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Tarantella tanzen in Tarent
Ja, auch in Italien gibt es Karneval. Ein Ereignis, das wohl einfach
erfunden werden musste – zur Seelenreinigung, als Notöffnung, als
Bedürfnis, sich einmal lustig zu machen über bestehende und
angemaßte Ordnungen, die einen dauernd ärgerten – und dann
erstarrte dies alles wieder in einer sehr bürgerlichen, manchmal
spießbürgerlichen Form, die nur aufwendig nachahmte und
für wichtig gehalten werden wollte – c´est la vie!
Ihr habt sicher mal vom Karneval in Venedig gehört, ja? Davon
würdet ihr sicher gern mehr erfahren. Aber mir ging es wie euch:
Ich war noch nie da, jedenfalls nicht an seinem Höhepunkt. Aber so
ganz weit weg davon war ich auch wieder nicht, immerhin an der Hacke
des italienischen Stiefels. Mein gemietetes Schiffchen ankerte eines
Tages in der Bucht von Tarent. Der Einfall war spontan und
verrückt gewesen – und es ging wieder einmal ganz anders aus als
gedacht.
Ihr erinnert Euch an die Archäologie-Helferin Dorothee aus
Göttingen, die mich nach meiner Rückkehr auf die Erde aus dem
Staub gebuddelt und danach meine Eingewöhnung in das Erdendasein
wundervoll beschleunigt hat. Wir haben uns nach einer uns
glücklich machenden Zeit trennen müssen, jedenfalls meinte
ich das damals ihr zuliebe. Aber wir haben nicht aufhören
müssen und können, einander zu lieben und einander im Herzen
zu haben.
Nun, das Leben hat uns weiter getrieben; ihr Glück schien
beständiger zu sein als meines. Ich wusste, dass sie Jahre
später mit ihrer wachsenden Familie von Ravenna nach Tarent
umgezogen war.
Ihr Mann, ein Archäologe, den sie als Kollegen ihres Vaters
kennengelernt hatte, leitete in Unteritalien die Ausgrabungen und die
Bergung der dort reichlich vorhandenen antiken Überreste.
Dorothee und ich haben uns so sehr geliebt, dass wir unsere innigen
Erlebnisse nicht einfach hinter uns lassen konnten. Es gab über
die Jahre einige heimliche Briefe zwischen uns, die ersten
zuverlässig befördert von nach Italien reisenden Geistlichen.
Diese Dienste brachte mir der einst für eine vermittelte Domspende
in Köln dankbar verliehene „Päpstliche Hausorden“ ein.
Dorothee schrieb mir danach mehrere Male über eine alte Nachbarin,
die auch ich anschreiben durfte, immer mit der mir sehr unsicher
erscheinenden Anschrift „Signora Dottore Vittorio Battista“, dass es
undenkbar sei, uns irgendwo zu treffen, erst recht nicht bei ihr
zuhause und ganz unmöglich in einem Hotel.
Undenkbar? Für mich? Durch hartnäckiges Durchspielen einiger
vielleicht nützlicher Anlässe erfuhr ich beiläufig, dass
im Februar des kommenden Jahres auch in Tarent ein stattlicher Karneval
vorgesehen sei. Da hatte ich einen Einfall, wie üblich, nicht
vernunftgesteuert: Ich fuhr hin.
Meine Reise dauerte zwölf Tage, aber ich kam am Vorabend des
Festhöhepunktes an – in einer in Venedig samt Steuermann und einem
Matrosen geliehenen Goletta. Wir ankerten damit im malerischen Golf von
Tarent. Im Lagerraum hatte ich in Venedig vorsorglich einen kleinen
Vorrat an Champagner und einige Spezialitäten gebunkert.
Das aufwendig maskierte Treiben in Tarent begann mit einer Messe am
frühen Sonntagabend in der Kathedrale San Cataldo. Ohne Dorothees
mir ohne jeden Hintergedanken erwähnte Vorabbeschreibung ihrer
Verkleidung hätte ich ihre hier anwesende Familie vielleicht nicht
erkannt: Sie trug das hier längst nicht mehr modische Gewand einer
römischen Priesterin mit einem Schleier und einer gelben
Augenmaske. Ich erkannte begeistert, dass sie sich diese leichte
Verhüllung noch sehr überzeugend leisten konnte.
