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Vertrauter und
künstlerischer Berater
Gemälde und Skulpturen hatten mich schon als Jüngling
fasziniert und ich habe mich früh für Künstler aus
Italien, Frankreich, Holland, Spanien, Russland und Deutschland
interessiert; ich kannte einige der noch lebenden persönlich.
Wir hatten oft einen Gedankenaustausch über künstlerische
Themen, aber ich war doch sehr überrascht und begeistert, als die
Zarin mich während eines intimen Frühstücks im Beisein
einiger eiligst herbeigerufener Hofbeamten zu ihrem
Generalkunstdirektor ernannte und mir den Auftrag erteilte, aus St.
Petersburg endgültig ein künstlerisches Weltzentrum zu
machen. Die Herren sahen mich verwundert an; ich küsste der Zarin
beide Hände – und als die Herren sich entfernt hatten, von den
Händen aufwärts einiges mehr.
Ich unterbreitete der Zarin ein umfangreiches Programm, über das
sie lebhaft mit mir diskutierte und mir zuletzt voll zustimmte; sie
ließ mir freie Hand. Ich war überglücklich, denn Geld
spielte keine Rolle. Das hörten offenbar die Neun Musen und die
von ihnen inspirierten Künstler schnell: ich wurde von allen
Seiten mit Angeboten überhäuft von Baumeistern,
Brückenkonstrukteuren, Musikern, Malern, Bildhauern,
Sängerinnen, Komponisten, Schauspielerinnen, und einem Heer von
Dichtern -und von allerlei Scharlatanen.
Besonders die Sängerinnen und die Schauspielerinnen erfanden die
frappierendsten Listen, um mir in meinem prächtigen Arbeitsraum im
Winterpalast Viertelstunden meiner raren freien Zeit einzutauschen
gegen durchaus erwägenswerte Aufmerksamkeiten; sie boten mir
einfach alles.
Katharina machte sich einen mir oft unheimlichen Spaß daraus, den
meist auf Entkleidungsszenen hinauslaufenden Bemühungen und meine
zwangsläufig nicht immer abwehrenden Reaktionen darauf von einem
Versteck aus zuzusehen. Sehr verschieden waren die Anfangsszenen nicht.
Eine bekannte italienische Schauspielerin sagte rundheraus: „Ich sehe
Ihre skeptischen Blicke und ahne Ihren schlimmen Verdacht; Sie
vermuten, dass mein Busen nur ausgestopft ist und dass ich nicht
weiß, wie ich einen Mann innig willkommen heißen kann…“ Und
dann riss sie sich alle Kleider vom Leib, warf sich auf meinen Diwan
und streckte mir die Arme entgegen: „Prüfen Sie mich, Exzellenz!
Sie glauben mir noch nicht! Überzeugen Sie sich selbst von meinen
Möglichkeiten!“
Meine Arbeit war demnach nicht ohne Eingebungen, zuweilen auch nicht
ohne Feuer, warum sollte sie das nicht sehen! Die Zarin fand
übrigens, dass ich bei den durchaus üblichen
Bestechungsversuchen mit Geld nur extrem hohe Beträge und die dann
gespielt widerwillig annehmen sollte.
Meine unerwartete Aufgabenfülle konnte und wollte ich nicht allein
bewältigen. Ich berief, das galt als neu, einen Stab von Beratern
für einzelne Sachgebiete. Einige kannte ich aus deutschen Landen,
aus Italien, Frankreich, Spanien und Griechenland, auch aus Russland.
Die Zarin wunderte sich, dass ich auch dreizehn Frauen um mich geschart
hatte. Das war wegen der allgemein für normal und gottgewollt
gehaltenen weiblichen Bildungsdefizite ungewöhnlich und für
viele Höflinge schwer nachvollziehbar, konnte aber gerade von
meiner überaus erfolgreichen Herrscherin nicht verurteilt werden.
Katharina vertraute mir in beglückender Weise. Übrigens habe
ich leider selten auf meine Beraterinnen und Berater hören
können: ihre Vorschläge füllten Aktenberge, waren aber
durchweg zu unseren Lebzeiten noch nicht umsetzbar.
In St. Petersburg geschah einiges, über das die Welt staunte. Wir
erlebten nicht nur Ströme von Vergnügungsreisenden aus vielen
Ländern, die einigen Wohlstand in die Stadtbevölkerung
brachten; letztlich lästiger fanden wir die unerwartete Zahl
ausländischer Könige, die uns für einige Wochen auf
Staatskosten besuchten, wie im Paradies schlemmten, Juwelen und unsere
technischen Neuerungen sammelten und nebenbei einen riesigen Appetit
auf unsere prominenten weiblichen Schönheiten entwickelten.
Nach einiger Zeit machte ich zur nur diplomatisch verstehenden
Bedingung einer Staatseinladung, dass die Könige mindestens sechs
kostbare Kunstwerke für unsere prächtiger werdende
„Eremitage“ mitzubringen hatten. Bald wurde sie so das Vorbild aller
Kunstsammlungen in der Welt.
In viele Bilder habe ich mich verliebt. Erinnerlich ist mir zum
Beispiel eine „Allegorie vom Frieden und Überfluss“ des Hans von
Aachen; auf dem alten Gemälde sah eine Frau ohne Kleider so aus,
als hätte Katharina selbst vor einigen Jahren für den Maler
Modell gestanden. Katharina fand sich dagegen in der Figur der „Danae“
von Rembrandt wieder, die verführerisch, aber mit weit weniger
hermachenden Brüsten auf einem üppigen Bett liegt; ich sah
wenig Ähnlichkeit.
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