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Seminare unter Palmen
Ich suchte immer einen Mittelweg zwischen den erfreulichen und den oft
plötzlich aufbrechenden gefährlichen Aspekten in unserem
Inselleben; dabei half mir eine unerwartete Veränderung der
eingespielten Gewohnheiten: Mein Freund, der Häuptling und
Zauberer, pflegte sich alle zwei Wochen von jeweils sechs Frauen in
einem Einbaumboot zu einer vom Land aus unzugänglichen Bucht
paddeln zu lassen. Ich vermutete anfangs, dass er den Frauen dort
Unterricht in Inselgeschichte oder Grundkurse in Zauberei gab.
Als er sich bei einem mystischen Sprung böse ein Fußgelenk
verstaucht hatte und trotz meiner helfenden Lehmwickel längere
Zeit mit Schmerzen in seiner Hütte ruhen musste, waren einige
Frauen darauf gekommen, mich als Ersatzlehrer zu diesen von mir so
vermuteten Bildungsfahrten aufzufordern.
Ich verwies sie an den Zauberer und der stimmte mit einem
hintergründigen Grinsen zu. Ich begriff, dass ich aus einer
großen Zahl von Bewerberinnen sechs Frauen auswählen musste.
Die Sechs jauchzten und bekränzten mich in ausgelassener Stimmung,
nahmen Vorräte an Bord und stachen mit mir in See. Tuka Tuka war
übrigens immer dabei. Ich übertrug ihr einige Aufgaben.
Die Frauen paddelten geschickt; wir kamen bald in eine reizvolle Bucht,
in ein Urwaldparadies, das in eine grün überwucherte
Felslandschaft eingebettet war.
Die Frauen hatten sich die ganze Strecke über auffällig frei
und selbstbewusst gegeben; sie lachten unterwegs so
übermütig, dass mir schon Zweifel an ihrem Lerneifer kamen;
schließlich hatte ich mich auf eine Verbesserungsvariante unserer
Zeichensprache vorbereitet. Die fröhlichen Frauen erwiesen sich
dann doch als lern-und lustvoll lehrbereit.
Wir haben uns unter strengen, selbstverständlich auch theoretisch
nachprüfbaren Bedingungen über "partnerschaftfördernde
Praktiken zwischenmenschlicher Intimität bei besonderer
Berücksichtigung kulturenübergreifender Überlieferung
unter besonderen klimatischen Bedingungen" gründlich ausgetauscht
und uns sehr, wirklich sehr befriedigende Ergebnisse erzielt, aber es
war anstrengend für uns alle. Unsere gegenseitige Lernfreude wuchs
so, dass wir die Rückkehr auch am nächsten Tag
versäumten und am dritten Tag von einer besorgten
Rettungsmannschaft zurückgeleitet werden mussten.
Dieser Intensivunterricht hat dann eine neue Tradition begründet,
für deren Ausformung sich die merklich selbstbewusster werdenden
Inselfrauen ganz ungewöhnlich eingesetzt haben. Wir boten zuletzt
nur noch zwei-und dreitägige Lerntage an. Das Inseloberhaupt
achtete darauf, dass sich alle noch nicht zu alt fühlenden Frauen
für eine Fortbildungsmöglichkeit melden konnten. Tuka Tuka
half mir immer bei der Feinplanung. Für die Männer
überlegten wir andere Programme, sie zeigten sich aber wenig
interessiert.
Eine meiner ersten „Schülerinnen“ machte sich einen Spaß
daraus, vor der ganzen Inselversammlung einen improvisierten Tanz
aufzuführen, in dem sie leicht für alle erkennbar mimisch und
sehr komisch die Geschichte einer hingebungsvollen Empfängnis,
einer immer ausgeprägter sichtbaren Austragungszeit, eine
dramatische Geburt und das glückliche Herumzeigen eines
schreienden Kindes zeigte.
Im Nu entstand ein ausgelassen lachender Tanzkreis von gut
Hundertfünfzig Frauen, die alle wiederholten, was die
Vortänzerin noch einmal und diesmal sichtlich noch
übertreibender darstellte. Ich durfte von meiner Hütte aus
zusehen und zuhören – es wurde ein lautes, sehr lustiges Fest. Und
sie haben es alle paar Tage wiederholt. Ich musste mitlachen, aber ich
kam immer stärker ins Grübeln…
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