Ihr mich gleichfalls außerordentlich interessierender Sohn
Flavius Fridericus war als römischer Hauptmann ausgestattet. Neben
ihr, das war also Vittorio, ihr Mann; so viele Jahre jünger als
ich war der wohl gar nicht! Ich saß in der anderen Bankseite und
richtete es beim gemeinsamen Hinausgehen so ein, dass ich mich vor
ihrer Familie gespielt ungeschickt bücken musste: mein
großer Federbuschhut fiel hin.
Ich entschuldigte mich auf Deutsch für das Aufhalten. Ihr
Hauptmannssohn antwortete: „Das macht doch nichts, mein Herr, ist Ihnen
noch etwas hingefallen?“ Und Dorothea, die mich mit großen und
erschreckten Augen angestarrt hatte, streckte mir impulsiv die Hand hin
und sagte: „Guten Abend! Deutsche Stimmen hört man hier selten.
Seien Sie willkommen!“
Unser Händeschütteln hat gut Hundert Maskierte in der
Kathedrale einige Minuten aufgehalten und am Ende wurde ich in die
Familie eingeladen. Auch Dottore Battista sprach ganz gut deutsch. Sie
hatten eigentlich vor, sich und vor allem ihren Kindern zuliebe auf dem
Marktplatz vom karnevalistischen Treiben erfassen zu lassen, aber
für mich wurde das Programm deutlich erleichtert geändert,
das heißt, die Jugend durfte ohne uns losziehen.
Natürlich ließen Dorothee und ich uns nicht anmerken, dass
wir uns kannten; das hat uns eine schauspielerische Mühe
abverlangt, die wir jedenfalls in den entscheidenden Momenten schwer
aufbringen konnten. Dottore Battista sah uns belustigt einige Male an,
weil er seine, „Doro“ „so ganz anders als sonst“ erlebte, vor allem
hektisch und aufgeregt und eben mit geröteten Wangen.
Ich versuchte ihm den Eindruck zu vermitteln, dass ich mir bis an die
Grenze der Unhöflichkeit aus Frauen nichts machte, aber ich sei
wahnsinnig interessiert an seiner Arbeit. Als er erfuhr, dass mich die
byzantinischen Reste in Unteritalien mehr als alles andere
faszinierten, zog er mich noch vor dem Abendessen in ein Gebäude
am Hafen, in dem er Schätze aufbewahrte, die seine Leute und er
aus dem Boden und aus dem Meer herausgeholt und gesäubert hatten.
Ich war hingerissen und machte mir viele Notizen; er erzählte und
erzählte und fand es großartig, dass ich mich so für
seine Arbeit interessierte.
Ein von Dorothee losgeschickter Nachbarsjunge rief uns
schließlich zum Abendessen. Die Kinder waren noch unterwegs, nur
wir drei saßen uns am Tisch gegenüber. Dottore Battista
bestritt die Unterhaltung fast allein. Ich war so leichtsinnig, nach
seinen bedeutendsten Funden im Meer zu fragen. Erst als er aufsprang,
um aus einem oberen Zimmer eine Statuette zu holen, konnten Dorothee
und ich uns richtig ansehen. Sie reichte mir über den Tisch ihre
Hand und lächelte unwahrscheinlich lieb. „Du bist total
verrückt!“ sagte sie dann leise, als ich ihre Innenhand
küsste. „Wie soll das nur enden?“ „Ich weiß es auch nicht“,
antwortete ich, aber es ist einfach so über mich gekommen.“
Vittorio Battista brachte mir die kleine Bronzefigur eines Satyrs und
strahlte vor Stolz. Ich nahm sie höflich, staunte über den
ihm wohl gerade nicht bewussten Hintersinn, denn diese antiken Kobolde
stellten allen weiblichen Wesen nach und waren selten nüchtern,
aber immer lustig. Ich merkte natürlich sofort, dass er nebenbei
meine Fachkenntnisse prüfen wollte und fragte ihn deshalb: „Sie
haben doch sicher noch viele andere Exemplare dieser massenhaft
verbreiteten Nachbildungen des träumerischen Satyrs von Praxiteles
gefunden? Es gab eben schon immer Reisende, die Andenken mit heim
nehmen wollten.“
Es war ihm sehr peinlich und er holte noch zwei größere
Figuren von oben, die wirklich wertvoller und eben Einzelstücke
waren.
