Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Undankbare Flucht

Eines Abends überraschte mich Rocca aufgeregt mit einem ungewöhnlichen Verständigungsversuch. Sie küsste mich herzhaft und drängte mich gleich nach unserem Abendessen und der sich sofort anschließenden, diesmal verkürzten Liebesstunde, an den leer geräumten Tisch und setzte sich mit ihrer ganzen Leibesfülle auf meinen Schoß. Offensichtlich hatte sie etwas Gestalterisches vor.

Sie konnte nicht zeichnen, half sich aber einfallsreich damit, dass sie aus meinen vielen Zeichnungen ein Schiffchen herausriss, es an einer Stelle der von mir bisher nur vermuteten und deshalb nur grob umrissenen Stadtmauer mit Spucke kurz festklebte und sich umdrehend vergewisserte, dass ich begriff, was dies bedeuten sollte.

Ich nickte, nahm meine Hand von ihrer riesigen rechten Brust und malte einen dicken Punkt an die Stelle meiner Stadtzeichnung. Dann nahm sie das Schiffchen und zog es über die Häuser in die Richtung eines Flusses, der auf dieser völlig erfundenen Zeichnung bald ins Meer mündete.

Diesmal verstand ich sie nicht und versuchte deshalb, in mehreren Detailzeichnungen von dem dicken Punkt aus zum Fluss zu gelangen. Sie schüttelte jedes Mal lebhaft den Kopf, setzte sich zu meiner Erleichterung wieder neben mich und schnitt mit einem Messer über dem dicken Punkt und über einer Stelle am Fluss das Papier ein. Dann schob sie das Schiffchen an der einen Stelle hinein und an der anderen wieder heraus: ein unterirdischer Zugang also, eine Röhre oder eine Höhle?

Eine Falle wird das nicht sein, überlegte ich; diese Frau konnte sich mir gegenüber nicht mehr verstellen. Es ging ihr wohl wirklich um eine gemeinsame Flucht, die inzwischen ihr ganzes Denken zu beherrschen schien.

Ich umarmte sie mit sicher leuchtenden Augen; sie freute sich, zog sich schnell aus, stellte sich breitbeinig vor mich und öffnete meine Hose. Sie hatte herausgefunden, dass sie mir willkommen war, wenn sie sich dann mir zu-oder abgewandt auf mich setzte.

Mir fiel es damals auf und ich habe mich später mehrfach in meinen Lehrbüchern der Liebe darüber verbreitet, dass wir Männer eine Frau wesentlich ausdauernder umarmen können, wenn wir sie nicht besonders begehren. Das ist für mich ein immer noch ungelöstes Rätsel und eine Herausforderung: Begrenzt Liebe die Lust, und wenn ja, wie können wir dieses Missverhältnis ausgleichen?

Ich versuchte, trotz meiner Begeisterung über die sich andeutende Fluchtmöglichkeit, kühl zu überlegen, ob und wie weit es mir helfen würde, zusammen mit dieser schwergewichtigen Frau zu fliehen. Ich kam zu dem Ergebnis, dass sie mir letztlich nur hinderlich sein würde.

Zunächst versuchte ich sie zu "überreden", den Ausgangspunkt unserer Flucht gemeinsam anzuschauen; das lehnte sie heftig ab. Ich verstand, dass dies mit einem zu hohen Risiko verbunden sein könnte und bekam durch gezeichnete Fragen heraus, dass hier bewaffnete Wachen postiert waren und also irgendwie beseitigt werden müssten.

Ich nahm mir eine spurenlose Lösung vor: die Wachen müssten abgelenkt werden. Meine Dicke malte mir auf, dass dort drei Kanonen standen. Ich schloss daraus, dass man in der Stadt auf Angriffe vorbereitet sein wollte.

Am nächsten Spätabend sorgte ich dafür, dass meine verliebte Bewacherin noch vor Mitternacht ermattet einschlief. Ich vernichtete sorgfältig alle Fluchtzeichnungen. Dann nahm ich mir ein Stück kalten Braten und Brot und schloss die mit einem glücklichen Lächeln Schlummernde in ihrem Haus ein. Den Hauseingang und die Fenster baute ich mit allerlei Brettern und Latten so zu, dass ihr meine Flucht nicht als Mithilfe ausgelegt werden konnte. Ich schlich mich zum Stadtwall und fand die mir wichtige Stelle nach längerem und vorsichtigem Suchen.

