freund, den Freiherr von Münchhausen aus
Bodenwerder an der Weser!“ Irritiert blickte ich zu Rothschild hin, der
lächelte und nickte mir auffordernd zu. Sollte es zu seinen
beliebten grausamen Scherzen zählen, ohne Absprache und
Gelegenheit zur Vorbereitung einfach einen Anwesenden als „Charmeur vom
Dienst“ anzukündigen? Einige hierin wahrscheinlich Erfahrene
grinsten mich schadenfroh an. Na ja. Ich war in gehobener Stimmung und
stellte mich leichtsinnig diesem ungewohnten Abenteuer.
Mein Blick ging von den Gastgebern in die Runde; es waren
überwiegend reife und erfolgreiche Menschen. Für alle war es
eine Ehre, bei Rothschilds eingeladen zu sein, denn der Hausherr
zählte zu den einflussreichsten und auch reichsten Männern
nicht nur in deutschen Landen. Er war einer der wenigen erfolgreichen
Juden, denen man diesen biografischen „Makel“ „großzügig“
nachsah: Rothschild war eben eine Ausnahme-Erscheinung; er hatte sich
vielfach als vorbildlicher Bürger und als ungewöhnlich
großmütig erwiesen und er war für viele in keiner Weise
zu vergleichen mit seinen weithin als lästig und viel zu
geschäftstüchtig angesehenen Glaubensbrüdern, die oft
als Schuldige und Sündenböcke für manche Notlage ihrer
christlichen Mitbürger herhalten mussten.
Der pfiffige Baron wollte mich prüfen, das war mir klar. Aber wann
hatte ich einmal eine Tischrede halten müssen!
Ich nahm einen tiefen Schluck Champagner und sagte mir, dass ich
schließlich schon mit anderen Herausforderungen ganz gut fertig
geworden bin. Ich stand auf, klopfte an mein Glas und während ich
unbefangen drauflos plauderte und natürlich den Damen besondere
Reverenz erwies, fiel mein Blick auf eine jüngere Dame in
Weiß, bei der offensichtlich ein hochbegabter Haarkünstler
ein Wunderwerk an ihren schwarzen Locken vollbracht hatte.
Das ist doch... Mein Gott, das ist doch nicht möglich... Mir
versagte die Stimme. Ich werde eine Welle mit geöffnetem Mund
dagestanden haben. Mein Verhalten muss von allen Gästen irritiert
bemerkt worden sein.
Ich versuchte mich aufzufangen und stotterte so etwas zusammen wie:
"Meine Damen und Herren, ich bitte Sie um Nachsicht: Bis vor kurzem war
ich monatelang unterwegs auf Schiffen in der Einsamkeit der Weltmeere
und unter rohen Menschen. Umso stärker blenden mich jetzt diese
wundervollen Kristall-Lüster. Aber auch sie sind nur ein schwacher
Strahl gegen die Schönheit, über die ich hier einen
herausragenden Überblick habe. Ich bin überwältigt von
so viel Liebreiz und Anmut; mir schnürt es den Hals zu und ich bin
sicher, es geht manchen von Ihnen, meine Herren, ähnlich –
jedenfalls im Blick auf die uns umgebende strahlende weibliche
Schönheit."
Ich merkte, dass ich ins Schwafeln geriet und suchte ein baldiges
glückliches Ende: „Versuchen wir, nach einem andächtigen
Schluck auf unsere bezaubernde Gastgeberin und auf alle uns hier mit
ihrem Anblick verwöhnenden Damen wieder freier, glücklich und
dankbar zu atmen..." Solchen charmanten Stuss finden sie ja meistens
gut. Die Herren sprangen lachend auf, wir stießen nach allen
Seiten an, schwadronierten durcheinander und ich konnte endlich wieder
in die Augen meiner Mahajusha schauen.
Ihr Lächeln war zum Stehlen hinreißend; ihre feucht
gewordenen Augen auch. Wir hoben unsere Gläser einander entgegen
und vernachlässigten unsere Nachbarn für einen Augenblick.
Ich fühlte mich wie im Traum, wie in einem wundervollen Traum, der
mich weit zurücknahm in selige Zeiten und die Hauptdarstellerin in
diesem Traum war meine persische Prinzessin.
Mahajusha war voll erblüht. „Wehe, sie ist verheiratet! Ich
ermorde den Kerl“, dachte ich, während ich mich wieder
pflichtbewusst der Ungarin zuzuwenden versuchte. Die Gräfin schien
nichts bemerkt zu haben; sie erzählte mir von Jungenstreichen der
Enkel des Exil-Königs. Ich aber war minutenlang vollkommen
abwesend und wie benommen.
Es dauerte lange, bis die Musiker zum Tanz aufspielten. Ich musste
zuerst mit der Baronin tanzen, dann mit der Ungarin und danach war
Mahajusha ständig umlagert. Ich musste eingreifen, wenn nicht mit
dem Säbel, dann mit Abklatschen, wie ich es damals in St.
Petersburg eingeführt hatte.