Während er oben war, flüsterte ich: „Kann ich bei dir
schlafen – ich meine natürlich, bei euch?“ Sie geriet in
schlimmste Verlegenheit: „Auf keinen Fall, ich würde es nicht
aushalten!“ antwortete sie. Der Dottore hatte wohl einen
ähnlichen, aber edelmütigeren Einfall: „Sind Sie irgendwo
einquartiert? Können Sie bei uns bleiben?“ Ich sagte
wahrheitsgemäß, dass ich mich in einem Hotel „Palazzo
irgendwas“ eingemietet hatte, in der Nähe des Rathauses…
Wir verabredeten uns für zehn Uhr morgens in seinem Museum. Aber
ungefähr um neun Uhr klopfte es an meiner Hotelzimmertür. Es
war Dorothee und sie flog in mein Bett. Es war zauberhaft, sie, ihre
Haut, ihre Umarmung zu spüren, aufzusaugen, unendlich zu
genießen…
„Du ahnst nicht, wie oft ich von Dir träume und Dich herbeisehne!“
Gebt es zu, Freunde, was kann uns eine Frau Beseligenderes sagen – und
ist es vielleicht auch ein Notschrei?
Ich erzählte es schon: es war Karnevalszeit in Tarent; das ist
dort nicht zu vergleichen mit der manchmal freischwebenden
Ausgelassenheit des rheinischen Karnevals, aber es war eben eine von
den meisten Bewohnern der Stadt für lebenswichtig gehaltene
Abwechslung vom normalen Leben, auch von den strengen geschriebenen und
ungeschriebenen Gesetzen der landesüblichen Moral. Offenbar galt
es als sehr überheblich, wenn nicht noch schlimmer, wenn man sich
nicht beteiligte.
Der Dottore ließ erkennen, dass ihm das Ganze nicht lag,
außerdem erreichte ihn just bei unserem Treffen eine Nachricht,
die vieles veränderte. Ich kam aus naheliegenden Gründen
reichlich zu spät zu unserem Treffen und sah den sonst so besonnen
wirkenden Mann in freudiger Aufgeregtheit: Der Erzbischof von
Manfredónia hatte ihm über seinen Amtsbruder in Tarent
mitgeteilt, dass er ihn unbedingt sofort als Fachmann bei einem
spektakulären Fund brauchte.
In just den Hafen von Manfredónia hatte mein Steuermann mich
eines dunklen Morgen auf der Herfahrt gesteuert; wir haben dort
Proviant gefasst und uns die Füße vertreten. Ich hatte dabei
erfahren, dass der im Volk unvergessene sizilianische König
Manfred die Stadt nördlich eines von einem Erdbeben
verschütteten Städtchens gegründet hatte. Der Dottore
zeigte mir den Ort auf einer Karte; ich überraschte ihn
maßlos mit dem zufällig erinnerten Stichwort „Sipontum“,
denn so hieß die unglücklich versunkene Stadt. Und genau
dorthin rief man ihn. Er war völlig aus dem Häuschen und
überlegte und verwarf wieder, was und wen er alles mitnehmen
musste.
Ich bot ihm an, ihn dorthin zu bringen; ich müsse ohnehin wieder
durch die Adria nach Venedig. Er nahm mein Angebot sofort an, nur: er
müsste eine Kiste mit Gerätschaften mitnehmen, vielleicht
auch einen Gehilfen. Er sagte nicht, wie ich es erwartet hatte: „meine
Frau“. Merkwürdig, dachte ich – und dann spann ich heimlich einen
Gedanken aus, ausreichend verrückt, um in meine Gedankenwelt zu
passen.
Abends war in Tarent ein großes Karnevalsfest angesetzt und die
ganze Familie hatte Plätze in einem Ballsaal reserviert. Der
Dottore erklärte, dafür jetzt „absolut keine Ruhe“ zu haben;
er fand es geradezu ideal, alle aus dem Haus zu haben, damit er sich
auf die Reise am nächsten Morgen vorbereiten konnte. Und dann
wandte er sich an mich: „Barone“, sagte er, „bitte machen Sie mir die
Freude, mich bei diesem Fest zu vertreten. Sie hatten doch sogar schon
einen Karnevalshut aufgehabt.“
Ich unterdrückte mein Jubeln und gab mich zögernd: „Was
werden die Leute denken, ich bin doch ein Fremder…“ Da hatte sein
jüngster Sohn einen fantastischen Einfall: „Der Baron könnte
doch Mutters Bruder sein!“ Darüber haben alle herzlich gelacht und
es sofort machbar gefunden – nur Dorothee und ich taten so, als
fänden wir das sehr absonderlich.
