|
Säulenheilige am Dom
Während ich wieder im gemütlicheren Teil des Gasthauses auf
Gregorij wartete, sprach mich ein Gast vom Nachbartisch an. Er war ein
Deutschamerikaner, der mit seiner Tochter einige europäische
Städte besuchte. Seine Vaterstadt lag in der Kölner Umgebung,
deshalb wollte er seiner Tochter den weltberühmten Dom zeigen; er
war aber enttäuscht, dass der immer noch nicht fertiggestellt war.
„Woran liegt das?", fragte er mich, "habt ihr keine Bauleute oder keine
Steine mehr?" Ich brachte ihn darauf, dass es an fehlendem Geld liegen
könnte. "Well", sagte der resolute Mann, "ich habe da eine Idee.
Ich gebe euch Geld und ihr nennt die Kirche nach mir."
Ich war in der ziemlich sorgenfreien Stimmung eines gut bedienten
Weingastes und fand es spaßig, dass er mich als Eingeweihten
ansah; ich spielte das Spiel mit. "Da kommen Sie zu spät, der Dom
ist schon hochrangig vergeben. Wie wär's aber mit einer goldenen
Spendertafel an einer Säule gleich neben dem Eingang?"
"Nein", sagte er, „da weiß ich etwas Besseres: Meine Tochter
kommt auf eine Säule als Heiligenfigur."
Ich sah die Tochter an; sie war nett, rosig, pummelig. "Das wird nicht
leicht sein", sagte ich, "aber wenn Sie sich das etwas kosten lassen,
könnten Ihre Chancen steigen. Wie hoch wird Ihr Einsatz sein?"
"Werden Zweihunderttausend genügen?", fragte er. Ich bluffte
spielerisch und hoffte, dass er mir meine Weinstimmung nicht anmerkte:
"Das halte ich für ausgeschlossen. Unter einer halben Million wird
der Erzbischof nicht mit sich reden lassen." Mit seiner Reaktion hatte
ich nicht im Mindesten gerechnet: "Well, Sir, können Sie das
vermitteln?" Ich brachte gute Ablehnungsgründe vor, aber er
köderte mich mit dem Angebot einer Vermittlungsgebühr von
satten drei Prozent.
Der Wirt holte sofort einen Notar und ließ auch einen
Sekretär des Erzbischofs rufen. Der Notar bekam nur ein Viertel
Prozent, aber er setzte durch, dass die Summen in amerikanischer
Währung gezahlt wurden, angeblich, weil sonst zusätzliche
Abgaben zu leisten seien. Ich unterzeichnete das improvisierte Dokument
als Zeuge. Der Notar und der geistliche Sekretär konnten ein
befriedigtes Lächeln nicht verbergen.
In der Zeitung sah ich einige Monate später die Abbildung einer
neu gestifteten Heiligenfigur für den Dom; ich glaube, es war die
heilige Angelika. „Et kütt, wie et kütt“, sagen die
Kölner.
Etwa zwei Jahre später, ich befand mich inzwischen in einer
gänzlich protestantischen Umgebung, überreichte mir ein
zweifarbig gekleideter katholischer Würdenträger mit einem
Dankschreiben des Kölner Erzbischofs den Päpstlichen
Hausorden für eine Kulturtat, mit der ich nur etwas Wartezeit im
"Vater Rhein" überbrückt hatte. In den Zeitungen wurde mein
Einsatz bedeutender dargestellt.
Glaubt ja nicht alles, was irgendwo gedruckt wurde – allzu oft wird
schamlos übertrieben.
|
|