"Bist Du es wirklich, Herzensprinzessin“ fragte ich. Sie lächelte
nur: "Ich wusste immer, dass Ihr noch lebt, Haruni!" "Nenne mich nicht
mehr so, Prinzessin. Bitte sag zuerst: Bist Du frei?“ Sie hob
lächelnd die Arme: „Vollkommen frei." Ich sagte darauf wie im
Traum: "Der Himmel hat uns wieder zusammengebracht, zauberschöne
Prinzessin, ich bin unendlich glücklich." Und ich drängte wie
ein alles Einverständnis voraussetzender Liebhaber: „Bitte komm
mit mir nach Amerika!"
Da erstarb ihr Lächeln und sie sagte bekümmert: „Das wird
nicht möglich sein, Liebster. Baron Rothschild hat Wichtiges in
London mit mir vorbereitet."
Ich setzte alles auf eine Karte: "Komm mit mir, Prinzessin, ich brauche
Dich an meiner Seite. Rothschild will mich in die Neue Welt schicken;
er wird zustimmen, dass wir zusammen gehen, aber Du musst es wollen!"
Mahajusha sah mich lange an, wir hielten uns an beiden Händen. Nie
hat mich ein Mensch so beschenkt wie sie: „Ja, ich will wieder bei Dir
sein, Herzensfreund.“
Rothschild kam dazu, als ich ihre Innenhände küsste, wie
früher. "Ich muss Euch also nicht mehr bekannt machen?" fragte er
etwas erstaunt und sah uns neugierig an. "Rothschild, alter Freund",
sagte ich erregt und spürte instinktiv, dass ich am stärksten
bin, so lange er mich noch nicht voll in der Hand hat: „Ich werde
für Dich nach Amerika gehen, wenn die Prinzessin mit mir geht,
sonst nicht."
Der kluge Menschenkenner sah uns beide forschend an und fragte
Mahajusha nur noch: "Wollen Sie das denn, Hoheit?" Und dann tat
Mahajusha etwas, das Rothschild und alle Umstehenden überraschte:
Statt mit Worten zu antworten, umarmte sie den Baron mit beiden Armen
und küsste ihn auf die Wange. Eine Träne von ihr blieb an
seinem Backenbart hängen. Rothschild war sehr gerührt. Als
die Musik wieder einsetzte, forderte er sie zum Tanz auf und die beiden
tanzten davon wie ein sehr miteinander vertrautes Paar.
Mich traf mancher bewundernder Blick; man sah mir wohl einiges von
meinem Glück an. Ich war nicht in bester gesellschaftlicher
Verfassung, denn mein Herz flog davon. Ich widmete mich aber noch der
Baronin, um auch ihren Segen zu bekommen... Nur ein Mann schien alles
anders zu sehen und einzuschätzen. Er schob sich an mir vorbei und
zischte mir eine urhessische Verwünschung zu: „Geet hie, worer
moje wart!“ Er war wohl, wenn auch chancenlos, an Mahajusha
interessiert.
Am nächsten Tag nahm Rothschild die Prinzessin und mich mit in
seinen Bankpalast und ließ uns von seinen Spezialisten über
die bisherigen und die erhofften Aktivitäten in Nordamerika
informieren. Es war mir völlig neu, welche weltbewegenden
Entwicklungen das Bankhaus mitgetragen hat. Natürlich wurde es mir
mulmig, aber die Herren versicherten mir, dass man, solange ich das
wünsche, nur repräsentative Aufgaben von mir erwarte.
"Also, ein Salonlöwe bin nun wirklich nicht und ich will auch
keiner mehr werden", stellte ich klar. Aber die Herren schienen die
amerikanische Gesellschaft wesentlich robuster einzuschätzen. Sie
redeten sich in Begeisterung; meine Gedanken folgten ihnen nicht immer.
Als sie erwähnten, dass das Bankhaus zunächst drei
Gebäude in New York „leider weit von einander entfernt“
besäße und hinzufügten, dass der wichtigere Kern der
Stadt „ziemlich zugebaut sei“, warf ich spontan ein: „Warum bauen sie
denn nicht in die Höhe?“ Aber das verstanden sie nicht; ich war
wahrscheinlich meiner Zeit wieder einmal etwas voraus – hier in
Deutschland jedenfalls.
Rothschild lächelte Mahajusha an, als er sagte: „Ihre Hoheit war
bis gestern darauf vorbereitet, mit einem Kollegium von Fachleuten in
England und von England aus Entwicklungs-Gesellschaften aufzubauen,
Institute, die Private und Behörden beraten, planen und umsetzen
helfen, von kleinen Grundstücken bis zur Erneuerung und
Vergrößerung von Städten. Das wird in Nordamerika noch
viel willkommener sein.
Als Rothschild schließlich sagte: „Versuche es für ein Jahr,
Du bleibst doch ein freier Mann. Und glaub mir, es wird dir gefallen –
besonders in Eurer idealen Verbindung!“, hatte ich keine Einwände
mehr.
Sagt selbst, Freunde und Herzensfreundinnen meiner Freunde: Kann ein an
einige Abwechslung im Leben interessierter Mann solch ein Angebot
ablehnen?
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