Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
©  Willem de Haan
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Tarantella tanzen in Tarent

Ja, auch in Italien gibt es Karneval. Ein Ereignis, das wohl einfach erfunden werden musste – zur Seelenreinigung, als Notöffnung, als Bedürfnis, sich einmal lustig zu machen über bestehende und angemaßte Ordnungen, die einen dauernd ärgerten – und dann erstarrte dies alles wieder in einer sehr bürgerlichen, manchmal spießbürgerlichen Form, die nur aufwendig nachahmte und für wichtig gehalten werden wollte – c´est la vie!

Ihr habt sicher mal vom Karneval in Venedig gehört, ja? Davon würdet ihr sicher gern mehr erfahren. Aber mir ging es wie euch: Ich war noch nie da, jedenfalls nicht an seinem Höhepunkt. Aber so ganz weit weg davon war ich auch wieder nicht, immerhin an der Hacke des italienischen Stiefels. Mein gemietetes Schiffchen ankerte eines Tages in der Bucht von Tarent. Der Einfall war spontan und verrückt gewesen – und es ging wieder einmal ganz anders aus als gedacht.

Ihr erinnert Euch an die Archäologie-Helferin Dorothee aus Göttingen, die mich nach meiner Rückkehr auf die Erde aus dem Staub gebuddelt und danach meine Eingewöhnung in das Erdendasein wundervoll beschleunigt hat. Wir haben uns nach einer uns glücklich machenden Zeit trennen müssen, jedenfalls meinte ich das damals ihr zuliebe. Aber wir haben nicht aufhören müssen und können, einander zu lieben und einander im Herzen zu haben.

Nun, das Leben hat uns weiter getrieben; ihr Glück schien beständiger zu sein als meines. Ich wusste, dass sie Jahre später mit ihrer wachsenden Familie von Ravenna nach Tarent umgezogen war.

Ihr Mann, ein Archäologe, den sie als Kollegen ihres Vaters kennengelernt hatte, leitete in Unteritalien die Ausgrabungen und die Bergung der dort reichlich vorhandenen antiken Überreste.

Dorothee und ich haben uns so sehr geliebt, dass wir unsere innigen Erlebnisse nicht einfach hinter uns lassen konnten. Es gab über die Jahre einige heimliche Briefe zwischen uns, die ersten zuverlässig befördert von nach Italien reisenden Geistlichen. Diese Dienste brachte mir der einst für eine vermittelte Domspende in Köln dankbar verliehene „Päpstliche Hausorden“ ein. Dorothee schrieb mir danach mehrere Male über eine alte Nachbarin, die auch ich anschreiben durfte, immer mit der mir sehr unsicher erscheinenden Anschrift „Signora Dottore Vittorio Battista“, dass es undenkbar sei, uns irgendwo zu treffen, erst recht nicht bei ihr zuhause und ganz unmöglich in einem Hotel.

Undenkbar? Für mich? Durch hartnäckiges Durchspielen einiger vielleicht nützlicher Anlässe erfuhr ich beiläufig, dass im Februar des kommenden Jahres auch in Tarent ein stattlicher Karneval vorgesehen sei. Da hatte ich einen Einfall, wie üblich, nicht vernunftgesteuert: Ich fuhr hin.

Meine Reise dauerte zwölf Tage, aber ich kam am Vorabend des Festhöhepunktes an – in einer in Venedig samt Steuermann und einem Matrosen geliehenen Goletta. Wir ankerten damit im malerischen Golf von Tarent. Im Lagerraum hatte ich in Venedig vorsorglich einen kleinen Vorrat an Champagner und einige Spezialitäten gebunkert.

Das aufwendig maskierte Treiben in Tarent begann mit einer Messe am frühen Sonntagabend in der Kathedrale San Cataldo. Ohne Dorothees mir ohne jeden Hintergedanken erwähnte Vorabbeschreibung ihrer Verkleidung hätte ich ihre hier anwesende Familie vielleicht nicht erkannt: Sie trug das hier längst nicht mehr modische Gewand einer römischen Priesterin mit einem Schleier und einer gelben Augenmaske. Ich erkannte begeistert, dass sie sich diese leichte Verhüllung noch sehr überzeugend leisten konnte.

