Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Tiefschläge aus heiterem Himmel

Da gab es noch ein Ereignis, das vieles veränderte. Ich finde, dass es andere Leute eigentlich nichts angeht, aber weil ihr so viel Gegenteiliges von mir gehört habt, will ich auch dieses nicht verschweigen: 

Es war zwei Tage vor unserer Abreise nach Marseille. Die Liebe am Morgen, vor oder nach dem Frühstück, war eine liebgewordene Gewohnheit für mich, beglückenderweise auch für uns beide geworden. An diesem Morgen überraschte ich Mahajusha mit einer neuen Variante. Ich musste nämlich improvisiert überspielen, was ich zunächst nicht fassen und verstehen konnte, was Mahajusha natürlich sofort bemerkte, nicht nur an den Äußerlichkeiten.

Ahnt ihr es? Ja, mit der gewohnten Form des Lustbereitens war es offenbar vorbei. Und nicht nur vorübergehend. Mit einem Schlag, über Nacht, war die sowieso manche erstaunende Kraft von mir genommen, aus mir herausgenommen worden – und das lange vor dem Greisenalter, in dem das nicht ungewöhnlich sein soll.

Meine erste Sorge war: Wie wird Mahajusha das Unerwartete aufnehmen? Wird sie damit leben können? Ich brachte es nicht über mich, diesen schlaffen Zustand anzusprechen; Mahajusha tat es. Sie nahm mich in die Arme wie immer, küsste meine Tränen fort und zeigte mir ohne Worte ihre unveränderte Liebe.

Später las sie mir ein Gedicht des Dichters Heinrich Heine, dessen Liederbüchlein sie schon länger zusammen mit dem Koran und mit einem Bändchen mit persischen und arabischen Poemen unter dem Kopfkissen liegen hatte und aus denen sie mir vieles übersetzt hat:

Herz, mein Herz, sei nicht beklommen,
Und ertrage dein Geschick,
Neuer Frühling gibt zurück,
Was der Winter dir genommen.

Und wie viel ist dir geblieben!
Und wie schön ist noch die Welt!
Und, mein Herz, was dir gefällt,
Alles, alles darfst du lieben!

„Hatte der Dichter denn ähnliche Probleme?“, fragte ich sie. „Ich weiß es nicht, aber Probleme mit der Liebe hatte er wohl häufig. Und glaub mir, den wahren Charakter eines Menschen erkennt man selten in seinen besten Tagen und viel deutlicher in schwierigeren Zeiten. Und jetzt lass uns herausfinden, wie viel uns geblieben ist – schließlich unsere ganze Liebe und unsere Fantasie!“

Noch eine Lebensaufgabe mehr! Warum nicht? Mancher meiner Zeitgenossen wird mir diesen Zustand ja auch gönnen und es vielleicht sogar einen gerechten „Ausgleich“ oder eine „Strafe“ nennen. Aber von wem nur? Strafe der Götter, die ihre Geschenke zurücknehmen wollten – hatten sie, die doch alles durchschauen konnten, mich etwa für würdiger gehalten? Andererseits: Was haben die Göttlichen im erotischen Taumel selbst nicht alles angestellt?

Mahajusha sagte nachts in meinen Armen: „Nimm es doch so: Dir ist etwas ungewöhnlich Schönes für eine vielleicht nur bestimmte Zeit geschenkt worden. Hättest Du denn das Ende wirklich lieber vorher gewusst? Und außerdem: Haben wir schon alle Möglichkeiten ausgeschöpft? Zum Beispiel soll eine Arznei aus Hornissensaft und der Baumrinde des südamerikanischen Marasuka-Baumes erstaunliche Erfolge…“

Also, liebe Freundinnen und Freunde, ich wollte euch aus oft geschilderten Gründen diese Änderung in meinen Lebensbedingungen nicht vorenthalten. Ich wusste damals noch nicht, ob und wie sie mein Leben verändern würden.

„Stolpern fördert“, wissen wir vom großen Goethe und ich habe einige Male gesehen, wie Menschen einen unerwartbaren Wechsel in ihrem Leben gemeistert haben; warum nicht auch ich! Nach Amerika bin ich wie geplant gereist, und Mahajusha blieb eng an meiner Seite.

Freilich, eine meiner vier goldenen Samenkapseln hatte ich noch bei mir – und auch ihr Inhalt erwies sich als noch wirksam…

Irgendwann werde ich euch einmal mehr über die selbst erlebte Erfolgsgeschichte der medizinischen Wunder und ihrer inzwischen höchst vorzeigbaren Folgen berichten – eine Kapsel habe ich vergessen, zu erwähnen; ihr werdet aber wohl herausfinden, wem ich sie betont liebevoll und absolut unvermeidbar verehrt habe.

Zunächst überraschte mich Mahajusha gegen Ende unserer langen Seereise nach Amerika mit dem leisen Satz: „Du, ich weiß jetzt, dass ich gar nicht oder nicht nur wenig seekrank war. Es gibt einen viel aufregenderen Grund für meine Übelkeit …“
 
Diesen Grund erratet ihr wohl. Seid wie ich es am Ende war darauf gefasst, dass ich zusammen mit dieser Frau in der Neuen Welt noch einige sehr erzählenswerte Geschichten erlebt habe – und wen ich dort unvermutbar wiedergetroffen habe; die Reisenden in dieser Welt fühlen sich nämlich wirklich manchmal wie in einem Dorf. Ich verrate vorerst nicht mehr als dieses: Ich werde euch, wenn mir noch Zeit bleibt, das Spannendste wahrheitsgetreu und ungeschönt berichten wie ihr es von mir gewohnt seid.

Neulich erinnerte ich mich auf einem Spaziergang, dass ich als Jüngling auf einem meiner Lieblingsplätze, einem abgebrochenem Baumstamm auf dem Eckberg, der Weser und der Landschaft ringsum pathetisch versprochen habe: „Wohin mich das Leben auch treiben wird, hierher komme ich immer wieder zurück.“

Manche von euch werden Ähnliches gespürt haben. Ich fand es übrigens auch in der altchinesischen Weisheit des Laotse wieder: „Die es fortzog, wollen zum Vertrauten zurückkehren und in der Heimat sterben.“

Soweit ist es noch lange nicht! Ich muss jetzt bald wieder an meine Arbeit und werde erst in ein par Jahren zurückkommen, wahrscheinlich immer noch nicht zum Sterben. Ich kann euch vorher noch einiges ausführlicher schildern, was ich vielleicht für manchen zu knapp berichtet habe.

Lasst uns jetzt erst einmal den Tag mit einem besonders guten Champagner beschließen, der wie fast die ganze linke Regalseite in meinem Weinkeller aus einer Lieferung meiner Straßburger Weinfreunde stammt!

Ich danke euch für eure Geduld und trinke auf euer Wohl, aber bitte: trinkt vorher noch mit mir in dankbarer Erinnerung an all die wunderbaren Frauen, die ich und die wir in unserem Leben erleben durften! Lasst euch Zeit für einen innigen Kuss – und dann: Auf unsere Frauen!

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
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Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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