Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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BuchKopf



Waldfee? Teufelsweib? Hexe?

Als junger Bursche war ich davon überzeugt, dass man Abenteuer suchen muss. Ich brauchte viele Jahre, um zu erkennen, dass dies auf mich jedenfalls nicht zutrifft: Die Abenteuer kommen auf mich zu, und oft, wenn ich absolut keines erwarte.

Eines Nachts ging es mir wie den musikalischen Tieren im Märchen auf dem Weg nach Bremen: Nach einem langen Ritt durch dunkle Wälder sah ich in der Ferne einen Lichtschein. Auch ich hoffte, schließlich ein gastliches Haus zu finden; nein, es war kein Haus, nur ein windschiefes Brettergestell in einer Wiesenmulde vor einem Dornengestrüpp, in dem ein Hirte oder ein Jäger sich notdürftig unterstellen konnte, aber die hier hockende Frau hatte ein wärmendes Feuer davor, mitten im Schnee.

Nadine war allein; sie hatte langes, schwarzes Haar, dunkle Augen und einen sinnlichen Mund, mit dem sie mich anlächelte. Welchen Mann hätte das nicht beeindruckt: Sie tat so, als hätte sie lange auf mich gewartet und streckte mir ihre Hand mit einem leichten, einladendem Winken hin. Sie bot mir lächelnd eine Flasche an, in der kein Wasser war, eher ein Wässerchen. Ich nahm dankbar einen
wärmenden Schluck.

Als ich mein Pferd angebunden hatte, hob sie, wieder mit diesem zu allem verführenden Lächeln, ihre Decke etwas; ich sah für erregende Sekunden ein anregendes Stück ihres linken Oberschenkels und fühlte mich eingeladen, mich neben ihr und bald auch an ihr zu wärmen. Es war nämlich saukalt. Ich brachte Lottes Pferdedecke als bessere Unterlage mit und meine von meiner Mutter Sybille selbst mit Kaninchenfell gefütterte lange Jacke; damit konnte ich unsere Zudecke spürbar verstärken – es war ihr eine willkommene „Mitgift“.

Ich sah mich um: in der Nähe fand ich nur wenig trockenes Holz, mit dem ich die Glut noch einmal schüren konnte.

Wir tranken noch einige Male aus der Flasche und kamen uns immer näher, obwohl sie mein Geplauder nicht verstanden, aber herzlich und hinreißend sinnlich darüber gelacht hat. Sie zog mich am Kragen meines Jacketts ganz langsam zu sich und öffnete ihren Mund zu einem begierigen Kuss, der uns lange beschäftigte.

Weil es so kalt war, wollte ich ihr nicht zumuten, sich von allen Kleidungsstücken zu lange zu trennen, aber ich weiß von meinen Händen und von meinem Mund (der Dichter Gottfried August Bürger würde, wie in seinem anregenden Liebesgedicht, hinzufügen: „und etwas andres noch - wer wird nach allem fragen?“), dass sie eine außergewöhnlich anziehende und mich heiß machende Frau war. Sie war nicht mehr enttäuschend schlank und ihre Brüste waren Handschmeichler für mich und luststeigernd. Sie inspirierte mich zu einer Finger-Sonate, die auf ihrem Rücken begann, aber dann auf die Reise ging; das hat in ihr eine unglaubliche Glut entfacht.

Nadine war die Leidenschaft selbst, eine erfahrene und fantasievolle Verführerin; wir liebten uns mit wenigen Pausen stundenlang, natürlich auch und übrigens erfolgreich, um gegen die Kälte anzukämpfen. Nadine war ziemlich ähnlich wie ich ein Nimmersatt; ich treffe diese Frauen viel zu selten!

Es dämmerte schon, als ich endlich einschlief; ich hielt sie in meinen Armen und dachte nur noch: das Leben ist voller Wunder.

Eisiger Schnee weckte mich; er war mir auf die Strümpfe geweht, als ich mich ausgestreckt hatte. Ich zog Nadines Decke enger hoch und erkannte jäh erwachend: sie war weg; mein Pferd war weg, meine edle Felljacke, mein Wolljanker, meine Hose, meine Stiefel, auch meine Uhr, mein Geld und alle Papiere. Ich hatte und spürte nur die tiefen Abdrücke ihrer Zähne auf Hals, Schultern und Brust.

Ein Mann in Unterhosen mit einer lumpigen Decke, ohne Geld und ohne irgendetwas Verwertbares und zudem mit einem leeren Magen fühlt sich ziemlich entmutigt. War es das Abenteuer wert? fragte ich mich – und kam merkwürdigerweise zu dem Schluss: Ja doch, trotz allem.


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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater

Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan
Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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