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Stille Zeit und alte
Bräuche
Als es dämmerte, lenkte ich meine braven Ziehfische auf die Insel
zu. Am Ufer schlief ich erschöpft ein, nachdem ich die Delfine mit
letzter Kraft von ihren Zügeln und Zugseilen befreit hatte.
Ich erwachte frierend im warmen Sonnenschein. Das Meer rauschte hinter
mir, ich lag im Sand und sah mich von vielen schwarz gekleideten,
bärtigen Männern umringt, die mich seltsam erwartungsvoll und
ehrerbietig zugleich ansahen: Ich war auf einer Klosterinsel gelandet.
Die Männer hoben mich auf und umarmten mich lachend und
küssten meine Wangen. Ich durfte mich hier sicher und willkommen
fühlen – obwohl es mir etwas unheimlich war.
Ich muss euch sagen, Freunde: Frauen sind mein Lebens-Elexier und ich
kann mir ein Leben ohne Frauen nicht vorstellen. Aber seht, ich hatte
eindrucksstarke Erlebnisse mit Frauen in meinen jüngeren und
mittleren Jahren und als reifer Mann hatte ich zuletzt fast sechs Jahre
mit über sechzig Frauen eng zusammengelebt. Ich muss euch aber zu
meiner eigenen Verwunderung von damals berichten, dass mich die Ahnung,
fortan eine Weile in einer Männerwelt leben zu müssen, gar
nicht erschreckt hat.
Die Mönche machten es mir leicht. Sie betrachteten mich als ein
Geschenk des Himmels, denn sie hatten seit Wochen um einen neuen Abt
gebetet, weil ihr früherer Vorsteher ihnen auf dem Sterbelager
befohlen hatte, betend auf seinen Nachfolger zu warten. Sie hatten ihn
so verstanden, dass er ihnen von weither geschickt werden würde.
Das Leben in diesem Kloster empfand und empfinde ich als den bisher
eindringlichsten Teil meines Lebens.
Die Mönche verehrten mich, was ich kaum begreifen konnte. Ich
sprach ihre Sprache nicht, ich konnte nur noch wenig Latein und so
führte ich bei ihnen die alte und von mir glücklicherweise
erinnerte uralte mönchische Übung des Schweigens ein. Wir
schwiegen zusammen, nur unterbrochen von ihren ergreifenden
Gesängen bei den gemeinsamen Stundengebeten und den
Gottesdiensten. Ich fand es mit einem Mal wichtig, mich in Demut und im
Dienen zu üben und abgebend reich zu werden.
Meinen Part bei den Gottesdiensten lernte ich vom ältesten Bruder,
den ich bat, mich in ihre Gewohnheiten einzuführen. Dass ich beim
Abnehmen der Beichte von den Menschen der weiten Umgebung kein Wort
verstand, wertete ich nicht als Nachteil; ich sprach sie umso
überzeugter von ihren Sünden frei.
Wir Klosterbrüder schwiegen und lauschten und hörten
unendlich viel. Wir verstanden uns lächelnd und wir lebten
glücklich in der uns lieb werdenden Stille. Nie möchte ich
diese Erfahrungen missen. Sie wurden ein Kraftquell für mein
ganzes weiteres Leben.
Ich förderte die Brüder in ihren vielfältigen Begabungen
und ermutigte sie zu mancherlei Arbeit. Wir verbesserten den Weinbau
und die Herstellung von Schafs-und Ziegenkäse und schufen
besonders in den Wintermonaten fromme Kunstwerke: lkonen, Holzfiguren
und kunstvoll verzierte, handgeschriebene und kostbar gebundene
Bücher. Wir erreichten, dass Händler vom Festland
regelmäßig unsere Waren und die Kunstwerke abholten.
Ich lernte staunend, wie die Klostergemeinschaft mit einigen seit
langem geübten Bräuchen in das gesellschaftliche Leben der
weiten Region einbezogen war. Einer meiner Vorgänger hatte eine
tiefgreifende soziale Neuerung eingeführt: Aus der Umgebung kamen
allein lebende Frauen, die nicht mehr auf eine Heirat hoffen oder
warten mochten, und boten uns ihre Dienste in der Haus und
Landwirtschaft, in den Weinbergen und in der Gestaltung unserer Feiern
an.