Aber die ganze restliche Familie überbot sich beim abendlichen,
mir zuliebe süddeutschem Maultaschen-Essen darin, Dorothee und
mich erkennbar zu verschwistern: wir mussten uns duzen und ich musste
ihr, Helena bestand darauf, einen Kuss auf die Wange geben. Ich, in der
Rolle eines „Frauenvernachlässigers“, fand das sehr unnötig
und berührte ihre Wange kaum.
Helena, Olympia und Chiro schminkten mich und drängten uns alle
zum Aufbruch. Der Dottore freute sich und bot sich sogar an, den
Abwasch in der Küche zu machen. Er bedankte sich nochmals bei mir
und schlug mir freundschaftlich auf die Schulter. Na, dann! sagte ich
mir. Dorothee sah mich sehr merkwürdig von der Seite an. Auf
geht´s zum Karneval!
Die Kinder hatten ihren Spaß, vor allem an den Clowns und den
Feuerschluckern und an den Tänzerinnen. Als dann alles tanzte,
drängten uns die Kinder, auch mitzutanzen, aber das lehnte ich
heftig ab und behauptete, ein Holzbein zu haben. Helena und Bias
wollten es unbedingt sehen, viele Umstehende auch. Als ich als
Lügner entlarvt war, musste ich mit Dorothee tanzen – und tat das
so überzeugend tölpelhaft, dass man uns in einem Kreis Platz
machte und uns begeistert zusah. Und was glaubt ihr: Sofort machten
sich alle daran, diesen Stolpertanz nachzuahmen; es wurde ein
Heidenspaß und nicht nur die Kinder bogen sich vor Lachen.
Mir war nur eines wichtig: Ja keinen erotischen Verdacht aufkommen zu
lassen. Das ging nach meinem Eindruck so lange gut, bis mich eine
offenbar stadtbekannte Lebedame aufforderte, mit ihr eine Tarantella zu
tanzen. Diesen temperamentvoll sich steigernden Tanz hatte ich nicht
einmal vorher gesehen. Wie ich mich dann gegen ihre überdeutlichen
Avancen gewehrt habe, das muss wieder urkomisch auf alle anderen
gewirkt haben.
Ich war danach total erschöpft. Aber wie das Leben so spielt,
ausgerechnet diese Dame und ich wurden zum Lieblingspaar des Abends
gewählt und bekamen jeder fünf Kisten Wein aus der Region als
Siegespreis.
Dafür mussten wir diesen atemnehmenden Tanz noch einmal tanzen,
theatralisch gesteigert natürlich. Alle Umstehenden
unterstützten die Schellentrommeln und Kastagnetten mit
rhythmischem Klatschen und am Ende mussten wir uns unter aller Applaus
küssen, zweimal noch als Zugabe; sie hat es kräftig
ausgenutzt – ekelhaft!
Die Kinder und Dorothee haben mir Beifall geklatscht. Bias sagte: „Du
warst extrem, Onkel Münch!“ Na, dann hat es ja gelohnt! Wir
deponierten den Wein irgendwo und ich begleitete alle bald heim – eilte
dann schnell und leider von Dorothee ungeküsst und todmüde
ins Hotel.
Dort erwartete mich eine Delegation von würdig aussehenden Herren,
die mir in einem bühnenreifen Stimmendurcheinander irgendetwas
vermitteln wollten; erkennbar nichts Negatives, aber verstanden habe
ich kein Wort.
Sie sahen schließlich ein, dass dieser Umstand ihren freundlichen
Plan unmöglich machte. Ob sie mir irgendein
Bürgerschaftsangebot machen wollten, etwa als Stadtclown? Oder
für noch Wichtigeres? Ich lud sie schließlich alle ein, noch
ein paar Flaschen Spumante, ein für mich schwer trinkbares
Gemisch, mit mir zu leeren. Es wurde bald lustig und sie haben nach
kaum zwei Stunden viel gesungen, was auch dem Wirt durchaus gefiel.