Ihr mich gleichfalls außerordentlich interessierender Sohn Flavius Fridericus war als römischer Hauptmann ausgestattet. Neben ihr, das war also Vittorio, ihr Mann; so viele Jahre jünger als ich war der wohl gar nicht! Ich saß in der anderen Bankseite und richtete es beim gemeinsamen Hinausgehen so ein, dass ich mich vor ihrer Familie gespielt ungeschickt bücken musste: mein großer Federbuschhut fiel hin.

Ich entschuldigte mich auf Deutsch für das Aufhalten. Ihr Hauptmannssohn antwortete: „Das macht doch nichts, mein Herr, ist Ihnen noch etwas hingefallen?“ Und Dorothea, die mich mit großen und erschreckten Augen angestarrt hatte, streckte mir impulsiv die Hand hin und sagte: „Guten Abend! Deutsche Stimmen hört man hier selten. Seien Sie willkommen!“

Unser Händeschütteln hat gut Hundert Maskierte in der Kathedrale einige Minuten aufgehalten und am Ende wurde ich in die Familie eingeladen. Auch Dottore Battista sprach ganz gut deutsch. Sie hatten eigentlich vor, sich und vor allem ihren Kindern zuliebe auf dem Marktplatz vom karnevalistischen Treiben erfassen zu lassen, aber für mich wurde das Programm deutlich erleichtert geändert, das heißt, die Jugend durfte ohne uns losziehen.

Natürlich ließen Dorothee und ich uns nicht anmerken, dass wir uns kannten; das hat uns eine schauspielerische Mühe abverlangt, die wir jedenfalls in den entscheidenden Momenten schwer aufbringen konnten. Dottore Battista sah uns belustigt einige Male an, weil er seine, „Doro“ „so ganz anders als sonst“ erlebte, vor allem hektisch und aufgeregt und eben mit geröteten Wangen.

Ich versuchte ihm den Eindruck zu vermitteln, dass ich mir bis an die Grenze der Unhöflichkeit aus Frauen nichts machte, aber ich sei wahnsinnig interessiert an seiner Arbeit. Als er erfuhr, dass mich die byzantinischen Reste in Unteritalien mehr als alles andere faszinierten, zog er mich noch vor dem Abendessen in ein Gebäude am Hafen, in dem er Schätze aufbewahrte, die seine Leute und er aus dem Boden und aus dem Meer herausgeholt und gesäubert hatten. Ich war hingerissen und machte mir viele Notizen; er erzählte und erzählte und fand es großartig, dass ich mich so für seine Arbeit interessierte.

Ein von Dorothee losgeschickter Nachbarsjunge rief uns schließlich zum Abendessen. Die Kinder waren noch unterwegs, nur wir drei saßen uns am Tisch gegenüber. Dottore Battista bestritt die Unterhaltung fast allein. Ich war so leichtsinnig, nach seinen bedeutendsten Funden im Meer zu fragen. Erst als er aufsprang, um aus einem oberen Zimmer eine Statuette zu holen, konnten Dorothee und ich uns richtig ansehen. Sie reichte mir über den Tisch ihre Hand und lächelte unwahrscheinlich lieb. „Du bist total verrückt!“ sagte sie dann leise, als ich ihre Innenhand küsste. „Wie soll das nur enden?“ „Ich weiß es auch nicht“, antwortete ich, aber es ist einfach so über mich gekommen.“

Vittorio Battista brachte mir die kleine Bronzefigur eines Satyrs und strahlte vor Stolz. Ich nahm sie höflich, staunte über den ihm wohl gerade nicht bewussten Hintersinn, denn diese antiken Kobolde stellten allen weiblichen Wesen nach und waren selten nüchtern, aber immer lustig. Ich merkte natürlich sofort, dass er nebenbei meine Fachkenntnisse prüfen wollte und fragte ihn deshalb: „Sie haben doch sicher noch viele andere Exemplare dieser massenhaft verbreiteten Nachbildungen des träumerischen Satyrs von Praxiteles gefunden? Es gab eben schon immer Reisende, die Andenken mit heim nehmen wollten.“

Es war ihm sehr peinlich und er holte noch zwei größere Figuren von oben, die wirklich wertvoller und eben Einzelstücke waren.

