|
Tiefschläge aus
heiterem Himmel
Da gab es noch ein Ereignis, das vieles veränderte. Ich finde,
dass es andere Leute eigentlich nichts angeht, aber weil ihr so viel
Gegenteiliges von mir gehört habt, will ich auch dieses nicht
verschweigen:
Es war zwei Tage vor unserer Abreise nach Marseille. Die Liebe am
Morgen, vor oder nach dem Frühstück, war eine liebgewordene
Gewohnheit für mich, beglückenderweise auch für uns
beide geworden. An diesem Morgen überraschte ich Mahajusha mit
einer neuen Variante. Ich musste nämlich improvisiert
überspielen, was ich zunächst nicht fassen und verstehen
konnte, was Mahajusha natürlich sofort bemerkte, nicht nur an den
Äußerlichkeiten.
Ahnt ihr es? Ja, mit der gewohnten Form des Lustbereitens war es
offenbar vorbei. Und nicht nur vorübergehend. Mit einem Schlag,
über Nacht, war die sowieso manche erstaunende Kraft von mir
genommen, aus mir herausgenommen worden – und das lange vor dem
Greisenalter, in dem das nicht ungewöhnlich sein soll.
Meine erste Sorge war: Wie wird Mahajusha das Unerwartete aufnehmen?
Wird sie damit leben können? Ich brachte es nicht über mich,
diesen schlaffen Zustand anzusprechen; Mahajusha tat es. Sie nahm mich
in die Arme wie immer, küsste meine Tränen fort und zeigte
mir ohne Worte ihre unveränderte Liebe.
Später las sie mir ein Gedicht des Dichters Heinrich Heine, dessen
Liederbüchlein sie schon länger zusammen mit dem Koran und
mit einem Bändchen mit persischen und arabischen Poemen unter dem
Kopfkissen liegen hatte und aus denen sie mir vieles übersetzt
hat:
Herz, mein Herz, sei nicht beklommen,
Und ertrage dein Geschick,
Neuer Frühling gibt zurück,
Was der Winter dir genommen.
Und wie viel ist dir geblieben!
Und wie schön ist noch die Welt!
Und, mein Herz, was dir gefällt,
Alles, alles darfst du lieben!
„Hatte der Dichter denn ähnliche Probleme?“, fragte ich sie. „Ich
weiß es nicht, aber Probleme mit der Liebe hatte er wohl
häufig. Und glaub mir, den wahren Charakter eines Menschen erkennt
man selten in seinen besten Tagen und viel deutlicher in schwierigeren
Zeiten. Und jetzt lass uns herausfinden, wie viel uns geblieben ist –
schließlich unsere ganze Liebe und unsere Fantasie!“
Noch eine Lebensaufgabe mehr! Warum nicht? Mancher meiner Zeitgenossen
wird mir diesen Zustand ja auch gönnen und es vielleicht sogar
einen gerechten „Ausgleich“ oder eine „Strafe“ nennen. Aber von wem
nur? Strafe der Götter, die ihre Geschenke zurücknehmen
wollten – hatten sie, die doch alles durchschauen konnten, mich etwa
für würdiger gehalten? Andererseits: Was haben die
Göttlichen im erotischen Taumel selbst nicht alles angestellt?
Mahajusha sagte nachts in meinen Armen: „Nimm es doch so: Dir ist etwas
ungewöhnlich Schönes für eine vielleicht nur bestimmte
Zeit geschenkt worden. Hättest Du denn das Ende wirklich lieber
vorher gewusst? Und außerdem: Haben wir schon alle
Möglichkeiten ausgeschöpft? Zum Beispiel soll eine Arznei aus
Hornissensaft und der Baumrinde des südamerikanischen
Marasuka-Baumes erstaunliche Erfolge…“
Also, liebe Freundinnen und Freunde, ich wollte euch aus oft
geschilderten Gründen diese Änderung in meinen
Lebensbedingungen nicht vorenthalten. Ich wusste damals noch nicht, ob
und wie sie mein Leben verändern würden.
„Stolpern fördert“, wissen wir vom großen Goethe und ich
habe einige Male gesehen, wie Menschen einen unerwartbaren Wechsel in
ihrem Leben gemeistert haben; warum nicht auch ich! Nach Amerika bin
ich wie geplant gereist, und Mahajusha blieb eng an meiner Seite.
Freilich, eine meiner vier goldenen Samenkapseln hatte ich noch bei mir
– und auch ihr Inhalt erwies sich als noch wirksam…
Irgendwann werde ich euch einmal mehr über die selbst erlebte
Erfolgsgeschichte der medizinischen Wunder und ihrer inzwischen
höchst vorzeigbaren Folgen berichten – eine Kapsel habe ich
vergessen, zu erwähnen; ihr werdet aber wohl herausfinden, wem ich
sie betont liebevoll und absolut unvermeidbar verehrt habe.
Zunächst überraschte mich Mahajusha gegen Ende unserer langen
Seereise nach Amerika mit dem leisen Satz: „Du, ich weiß jetzt,
dass ich gar nicht oder nicht nur wenig seekrank war. Es gibt einen
viel aufregenderen Grund für meine Übelkeit …“
Diesen Grund erratet ihr wohl. Seid wie ich es am Ende war darauf
gefasst, dass ich zusammen mit dieser Frau in der Neuen Welt noch
einige sehr erzählenswerte Geschichten erlebt habe – und wen ich
dort unvermutbar wiedergetroffen habe; die Reisenden in dieser Welt
fühlen sich nämlich wirklich manchmal wie in einem Dorf. Ich
verrate vorerst nicht mehr als dieses: Ich werde euch, wenn mir noch
Zeit bleibt, das Spannendste wahrheitsgetreu und ungeschönt
berichten wie ihr es von mir gewohnt seid.
Neulich erinnerte ich mich auf einem Spaziergang, dass ich als
Jüngling auf einem meiner Lieblingsplätze, einem
abgebrochenem Baumstamm auf dem Eckberg, der Weser und der Landschaft
ringsum pathetisch versprochen habe: „Wohin mich das Leben auch treiben
wird, hierher komme ich immer wieder zurück.“
Manche von euch werden Ähnliches gespürt haben. Ich fand es
übrigens auch in der altchinesischen Weisheit des Laotse wieder:
„Die es fortzog, wollen zum Vertrauten zurückkehren und in der
Heimat sterben.“
Soweit ist es noch lange nicht! Ich muss jetzt bald wieder an meine
Arbeit und werde erst in ein par Jahren zurückkommen,
wahrscheinlich immer noch nicht zum Sterben. Ich kann euch vorher noch
einiges ausführlicher schildern, was ich vielleicht für
manchen zu knapp berichtet habe.
Lasst uns jetzt erst einmal den Tag mit einem besonders guten
Champagner beschließen, der wie fast die ganze linke Regalseite
in meinem Weinkeller aus einer Lieferung meiner Straßburger
Weinfreunde stammt!
Ich danke euch für eure Geduld und trinke auf euer Wohl, aber
bitte: trinkt vorher noch mit mir in dankbarer Erinnerung an all die
wunderbaren Frauen, die ich und die wir in unserem Leben erleben
durften! Lasst euch Zeit für einen innigen Kuss – und dann: Auf
unsere Frauen!
|
|