Überall war ihr wohltuendes Wirken zu spüren: in den durch
sie geschmückten und reinlich gehaltenen Zellen, in allen
Räumen, im Garten, und nicht zuletzt in den Gesichtern der
Brüder: Sie waren nach der Landessitte für alle Frauen
über Fünfunddreißig vollkommen schwarz gekleidet, aber
ich erkannte, dass sie trotzdem Engel waren.
Anfangs waren die Brüder sichtlich in Sorge, ob ich diese
Lebensgemeinschaft mittragen würde, aber ich fand sie
erhaltenswert und habe zugestimmt, dass die Frauen mit uns zusammen
aßen; das Kochen hatten meine Brüder ihnen ja auch
längst überlassen. Als Neuerung brachte ich ihnen bei, Dame
zu spielen; ich fand, dass sich das Spiel sehr günstig auf ihr
Sozialverhalten ausgewirkt hat.
Ein frommer Brauch hat mich stark beeindruckt: Am Vorabend des jeweils
ersten Mai und Oktobersonntags pflegten viele junge Männer von der
Küste in Ruderbooten unsere Klosterinsel anzusteuern. An Bord
hatten sie ihre Liebsten, die sichtlich aufgeregt auf ein wohl lange
erwartetes Ereignis hinfieberten. Meine Brüder standen am
Landungssteg und holten die sämtlich weiß gekleideten jungen
Frauen mit feierlichen Gesichtern ab und geleiteten sie in den
Klosterhof. Die jungen Männer wurden, auch offenbar traditionell,
unten am Landungssteg üppig mit Braten und Wein und vielen
Leckereien bewirtet.
In unserem Hof hatten die Brüder zusammen mit den bei uns lebenden
Frauen eine festliche Tafel geschmückt. Die Gäste wurden mit
Köstlichkeiten aus Küche und Keller verwöhnt. Dazu gab
es eine ungewohnt leicht klingende Musik, die sonst nie zu hören
gewesen war.
Als es dämmerig wurde, führten die Brüder die jungen
Frauen einzeln in den Weinbergen herum und ließen sich von ihnen
vermutlich schildern, welche Sünden sie schon erlebt hatten und
auf welche sie sich noch freuten. Man erwartete von den sich betont
würdevoll gebenden Brüdern offenbar, dass sie die jungen
Frauen auf eine geheimnisvolle Weise mit einem Jahrzehnte wirkenden
Zauber auf die körperliche und seelische Liebe vorbereiteten.
Viele Brüder wurden bei diesem verantwortungsvollen Wirken von
unseren in manchen Lebensfragen erfahreneren Frauen unterstützt.
Lange nach Mitternacht geleiteten meine Brüder die nun besser aufs
Leben vorbereiteten Frauen zu ihren Liebsten zurück, die sie
freudig empfingen. Es war ergreifend, wie dankbar die jungen Leute von
uns Abschied nahmen. Sie küssten uns die Hände und sangen und
winkten und ruderten anschließend auf die winzige Nachbarinsel;
dort feierten sie in der restlichen Nacht ein Liebesfest. Ihre
Lustschreie hörten wir übers Meer noch lange bis in unsere
Zellen hinüber.
Auf mich kam eine wichtigere Kulturarbeit zu: Kein Hochzeitspaar aus
drei Tagesreisen im Umkreis wagte es, auf meine besondere Segnung zu
verzichten. Gegen eine stattliche Naturalien-und Geldspende an das
Kloster übernahm es der Abt offenbar seit alters her, die meist
junge und in ein langes weißes Leinenhemd gekleidete Frau in der
Nacht vor der Hochzeit sieben sorgfältig geläutete
Viertelstunden lang an seiner Brust zu halten und am Ende eines zur
Liebe mahnenden Gespräches siebenmal mit seinen Lippen die Stelle
zu berühren, unter der ihr Herz schlug. Das würde dann nach
fester Auffassung der Bevölkerung eine lebenslang wunderbare
Wirkung haben. Ich finde: Glauben muss man nicht beweisen, aber
respektieren.
Der große Andrang machte es notwendig, jeweils zwei oder drei
Bräute gleichzeitig zu mir einzuladen. Und der großen
Verantwortung wegen habe ich diese Zeremonie mit den Bräuten
jeweils einige Male in der ihnen so wichtigen Nacht wiederholt und noch
etwas zusätzlich eingeführt, ich weiß aber heute nicht
mehr genau, was, aber mich könnte eine sehr weltliche
Lusteingebung darauf gebracht haben.
