Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Was soll ich in Amerika?

Gegen Mittag fuhr ich den Weinhändlern mit der Post hinterher. Trotz ihrer Pünktlichkeit verpassten wir uns in Koblenz. Ich reimte mir aus Angaben des Hotelpersonals zusammen, dass sie hier eine Auseinandersetzung mit der Polizei hatten. Völlig beunruhigte mich der Hinweis, dass sie von einem Verhör nicht mehr in ihr Hotel zurückgekehrt waren. Die Hotelwirtin steigerte die schlechten Nachrichten noch und bestellte mir, ich solle sofort bei der Polizei vorsprechen.

Das urpreußische Wort "vorsprechen" gehört zu einigen Worten, die heftige Opposition in mir wecken. Mir war zudem inzwischen gründlich die Lust vergangen, in die Rolle eines Schnüfflers zu geraten und etwas aufzuklären, was mich überhaupt nicht berührte. Ich fürchtete, als vollkommen Unbeteiligter in dunkle Dinge hineingezogen werden - und warum?

Nach einem miserablen Schlaftrunk und einer unbehaglichen Nacht gab ich mich am nächsten Morgen gleichmütig, ließ mir nach dem dürftigen Frühstück den Weg zur Wache beschreiben und mein Gepäck hinter mir hertragen.

Am Marktplatz sah ich, dass eine Postkutsche mit dem Schild "Mainz" beladen wurde. Ich gab dem Burschen, der mich begleitet hatte, ein Trinkgeld und gab ihm gegenüber vor, noch vor einem Lokal einen Kaffee trinken zu wollen. Ich wartete, bis der junge Mann außer Sicht war und ließ mir in der Schnellpost nach Mainz einen Platz reservieren.

In Mainz folgte ich wiederum einem spontanen Einfall. Ich verzichtete nun doch darauf, in der von mir eigentlich angezielten, weithin berühmten „Wein und Weibstub" noch einmal nach der blonden Julia zu forschen und reiste gleich hinüber nach Frankfurt, um auf gut Glück meine alten Bekannten, die Rothschilds, zu besuchen.

Ich kannte den Baron Rothschild noch von seiner Lehrzeit in Hannover her; wir hatten über die Jahre losen Kontakt gehalten und hatten uns zuletzt vor einigen Jahren auf einem mehrtägigen Fürstenfest in Thüringen getroffen.

Manchmal behalte ich Kleinigkeiten: Ich erinnerte mich, dass die Baronin weiße Rosen liebte und stand zur Teezeit mit einem Arm voll Rosen vor ihrer Tür. Dafür bekam ich Wangenküsse und die spontane Einladung, gleich dazubleiben zu einer kleinen Gesellschaft am Abend.

Ich wurde prächtig untergebracht. Die Diener tauschten meine zerknitterte Abendkleidung gegen Prachtstücke aus dem Fundus des Hauses aus und als ich in den Spiegel sah, fand ich mich von einem vornehmen Herrn kaum unterscheidbar. Ich hatte nur den Wunsch, nicht allzu lange in dieser Verkleidung bleiben zu müssen. Rothschild bat mich noch vor dem Fest in seine Bibliothek. Wie es seine Art war, sagte er ohne Umschweife: "Münchhausen, ich sehe: Dich schickt mir der Himmel. Sieh, in Nordamerika hat sich politisch alles ziemlich gefestigt; jetzt beginnt dort der Aufschwung und wir Deutschen haben einen kräftigen Anteil daran. Ich will auch mit unserem Bankhaus rechtzeitig dabei sein. Die nötigen Genehmigungen haben wir endlich. Wir beginnen in New York, in Chicago und Philadelphia. Und ich brauche dich dabei!"

Ich erschrak und antwortete ehrlich: "Lieber Rothschild, von Amerika verstehe ich überhaupt nichts, ich war noch nie dort, war auch nie neugierig auf das Land, aber was ich für schwerwiegender halte: meine Geldgeschäfte waren bisher keine bleibenden Erfolge ..."

Er wischte ja alle Gegenargumente immer vom Tisch: „Ich suche keine Leute, die schon überall waren, sondern welche, die ich überall hinschicken kann und die ohne Scheuklappen, mutig und nicht an Herkömmliches klebend mitdenken können. Ich habe genügend jüngere Leute auf die Verhältnisse in Nordamerika vorbereiten lassen. Du sollst keine Bankgeschäfte machen; unsere Interessen gehen erheblich weiter: Dort ist eine Aufbruchsituation mit unendlich vielen Möglichkeiten, sich mitaufbauend einzubringen. Mir fehlt ein lebenserfahrener, beweglicher Mann an der Spitze, der gerade bei den vielen Deutschen Vertrauen wecken kann; das bist Du bestimmt!“

Ich dankte ihm für sein Vertrauen, hielt aber dagegen, dass ich meine beste Zeit wohl hinter mir hätte und mich darauf freute, zuhause... Er unterbrach mich mit der raffinierten Frage: "Wo bist Du denn zuhause, Münchhausen? Doch wohl eher in der weiten Welt. Wenn Du es wirklich brauchst, kannst Du von mir aus gern alle paar Jahre an der Weser Ferien machen und ausgiebig Deine alten Freunde besuchen, wir bezahlen Dir auch den Heimaturlaub, aber das wird Dir genügen. Du gehörst doch ins volle Leben und nicht auf ein Altenteil..."

Der alte Fuchs spürte natürlich, dass ich bereit war, anzubeißen. Er redete mir noch, das war ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver, ins Gewissen wegen meiner zeitweiligen Freude am Spiel, der ich doch immerhin verdanke, dass mein Vermögen überschaubarer geworden ist. Meine künftige vorbildhafte gesellschaftliche Stellung in der Neuen Welt werde mir schon noch bewusst werden. Es würde übrigens genügen, wenn ich in sechs Wochen reisefertig sein würde…

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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