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Was soll ich in Amerika?
Gegen Mittag fuhr ich den Weinhändlern mit der Post hinterher.
Trotz ihrer Pünktlichkeit verpassten wir uns in Koblenz. Ich
reimte mir aus Angaben des Hotelpersonals zusammen, dass sie hier eine
Auseinandersetzung mit der Polizei hatten. Völlig beunruhigte mich
der Hinweis, dass sie von einem Verhör nicht mehr in ihr Hotel
zurückgekehrt waren. Die Hotelwirtin steigerte die schlechten
Nachrichten noch und bestellte mir, ich solle sofort bei der Polizei
vorsprechen.
Das urpreußische Wort "vorsprechen" gehört zu einigen
Worten, die heftige Opposition in mir wecken. Mir war zudem inzwischen
gründlich die Lust vergangen, in die Rolle eines Schnüfflers
zu geraten und etwas aufzuklären, was mich überhaupt nicht
berührte. Ich fürchtete, als vollkommen Unbeteiligter in
dunkle Dinge hineingezogen werden - und warum?
Nach einem miserablen Schlaftrunk und einer unbehaglichen Nacht gab ich
mich am nächsten Morgen gleichmütig, ließ mir nach dem
dürftigen Frühstück den Weg zur Wache beschreiben und
mein Gepäck hinter mir hertragen.
Am Marktplatz sah ich, dass eine Postkutsche mit dem Schild "Mainz"
beladen wurde. Ich gab dem Burschen, der mich begleitet hatte, ein
Trinkgeld und gab ihm gegenüber vor, noch vor einem Lokal einen
Kaffee trinken zu wollen. Ich wartete, bis der junge Mann außer
Sicht war und ließ mir in der Schnellpost nach Mainz einen Platz
reservieren.
In Mainz folgte ich wiederum einem spontanen Einfall. Ich verzichtete
nun doch darauf, in der von mir eigentlich angezielten, weithin
berühmten „Wein und Weibstub" noch einmal nach der blonden Julia
zu forschen und reiste gleich hinüber nach Frankfurt, um auf gut
Glück meine alten Bekannten, die Rothschilds, zu besuchen.
Ich kannte den Baron Rothschild noch von seiner Lehrzeit in Hannover
her; wir hatten über die Jahre losen Kontakt gehalten und hatten
uns zuletzt vor einigen Jahren auf einem mehrtägigen
Fürstenfest in Thüringen getroffen.
Manchmal behalte ich Kleinigkeiten: Ich erinnerte mich, dass die
Baronin weiße Rosen liebte und stand zur Teezeit mit einem Arm
voll Rosen vor ihrer Tür. Dafür bekam ich Wangenküsse
und die spontane Einladung, gleich dazubleiben zu einer kleinen
Gesellschaft am Abend.
Ich wurde prächtig untergebracht. Die Diener tauschten meine
zerknitterte Abendkleidung gegen Prachtstücke aus dem Fundus des
Hauses aus und als ich in den Spiegel sah, fand ich mich von einem
vornehmen Herrn kaum unterscheidbar. Ich hatte nur den Wunsch, nicht
allzu lange in dieser Verkleidung bleiben zu müssen. Rothschild
bat mich noch vor dem Fest in seine Bibliothek. Wie es seine Art war,
sagte er ohne Umschweife: "Münchhausen, ich sehe: Dich schickt mir
der Himmel. Sieh, in Nordamerika hat sich politisch alles ziemlich
gefestigt; jetzt beginnt dort der Aufschwung und wir Deutschen haben
einen kräftigen Anteil daran. Ich will auch mit unserem Bankhaus
rechtzeitig dabei sein. Die nötigen Genehmigungen haben wir
endlich. Wir beginnen in New York, in Chicago und Philadelphia. Und ich
brauche dich dabei!"
Ich erschrak und antwortete ehrlich: "Lieber Rothschild, von Amerika
verstehe ich überhaupt nichts, ich war noch nie dort, war auch nie
neugierig auf das Land, aber was ich für schwerwiegender halte:
meine Geldgeschäfte waren bisher keine bleibenden Erfolge ..."
Er wischte ja alle Gegenargumente immer vom Tisch: „Ich suche keine
Leute, die schon überall waren, sondern welche, die ich
überall hinschicken kann und die ohne Scheuklappen, mutig und
nicht an Herkömmliches klebend mitdenken können. Ich habe
genügend jüngere Leute auf die Verhältnisse in
Nordamerika vorbereiten lassen. Du sollst keine Bankgeschäfte
machen; unsere Interessen gehen erheblich weiter: Dort ist eine
Aufbruchsituation mit unendlich vielen Möglichkeiten, sich
mitaufbauend einzubringen. Mir fehlt ein lebenserfahrener, beweglicher
Mann an der Spitze, der gerade bei den vielen Deutschen Vertrauen
wecken kann; das bist Du bestimmt!“
Ich dankte ihm für sein Vertrauen, hielt aber dagegen, dass ich
meine beste Zeit wohl hinter mir hätte und mich darauf freute,
zuhause... Er unterbrach mich mit der raffinierten Frage: "Wo bist Du
denn zuhause, Münchhausen? Doch wohl eher in der weiten Welt. Wenn
Du es wirklich brauchst, kannst Du von mir aus gern alle paar Jahre an
der Weser Ferien machen und ausgiebig Deine alten Freunde besuchen, wir
bezahlen Dir auch den Heimaturlaub, aber das wird Dir genügen. Du
gehörst doch ins volle Leben und nicht auf ein Altenteil..."
Der alte Fuchs spürte natürlich, dass ich bereit war,
anzubeißen. Er redete mir noch, das war ein durchsichtiges
Ablenkungsmanöver, ins Gewissen wegen meiner zeitweiligen Freude
am Spiel, der ich doch immerhin verdanke, dass mein Vermögen
überschaubarer geworden ist. Meine künftige vorbildhafte
gesellschaftliche Stellung in der Neuen Welt werde mir schon noch
bewusst werden. Es würde übrigens genügen, wenn ich in
sechs Wochen reisefertig sein würde…
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