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Undankbare Flucht
Eines Abends überraschte mich Rocca aufgeregt mit einem
ungewöhnlichen Verständigungsversuch. Sie küsste mich
herzhaft und drängte mich gleich nach unserem Abendessen und der
sich sofort anschließenden, diesmal verkürzten Liebesstunde,
an den leer geräumten Tisch und setzte sich mit ihrer ganzen
Leibesfülle auf meinen Schoß. Offensichtlich hatte sie etwas
Gestalterisches vor.
Sie konnte nicht zeichnen, half sich aber einfallsreich damit, dass sie
aus meinen vielen Zeichnungen ein Schiffchen herausriss, es an einer
Stelle der von mir bisher nur vermuteten und deshalb nur grob
umrissenen Stadtmauer mit Spucke kurz festklebte und sich umdrehend
vergewisserte, dass ich begriff, was dies bedeuten sollte.
Ich nickte, nahm meine Hand von ihrer riesigen rechten Brust und malte
einen dicken Punkt an die Stelle meiner Stadtzeichnung. Dann nahm sie
das Schiffchen und zog es über die Häuser in die Richtung
eines Flusses, der auf dieser völlig erfundenen Zeichnung bald ins
Meer mündete.
Diesmal verstand ich sie nicht und versuchte deshalb, in mehreren
Detailzeichnungen von dem dicken Punkt aus zum Fluss zu gelangen. Sie
schüttelte jedes Mal lebhaft den Kopf, setzte sich zu meiner
Erleichterung wieder neben mich und schnitt mit einem Messer über
dem dicken Punkt und über einer Stelle am Fluss das Papier ein.
Dann schob sie das Schiffchen an der einen Stelle hinein und an der
anderen wieder heraus: ein unterirdischer Zugang also, eine Röhre
oder eine Höhle?
Eine Falle wird das nicht sein, überlegte ich; diese Frau konnte
sich mir gegenüber nicht mehr verstellen. Es ging ihr wohl
wirklich um eine gemeinsame Flucht, die inzwischen ihr ganzes Denken zu
beherrschen schien.
Ich umarmte sie mit sicher leuchtenden Augen; sie freute sich, zog sich
schnell aus, stellte sich breitbeinig vor mich und öffnete meine
Hose. Sie hatte herausgefunden, dass sie mir willkommen war, wenn sie
sich dann mir zu-oder abgewandt auf mich setzte.
Mir fiel es damals auf und ich habe mich später mehrfach in meinen
Lehrbüchern der Liebe darüber verbreitet, dass wir
Männer eine Frau wesentlich ausdauernder umarmen können, wenn
wir sie nicht besonders begehren. Das ist für mich ein immer noch
ungelöstes Rätsel und eine Herausforderung: Begrenzt Liebe
die Lust, und wenn ja, wie können wir dieses Missverhältnis
ausgleichen?
Ich versuchte, trotz meiner Begeisterung über die sich andeutende
Fluchtmöglichkeit, kühl zu überlegen, ob und wie weit es
mir helfen würde, zusammen mit dieser schwergewichtigen Frau zu
fliehen. Ich kam zu dem Ergebnis, dass sie mir letztlich nur hinderlich
sein würde.
Zunächst versuchte ich sie zu "überreden", den Ausgangspunkt
unserer Flucht gemeinsam anzuschauen; das lehnte sie heftig ab. Ich
verstand, dass dies mit einem zu hohen Risiko verbunden sein
könnte und bekam durch gezeichnete Fragen heraus, dass hier
bewaffnete Wachen postiert waren und also irgendwie beseitigt werden
müssten.
Ich nahm mir eine spurenlose Lösung vor: die Wachen müssten
abgelenkt werden. Meine Dicke malte mir auf, dass dort drei Kanonen
standen. Ich schloss daraus, dass man in der Stadt auf Angriffe
vorbereitet sein wollte.
Am nächsten Spätabend sorgte ich dafür, dass meine
verliebte Bewacherin noch vor Mitternacht ermattet einschlief. Ich
vernichtete sorgfältig alle Fluchtzeichnungen. Dann nahm ich mir
ein Stück kalten Braten und Brot und schloss die mit einem
glücklichen Lächeln Schlummernde in ihrem Haus ein. Den
Hauseingang und die Fenster baute ich mit allerlei Brettern und Latten
so zu, dass ihr meine Flucht nicht als Mithilfe ausgelegt werden
konnte. Ich schlich mich zum Stadtwall und fand die mir wichtige Stelle
nach längerem und vorsichtigem Suchen.
