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Endlich in St. Petersburg
Nach drei oder vier Tagen kam ich in St. Petersburg an. Den mit
gefrorenen Schweinehälften beladenen Bauernwagen hatte ich
unterwegs gegen eine Kutsche mit einem Vierergespann tauschen
können; einen Burschen, der gerne in die Hauptstadt wollte, bekam
ich gleichsam dazu. Ich nannte ihn Jurij und lernte ihn zu mir
wichtigen Diensten an.
Einer der zwölf imponierendsten Paläste gehörte dem
Großfürsten Fjodor Iwanowitsch. Er wurde mir in den Schenken
als ein Greis geschildert, der mit seinen Gedanken bereits öfter
im Jenseits als in der Gegenwart zu sein schien. Ich nahm allen
leichtsinnigen Mut zusammen und ließ mich bei ihm als sein
Groß-Cousin aus Hannover melden.
Als ich den erstaunten alten Mann, der furchtbar nach Knoblauch roch,
herzhaft minutenlang abgeküsst hatte, schien er sich
allmählich an mich zu erinnern. Ausmalend schilderte ich ihm in
meinem Schul-Französisch -das war aber gar nicht nötig, denn
er verstand und sprach wie erstaunlich viele Menschen hier Deutsch,
dass es meiner Lieblingstante unvergesslich geblieben sei, wie er, der
Großfürst, sie einmal in übermütiger und
weinseliger Stimmung aus einem Parklabyrinth befreit und dann auf
andere Art gefesselt hatte.
Es war ergreifend zu sehen: Je mehr Details ich dazu erfand, erinnerte
er sich immer deutlicher und fragte mich, nachdem er sich vergewissert
hatte, dass uns niemand belauschte: „Hieß sie nicht Doris? Eine
immerzu lachende Frau mit herrlichen, riesigen Brüsten und solch
einem Arsch?“ Er beschrieb mit seinen gichtgekrümmten Händen
eine ziemlich große Fläche und steigerte sich dabei so in
einen Lachkrampf hinein, dass ich trotz meines Entsetzens über die
Rohheit seiner Sprache die Diener aus den Nebengemächern zu Hilfe
holen musste, weil ich fürchtete, dass er ersticken könnte.
Von diesem Tag an wohnte ich selbstverständlich bei ihm und wurde
bald dem Adjutanten der Zarin vorgestellt. Zuvor hatte mich mein
„liebster Oheim“, so nannte ich ihn schlicht, mit einer Parade-Uniform
ausgestattet, bei der mit Gold und Juwelen nicht gespart worden war.
Sogar die Scheide meines Degens war dezent mit Juwelen verziert. So
ausgestattet kam mir der sicher schwer widerlegbare Einfall, mich als
„Großherzoglicher Marschallbaron Münchhausen“ vorzustellen.
Ein wodkatrunkener Offizier umarmte und küsste mich und nannte
mich „Exzellenz“.
Natürlich war mir dies unangenehm, aber diese von mir ungewollte
Aufwertung schien auf alle, denen ich begegnete, etwas Glanz
abzuwerfen, deshalb nahm ich es hin; meinen richtigen Namen konnte
ohnehin kein Russe aussprechen.
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