Auf einmal stürmte meine aufgedonnerte Tanzpartnerin von vorhin
herein und auf mich zu. Ich schwankte schon etwas, aber es gelang mir,
sie mit erotischen Andeutungen in einen Nebenraum zu drängen und
dann einen Tisch und einige Stühle davor zu schieben. Die Herren
nahmen lautstark Anteil. Und dann bin ich nach oben in mein Zimmer
geeilt. Dem Wirt und den Herren habe ich noch ein verzweifeltes Zeichen
des Stillschweigens gemacht.
Leider waren sie bereits so hochgestimmt, dass sie meinen Wunsch nicht
respektierten. Es wurde furchtbar laut. Ich konnte am Ende meine Tugend
bewahren, aber an Nachtruhe war lange nicht zu denken. Auf See
würde ich mich ja ausschlafen können, tröstete ich mich.
Wirklich fast pünktlich holte ich den Dottore ab. Es wurde ein
ergreifender, herzlicher Abschied, auch für mich. Es gelang mir,
Dorothee heimlich einen Brief mit dem Vorschlag einer
Begegnungsmöglichkeit zuzustecken. An den Erfolg habe ich nicht
geglaubt.
Vittorio Battista und ich haben uns an Bord prächtig verstanden.
Zweieinhalb Tage später waren wir in Manfredónia; ich habe
ihn noch bis in den Ort begleitet, dann auch von ihm herzlichen
Abschied genommen; er hat mich umarmt. Bestimmt hat er nicht geahnt,
dass mein Schiffchen wieder zurückfuhr und dass ich weiter
südlich in Brindisi auf seine und auch noch auf meine Dorothee
gewartet habe. Eines frühen Abends winkte sie mir von der
Uferstraße aus zu. Ich fühlte mich wie ein Glückspilz.
Meinen Seemännern hatte ich schon seit dem Mittag Urlaub und ein
beachtliches Handgeld mitgegeben und den Hinweis, dass sie mich mit dem
Schiff übermorgen Mittag in Monópoli erwarten sollten; das
läge nur ein paar Wandermeilen südlich. Der Steuermann
verlangte noch eine Extra-Sicherheit für das Schiff; ich gab ihm,
vorsorglich im Tausch gegen seinen, meinen Pass, meine goldene Uhr und
ein Bild meiner Mutter – das genügte ihm. Ein französisches
Sprichwort nimmt eine Weisheit dieses lebensklugen und in der Liebe
unvoreingenommenen Volkes auf: Zu einer glücklichen Ehe
gehören mehr als zwei Menschen. Das wird nicht immer so sein, aber
erstaunlich oft; ich kann das mehrfach beweisen.
Ich segelte einige Meilen weiter südlich und ankerte in
Ufernähe. Ich hatte Vorräte eingekauft, genug, um herrlich an
Bord zu schmausen und zu trinken: wir waren ausgelassen wie
Jungverliebte und erlebten einander sehr wohltuend. Dorothee musste mir
nichts erzählen; als sie sich an mich schmiegte und an meinem Hals
weinte, habe ich sie nur gestreichelt und immer nur einfältig
„Dorothee, meine Dorothee“ gemurmelt. Mehr brauchte auch ich nicht zu
sagen.
Dann sprang sie, wie sie seit Stunden war, nackt ins Meer. Ich
widerstand ihren Lockungen, ihr zu folgen. Es war mir zu riskant, das
Schiff ganz allein zu lassen, nicht einmal wegen des Hais, den ich vor
Tagen in der Adria gesehen hatte – nur so zur Sicherheit. Nach einer
Weile kam sie zurück und ich zog sie an Bord. Ich wollte mich
eigentlich auch abkühlen, aber wir hatten dann doch Wichtigeres
und vor allem Schöneres zu tun – auf ein paar Decken auf den
Planken, unter einem wundervollen Sternenhimmel – ich fand die Welt
wieder einmal unglaublich beglückend.
„Dein rechter Schneidezahn tut mir bei einem langen Kuss immer noch
weh.“ „Warum hat mir das noch keine andere Frau gesagt?“ habe ich
spontan geantwortet und wir haben beide gelacht.