Während er oben war, flüsterte ich: „Kann ich bei dir schlafen – ich meine natürlich, bei euch?“ Sie geriet in schlimmste Verlegenheit: „Auf keinen Fall, ich würde es nicht aushalten!“ antwortete sie. Der Dottore hatte wohl einen ähnlichen, aber edelmütigeren Einfall: „Sind Sie irgendwo einquartiert? Können Sie bei uns bleiben?“ Ich sagte wahrheitsgemäß, dass ich mich in einem Hotel „Palazzo irgendwas“ eingemietet hatte, in der Nähe des Rathauses…

Wir verabredeten uns für zehn Uhr morgens in seinem Museum. Aber ungefähr um neun Uhr klopfte es an meiner Hotelzimmertür. Es war Dorothee und sie flog in mein Bett. Es war zauberhaft, sie, ihre Haut, ihre Umarmung zu spüren, aufzusaugen, unendlich zu genießen…

„Du ahnst nicht, wie oft ich von Dir träume und Dich herbeisehne!“ Gebt es zu, Freunde, was kann uns eine Frau Beseligenderes sagen – und ist es vielleicht auch ein Notschrei?

Ich erzählte es schon: es war Karnevalszeit in Tarent; das ist dort nicht zu vergleichen mit der manchmal freischwebenden Ausgelassenheit des rheinischen Karnevals, aber es war eben eine von den meisten Bewohnern der Stadt für lebenswichtig gehaltene Abwechslung vom normalen Leben, auch von den strengen geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen der landesüblichen Moral. Offenbar galt es als sehr überheblich, wenn nicht noch schlimmer, wenn man sich nicht beteiligte.

Der Dottore ließ erkennen, dass ihm das Ganze nicht lag, außerdem erreichte ihn just bei unserem Treffen eine Nachricht, die vieles veränderte. Ich kam aus naheliegenden Gründen reichlich zu spät zu unserem Treffen und sah den sonst so besonnen wirkenden Mann in freudiger Aufgeregtheit: Der Erzbischof von Manfredónia hatte ihm über seinen Amtsbruder in Tarent mitgeteilt, dass er ihn unbedingt sofort als Fachmann bei einem spektakulären Fund brauchte.

In just den Hafen von Manfredónia hatte mein Steuermann mich eines dunklen Morgen auf der Herfahrt gesteuert; wir haben dort Proviant gefasst und uns die Füße vertreten. Ich hatte dabei erfahren, dass der im Volk unvergessene sizilianische König Manfred die Stadt nördlich eines von einem Erdbeben verschütteten Städtchens gegründet hatte. Der Dottore zeigte mir den Ort auf einer Karte; ich überraschte ihn maßlos mit dem zufällig erinnerten Stichwort „Sipontum“, denn so hieß die unglücklich versunkene Stadt. Und genau dorthin rief man ihn. Er war völlig aus dem Häuschen und überlegte und verwarf wieder, was und wen er alles mitnehmen musste.

Ich bot ihm an, ihn dorthin zu bringen; ich müsse ohnehin wieder durch die Adria nach Venedig. Er nahm mein Angebot sofort an, nur: er müsste eine Kiste mit Gerätschaften mitnehmen, vielleicht auch einen Gehilfen. Er sagte nicht, wie ich es erwartet hatte: „meine Frau“. Merkwürdig, dachte ich – und dann spann ich heimlich einen Gedanken aus, ausreichend verrückt, um in meine Gedankenwelt zu passen.

Abends war in Tarent ein großes Karnevalsfest angesetzt und die ganze Familie hatte Plätze in einem Ballsaal reserviert. Der Dottore erklärte, dafür jetzt „absolut keine Ruhe“ zu haben; er fand es geradezu ideal, alle aus dem Haus zu haben, damit er sich auf die Reise am nächsten Morgen vorbereiten konnte. Und dann wandte er sich an mich: „Barone“, sagte er, „bitte machen Sie mir die Freude, mich bei diesem Fest zu vertreten. Sie hatten doch sogar schon einen Karnevalshut aufgehabt.“

Ich unterdrückte mein Jubeln und gab mich zögernd: „Was werden die Leute denken, ich bin doch ein Fremder…“ Da hatte sein jüngster Sohn einen fantastischen Einfall: „Der Baron könnte doch Mutters Bruder sein!“ Darüber haben alle herzlich gelacht und es sofort machbar gefunden – nur Dorothee und ich taten so, als fänden wir das sehr absonderlich.

