Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Tatarenleidenschaft

Rückblickend fällt mir erst auf, wie viele Menschen ich in St. Petersburg näher kennengelernt habe. Ich fand es damals unterhaltsam, Staatsmänner und Diener zu beobachten – und dabei festzustellen, dass unerwartete Ereignisse und Gelegenheiten uns Menschen sehr verändern können.

Erschüttert hat mich die Erkenntnis, dass Heilkundige, Rechtsgelehrte, Prediger, Friseure, Schuhmacher, Fischverkäufer und besonders viele kleine und große Machthaber ihr Tun und Sagen sehr eigenwillig auseinander halten; Moral zum Beispiel ist offensichtlich nur etwas, was wir jeweils am meisten von anderen verlangen.

Ihr habt mich richtig verstanden: Ich sagte „wir“, denn ich habe oft auch darüber gestaunt, wie sich meine Einstellungen zu manchen Dingen änderten; ich entdeckte und erschrak darüber, dass ich zuweilen mit heimlichem Behagen zusah, wenn andere so handelten, wie ich es selbst nie tun würde. Offenbar schlummern in uns herrliche Anlagen, aber auch erschütternde Abgründe; beides kann „von außen“ geweckt und gesteigert werden – besonders leicht wohl im Krieg.

Als wir kampflos siegend die reizvolle Halbinsel Krim erreicht hatten und als ich die Nachricht verkraften musste, dass Katharina entgegen ihren brieflichen Beteuerungen im privaten Bereich gleich mehrere Nachfolger für mich gefunden hatte, überkam mich spontan ein verrückter Gedanke. Und weil er mir gefährlich verrückt erschien, gab ich ihm eine Chance: Ich suchte in Sebastopol ein Schiff, das mit vermutbar verbotenen Waren vom Herrschaftsbereich der Zarin in den ihres Erzfeindes nach Konstantinopel steuern wollte.

Hinausgezögert wurde meine Ausreise durch einen herausragenden Zufall. Ich hatte mich in dem von Seeleuten wimmelnden Sebastopol als alten Mann mit einem falschen Bart und einer grauen Perücke verkleidet. Vorsichtshalber zog ich ein Bein nach und meinte mich so ausreichend unkenntlich und für die Polizei und für Spitzel uninteressant gemacht zu haben. Über die Schulter trug ich in einem Beutel neben Kleinigkeiten meinen Säbel und eine Pistole.

Hinter der Peter-Paul-Kathedrale sah ich, dass eine Frau beim Überqueren der Straße von einer Kutsche überholt wurde; zwei Männer sprangen heraus und zerrten die sich wehrende und aufschreiende Frau in die Kutsche, während der Mann auf dem Kutschbock auf das Pferd eindrosch.

Zum Überlegen blieb mir keine Zeit; der Karren raste mir entgegen. Ich riss vor dem Pferd die Arme hoch, machte mich durch einen Sprung größer und schrie so laut ich konnte. Das Pferd scheute und bäumte sich auf; ich musste ihm durch einen Sprung zur Seite ausweichen.

Ich riss den Säbel aus meinem Beutel und hieb wortlos auf die beiden herausstürmenden Kerle ein. Sie flohen entsetzt mit ihren stark blutenden Verletzungen und der Bursche vom Kutschbock eilte ihnen in blanker Angst um sein Leben nach. Ich versuchte, die beinahe entführte Frau in der Kutsche zu beruhigen und konnte mit Mühe verhindern, dass sie ausstieg. Den bluttropfenden Säbel hielt ich noch in der Linken. (Ihr habt es vielleicht bemerkt: Ich bin Linkshänder.) Um uns versammelte sich schnell eine neugierige Menschenmenge. Ich fürchtete das baldige Erscheinen von Soldaten oder Ordnungshütern.

Ein Freiwilliger fand sich bereit, für ein Goldstück die Kutsche zu lenken und ich stieg zu der Frau ein, die bei meinem zweiten Anblick in ein mir unerklärliches Lachen ausbrach. Dann begriff ich: Meine Perücke hatte ich verloren und der falsche Bart hing nur noch an den Endstücken herab, das sah sicher komisch aus.
 
Tanjika hatte mich für einen entflohenen Sträfling gehalten und sie hat wohl nur wegen meiner Rettungstat Vertrauen zu mir gefasst. Für mich stand zugleich fest: Die Frau hat Mut und Selbstvertrauen. Jetzt sah ich erst, dass diese Frau auch für russische Verhältnisse ein fremdländisches, überaus apartes Aussehen hatte, das ich zunächst nicht einordnen konnte. Wir haben uns angeregt unterhalten und dabei von ihrem eben eingekauftem Gebäck genascht, während uns der provisorische Kutscher auf den rumpligen alten Militärstraßen in der Stadt langsam herumfuhr. Bei unserer Plauderei konnte ich es nicht vermeiden, mir ihre reizvolle Gestalt unbekleidet vorzustellen und ihr Temperament einzuschätzen, natürlich auch meine Chancen bei ihr. Ob sie ähnliche Gedanken hatte? Ich meinte es aus einigen unwillkürlichen Bewegungen ihrer Hüfte und ihrer Beine zu erkennen.

Ja, ich sehe, einige Zuhörerinnen wundern sich, dass ich dies so offen schildere. Bitte überdenken Sie einmal, ob wir nicht alle Schauspieler sind und unsere geheimen Gedanken dauernd verheimlichen. Ich weiß inzwischen, dass Frauen und Männer sehr ähnliche sinnliche Gedanken haben – dies natürlich nie zugeben. Ein Professor an der Sorbonne hat mir berichtet, dass er Beispiele von einzelnen Frauen und Männern in drei Kulturkreisen kennt, auf die das nicht zutrifft – aber ich weiß nicht mehr, von welchem Jahrhundert er sprach.

