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Tatarenleidenschaft
Rückblickend fällt mir erst auf, wie viele Menschen ich in
St. Petersburg näher kennengelernt habe. Ich fand es damals
unterhaltsam, Staatsmänner und Diener zu beobachten – und dabei
festzustellen, dass unerwartete Ereignisse und Gelegenheiten uns
Menschen sehr verändern können.
Erschüttert hat mich die Erkenntnis, dass Heilkundige,
Rechtsgelehrte, Prediger, Friseure, Schuhmacher, Fischverkäufer
und besonders viele kleine und große Machthaber ihr Tun und Sagen
sehr eigenwillig auseinander halten; Moral zum Beispiel ist
offensichtlich nur etwas, was wir jeweils am meisten von anderen
verlangen.
Ihr habt mich richtig verstanden: Ich sagte „wir“, denn ich habe oft
auch darüber gestaunt, wie sich meine Einstellungen zu manchen
Dingen änderten; ich entdeckte und erschrak darüber, dass ich
zuweilen mit heimlichem Behagen zusah, wenn andere so handelten, wie
ich es selbst nie tun würde. Offenbar schlummern in uns herrliche
Anlagen, aber auch erschütternde Abgründe; beides kann „von
außen“ geweckt und gesteigert werden – besonders leicht wohl im
Krieg.
Als wir kampflos siegend die reizvolle Halbinsel Krim erreicht hatten
und als ich die Nachricht verkraften musste, dass Katharina entgegen
ihren brieflichen Beteuerungen im privaten Bereich gleich mehrere
Nachfolger für mich gefunden hatte, überkam mich spontan ein
verrückter Gedanke. Und weil er mir gefährlich verrückt
erschien, gab ich ihm eine Chance: Ich suchte in Sebastopol ein Schiff,
das mit vermutbar verbotenen Waren vom Herrschaftsbereich der Zarin in
den ihres Erzfeindes nach Konstantinopel steuern wollte.
Hinausgezögert wurde meine Ausreise durch einen herausragenden
Zufall. Ich hatte mich in dem von Seeleuten wimmelnden Sebastopol als
alten Mann mit einem falschen Bart und einer grauen Perücke
verkleidet. Vorsichtshalber zog ich ein Bein nach und meinte mich so
ausreichend unkenntlich und für die Polizei und für Spitzel
uninteressant gemacht zu haben. Über die Schulter trug ich in
einem Beutel neben Kleinigkeiten meinen Säbel und eine Pistole.
Hinter der Peter-Paul-Kathedrale sah ich, dass eine Frau beim
Überqueren der Straße von einer Kutsche überholt wurde;
zwei Männer sprangen heraus und zerrten die sich wehrende und
aufschreiende Frau in die Kutsche, während der Mann auf dem
Kutschbock auf das Pferd eindrosch.
Zum Überlegen blieb mir keine Zeit; der Karren raste mir entgegen.
Ich riss vor dem Pferd die Arme hoch, machte mich durch einen Sprung
größer und schrie so laut ich konnte. Das Pferd scheute und
bäumte sich auf; ich musste ihm durch einen Sprung zur Seite
ausweichen.
Ich riss den Säbel aus meinem Beutel und hieb wortlos auf die
beiden herausstürmenden Kerle ein. Sie flohen entsetzt mit ihren
stark blutenden Verletzungen und der Bursche vom Kutschbock eilte ihnen
in blanker Angst um sein Leben nach. Ich versuchte, die beinahe
entführte Frau in der Kutsche zu beruhigen und konnte mit
Mühe verhindern, dass sie ausstieg. Den bluttropfenden Säbel
hielt ich noch in der Linken. (Ihr habt es vielleicht bemerkt: Ich bin
Linkshänder.) Um uns versammelte sich schnell eine neugierige
Menschenmenge. Ich fürchtete das baldige Erscheinen von Soldaten
oder Ordnungshütern.
