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…und her wider unz an
Ungerland
„Ich han lande vil gesehen…und her wider unz an Ungerlant…“
(Walther von der Vogelweide)
Mein erstes Ziel war die ungarische Hauptstadt. Wir reisten ohne
diplomatischen Schutz, mit einer unklaren Befehlsstruktur und aus
meiner späteren Sicht leichtfertig vorbereitet zu einer im
ungarischen Exil lebenden Königsfamilie, die drei
heiratsfähige Töchter hatte und an einer Verbindung mit
Frankreich sehr interessiert war.
Die Prinzessinnen waren nach offiziellen Angaben „fast vierzehn“,
neunzehn und dreiundzwanzig Jahre alt. Ich war damals Siebenundzwanzig
und kannte mich beispielsweise in landwirtschaftlichen Dingen weit
besser aus als mit Frauen...
Man hatte mir als Dolmetscher ein älteres ungarisches Ehepaar
mitgegeben. Die beiden waren mir unsympathisch und ich traute ihnen
nicht, aber ich fand mich auf sie angewiesen, bis ich herausfand, dass
ich mich mit allen Mitgliedern der Königsfamilie gut
französisch verständigen konnte.
Wir waren offenbar als besonders wichtige Besucher angekündigt
worden und wurden wohltuend wohlwollend empfangen. Ich war völlig
überrumpelt von der direkten und freimütigen Art des
Königs, meine Anliegen gutzuheißen und erheblich zu
erleichtern: „Lernen Sie unsere drei Töchter kennen und lieben,
Baron; überzeugen Sie sich persönlich davon, dass alle drei
ideale Königinnen sein würden.“
Die Freundlichkeit unserer Gastgeber, die selbst jedenfalls vorgeblich
auch nur Gäste des ungarischen Hochadels waren, beglückte
mich; es kam mir alles herrlich einfach vor und ich wurde manchmal
übermütig. Einmal hatte ich mir schon bei einem Essen mit den
Adelsfamilien, deren verwandtschaftliche Beziehungen ich nur ahnen,
aber nicht entschlüsseln konnte, zu unbedacht vom schweren Wein
nachschenken lassen. Jedenfalls erzählte mir meine Gräfin
später, ich hätte die Erscheinungen der festlich
herausgeputzten Prinzessinnen viel zu übertrieben gerühmt,
dafür beim Tanz eine klägliche Figur gemacht; offensichtlich
sei ich angetrunken gewesen. Einige Gäste hätten über
mich gelächelt; sie sorgte sich um mein seriöses Ansehen.
Der in Budapest erstaunlich heimisch wirkende Exilkönig war
wirklich ein liebenswerter Mensch. Wir waren an die fünf Wochen
seine Gäste und die Zeit verging mir und allen Beteiligten wie im
Flug; jeden zweiten Tag gab es ein rauschendes Fest für die
zahlreichen Adelsfamilien in der weiten Umgebung.
Eve-Marie hatte mir geraten, mein Interesse auf die
neunzehnjährige Carola zu konzentrieren; mir gefiel ihre
ältere Schwester eigentlich besser, aber ich folgte dem Rat meiner
Vertrauten und bereute es nicht.
Prinzessin Carola war verständlicherweise zurückhaltend und
sie wirkte etwas gehemmt; die drei Prinzessinnen waren über meinen
Auftrag genau informiert und wussten einzuschätzen, wie wichtig
mein Urteil über sie sein würde.
Alexandra, die Jüngste, hatte sich zu meiner großen
Erleichterung selbst keine Chancen ausgerechnet und hielt sich im
Hintergrund. So intim, wie meine Auftraggeber das wünschten,
hätte ich mich nie mit einem Kind eingelassen und ich war sehr
froh, dass es inzwischen geheizte Adelssitze und wärmere Kleidung
gibt. Die adligen Frauen leben deshalb länger und müssen
nicht mehr wie im Mittelalter schon als Zwölf-und
Dreizehnjährige heiraten und gebären. Meine französische
Königsfamilie war nur an kerngesunden, zuverlässig
gebärfähigen Frauen aus dem europäischen Hochadel
interessiert. Mein König hatte mir zu verstehen gegeben, ihm sei
wichtig, dass sein Sohn eine Gattin bekommt, die zu begatten ihm ein
über Jahre dauerndes Vergnügen bereiten soll. Ich sah ihn
erstaunt an und ahnte nach seiner Ausdrucksweise, dass er selbst dieses
Vergnügen entbehren musste.
Als ich mit Carola und einem kleinen Gefolge einen Reiterausflug
machte, sprengte ein starkes Gewitter unsere Gruppe. Ich flüchtete
mit der Prinzessin in eine halb zerfallene kleine Hütte. Unsere
Pferde band ich unter einem dichten Baum fest. Carola schickte die
Begleitung weiter.