Fast unterhalb der Kanonen sah ich einen Bach aus dem Wall herausfließen. Unmittelbar am Wall war er mit einem Lattentor abgesperrt. Gleich hinter dem Tor machte ich einen angebundenen Kahn aus, offenbar das Schiffchen, auf das Rocca mich hinweisen wollte.

Das Tor war kein großes Hindernis. Als ich einem zum Aufhebeln geeigneten Gegenstand gefunden und das Gatter wieder zugebunden hatte, hörte ich nahende Schritte. Ein Soldat kam mit seinem Mädchen eng umschlungen auf mich zu. Sie küssten sich einige Male, dann zogen sie sich hastig gegenseitig aus und suchten sich ein Stück Wiese gleich neben meinem Versteck als Liebesnest aus. Ich riskierte erst, als sie im tiefsten Liebestaumel waren, heranzuschleichen und einige seiner Kleidungsstücke und seinen Säbel fortzunehmen.

Es war lehrreich, den beiden eine Weile zuzusehen. Der Soldat erwies sich als lausiger Liebhaber, der ohne irgendein Vorspiel zu seinem Ziel kommen wollte. Trotzdem musste er der auf ihm sitzenden Frau den Mund zuhalten, weil sie unbedacht laut aufstöhnte, während sie ihm mit ihren Schenkeln und ihrem Becken sichtlich lustvoll zuarbeitete.

Ich war gerührt und sah den beiden unnötig lange zu, denn diese liebeshungrige und oft lachende Frau erinnerte mich mit ihrem blonden Haarschopf lebhaft an meinen heißgeliebten Augenstern Elke aus unserem Nachbardorf Hehlen, die mir gezielt den Kopf verdreht und in mir sehr erfolgreich die ersten Lustgefühle geweckt hatte. Wir hatten uns im Hehlener Dorfkrug kennengelernt und auf dem gruseligen, aber für Liebespaare mehrfach günstigen „Galgenbusch“ zwischen Hehlen und Bodenwerder eindeutig das Leben bejaht; um so heftiger und inniger, weil unsere kurze Liebe bereits von den Auswanderungsvorbereitungen ihrer Familie düster überschattet war.

Es gelang mir, im eiskalten Wasser leise den Kahn zu erreichen. Er war halb mit Wasser gefüllt, aber ich konnte ihn mit einiger Anstrengung und immerhin mit der Strömung so weit in den unterirdischen Bachlauf ziehen, bis ich das Wasser mit einem innen angebundenen Gefäß ziemlich leer schöpfen konnte.

Unter den Kleidungsstücken hatte ich etwas Gestricktes erwischt, das der jungen Frau gehörte; es roch nach Pflaumenkuchen. Ich band es mir um den Kopf, um mich gegen das ständige Anstoßen in diesem Tunnel besser zu schützen. Nach einer Weile wurde die Strömung auf einmal in die Gegenrichtung stark. Mit einem angetriebenen Baumast konnte ich mich besser abstoßen, aber in der Dunkelheit war mir meine Fortbewegung unheimlich. Als ich mich einige Male böse an der zeitweise niedrigen Decke der Höhle gestoßen hatte, legte ich mich in den Kahn und versuchte mich treiben zu lassen, aber der Kahn blieb oft hängen. Mit einer umgekehrten Taktik ließ ich ihn treiben und stapfte an einem angeknoteten Stück Stoff hinterher. Es war zum Verzweifeln mühsam und meine Kräfte ließen nach. Ich hätte gern etwas ausgeruht, aber in dem nassen Kahn konnte ich nicht schlafen.

In dieser ereignisarmen Zeit entwarf ich die ersten beiden Akte eines amüsanten Kriminalstücks, das teilweise in einem Kanalsystem spielt. Ihr kennt es alle; es wird seit Jahren in vielen Ländern mit anhaltendem Erfolg gespielt, freilich unter meinem englischen Pseudonym. Eine Theatertruppe war in den letzten Jahren sicher mit dem Stück hier in der Gegend. Erratet ihr, wie es heißt?