Aber die ganze restliche Familie überbot sich beim abendlichen, mir zuliebe süddeutschem Maultaschen-Essen darin, Dorothee und mich erkennbar zu verschwistern: wir mussten uns duzen und ich musste ihr, Helena bestand darauf, einen Kuss auf die Wange geben. Ich, in der Rolle eines „Frauenvernachlässigers“, fand das sehr unnötig und berührte ihre Wange kaum.

Helena, Olympia und Chiro schminkten mich und drängten uns alle zum Aufbruch. Der Dottore freute sich und bot sich sogar an, den Abwasch in der Küche zu machen. Er bedankte sich nochmals bei mir und schlug mir freundschaftlich auf die Schulter. Na, dann! sagte ich mir. Dorothee sah mich sehr merkwürdig von der Seite an. Auf geht´s zum Karneval!

Die Kinder hatten ihren Spaß, vor allem an den Clowns und den Feuerschluckern und an den Tänzerinnen. Als dann alles tanzte, drängten uns die Kinder, auch mitzutanzen, aber das lehnte ich heftig ab und behauptete, ein Holzbein zu haben. Helena und Bias wollten es unbedingt sehen, viele Umstehende auch. Als ich als Lügner entlarvt war, musste ich mit Dorothee tanzen – und tat das so überzeugend tölpelhaft, dass man uns in einem Kreis Platz machte und uns begeistert zusah. Und was glaubt ihr: Sofort machten sich alle daran, diesen Stolpertanz nachzuahmen; es wurde ein Heidenspaß und nicht nur die Kinder bogen sich vor Lachen.

Mir war nur eines wichtig: Ja keinen erotischen Verdacht aufkommen zu lassen. Das ging nach meinem Eindruck so lange gut, bis mich eine offenbar stadtbekannte Lebedame aufforderte, mit ihr eine Tarantella zu tanzen. Diesen temperamentvoll sich steigernden Tanz hatte ich nicht einmal vorher gesehen. Wie ich mich dann gegen ihre überdeutlichen Avancen gewehrt habe, das muss wieder urkomisch auf alle anderen gewirkt haben.

Ich war danach total erschöpft. Aber wie das Leben so spielt, ausgerechnet diese Dame und ich wurden zum Lieblingspaar des Abends gewählt und bekamen jeder fünf Kisten Wein aus der Region als Siegespreis.

Dafür mussten wir diesen atemnehmenden Tanz noch einmal tanzen, theatralisch gesteigert natürlich. Alle Umstehenden unterstützten die Schellentrommeln und Kastagnetten mit rhythmischem Klatschen und am Ende mussten wir uns unter aller Applaus küssen, zweimal noch als Zugabe; sie hat es kräftig ausgenutzt – ekelhaft!

Die Kinder und Dorothee haben mir Beifall geklatscht. Bias sagte: „Du warst extrem, Onkel Münch!“ Na, dann hat es ja gelohnt! Wir deponierten den Wein irgendwo und ich begleitete alle bald heim – eilte dann schnell und leider von Dorothee ungeküsst und todmüde ins Hotel.

Dort erwartete mich eine Delegation von würdig aussehenden Herren, die mir in einem bühnenreifen Stimmendurcheinander irgendetwas vermitteln wollten; erkennbar nichts Negatives, aber verstanden habe ich kein Wort.

Sie sahen schließlich ein, dass dieser Umstand ihren freundlichen Plan unmöglich machte. Ob sie mir irgendein Bürgerschaftsangebot machen wollten, etwa als Stadtclown? Oder für noch Wichtigeres? Ich lud sie schließlich alle ein, noch ein paar Flaschen Spumante, ein für mich schwer trinkbares Gemisch, mit mir zu leeren. Es wurde bald lustig und sie haben nach kaum zwei Stunden viel gesungen, was auch dem Wirt durchaus gefiel.