Ein Freiwilliger fand sich bereit, für ein Goldstück die
Kutsche zu lenken und ich stieg zu der Frau ein, die bei meinem zweiten
Anblick in ein mir unerklärliches Lachen ausbrach. Dann begriff
ich: Meine Perücke hatte ich verloren und der falsche Bart hing
nur noch an den Endstücken herab, das sah sicher komisch aus.
Tanjika hatte mich für einen entflohenen Sträfling gehalten
und sie hat wohl nur wegen meiner Rettungstat Vertrauen zu mir gefasst.
Für mich stand zugleich fest: Die Frau hat Mut und
Selbstvertrauen. Jetzt sah ich erst, dass diese Frau auch für
russische Verhältnisse ein fremdländisches, überaus
apartes Aussehen hatte, das ich zunächst nicht einordnen konnte.
Wir haben uns angeregt unterhalten und dabei von ihrem eben
eingekauftem Gebäck genascht, während uns der provisorische
Kutscher auf den rumpligen alten Militärstraßen in der Stadt
langsam herumfuhr. Bei unserer Plauderei konnte ich es nicht vermeiden,
mir ihre reizvolle Gestalt unbekleidet vorzustellen und ihr Temperament
einzuschätzen, natürlich auch meine Chancen bei ihr. Ob sie
ähnliche Gedanken hatte? Ich meinte es aus einigen
unwillkürlichen Bewegungen ihrer Hüfte und ihrer Beine zu
erkennen.
Ja, ich sehe, einige Zuhörerinnen wundern sich, dass ich dies so
offen schildere. Bitte überdenken Sie einmal, ob wir nicht alle
Schauspieler sind und unsere geheimen Gedanken dauernd verheimlichen.
Ich weiß inzwischen, dass Frauen und Männer sehr
ähnliche sinnliche Gedanken haben – dies natürlich nie
zugeben. Ein Professor an der Sorbonne hat mir berichtet, dass er
Beispiele von einzelnen Frauen und Männern in drei Kulturkreisen
kennt, auf die das nicht zutrifft – aber ich weiß nicht mehr, von
welchem Jahrhundert er sprach.
Am Ende unserer Rundfahrt hat Tanjika mich eingeladen, bei ihr und
ihren Eltern eine Erfrischung zu nehmen. Daraus ergab sich nach einigen
Stunden die Einladung, mich bei ihr eine Weile verborgen zu halten.
Ich habe dann bis auf wenige Ausnahmen ihr Haus einige Tage und
Nächte lang nicht verlassen, denn diese erregend sinnliche und
für ein stürmisches Abenteuer nach und nach aufgeschlossene
Frau begeisterte mich die ganze viel zu kurze Zeit, und dann brachte
sie mich zu einem für mich geeignetem Schiff, dessen Ziel sie
vorher mit einiger Mühe erkundet hatte.
Vorher durfte ich viele ihrer tatarischen Besonderheiten entdecken. Sie
lebte mit ihren alten Eltern zusammen, seit Kosaken vor Jahren zwei
ihrer Brüder verschleppt hatten; seither waren alle
leidenschaftliche Feinde der Zarin.
Tanjika wehrte sich heftig gegen mein Liebeswerben, wie viele Frauen,
bevor ich ihnen mit vielen Worten und mit einer von medizinischen
Siegeln geschmückten Illustration erklärt hatte, dass ich
mich an keiner Schwangerschaft mehr beteiligen kann, weil Ärzte
mir auf meinen mehrfach bekräftigtem Wunsch hin die Samenleiter
zwischen meinen Hoden und der von ihnen so genannten
Vorsteherdrüse unwiderrufbar durchtrennt haben. Ich lasse dabei
meist aus, dass ich noch viele Monate danach zittern musste, bis sich
offenbar alle Spermien verabschiedet hatten; diese Besonderheit hatten
mir die Chirurgen nämlich nicht genannt oder selbst noch nicht
gewusst. Die Schwangerschaft einer frühen Geliebten endete mit
einer Fehlgeburt, sonst wäre ich heute wohl ein gelangweilter
Schlossherr hier in der nahen Umgebung.