Fast unterhalb der Kanonen sah ich einen Bach aus dem Wall
herausfließen. Unmittelbar am Wall war er mit einem Lattentor
abgesperrt. Gleich hinter dem Tor machte ich einen angebundenen Kahn
aus, offenbar das Schiffchen, auf das Rocca mich hinweisen wollte.
Das Tor war kein großes Hindernis. Als ich einem zum Aufhebeln
geeigneten Gegenstand gefunden und das Gatter wieder zugebunden hatte,
hörte ich nahende Schritte. Ein Soldat kam mit seinem Mädchen
eng umschlungen auf mich zu. Sie küssten sich einige Male, dann
zogen sie sich hastig gegenseitig aus und suchten sich ein Stück
Wiese gleich neben meinem Versteck als Liebesnest aus. Ich riskierte
erst, als sie im tiefsten Liebestaumel waren, heranzuschleichen und
einige seiner Kleidungsstücke und seinen Säbel fortzunehmen.
Es war lehrreich, den beiden eine Weile zuzusehen. Der Soldat erwies
sich als lausiger Liebhaber, der ohne irgendein Vorspiel zu seinem Ziel
kommen wollte. Trotzdem musste er der auf ihm sitzenden Frau den Mund
zuhalten, weil sie unbedacht laut aufstöhnte, während sie ihm
mit ihren Schenkeln und ihrem Becken sichtlich lustvoll zuarbeitete.
Ich war gerührt und sah den beiden unnötig lange zu, denn
diese liebeshungrige und oft lachende Frau erinnerte mich mit ihrem
blonden Haarschopf lebhaft an meinen heißgeliebten Augenstern
Elke aus unserem Nachbardorf Hehlen, die mir gezielt den Kopf verdreht
und in mir sehr erfolgreich die ersten Lustgefühle geweckt hatte.
Wir hatten uns im Hehlener Dorfkrug kennengelernt und auf dem
gruseligen, aber für Liebespaare mehrfach günstigen
„Galgenbusch“ zwischen Hehlen und Bodenwerder eindeutig das Leben
bejaht; um so heftiger und inniger, weil unsere kurze Liebe bereits von
den Auswanderungsvorbereitungen ihrer Familie düster
überschattet war.
Es gelang mir, im eiskalten Wasser leise den Kahn zu erreichen. Er war
halb mit Wasser gefüllt, aber ich konnte ihn mit einiger
Anstrengung und immerhin mit der Strömung so weit in den
unterirdischen Bachlauf ziehen, bis ich das Wasser mit einem innen
angebundenen Gefäß ziemlich leer schöpfen konnte.
Unter den Kleidungsstücken hatte ich etwas Gestricktes erwischt,
das der jungen Frau gehörte; es roch nach Pflaumenkuchen. Ich band
es mir um den Kopf, um mich gegen das ständige Anstoßen in
diesem Tunnel besser zu schützen. Nach einer Weile wurde die
Strömung auf einmal in die Gegenrichtung stark. Mit einem
angetriebenen Baumast konnte ich mich besser abstoßen, aber in
der Dunkelheit war mir meine Fortbewegung unheimlich. Als ich mich
einige Male böse an der zeitweise niedrigen Decke der Höhle
gestoßen hatte, legte ich mich in den Kahn und versuchte mich
treiben zu lassen, aber der Kahn blieb oft hängen. Mit einer
umgekehrten Taktik ließ ich ihn treiben und stapfte an einem
angeknoteten Stück Stoff hinterher. Es war zum Verzweifeln
mühsam und meine Kräfte ließen nach. Ich hätte
gern etwas ausgeruht, aber in dem nassen Kahn konnte ich nicht
schlafen.
In dieser ereignisarmen Zeit entwarf ich die ersten beiden Akte eines
amüsanten Kriminalstücks, das teilweise in einem Kanalsystem
spielt. Ihr kennt es alle; es wird seit Jahren in vielen Ländern
mit anhaltendem Erfolg gespielt, freilich unter meinem englischen
Pseudonym. Eine Theatertruppe war in den letzten Jahren sicher mit dem
Stück hier in der Gegend. Erratet ihr, wie es heißt?