Auf einmal stürmte meine aufgedonnerte Tanzpartnerin von vorhin herein und auf mich zu. Ich schwankte schon etwas, aber es gelang mir, sie mit erotischen Andeutungen in einen Nebenraum zu drängen und dann einen Tisch und einige Stühle davor zu schieben. Die Herren nahmen lautstark Anteil. Und dann bin ich nach oben in mein Zimmer geeilt. Dem Wirt und den Herren habe ich noch ein verzweifeltes Zeichen des Stillschweigens gemacht.

Leider waren sie bereits so hochgestimmt, dass sie meinen Wunsch nicht respektierten. Es wurde furchtbar laut. Ich konnte am Ende meine Tugend bewahren, aber an Nachtruhe war lange nicht zu denken. Auf See würde ich mich ja ausschlafen können, tröstete ich mich.

Wirklich fast pünktlich holte ich den Dottore ab. Es wurde ein ergreifender, herzlicher Abschied, auch für mich. Es gelang mir, Dorothee heimlich einen Brief mit dem Vorschlag einer Begegnungsmöglichkeit zuzustecken. An den Erfolg habe ich nicht geglaubt.

Vittorio Battista und ich haben uns an Bord prächtig verstanden. Zweieinhalb Tage später waren wir in Manfredónia; ich habe ihn noch bis in den Ort begleitet, dann auch von ihm herzlichen Abschied genommen; er hat mich umarmt. Bestimmt hat er nicht geahnt, dass mein Schiffchen wieder zurückfuhr und dass ich weiter südlich in Brindisi auf seine und auch noch auf meine Dorothee gewartet habe. Eines frühen Abends winkte sie mir von der Uferstraße aus zu. Ich fühlte mich wie ein Glückspilz.
 
Meinen Seemännern hatte ich schon seit dem Mittag Urlaub und ein beachtliches Handgeld mitgegeben und den Hinweis, dass sie mich mit dem Schiff übermorgen Mittag in Monópoli erwarten sollten; das läge nur ein paar Wandermeilen südlich. Der Steuermann verlangte noch eine Extra-Sicherheit für das Schiff; ich gab ihm, vorsorglich im Tausch gegen seinen, meinen Pass, meine goldene Uhr und ein Bild meiner Mutter – das genügte ihm. Ein französisches Sprichwort nimmt eine Weisheit dieses lebensklugen und in der Liebe unvoreingenommenen Volkes auf: Zu einer glücklichen Ehe gehören mehr als zwei Menschen. Das wird nicht immer so sein, aber erstaunlich oft; ich kann das mehrfach beweisen.

Ich segelte einige Meilen weiter südlich und ankerte in Ufernähe. Ich hatte Vorräte eingekauft, genug, um herrlich an Bord zu schmausen und zu trinken: wir waren ausgelassen wie Jungverliebte und erlebten einander sehr wohltuend. Dorothee musste mir nichts erzählen; als sie sich an mich schmiegte und an meinem Hals weinte, habe ich sie nur gestreichelt und immer nur einfältig „Dorothee, meine Dorothee“ gemurmelt. Mehr brauchte auch ich nicht zu sagen.

Dann sprang sie, wie sie seit Stunden war, nackt ins Meer. Ich widerstand ihren Lockungen, ihr zu folgen. Es war mir zu riskant, das Schiff ganz allein zu lassen, nicht einmal wegen des Hais, den ich vor Tagen in der Adria gesehen hatte – nur so zur Sicherheit. Nach einer Weile kam sie zurück und ich zog sie an Bord. Ich wollte mich eigentlich auch abkühlen, aber wir hatten dann doch Wichtigeres und vor allem Schöneres zu tun – auf ein paar Decken auf den Planken, unter einem wundervollen Sternenhimmel – ich fand die Welt wieder einmal unglaublich beglückend.

„Dein rechter Schneidezahn tut mir bei einem langen Kuss immer noch weh.“ „Warum hat mir das noch keine andere Frau gesagt?“ habe ich spontan geantwortet und wir haben beide gelacht.