Wir haben draußen geschlafen, immer mal ein bisschen
zwischendurch. Beim Frühstück küsste ich ihre Augen, die
mir rotumrandet auffielen. „Ich habe vor Glück geweint, Frieder“,
sagte sie nach meiner besorgten Frage. „Denk nur, jetzt bin ich so
froh, dass ich dieses völlig unmögliche Abenteuer mitgemacht
habe. Ich spüre jetzt: es war richtig und gut…“
Wir liebten uns noch einmal ganz wundervoll, diesmal in der die
Fantasie herausfordernden Enge unter Deck – und dann drängte sie
mich, sie nach Brindisi zurück zu bringen. „Bitte komm
nächstes und spätestens übernächstes Jahr wieder
vorbei gesegelt, und bleib dann etwas länger. Und vergiss nicht,
dass hier auch ein Frieder lebt. Er will übrigens Advokat werden.“
Knapp vierzehn Monate später ankerte ich wirklich wieder im Golf
von Tarent. Vor zwei Monaten hatte mich ein ganz unbeschwert klingender
Brief von ihr erreicht. Er war ungewöhnlich lange unterwegs
gewesen. Hinten auf den Umschlag war in auffallend ungelenken, dicken
Buchstaben ein Wort hingekritzelt, das offenbar eine sehr ungeübte
Hand darauf geschrieben hatte: es hieß, wie ich von Kundigeren
entziffern und übersetzen ließ „Kommen“. War es eine
Anweisung an meinen Briefzusteller? Ich grübelte lange
darüber und hatte immer stärker ein dunkles, unheimliches
Gefühl. Schließlich bin ich einfach losgereist und wurde
aufgeregter, als ich Tarent näher kam.
Im Garten der Familie Battista hing Wäsche zum Trocknen. Ich nahm
wahr, dass die Stücke irgendwie chaotisch wirkend aufgehängt
waren – aber das wurde mir erst Tage später richtig bewusst.
Vittorio freute sich mächtig, die Kinder begrüßten mich
rührend herzlich, sogar die rotbraune Katze strich mir schnurrend
um die Beine. Natürlich hatte ich für alle kleine Geschenke
in meinem Seesack. Flavius Fridericus fehlte zu meiner
Enttäuschung, weil er in Bologna studiert. Schön, dann
besuche ich ihn auf der Rückreise. In der Küche arbeitet eine
dicke, ältere Frau. Ach, sie leisten sich eine Köchin, eine
gute Entlastung für Dorothee!
Ich blickte mich suchend um: „Dorothee ist wohl gerade beim Einkaufen,
oder?“ Und dann sah ich die Tränen in ihren Augen und ihre
Traurigkeit. Helena umarmte ihre Schwester schluchzend. Sie mussten es
jetzt nicht mehr aussprechen; ich wusste es plötzlich, das nie
Geahnte und nicht für möglich Gehaltene: Dorothee lebte nicht
mehr.
Vittorio hatte sie in mehrere Hospitäler begleitet; die Diagnose
war unter den gegebenen Möglichkeiten hoffnungslos; mehrere
Ärzte hatten es ihm gesagt und er hatte es ihr nicht verschwiegen.
Sie haben dieses Wissen gemeinsam bewältigt oder es wenigstens
versucht. „Das war wenige Wochen vor Deinem Besuch bei uns“, sagte
Vittorio. Und dann sagte er etwas, das mich völlig verstörte:
„Ich bin dankbar, dass Ihr Euch noch einmal getroffen habt“. „Das
heißt…, bedeutet das, Du hast alles gewusst?“ stotterte ich und
schämte mich in Grund und Boden. Vittorio lächelte
wehmütig und legte seine Hand auf meine Schulter: „Wir haben eine
wunderbare Frau geliebt, Münchhausen. Sie hatte keine Geheimnisse
vor mir. Aber auch keine Gewissensbisse wegen Dir.“
Ich hatte Mühe, das zu verarbeiten. Nach einer Weile sagte er noch
etwas Wichtiges zu mir: „Es soll uns trösten: Sie ist nicht
für immer fort. Uns beiden und den Kindern bleibt sie für
immer.“ Ich bin mit nassen Augen aus dem Haus gegangen und davor, am
Gitter ihrer drei Ziegen, tief atmend stehen geblieben.
Eine Kinderhand schob sich später in meine. Olympia schaute zu mir
hoch und sagte: „Du hast Glück, Onkel Münch: Heute gibt es
Milchreisauflauf mit Zimt, wie Mutter ihn immer gemacht hat. Und
Aprikosenkompott. Das ist mein Lieblingsessen. Deins auch?“ „Darauf
freue ich mich schon lange, Olympia!“ „Dann komm endlich, ich hab einen
furchtbaren Hunger!“
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