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Über Göttingen
und Kassel zu anderen deutschen
Reise-Erschwernissen
Nach unserer Rückkehr von Herzberg wurde es auch deshalb Zeit
aufzubrechen, weil einige von euch meine Ankunft schon spitz bekommen
hatten und mich ausführlich besuchen wollten, aber auch, weil mir
die friedvolle Landschaft meiner Heimat unendlich gut tat und weil ich
schon anfing, meine Zusage zur Reisebegleitung der Straßburger
Herren zu bereuen.
Die Weinhändler hatten einen großen und bequemen eigenen
Reisewagen, den unser Wagner noch ein wenig aufrüsten konnte.
Obwohl sie keine Flaschen mehr mit sich führten, hatten sie viel
Gepäck bei sich. Ihre Pferde wirkten stark mitgenommen, deshalb
nahm mein gräflicher Nachbar sie auf die Weide seiner ausgedienten
Pferde und verkaufte ihnen zwei Sommerrappen aus seiner Zucht; Herr
Patagonne bezahlte sie bar.
Mich wunderte, dass die Herren gebeten hatten, in Göttingen
Station zu machen. Ich wäre nie darauf gekommen, dass sie
unbedingt die Bibliothek der Universität kennenlernen wollten.
Wenn sich hier ein Geheimnis verbarg - ich konnte es nicht
entschlüsseln. Als ich später einmal las, dass ein
gewissenloser Gelehrter mit einem Spion lange unbemerkt geheime
Botschaften austauschte und dabei alte und von niemand mehr
angeforderte Bücher einer Klosterbibliothek als Versteck benutzte,
kamen mir einige Zweifel über den von mir bis dahin für
löblich gehaltenen Bildungsdrang des Herrn Lovis.
Wir trafen uns am Marktplatz. Die Herren sagten mir nebenbei bei einem
kleinen Umtrunk im Ratskeller, dass sie bisher noch keine
„gefährdete“ Frauen in Göttingen gesehen hätten. Ich
fragte, was sie mit „gefährdet“ meinten. Sie lachten: „Nun,
ansehnliche Frauen sind doch in ständiger Gefahr, entführt zu
werden.“
Auf diese Gefahren mussten nach ihren Kennerblicken die
Göttingerinnen nicht gefasst sein. Ich fand ihr Urteil ungerecht,
denn sie hatten ja auf der Weender Straße nur einkaufende Frauen
gesehen, vielleicht viele Mägde und Köchinnen in
Arbeitskleidung. Ich hatte aus meiner Studen-tenzeit schönere
Erinnerungen, das sagte ich ihnen auch.
Sie ließen das gelten, erzählten mir aber lachend, dass sie
ein ihnen altvertrautes Spiel gespielt hätten, nur so zum
Spaß: Sie wären die Weender Straße in der Mitte der
Stadt zweimal entlang gegangen und hätten sich beim ersten Mal
eine Dame ausgewählt, die sie in eine Konditorei einladen
möchten und sich beim zweiten Mal spielerisch vorgestellt, sie
müssten auf diesem kurzen Straßenstück zehn Frauen
bestimmen, mit denen sie etwa einige Tage in einer Berghütte
eingeschneit sein möchten oder mit denen sie auf einer Segelreise
eine lange Windstille durchstehen wollten. Ich nenne hier
natürlich nur die harm-loseren Varianten ihrer Denkspiele. Wenn am
Ende der in gut zehn Minuten durchlaufbaren Strecke nicht jeder zehn
interessante Frauen gefunden hatte, „mussten“ sie ohne Ansehen der
Person jede danach sichtbare Frau „mitnehmen“ und — sie sagten es so
niedlich — diesen Frauen dann vollkommen „zu Willen sein“ und ihnen
alle nicht auf Vermögen und Strafbarkeit gerichteten Wünsche
erfüllen.
Mir war gleich eine Erweiterung eingefallen: Im Fall der Berghütte
wäre es auch sinnvoll, vermutbare Köchinnen mitzunehmen und
sehr beweglich aussehende Frauen, die notfalls Schneekaninchen fangen
oder Forellen aus vereis-ten Gebirgsbächen fischen können;
nur mit daher stöckelnden strahlenden Schönheiten würde
ich mich aufgeschmissen fühlen.
