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Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Als junger Bursche war ich davon überzeugt, dass man Abenteuer
suchen muss. Ich brauchte viele Jahre, um zu erkennen, dass dies auf
mich jedenfalls nicht zutrifft: Die Abenteuer kommen auf mich zu, und
oft, wenn ich absolut keines erwarte.
Eines Nachts ging es mir wie den musikalischen Tieren im Märchen
auf dem Weg nach Bremen: Nach einem langen Ritt durch dunkle
Wälder sah ich in der Ferne einen Lichtschein. Auch ich hoffte,
schließlich ein gastliches Haus zu finden; nein, es war kein
Haus, nur ein windschiefes Brettergestell in einer Wiesenmulde vor
einem Dornengestrüpp, in dem ein Hirte oder ein Jäger sich
notdürftig unterstellen konnte, aber die hier hockende Frau hatte
ein wärmendes Feuer davor, mitten im Schnee.
Nadine war allein; sie hatte langes, schwarzes Haar, dunkle Augen und
einen sinnlichen Mund, mit dem sie mich anlächelte. Welchen Mann
hätte das nicht beeindruckt: Sie tat so, als hätte sie lange
auf mich gewartet und streckte mir ihre Hand mit einem leichten,
einladendem Winken hin. Sie bot mir lächelnd eine Flasche an, in
der kein Wasser war, eher ein Wässerchen. Ich nahm dankbar einen
wärmenden Schluck.
Als ich mein Pferd angebunden hatte, hob sie, wieder mit diesem zu
allem verführenden Lächeln, ihre Decke etwas; ich sah
für erregende Sekunden ein anregendes Stück ihres linken
Oberschenkels und fühlte mich eingeladen, mich neben ihr und bald
auch an ihr zu wärmen. Es war nämlich saukalt. Ich brachte
Lottes Pferdedecke als bessere Unterlage mit und meine von meiner
Mutter Sybille selbst mit Kaninchenfell gefütterte lange Jacke;
damit konnte ich unsere Zudecke spürbar verstärken – es war
ihr eine willkommene „Mitgift“.
Ich sah mich um: in der Nähe fand ich nur wenig trockenes Holz,
mit dem ich die Glut noch einmal schüren konnte.
Wir tranken noch einige Male aus der Flasche und kamen uns immer
näher, obwohl sie mein Geplauder nicht verstanden, aber herzlich
und hinreißend sinnlich darüber gelacht hat. Sie zog mich am
Kragen meines Jacketts ganz langsam zu sich und öffnete ihren Mund
zu einem begierigen Kuss, der uns lange beschäftigte.
Weil es so kalt war, wollte ich ihr nicht zumuten, sich von allen
Kleidungsstücken zu lange zu trennen, aber ich weiß von
meinen Händen und von meinem Mund (der Dichter Gottfried August
Bürger würde, wie in seinem anregenden Liebesgedicht,
hinzufügen: „und etwas andres noch - wer wird nach allem
fragen?“), dass sie eine außergewöhnlich anziehende und mich
heiß machende Frau war. Sie war nicht mehr enttäuschend
schlank und ihre Brüste waren Handschmeichler für mich und
luststeigernd. Sie inspirierte mich zu einer Finger-Sonate, die auf
ihrem Rücken begann, aber dann auf die Reise ging; das hat in ihr
eine unglaubliche Glut entfacht.
Nadine war die Leidenschaft selbst, eine erfahrene und fantasievolle
Verführerin; wir liebten uns mit wenigen Pausen stundenlang,
natürlich auch und übrigens erfolgreich, um gegen die
Kälte anzukämpfen. Nadine war ziemlich ähnlich wie ich
ein Nimmersatt; ich treffe diese Frauen viel zu selten!
Es dämmerte schon, als ich endlich einschlief; ich hielt sie in
meinen Armen und dachte nur noch: das Leben ist voller Wunder.
Eisiger Schnee weckte mich; er war mir auf die Strümpfe geweht,
als ich mich ausgestreckt hatte. Ich zog Nadines Decke enger hoch und
erkannte jäh erwachend: sie war weg; mein Pferd war weg, meine
edle Felljacke, mein Wolljanker, meine Hose, meine Stiefel, auch meine
Uhr, mein Geld und alle Papiere. Ich hatte und spürte nur die
tiefen Abdrücke ihrer Zähne auf Hals, Schultern und Brust.
Ein Mann in Unterhosen mit einer lumpigen Decke, ohne Geld und ohne
irgendetwas Verwertbares und zudem mit einem leeren Magen fühlt
sich ziemlich entmutigt. War es das Abenteuer wert? fragte ich mich –
und kam merkwürdigerweise zu dem Schluss: Ja doch, trotz allem.
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