Nach vier Stunden und vierundvierzig Minuten ließ ich die
Bräute wieder zu ihren sie aufgeregt erwartenden Männern
führen.
Vor meiner Zeit galt es als selbstverständlich, dass der Schoss
der Frau für den Bräutigam aufbewahrt bleiben musste; das war
ja auch die Regel für meine Brüder und die jungen Frauen bei
den Mai-und Oktobersonntagen. In Griechenland waren die Liebespaare
schon vor Jahrhunderten auf weitere, in anderen Ländern noch wenig
bekannte oder gar von Sittenwächtern verbotene Möglichkeiten
der Lustbereitung gekommen. Für meine Brautnächte konnte ich
diese Regelung ändern, weil für die Frauen kein
Schwangerschaftsrisiko bestand. Die Menschen sahen darin so etwas wie
ein heiliges Geheimnis und die Frauen waren geradezu gierig, es mit mir
zu teilen.
Immerhin haben diese wichtig zu nehmenden Pflichten angesichts des
großen Andrangs meine Zeit so beansprucht, dass ich meinen
Stellvertreter oft um seine Mitwirkung bitten musste; er nahm es mit
demütigem Seufzen auf sich.
Die uns oft besuchenden Händler müssen übertrieben
Rühmendes über mich in ihren Städten und Dörfern
verbreitet haben, jedenfalls kamen eines Tages einige geistliche
Würdenträger übers Meer auf unsere Insel und trugen mir,
nach reichlich Hammelbraten und gutem Rotwein, im Namen des
Metropoliten an, Bischof der dortigen Landschaft zu werden. Meine
Brüder bestürmten mich weinend, aber stolz, diese heilige
Berufung anzunehmen.
Und erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich einst wenige Tage nach
meiner Geburt von einem Seelenhirten einer anderen Religionsrichtung
mit Weserwasser getauft worden war und mir kamen Bedenken. Aber nach
noch mehr Rotwein in den folgenden Tagen und Nächten muss ich
irgendwann zugestimmt haben.
Bald darauf wurde ich aber krank und lag viele Tage im Fieber. Die
Mönche bangten um mein Leben und brachten mich schließlich
aufs Festland zu einer kräuterkundigen Frau, die mich dann auch
bald ins Leben zurückholte. Aus meinen Fieberträumen
aufwachend, erschien mir Sybilles zahnloses Lächeln zauberhaft und
ich erkannte ausgerechnet beim Anblick dieser vollkommen reizlosen und
schon länger welkenden Frau, dass mir der mir zugedachte
entsagungsvolle Beruf doch nicht frommen würde.
Dies waren aber nur meine einsamen Gedanken. Die anregend nach Lavendel
riechende Sybille war von ihrem Heilungserfolg so begeistert, dass sie
mich, als wir allein waren, innig und keine Gegenwehr duldend lange
küsste, ihre Röcke hob und sich auf mich setzte. Ich vergesse
nie ihr glucksendes Lachen, mit dem sie sich den Kleinen Baron
einverleibte und sich von der Wiederbelebung aller meiner Glieder und
von meinen erstarkten Reaktionen selbst überzeugte. Ich war
übrigens so nachsichtig mit ihr, weil meine Mutter auch Sybille
hieß.
Wir aßen mit Behagen etwas Brot und gebratene Tomatenscheiben mit
gehacktem Knoblauch darauf und tranken einen abgestandenen Rotwein. Wir
lachten viel und nach dem Essen habe ich sie aus Dankbarkeit oder
Höflichkeit mit einfachen Gesten gefragt, ob wir uns noch einmal
auf ihrem Lager ausstrecken sollten; das hat sie begeistert bejaht –
und deshalb mussten meine mich abholenden, auf Maultieren angerittenen
Brüder noch etwas Geduld haben.
Zum Glück hatten meine Brüder einige Dankgeschenke
mitgebracht und waren mit deren angemessener Unterbringung noch eine
Weile beschäftigt: sie brachten zwei junge Ziegen mit, fünf
lebende Hühner, Mehl, Speck, Öl und Obst, gesponnene Wolle –
und einen gut gefüllten kleinen Lederbeutel, in dem
Geldstücke zu fühlen waren. Es war ein herzlicher Abschied.