Wir haben draußen geschlafen, immer mal ein bisschen zwischendurch. Beim Frühstück küsste ich ihre Augen, die mir rotumrandet auffielen. „Ich habe vor Glück geweint, Frieder“, sagte sie nach meiner besorgten Frage. „Denk nur, jetzt bin ich so froh, dass ich dieses völlig unmögliche Abenteuer mitgemacht habe. Ich spüre jetzt: es war richtig und gut…“

Wir liebten uns noch einmal ganz wundervoll, diesmal in der die Fantasie herausfordernden Enge unter Deck – und dann drängte sie mich, sie nach Brindisi zurück zu bringen. „Bitte komm nächstes und spätestens übernächstes Jahr wieder vorbei gesegelt, und bleib dann etwas länger. Und vergiss nicht, dass hier auch ein Frieder lebt. Er will übrigens Advokat werden.“

Knapp vierzehn Monate später ankerte ich wirklich wieder im Golf von Tarent. Vor zwei Monaten hatte mich ein ganz unbeschwert klingender Brief von ihr erreicht. Er war ungewöhnlich lange unterwegs gewesen. Hinten auf den Umschlag war in auffallend ungelenken, dicken Buchstaben ein Wort hingekritzelt, das offenbar eine sehr ungeübte Hand darauf geschrieben hatte: es hieß, wie ich von Kundigeren entziffern und übersetzen ließ „Kommen“. War es eine Anweisung an meinen Briefzusteller? Ich grübelte lange darüber und hatte immer stärker ein dunkles, unheimliches Gefühl. Schließlich bin ich einfach losgereist und wurde aufgeregter, als ich Tarent näher kam.

Im Garten der Familie Battista hing Wäsche zum Trocknen. Ich nahm wahr, dass die Stücke irgendwie chaotisch wirkend aufgehängt waren – aber das wurde mir erst Tage später richtig bewusst. Vittorio freute sich mächtig, die Kinder begrüßten mich rührend herzlich, sogar die rotbraune Katze strich mir schnurrend um die Beine. Natürlich hatte ich für alle kleine Geschenke in meinem Seesack. Flavius Fridericus fehlte zu meiner Enttäuschung, weil er in Bologna studiert. Schön, dann besuche ich ihn auf der Rückreise. In der Küche arbeitet eine dicke, ältere Frau. Ach, sie leisten sich eine Köchin, eine gute Entlastung für Dorothee!

Ich blickte mich suchend um: „Dorothee ist wohl gerade beim Einkaufen, oder?“ Und dann sah ich die Tränen in ihren Augen und ihre Traurigkeit. Helena umarmte ihre Schwester schluchzend. Sie mussten es jetzt nicht mehr aussprechen; ich wusste es plötzlich, das nie Geahnte und nicht für möglich Gehaltene: Dorothee lebte nicht mehr.

Vittorio hatte sie in mehrere Hospitäler begleitet; die Diagnose war unter den gegebenen Möglichkeiten hoffnungslos; mehrere Ärzte hatten es ihm gesagt und er hatte es ihr nicht verschwiegen. Sie haben dieses Wissen gemeinsam bewältigt oder es wenigstens versucht. „Das war wenige Wochen vor Deinem Besuch bei uns“, sagte Vittorio. Und dann sagte er etwas, das mich völlig verstörte: „Ich bin dankbar, dass Ihr Euch noch einmal getroffen habt“. „Das heißt…, bedeutet das, Du hast alles gewusst?“ stotterte ich und schämte mich in Grund und Boden. Vittorio lächelte wehmütig und legte seine Hand auf meine Schulter: „Wir haben eine wunderbare Frau geliebt, Münchhausen. Sie hatte keine Geheimnisse vor mir. Aber auch keine Gewissensbisse wegen Dir.“

Ich hatte Mühe, das zu verarbeiten. Nach einer Weile sagte er noch etwas Wichtiges zu mir: „Es soll uns trösten: Sie ist nicht für immer fort. Uns beiden und den Kindern bleibt sie für immer.“ Ich bin mit nassen Augen aus dem Haus gegangen und davor, am Gitter ihrer drei Ziegen, tief atmend stehen geblieben.

Eine Kinderhand schob sich später in meine. Olympia schaute zu mir hoch und sagte: „Du hast Glück, Onkel Münch: Heute gibt es Milchreisauflauf mit Zimt, wie Mutter ihn immer gemacht hat. Und Aprikosenkompott. Das ist mein Lieblingsessen. Deins auch?“ „Darauf freue ich mich schon lange, Olympia!“ „Dann komm endlich, ich hab einen furchtbaren Hunger!“

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
Impressum und Kontakt




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