Ich habe dieses Spiel danach in vielen Spielarten erprobt und Ihr
solltet es auch einmal ausprobieren: Man spielt es mit erfreulicherem
Ausgang in größeren Städten und an belebten Orten, aber
eins werdet Ihr immer feststellen: Wenn Ihr zu Beginn einer (notwendig)
knapp bemessenen Zeit zu wählerisch seid, rächt sich das am
Ende, weil Ihr dann keine Wahl mehr habt.
Ich weiß von einer Freundin, dass Frauen diese Gedankenspiele
ähnlich planen: Dann sind eben Männer die Helden oder die
„Opfer“; das muss ja auch kein reines Vergnügen werden …
Ein anderes Kopfspiel fand ich auch reizvoll: Innerhalb einer sehr kurz
bemessenen Zeitspanne muss ich unter den zufällig in mein
Blickfeld geratenen Passanten eine Auswahl treffen: Mit welchen
Passanten würde ich eine sofort notwendige Expedition auf mich
nehmen oder eine Befreiungs-Aktion in einem anderen Erdteil wagen —
etwa im Fall einer spektakulären Entführung? Können wir
uns vermutbar auf einander verlassen? Sehen alle ausreichend auch
seelisch stark und belastbar aus? Eine hohe Entschädigungssumme
mit zusätzlichen Belohnungen würde den Ausgewählten die
Teilnahme sicher schmackhaft machen.
Die Mitnahme von Frauen würde uns vor weitere Herausforderungen
stellen. Ist die Aufgabe nicht schon schwer genug? Eine
fernöstliche Weisheit rät: „Verzicht befreit“. Andererseits …
Es wird lange Diskussionen geben.
Nach Göttingen nahmen wir über Münden und Kassel die
beschwerlichen Wege ins Westfälische und Rheinische. Das Reisen in
einer eigenen Reisekutsche kann das Überlandfahren teilweise
angenehmer machen als mit der gewöhnlichen Post, aber so lange
unsere Straßen so sind, wie sie sind, werden Wagen und Reisende
oft auf harte Proben gestellt...
Die Herren erzählten mir auf der Reise von ihren Absichten, in
neuen Fabriken größere Stückzahlen von
Kutschen-Modellen fertigen zu lassen. Sie suchten Mitfinanzierer
für diese Unternehmen, die sie in Mannheim und bei Duisburg
planten; die „Wasserstraße Rhein“ wollten sie unbedingt nutzen.
Ich fand besonders interessant, dass sie für ihre ersten Standorte
erwogen, sich mit unterschiedlichen Modellen selbst Konkurrenz zu
machen. Sie erwähnten, dass einige staatliche Stellen Interesse
gezeigt hätten, aber mit Geldunterstützungen noch
zögerten. Sie suchten deshalb auch ausländische Teilhaber.
Nach den auch mir zuteil gewordenen geistigen Anregungen in der
Göttinger Bibliothek empfahlen die Herren mir in Kassel die
Besichtigung einer wertvollen Kunstsammlung, während sie mehrere
Kunden besuchen wollten. „Zufällig“ trafen wir uns dann vier
Stunden später im weithin berühmten Salon von Madame
Cloé wieder; ich immerhin auf der Suche nach Julia. Wir
überspielten unsere Verlegenheit mit herzlichem Lachen und
vereinbarten, unsere amourösen Abenteuer künftig genauer
abzusprechen.
Mir war wieder aufgefallen, dass ich Herrn Patagonne in einem
Gespräch mit Madame Cloé angetroffen hatte, bei dem er
nicht wie ein Gast und auch nicht wie ein Weinverkäufer wirkte.
Madame Cloé beschäftigte offenbar seit neuerer Zeit mehrere
charmante und elegante Französinnen.