Am Ende unserer Rundfahrt hat Tanjika mich eingeladen, bei ihr und ihren Eltern eine Erfrischung zu nehmen. Daraus ergab sich nach einigen Stunden die Einladung, mich bei ihr eine Weile verborgen zu halten.

Ich habe dann bis auf wenige Ausnahmen ihr Haus einige Tage und Nächte lang nicht verlassen, denn diese erregend sinnliche und für ein stürmisches Abenteuer nach und nach aufgeschlossene Frau begeisterte mich die ganze viel zu kurze Zeit, und dann brachte sie mich zu einem für mich geeignetem Schiff, dessen Ziel sie vorher mit einiger Mühe erkundet hatte.

Vorher durfte ich viele ihrer tatarischen Besonderheiten entdecken. Sie lebte mit ihren alten Eltern zusammen, seit Kosaken vor Jahren zwei ihrer Brüder verschleppt hatten; seither waren alle leidenschaftliche Feinde der Zarin.

Tanjika wehrte sich heftig gegen mein Liebeswerben, wie viele Frauen, bevor ich ihnen mit vielen Worten und mit einer von medizinischen Siegeln geschmückten Illustration erklärt hatte, dass ich mich an keiner Schwangerschaft mehr beteiligen kann, weil Ärzte mir auf meinen mehrfach bekräftigtem Wunsch hin die Samenleiter zwischen meinen Hoden und der von ihnen so genannten Vorsteherdrüse unwiderrufbar durchtrennt haben. Ich lasse dabei meist aus, dass ich noch viele Monate danach zittern musste, bis sich offenbar alle Spermien verabschiedet hatten; diese Besonderheit hatten mir die Chirurgen nämlich nicht genannt oder selbst noch nicht gewusst. Die Schwangerschaft einer frühen Geliebten endete mit einer Fehlgeburt, sonst wäre ich heute wohl ein gelangweilter Schlossherr hier in der nahen Umgebung.

Meine Erläuterungen dauern durchweg lange, weil es für alle bisherigen Frauen die erste biologische Information über männliche Geschlechtsorgane zu sein scheint. Der Aufwand lohnt jedoch, wie das Beispiel von Tanjika zeigte: Sie hat mich genau untersucht, war entzückt, als der fast unscheinbare „Kleine Baron“ sich von ihrer Zauberhand aufgerichtet unabschätzbar vergrößerte und ungestüm und geheimnisvoll angezogen seine Ziele suchte und fand.

Aus Tanjika brach eine lodernde Lust heraus, die mich jubeln ließ. Sie hat den Kleinen Baron mit Küssen und Bissen und Zärtlichkeiten verwöhnt, die manche andere Regionen oberhalb seines engeren Herrschaftsbereiches oft neidisch machten. Wie viele anfangs schüchterne Frauen zuvor ruhte sie nicht eher, bis er sich in allen ihren verführerischen Lusthöhlen zuhause fühlen konnte.

Sie bewies mir einmal mehr, dass Frauen sich von ihrer Natur aus mindestens so unbefangen wie wir Männer in allen Lustbereichen tummeln mögen, und ich weiß, dass wir ihnen eher noch mehr Lustfreude und Fantasie als uns selbst zutrauen dürfen.

„Was findest du an mir?“ fragte sie mich nach einer ganz besonderen Liebesstunde. Ich glaube, ich antwortete etwas wie: „Du bist für mich das tiefe Schwarze Meer und die Seekönigin darin und zugleich das gefährliche Raubtier, das sie beschützt. Ich bin dir verfallen und ausgeliefert, wie verzaubert – und das ist ein sehr schönes Gefühl für mich… Aber ich will immer mehr von dir…“

Wir blieben tagsüber im Haus und in einem geschützten Teil des Gartens; einige Male führte mich Tanjika nachts zu ihrer Lieblingsbucht. Wir schwammen im herrlich kühlen Meer und liebten uns vorher und nachher und zwischendurch in wundervollen Wechseln auf Tüchern im weichen Sand. Die anderen Liebespaare beachteten uns nicht. Meinen Waffenbeutel hatte ich unter unseren Kleiderbündeln verborgen.

In unserem Liebeserleben gab sich Tanjika fordernd und schonungslos rau; sie bereitete mir mit Vorliebe Schmerz und erwartete Ähnliches auch von mir. Ich gewöhnte mich gern daran, einiges war mir ja schon vertraut.

Noch heute spüre ich Tanjika sich in wilder Begehrlichkeit rittlings auf mir austoben, und manchmal träume ich auch von einem wüsten Reiterinnenvolk, das säbelschwingend über uns Männer hinwegfegt und uns nach harten und blutigen erotischen Kämpfen niedermachen will – und das bei vielen von uns auch schafft.

Als ich mich nach vielen stürmischen Tagen und Nächten auch ihretwegen aus Sicherheitsgründen losriss und an der übrigens unerwartet malerischen Reede an Bord eines geeigneten Schiffes ging, fühlte ich mich trotz meiner unzähligen Biss-und Kratzwunden herrlich gestärkt und zudem als innerlich neutraler Weltbürger. Ich sah mich auch nicht als Verräter an Russland und an der Zarin, sondern als unkonventioneller und vorerst noch nicht ausdrücklich beauftragter Friedensbote. Zuweilen eile ich, wie ihr wisst, meiner Zeit voraus und folge nicht immer einer vernünftigen Eingebung, nicht nur in der Liebe.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
Impressum und Kontakt




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