Wir waren pitschnass und die junge Frau bibberte vor Kälte, aber
unsere Pferdedecken waren noch halbwegs trocken und so konnten wir eine
Weile auf unsere nassen Sachen verzichten. Wir fanden es wohltuend,
dass ich nach meiner heimatlichen Gewohnheit eine flache, silberne
Flasche bei mir hatte; ein Diener hatte sie mir mit Pflaumenschnaps
gefüllt, der mir das fette Essen besser verdauen half.
Das Gewitter dauerte aus unserer Sicht erfreulich lange. Wir
langweilten uns keine Minute; jeder konnte die Nähe des anderen
gut ertragen und ich konnte später in meinem Tagebuch festhalten,
dass Carola in vertrauter Umgebung und unter gebührenden
Umständen ihre sonstige vornehme Zurückhaltung aufzugeben
bereit ist. Sie entwickelt dann eine Lebensfreude, eine bezaubernde
Zärtlichkeit und eine ungestüme Lust, Liebesfreuden zu geben
und zu nehmen, die einem die Sinne und fast den Verstand rauben kann.
Ich konnte mit der Prinzessin auch die Arbeiten für die
nächsten Tage erörtern. Unser Abschied dort im Wald war
stürmisch, weil uns beide noch einmal die Leidenschaft
niedergerissen hat – „con brio“; Carola war sicher noch froher als ich,
dass uns niemand zugesehen hat, als wir uns die immer noch feuchten
Kleider von den Leibern rissen…
„Sie hat dich also kunstgerecht verführt, nicht wahr?“ fragte mich
die Gräfin lächelnd, als sie mir Stunden später aus
meiner nassen und schmutzigen Kleidung herausgeholfen hatte und als ich
ein heißes Bad in ihren Armen genoss. Ich widersprach ihr lebhaft
und versicherte ihr wahrheitsgemäß, dass mein
Verführungsanteil ungleich höher gewesen sei. Sie wollte
unbedingt, dass wir alles nachspielen sollten – um es genau genug in
Erinnerung und halten und schildern zu können…
In den folgenden Tagen fertigte unser Maler mit hohem männlichem
Kunstverstand viele außerordentlich reizvolle Darstellungen der
Prinzessin beim An- und Auskleiden, im Bad und in mehreren Haltungen
auf ihrem Bett an.
Mein mir zugeteilter „Erotischer Berater“, vermutlich ein Zuhälter
aus dem Pariser Milieu, gab mir einfallsreiche Hinweise auf
männliche Betrachter besonders ansprechende Haltungen und
Einblicke. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, weil diese Zumutungen
der Prinzessin nicht im Mindesten peinlich zu sein schienen; sie genoss
sie sichtlich und erbat sich von mehreren Abbildungen Kopien.
Carola verwirrte mich vollständig mit der gern befolgten
Aufforderung an ihre Schwestern und die heimischen Prinzessinnen, die
das bisherige Geschehen durch Schlüssel-und Tapetenlöcher
verfolgt hatten, sich zu einigen allegorischen Darstellungen gemeinsam
mit ihr malen zu lassen.
Die königlichen Modelle trugen anmutig malerische und nur
hauchdünne Schleier. Die nach Anleitung von Hofschauspielern
darzustellenden antikisierenden Szenen übten alle Beteiligten mit
bewundernswerter Geduld.
Ich schied schließlich vom Landschloss des Exil-Königs innig
umarmt, reich beschenkt und mit so hohen Glücksgefühlen, als
wenn ich selbst zum Schwiegersohn auserkoren worden wäre. Doch ich
war andererseits dankbar dafür, dass ich nur Vermittler war.
Nach meinen Berichten und nach der offenbar irgendwie
übereinstimmenden Darstellung eines unerkannt mitgereisten
Vertrauten der Königsfamilie wurde ich umgehend mit gleichem
Auftrag in den noch für Besuche vorgesehenen Königreichen
Polen, Dänemark, Portugal und Spanien angemeldet.
Ich hatte mir eine längere Unterbrechung in Eve-Maries
Gesellschaft an der Atlantikküste oder auf einem ihrer drei
Landgüter gewünscht, aber inzwischen war eine
größere Zahl von Mitlesern und Mitbetrachtern der Berichte
und Bilder ganz versessen auf Fortsetzungen.
Die anstehenden Länder wurden gedrängt, mich bald einzuladen.
Ich musste mich bereithalten und Verbesserungsvorschläge für
die nächsten Expeditionen ausarbeiten.
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