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Russische und indische
Liebeskünste
Großer Beliebtheit erfreuten sich Abbildungen aus dem
Kamasutra-Lehrbuch. Katharina fand Gefallen an vielen für sie
nachstellenswerten Möglichkeiten der Vereinigung, und der Hofstaat
entwickelte Formen, bei denen alle in wie selbstverständlicher
Offenheit den Vergnügungen der anderen zuschauen und von einander
lernen konnten.
Die Zarin hatte ihre Hofdamen und einige bei ihnen beliebte Offiziere
als freiwillige Schauspieler für Darstellungen aus dem Kamasutra
gewonnen; das war leicht angesichts der amüsanten Spiele, die uns
unter der Anleitung des Indischen Botschafters viele Übungen
abverlangten und denen die Zarin nach anstrengenden
Staatsgeschäften gerne zusah; auf einiges kam sie nächtens im
Zusammensein mit mir manchmal zurück und mir war bei ihr immer
nicht nur das „Herz voller Begier“.
Katharina fand, was ich bestätigen konnte: Im Gegensatz zu den auf
den Bildern emotionsfrei wirkenden indischen Paaren unterdrückten
weder unsere Männer noch unsere Frauen ihre Freude an diesen
Lustformen; unsere aufgeputzten Damen fühlten sich nicht als
ergeben Hinnehmende männlicher Begierden, zumal es wohl oft auch
ihre waren.
Wenn ihr wollt und nicht mehr so schrecklich nüchtern seid wie
heute, erzähle ich euch von den „Indischen Spielen“, etwa von dem
grandiosen erotischen Schauspiel der synchron geleisteten Vereinigung
von an die Tausend nackten Paaren, das Katharina und mich nie kalt
ließ… Ein vom Anblick der auf den Männern lustverzückt
reitenden Frauen und vom aufsteigendem Brunstgeruch
überwältigter Tanzmeister war dabei einmal ohnmächtig
geworden…
Übrigens trugen erstaunlich viele dieser Liebespartnerinnen als
einziges „Kleidungsstück“ ein damals wieder verbreitetes Busenband
dicht unter und in ihrem handbreiten bemalten Mittelstück auch
zwischen ihren Brüsten. Katharina hatte mein Geschenk
„rührend lieb“ gefunden und dieses reizvolle Accessoire einige
Male auch „halböffentlich“ getragen. Ich hatte es auf Anfang des
17. Jahrhunderts gemalten Bildern gesehen. Dieses oft goldverzierte
Brustband war meist mit Liebesszenen bemalt oder bestickt und gab beim
interessierten Betrachten dieser Details Gelegenheit zum wirklich nahen
Erleben des Busens.
Dieses Schmuckstück stützte nicht etwa schwerer gewordene
Brüste wie manche für meinen Geschmack völlig
entbehrliche Mode-Torheiten aus Frankreich, aber es unterstützte,
wie nicht nur ich fand, ihre erotische Wirkung ganz wesentlich.
Brüste sind für mich Symbole des Lebens – und mich beleben
sie immer wieder.
Eins meiner wirkungsvollsten Geständnisse hatte ich Katharina in
einer Liebesnacht zugeflüstert: „In dich hätte ich mich auch
verliebt, wenn du deine Köchin wärst!“ Nachdem es sie
erkennbar stark für mich eingenommen hatte, habe ich es einige
Male variiert und versichert, dass mir dieser oder ein ähnlicher
Beruf bei ihr noch besser gefallen hätte. Nach einiger Zeit hatte
ich es selbst geglaubt, obwohl ich es mir schon vor unserer ersten
Begegnung ausgedacht hatte.
Katharina war eine ungemein glutvolle Frau, aber ich konnte ihre Glut
wohl auch widerspiegeln. Übrigens wollte sie nachts überhaupt
keine Herrscherin mehr sein; sie ersehnte insgeheim eine ganz andere
Rolle; vergebt mir, Freunde, ich übe hier ausnahmsweise einmal
Selbstzensur: aus Pietät und aus inniger Dankbarkeit gegen diese
einmalige und mir auch in zeitlichem Abstand noch sehr liebe Frau.
Ich will beiläufig nur ganz allgemein erwähnen, dass es mich
immer abgekühlt hat, wenn eine Frau sich bei einer Umarmung so
verhielt, als würde sie ein Buch lesen oder ein Konzert
hören: Wenn ich einer Frau die Verrücktheiten ins Ohr raune,
die wir Kerle aus reinen Brunstgründen hervorstoßen, dann
ernüchtert es mich sofort und für lange, wenn sie nur
regungslos daliegt und mich den Liebestollen spielen lässt. So
eine war Katharina ganz und gar nicht.
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