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Un(frei)williger Kriegsheld
In einem Krieg hat jeder Untertan die Kriegsbegeisterung der
Oberbefehlshaber zu teilen. Germanische Adlige stehen in dem
verpflichtenden Ruf, begabte Heerführer zu sein. Jedenfalls sah
ich mich über Nacht in einer reich mit Gold bestickten Uniform an
der Spitze des russischen Heeres in den aus „höherer Einsicht“
befohlenen Krieg ziehen. Nach meinem Einblick und Gefühl war auch
dieser Krieg vermeidbar gewesen, aber nach meiner Verabschiedung in
einer stürmischen und am Ende rührend zärtlichen
Liebesnacht mit Katharina und zwei von ihr ausgewählten
Kammerfrauen, leider gehörte die bezaubernde Doina nicht mehr zu
ihrem „Inneren Kreis“, fühlte ich mich aus reinen Sachzwängen
zu einem kriegerischen Erfolg „für Russland und seine geliebte
Zarin“ verurteilt.
Selbstverständlich war ich bereit, mich für meine Zarin, wie
man so leichtsinnig sagt, „in Stücke reißen zu lassen“, aber
das gegenseitige Umbringen von Männern, die sich gar nichts
Böses getan haben, war mir höchst zuwider. Ich erinnerte mich
an die nur diskret geflüsterte groteske Erkenntnis: „Tötest
du einen Menschen, bist du ein Mörder; wenn du Zwanzig umbringst,
bist du für alle ein Massenmörder, aber wenn du
Zweihunderttausend abschlachtest, kannst du als Volksheld gelten.“
Ich suchte Auswege und kam auf Außermilitärisches, auf
kulinarische Erinnerungen aus Ungarn. Nach etlichen Gläschen eines
feurigen Rotweins formte sich mein Plan, den die Armeeköche noch
in der Nacht umsetzten.
Als Schuljunge hatte ich oft unserem Stadtapotheker Hoppenstedt
mithelfend zugesehen. Ich kannte einige stark abführende
Kräuter und die natürlich auch in unserem Heer mitziehenden
Marketenderinnen pflückten sie und ermöglichten schnell die
unbemerkbare Beimischung.
Meine Offiziere überwachten an besonders geeigneten Stellen auf
dem anzunehmenden Kriegsweg der feindlichen Truppen das Kochen riesiger
Mengen Gulaschsuppe. Im feindlichen Heer nahmen die ausgehungerten
Kerle dann den verführerischen Geruch des scharf gewürzten
Gulaschs meilenweit wahr, liefen in ungeordneter Hast hinzu und
erbeuteten begeistert die Suppenkessel. Ihre unbändige Freude
steigerte sich, als sie in den scheinbar fluchtartig verlassenen Zelten
auch einige Fässer Wein erobern konnten.
Wir gönnten den Feinden sechs oder sieben Stunden Schmausen und
Feiern an ihren Lagerfeuern – und das Verdauen in den Wiesen. Dann zog
ich den Säbel zum Angriff.
Meinen bis dahin im Gebüsch verborgenen Truppen war es spielend
leicht, anderseits zum Himmel stinkend beschwerlich, die hilflosen
Soldaten des Feindes gefangen zu nehmen.
Später bot ich denen Brot und Schnaps, neue Hosen und guten Sold
an und fand zu meiner Freude, dass alle mein eigenes Heer
verstärken wollten. Viele Dazugewonnene übertrafen sich
darin, neue Kriegslisten unblutiger Art für unsere Feinde
vorzuschlagen; das belohnte ich kräftig. Es mehrte nebenbei meinen
Ruhm, die Zahl und das Gewicht der Orden an meiner Brust, und viele
leider nur brieflich geschickte Küsse und sehr detailliert
beschriebene erotische Versprechen meiner Zarin.
Zwei ausländische Herrscher boten mir an, ihr hoch dotierter
Sicherheitsberater zu werden. Mir kam der Verdacht, dass sie sich
eigene Verluste ersparen, aber den Gegner doch wieder bei nächster
Gelegenheit wie ewig üblich vernichten wollten. Seit meiner ersten
Kriegstat hatte sich bei mir die Erkenntnis festgesetzt, dass jeder
Krieg ein Scheißspiel ist, für das ich nicht geschaffen bin
und das ich nicht mitmachen will.
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