Ich war inzwischen mit neuen Modeschöpfungen verführerischer
Damenwäsche und mit betörenden Duftwassern vertraut, aber
immer noch lernbereit. Die Damen freuten sich über mein fachliches
Interesse und improvisierten für uns eine dezent pikante
Modenschau. Weil Madame Cloé Musiker rufen ließ und Herr
Lovis aus einem restlichen hauseigenem Vorrat Wein holte, steigerte
sich dieser Abend unversehens zu einem ausgelassenen Kostümfest
für einen kleinen Kreis von Kunstfreunden.
Nach einer längeren Fahrt brach uns am nächsten Abend kurz
vor neun Uhr in Sichtweite einer westfälischen Kleinstadt, die ich
lieber nicht nennen will, das linke Vorderrad. Unser Wagenlenker fiel
dabei unglücklich von seinem Bock und weil die Kutsche
umstürzte, gerieten unsere Bodenwerderer Rappen in Panik und
verletzten den Mann zusätzlich bei ihrem erfolgreichen Ausbruch.
Wir kamen mit schmerzhaften Prellungen und Verstauchungen davon. Herr
Patagonne war nach dem Unfall merkwürdig verstört und machte
uns Sorgen. Zuerst aber musste unser ernsthaft verletzter Kutscher
versorgt werden.
In dieser Abendstunde war weit und breit kein Mensch und kein Fahrzeug
zu sehen. Als es immer dunkler wurde, lud ich mir den stöhnenden
Kutscher, einen großen, kräftigen Mann, auf die Schulter und
marschierte auf die Stadt zu. Herr Lovis musste bei seinem Partner und
dem lädierten Wagen ausharren. In ihrem Gepäck befanden sich,
wie sie mir anvertraut hatten, hohe Geldsummen in mehreren
Währungen und wichtige Papiere.
In einem der ersten Häuser fand ich hilfsbereite Bürger, die
uns aufnahmen und nach einer Heilkundigen schickten. Einige Nachbarn
taten sich zusammen und brachten die beiden Herren herbei und die arg
demolierte Reisekutsche in Sicherheit. Wir wurden über Nacht auf
drei Häuser verteilt und waren es zufrieden. Die Weinhändler
baten mich, zwei ihrer mitgeführten Kisten in meine Obhut zu
nehmen. Als alles gerettet und versorgt schien, ließen wir aus
einem Gasthaus noch Mahlzeiten und Wein und Bier und Schnaps holen. Wir
luden unsere Gastgeber und Retter mit zum Verzehr ein. Sie gingen
begeistert darauf ein und langten kräftiger als wir zu. Anstelle
des von uns dreien trotz seiner minderen Qualität bevorzugten
Weins hielten sie sich mehr an klaren Schnaps. Es wurde spät...
Was von uns als selbstverständliche dankbare Geste gedacht war,
erwies sich als folgenreiche Unvorsichtigkeit: Mitten in der Nacht
wurde ich durch ein Geräusch an meiner Tür aufgeschreckt. Ich
hatte mich nicht einschließen können, aber aus alter
Gewohnheit trotz meiner Weinbenommenheit noch einen Stuhl schräg
gegen die Tür gelehnt. Meine Pistole war unerreichbar tief in
meinem Gepäck…
Ich sprang auf, riss die Tür auf und zog die Gestalt davor ins
Zimmer. Es war eine junge, mollige Frau in einem tief
aufgeknöpften Nachthemd. Sie hatte viel Parfüm benutzt. Bei
meiner heftigen Bewegung war eine Schulterseite ihres Nachthemdes herab
geglitten; sie hielt es in Brusthöhe fest, in der anderen Hand
trug sie eine Petroleumlampe. Ich vermutete, dass sie zu den
Hausbewohnern gehörte, mit denen wir eben gefeiert hatten, aber im
Nachthemd, mit aufgelösten Haaren und bei schummriger Beleuchtung
sind flüchtige Bekanntschaften nun einmal leicht zu verwechseln.
"Ach bitte, können Sie mir helfen, lieber Herr, ich habe so
schreckliche Alpträume und meine Schwester, die sonst immer bei
mir schläft, ist nicht daheim...", sagte die Besucherin
ungeschickt und wenig glaubwürdig. Sie bat mich, wenigstens in
ihrem Zimmer nebenan nachzusehen, da hätte sie so ein unheimliches
Geräusch aufgeschreckt...