Die Strömung wurde plötzlich viel stärker; ich war sofort wieder munter und jubelte fast laut, als ich einen Lichtschimmer vor mir sah. Ich holte mir noch viele Schürfwunden, bis ich in Nähe der Höhlenöffnung kam. Erst im letzten Augenblick erkannte ich das Netz, das mir den Ausgang verschloss. Ich hörte Stimmen und ahnte gleich, dass man mir auflauerte. Mein enttäuschtes und sicher auch verbittertes Dickärschchen hatte mich also verraten.

Ich verkantete mein Boot und schwamm etwas näher zur Öffnung. Das Wasser reichte mir durchweg bis zur Brust. Es war schon ziemlich hell. Der Bach ergoss sich über einige Klippen in einen tiefer liegenden See. Gleich hinter dem Netz sah ich eine weitere Absperrung aus gespitzten Pfählen. Rechts und links vom Bach stand ein Zelt. Die Soldaten sah ich nicht, hörte aber mehrere Stimmen. Ich machte mich darauf gefasst, dass Bewaffnete auf mich warteten.

Vorsichtshalber zog ich den Kahn wieder etwas in die Höhle zurück und wartete in ihm Stunde um Stunde, bis es wieder dunkel geworden war. Jetzt schlitzte ich mit meinem Säbel das Netz an beiden Seiten auf. Ich wartete noch einige Zeit, bis die Stimmen in den Zelten verstummten. Sie hatten bestimmt eine Nachtwache eingeteilt.

Ich wagte mich im Schutz der Dunkelheit aus der Höhle heraus und warf zwei, drei Steine, um herauszufinden, wo der Wachsoldat stand. Tatsächlich kam ein langer Kerl in mein Blickfeld, sah sich überall um und wollte auch das Netz überprüfen. Jetzt musste ich handeln: Ich zog seinen Kopf ins Wasser, stopfte ihm, als er nach Luft schnappte, einen Wollärmel in den Mund und wickelte ihn in das Netz ein. Leider hatte er vor Schreck seine Pistole ins Wasser fallen lassen und ich fand sie nicht wieder. Ich ließ den Burschen einen Abhang hinunterrollen; von dort würde man sein Stöhnen nicht so bald hören. Es gelang mir nicht, die zweite Absperrung aus dem Bach herauszuziehen, deshalb musste ich den Kahn zurücklassen.

Ein Geräusch entzückte mich bald darauf; es klang wie das Schnauben eines Pferdes. Minuten später zog ich einen Falben an seinem Halsstrick talwärts. Ich redete dem Tier freundlich zu, tätschelte es ausgiebig und versuchte es an den arg kurz geratenen Notzügel zu gewöhnen. Es machte mir wenig aus, ohne Sattel zu reiten, aber ohne Zaumzeug lässt sich ein fremdes Pferd mühsam lenken.

Ich passierte das Seeufer. Es war immer noch dunkel, aber ich fand ein Fischerboot. Der Fischer schlief darin. Ich bedrohte ihn mit meinem Säbel und zwang ihn, seine ärmlichen oberen Kleidungsstücke zurückzulassen, ehe ich ihn an Land springen ließ, leider ohne eine Entschädigung.

Das Pferd sträubte sich lange dagegen, sich an Bord ziehen zu lassen. Zu meiner Freude fand ich im Boot einen Brotrest und eine Flasche mit einer noch trinkbaren Flüssigkeit. Am Wertvollsten war mir der aufkommende Wind. Ich setzte das löchrige Segel und wir glitten aus dem See heraus in einen Fluss, der uns hoffentlich auch zu einem Meer führen würde.

Ich segelte nur nachts; tagsüber verbarg ich mich mit dem Pferd in der waldreichen Umgebung und hatte das Glück, keinem Menschen zu begegnen. Eines frühen Morgens erreichte ich das Meer, aber welches Meer? Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand und in welche Richtung ich segeln sollte. Mich trieb die unsinnige Hoffnung, dass dies das Mittelmeer war. Nach einigen Tagen erreichte ich eine heruntergekommene Hafenstadt, die wenig mediterran wirkte. Mit ziemlicher Mühe verkaufte ich mein Pferd und besorgte mir einige Kleidungsstücke.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
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