Meine Erläuterungen dauern durchweg lange, weil es für alle
bisherigen Frauen die erste biologische Information über
männliche Geschlechtsorgane zu sein scheint. Der Aufwand lohnt
jedoch, wie das Beispiel von Tanjika zeigte: Sie hat mich genau
untersucht, war entzückt, als der fast unscheinbare „Kleine Baron“
sich von ihrer Zauberhand aufgerichtet unabschätzbar
vergrößerte und ungestüm und geheimnisvoll angezogen
seine Ziele suchte und fand.
Aus Tanjika brach eine lodernde Lust heraus, die mich jubeln
ließ. Sie hat den Kleinen Baron mit Küssen und Bissen und
Zärtlichkeiten verwöhnt, die manche andere Regionen oberhalb
seines engeren Herrschaftsbereiches oft neidisch machten. Wie viele
anfangs schüchterne Frauen zuvor ruhte sie nicht eher, bis er sich
in allen ihren verführerischen Lusthöhlen zuhause fühlen
konnte.
Sie bewies mir einmal mehr, dass Frauen sich von ihrer Natur aus
mindestens so unbefangen wie wir Männer in allen Lustbereichen
tummeln mögen, und ich weiß, dass wir ihnen eher noch mehr
Lustfreude und Fantasie als uns selbst zutrauen dürfen.
„Was findest du an mir?“ fragte sie mich nach einer ganz besonderen
Liebesstunde. Ich glaube, ich antwortete etwas wie: „Du bist für
mich das tiefe Schwarze Meer und die Seekönigin darin und zugleich
das gefährliche Raubtier, das sie beschützt. Ich bin dir
verfallen und ausgeliefert, wie verzaubert – und das ist ein sehr
schönes Gefühl für mich… Aber ich will immer mehr von
dir…“
Wir blieben tagsüber im Haus und in einem geschützten Teil
des Gartens; einige Male führte mich Tanjika nachts zu ihrer
Lieblingsbucht. Wir schwammen im herrlich kühlen Meer und liebten
uns vorher und nachher und zwischendurch in wundervollen Wechseln auf
Tüchern im weichen Sand. Die anderen Liebespaare beachteten uns
nicht. Meinen Waffenbeutel hatte ich unter unseren Kleiderbündeln
verborgen.
In unserem Liebeserleben gab sich Tanjika fordernd und schonungslos
rau; sie bereitete mir mit Vorliebe Schmerz und erwartete
Ähnliches auch von mir. Ich gewöhnte mich gern daran, einiges
war mir ja schon vertraut.
Noch heute spüre ich Tanjika sich in wilder Begehrlichkeit
rittlings auf mir austoben, und manchmal träume ich auch von einem
wüsten Reiterinnenvolk, das säbelschwingend über uns
Männer hinwegfegt und uns nach harten und blutigen erotischen
Kämpfen niedermachen will – und das bei vielen von uns auch
schafft.
Als ich mich nach vielen stürmischen Tagen und Nächten auch
ihretwegen aus Sicherheitsgründen losriss und an der übrigens
unerwartet malerischen Reede an Bord eines geeigneten Schiffes ging,
fühlte ich mich trotz meiner unzähligen Biss-und Kratzwunden
herrlich gestärkt und zudem als innerlich neutraler
Weltbürger. Ich sah mich auch nicht als Verräter an Russland
und an der Zarin, sondern als unkonventioneller und vorerst noch nicht
ausdrücklich beauftragter Friedensbote. Zuweilen eile ich, wie ihr
wisst, meiner Zeit voraus und folge nicht immer einer vernünftigen
Eingebung, nicht nur in der Liebe.
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