Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Verblendeter und sofort bestrafter Eifer

Mit den Füßen voran zwängte ich mich durch die Öffnung. Mein letzter Blick fasste den rauchenden Ätna. Dann rutschte ich unerwartet tief in das Dunkel der Höhle. Beißender Rauch umgab mich; ich konnte nichts sehen, nicht einmal die Öffnung der Höhle, die ich irgendwo schräg über mir vermutete. Mein Mut verflog schnell.
 
Ich begann mich vorwärts zu tasten. Wasser umgab mich, es reichte mir bis zu den Waden, ich fand es aber erträglich, weil es angenehm warm war. Rechts ertastete ich Felsen, konnte mich jedoch nicht auf sie stützen. Einen Augenblick später stürzte ich wiederum ab. Im Stürzen kam die Gewissheit: Dies ist das Ende, leider, und viele Jahre zu früh! Ich fiel tief, schlug gegen die Felswände und wurde immer weiter in die dunkle Tiefe hinuntergespült.

Es war nicht das Ende. Unendlich langsam sah ich ein Licht auf mich zukommen; es schwankte zuweilen, als würde es jemand im Gehen halten. Ich reagierte gleichmütig, weil ich wohl durch das Aufschlagen meines Kopfes noch halb betäubt war. Ich blutete heftig aus mehreren Wunden.

Das Leben kehrte erst stärker in mich zurück, als das Licht direkt vor mir stand und eine Gestalt dahinter sich zu mir herabbeugte. Für einen Augenblick meinte ich im mich umgebenden Nebel zwei große Augen zu erkennen, ich richtete mich auf und sackte stöhnend wieder zusammen.

Als wenn ich anderen zusehen würde, nahm ich verschwommen war, dass ich hochgehoben und auf einen Sack oder etwas Derartiges gelegt und fortgezogen wurde. Mir war es gleich. Irgendwer ging mit dem Licht voraus und mir schwanden immer wieder die Sinne.

Wahrscheinlich wurde ich wach, weil mit Hämmern auf meinen Kopf geschlagen wurde. Als ich meinen Kopf schützen wollte, merkte ich, dass das schmerzhafte Geräusch aus der nächsten Nachbarschaft kam; offenbar wurde mit rhythmischen Schlägen unaufhörlich auf Eisen gehämmert.

Jetzt befand ich mich in einer großen, kuppelförmigen, aber oben seitlich offenen Höhle. Oben sah ich den Ätna-Krater und vor allem hörte ich ihn brodeln, denn ich befand mich ganz nahe an seinem kochendem Zentrum, aber wohl außerhalb. Mich durchfuhr der Panikgedanke: Ist dieses nun die Hölle, muss ich hier für meine Sünden bezahlen? In dieser Ungewissheit blieb ich heilsam lange. Dann sah ich sie kommen.

Trotz meiner Schwäche riss es mich hoch. Ich erschrak: Eine lange Reihe kleiner Figuren trippelte lautlos vorbei, alle trugen irgendetwas und kletterten mit gleichförmigen Bewegungen rasch in einen schwarzen, hohen und gerundeten Behälter, der vielleicht mehrere Stockwerke enthielt. Kaum waren sie alle darin verschwunden, erschienen an die zwanzig in silberne Kleidung gehüllte, wesentlich größere Gestalten, die mich auch alptraumhaft erschreckten, ich fand sie aber doch menschenähnlicher als die vorherigen Wesen. Ihre Gesichter verdeckten wie Masken wirkende Helme.

Ich hatte noch meine Pistole, sah aber keinen Sinn darin, sie hervorzuziehen. Die mich umringenden Gestalten trugen gelb, grün und rot blinkende Stöcke, die mir nicht geheuer waren. Weil mir meine Waffe angesichts dieser Übermacht ohnehin nicht anwendbar erschien, übergab ich ihnen meine Pistole, nachdem ich heimlich die Patronen entfernt hatte und durch ein Loch in meiner Hosentasche unbemerkt auf den Boden fallen ließ.

Was blieb mir zu tun? Sollte ich meinen Todesschrei versuchen? Ich fühlte mich aber irgendwie auf diese Gestalten angewiesen und einer unerklärbaren Eingebung folgend, schmetterte ich lauthals eine dramatische, italienisch klingende Arie in die staunenswert widerhallende Höhle. Ich ahmte nur einige italienische Laute nach, denn den Originaltext konnte ich bis auf einige Worte nicht auswendig wiedergeben. Immerhin: Die Gestalten wichen beeindruckt zurück, staunten mich an und als ich schwieg, fingen sie an, herumzuhüpfen. Ich nahm das als ihre Art Beifall.

Nun fand ich, dass ich mein Spiel irgendwie weiterspielen musste und keine Angst zeigen durfte. Beim Singen hatte ich mich schon trotz meiner Schmerzen mit einigen Operngesten im Halbrund der Fremden bewegt. Das setzte ich fort und machte weit ausholende Gesten der Reverenz, dann setzte ich mich in die Mitte, verschränkte Arme und Beine und lächelte sie erwartungsvoll an.

Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht wussten, was sie mit mir anfangen sollten. Sie wendeten einander die Köpfe zu, sprachen nichts, jedenfalls hörte ich nichts, aber mir war, als wären Funken oder blinkende unterschiedlich farbige Lichtpunkte aus ihren Helmen gekommen. Ich zwang mich zur Ruhe.

Vielleicht, hoffte ich, lassen sie mich leben und nehmen mich als eine Art Hoffnarr mit, womöglich zu einem der Planeten, die wir unter ähnlichen oder besseren Lebensbedingungen im Weltall vermuten; vielleicht hat der Schöpfer dort andere Lebewesen entstehen und sich entwickeln lassen. Vielleicht ist dort alles mehr nach seinem Plan gelaufen als auf der Erde – und ich werde der erste Mensch sein, der dort alles näher erleben und später beschreiben darf…

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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