Ihr habt es gehört: Frauen waren mir also auch im Kloster
lebenswichtig geblieben, aber, vielleicht könnt ihr Frauen unter
meinen Zuhörern das besser verstehen als die oft schwer verstehbar
stumpfsinnigeren Männer: ich entbehrte jetzt doch eine innige und
dauerhafte Bindung an eine geliebte und mich liebende Frau. Ich konnte
diese mich einengenden Gemütszustände nicht länger
ertragen und suchte verzweifelt nach Auswegen.
Einmal erwog ich, in meinem Teil des Klosters ein Feuer zu legen und in
der zu erwartenden Ablenkung aller zu fliehen. Aber das fand ich dann
doch unwürdig. So konzentrierte ich mich auf meine geistigen
Kräfte, sammelte alle Energie meines Körpers und meiner Seele
und übte das Fliegen, das ja, wie alle wichtigen Vorhaben und
Tätigkeiten des Menschen, im Kopf beginnt.
Anfangs hüpfte ich nur ein bisschen hoch und ruderte mit den Armen
– grade so, wie sich die Jungstörche in ihrem Nest auf unserem
Spritzenhaus in Bodenwerder aufs Fliegen vorbereitet haben. Dann lernte
ich nach mehrfachen Abstürzen, einfach abzuheben und eine Weile
oben zu bleiben.
Diese Übung gelang mir bald, nur hatte ich keine Gelegenheit, das
eigentliche Fliegen in meiner Klosterzelle zu üben. In einer
sternklaren Nacht stand ich im Klostergarten, sammelte mich und alle
meine Kräfte, stieß mich dann fest ab, glitt hoch und flog
mit ausgebreiteten Armen und dann schwingend hinaus in die Nacht. Die
Dörfer der Insel lagen bald spielzeugklein unter mir und ich flog
ohne jede Anstrengung glücklich über das glatt wirkende Meer.
Wie ich euch schon sagte, hatte ich das eigentliche Fliegen nicht
geübt. Und just, als ich reumütig daran dachte, dass ich
meine mir ans Herz gewachsenen schwarzbärtigen Brüder
selbstsüchtig und unwürdig verlassen hatte, stürzte ich
ab und fiel hinunter ins Meer.
Der Aufprall und das tiefe Eintauchen in das Wasser raubten mir die
Besinnung. Alles um mich war dunkel und drehte sich. Ich wehrte mich
nicht dagegen, zu sterben. Als ich wieder zu mir kam, glaubte ich in
den Laderäumen eines Schiffes mitzureisen. Aber weil die
Wände merkwürdig nachgiebig waren, dämmerte mir, dass
ich mich im Bauch eines Riesenfisches befand. Dieses Erlebnis war mir
neu und ich verfolgte alles Weitere mit Spannung.
Der Riesenfisch hatte einen ungeheuren Appetit: ständig schwemmten
mir Unmengen von kleinen Fischen entgegen. Ich versuchte, sie
strampelnd und mit beiden Armen in untere Bereiche abzudrängen.
Bei dieser anstrengenden Arbeit muss mir ein Missgeschick unterlaufen
sein: ich verlor meinen Tabakbeutel. Wahrscheinlich hatte sich dann
dessen Lederband gelöst; jedenfalls verursachte der ausschwemmende
Tabak bei meinem Fisch einen überstarken Brechreiz.
Ich hatte schon einmal irgendwo aufgeschnappt, dass Fische wie manche
unserer empfindsamen großen Denker keinen Tabak vertragen. Ein
mächtiger Rülpser des Fisches katapultierte mich wieder ins
Meer, glücklicherweise zusammen mit einer großen
Wasserschildkröte, an der ich mich festhalten konnte. Sie war eine
gute Schwimmerin und es schien ihr nichts auszumachen, dass sie mich
mitziehen musste. Sie strebte mit sicherem Instinkt dem Land zu.
Nach zwei Tagen und Nächten näherten wir uns einer felsigen,
dicht bewaldeten Bucht. Zu meinem Entsetzen drehte die Schildkröte
kurz vor dem Uferrand ab und schwamm hektisch wieder zurück.
Während ich verzweifelt zum Meer zurücksah, traf mich ein
fürchterlicher Schlag, der mich für Stunden betäubte.
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