Die Strömung wurde plötzlich viel stärker; ich war
sofort wieder munter und jubelte fast laut, als ich einen Lichtschimmer
vor mir sah. Ich holte mir noch viele Schürfwunden, bis ich in
Nähe der Höhlenöffnung kam. Erst im letzten Augenblick
erkannte ich das Netz, das mir den Ausgang verschloss. Ich hörte
Stimmen und ahnte gleich, dass man mir auflauerte. Mein
enttäuschtes und sicher auch verbittertes Dickärschchen hatte
mich also verraten.
Ich verkantete mein Boot und schwamm etwas näher zur Öffnung.
Das Wasser reichte mir durchweg bis zur Brust. Es war schon ziemlich
hell. Der Bach ergoss sich über einige Klippen in einen tiefer
liegenden See. Gleich hinter dem Netz sah ich eine weitere Absperrung
aus gespitzten Pfählen. Rechts und links vom Bach stand ein Zelt.
Die Soldaten sah ich nicht, hörte aber mehrere Stimmen. Ich machte
mich darauf gefasst, dass Bewaffnete auf mich warteten.
Vorsichtshalber zog ich den Kahn wieder etwas in die Höhle
zurück und wartete in ihm Stunde um Stunde, bis es wieder dunkel
geworden war. Jetzt schlitzte ich mit meinem Säbel das Netz an
beiden Seiten auf. Ich wartete noch einige Zeit, bis die Stimmen in den
Zelten verstummten. Sie hatten bestimmt eine Nachtwache eingeteilt.
Ich wagte mich im Schutz der Dunkelheit aus der Höhle heraus und
warf zwei, drei Steine, um herauszufinden, wo der Wachsoldat stand.
Tatsächlich kam ein langer Kerl in mein Blickfeld, sah sich
überall um und wollte auch das Netz überprüfen. Jetzt
musste ich handeln: Ich zog seinen Kopf ins Wasser, stopfte ihm, als er
nach Luft schnappte, einen Wollärmel in den Mund und wickelte ihn
in das Netz ein. Leider hatte er vor Schreck seine Pistole ins Wasser
fallen lassen und ich fand sie nicht wieder. Ich ließ den
Burschen einen Abhang hinunterrollen; von dort würde man sein
Stöhnen nicht so bald hören. Es gelang mir nicht, die zweite
Absperrung aus dem Bach herauszuziehen, deshalb musste ich den Kahn
zurücklassen.
Ein Geräusch entzückte mich bald darauf; es klang wie das
Schnauben eines Pferdes. Minuten später zog ich einen Falben an
seinem Halsstrick talwärts. Ich redete dem Tier freundlich zu,
tätschelte es ausgiebig und versuchte es an den arg kurz geratenen
Notzügel zu gewöhnen. Es machte mir wenig aus, ohne Sattel zu
reiten, aber ohne Zaumzeug lässt sich ein fremdes Pferd
mühsam lenken.
Ich passierte das Seeufer. Es war immer noch dunkel, aber ich fand ein
Fischerboot. Der Fischer schlief darin. Ich bedrohte ihn mit meinem
Säbel und zwang ihn, seine ärmlichen oberen
Kleidungsstücke zurückzulassen, ehe ich ihn an Land springen
ließ, leider ohne eine Entschädigung.
Das Pferd sträubte sich lange dagegen, sich an Bord ziehen zu
lassen. Zu meiner Freude fand ich im Boot einen Brotrest und eine
Flasche mit einer noch trinkbaren Flüssigkeit. Am Wertvollsten war
mir der aufkommende Wind. Ich setzte das löchrige Segel und wir
glitten aus dem See heraus in einen Fluss, der uns hoffentlich auch zu
einem Meer führen würde.
Ich segelte nur nachts; tagsüber verbarg ich mich mit dem Pferd in
der waldreichen Umgebung und hatte das Glück, keinem Menschen zu
begegnen. Eines frühen Morgens erreichte ich das Meer, aber
welches Meer? Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand und in welche
Richtung ich segeln sollte. Mich trieb die unsinnige Hoffnung, dass
dies das Mittelmeer war. Nach einigen Tagen erreichte ich eine
heruntergekommene Hafenstadt, die wenig mediterran wirkte. Mit
ziemlicher Mühe verkaufte ich mein Pferd und besorgte mir einige
Kleidungsstücke.
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