Ich schwankte zwischen meiner natürlichen Hilfsbereitschaft und
meinem Misstrauen gegen Menschen, die mich ohne echten Grund im Schlaf
stören. Andererseits spielte die Frau gekonnt die Verführerin
und zudem erinnerte sie mich an eine mir irgendwann lieb gewesene
Bettgenossin. Schließlich nutzte sie meine schläfrige
Unentschlossenheit und zog mich, ihr Nachthemd rutschte dauernd herab
und ich musste es wieder hochziehen, barfüßig in ihre
benachbarte Stube: „Ich heiße Trudchen, ich habe später was
Schönes für Sie!“ Dabei griff sie mir scheinbar stolpernd,
aber zielsicher ins Gemächt.
Als sie die Lampe hinstellte, fiel ihr Nachthemd herab. Was ich im
Mondlicht erkennen konnte, fand ich durchaus nicht abstoßend. Sie
warf sich im Bett auf mich, aber noch bevor sie das Federbett über
unsere Schultern ziehen konnte, hörte ich unten die Treppe
knarren. Ich war sofort hellwach und erkannte die Falle.
Ich befahl der Frau, keinen Mucks zu machen, wenn sie hier ungeschoren
herauskommen wollte. Ich kam gerade dazu, wie ein Schatten in mein
Zimmer glitt. Wütend stürzte ich hinterher. Ich erkannte
schemenhaft eine männliche Gestalt bei den Kisten der Herren aus
Straßburg.
Ich stürzte mich auf den Kerl, warf ihn zu Boden, erwischte das
große Porzellangefäß unter meinem Bett und schlug mit
voller Wucht zu. Und weil ich mich beim Draufschlagen, wenn es je
nötig wird, immer auch gern verbal entlade und weil auch der
Niedergeschlagene kräftige Schmerzenslaute hören ließ,
erfüllte einiger Lärm das Haus.
Der Mann stürzte hinaus und in wilder Hast die Treppe hinunter.
Unten klirrten Scherben. Als ich mit meiner unbekleideten Nachbarin
hinterher wollte, war die bereits brennende Treppe nicht mehr
benutzbar.
Wie meist in fremden Nachtquartieren hatte ich beim Bezug meines
Zimmers mögliche Fluchtwege geprüft und wusste, dass knapp
unter meinem Fenster das Dach eines Stalls lag. Unten hörte ich
Stimmen, aber das sich schnell herauffressende Feuer prasselte laut.
Ich schloss meine Tür, zerriss und verknotete mein Betttuch und
ließ die wimmernde Frau aus dem Fenster herab. Weil sie sich
ungeschickt bewegte, krachte sie durch das Stalldach und fiel unter
quiekende Schweine. Ich warf ihr eine Decke nach, denn sie war jetzt
doch sichtlich unglücklich über ihre Nacktheit.
Dann begann ich, meine und die Habe der Weinhändler zu bergen. Ich
musste die Koffer und Kisten so weit wie möglich über den
Stall hinaus werfen; das erwies sich als zu harte Belastungsprobe
für die Kisten, während meine Lederkoffer gut davonkamen.
Zuletzt ließ ich mich herab, landete auch im Schweinestall, aber
die Tiere waren von den Leuten schon herausgelassen worden.
Das Haus brannte inzwischen lichterloh; da war nichts mehr weiter zu
retten. Es stand in einigem Abstand zum Nachbarhaus, sonst hätte
das Drama noch schlimmer geendet. Auch unten in meinem Haus waren die
Gastgeber rechtzeitig den Flammen entkommen. Bei aller Aufregung
mussten wir lachen über unseren und der anderen Aussehen in
äußerst sparsamer und improvisierter Nachtbekleidung.
Die Leute zeigten sich überzeugend entsetzt über den
Einbrecher, denn das war der robuste Verlobte ihrer Tochter, die mich
nachts aus meinem Zimmer locken wollte, um ihm sein Werk zu
erleichtern. Trudchen sprach fortan kein Wort mehr mit mir, obwohl ich
sie doch immerhin vor dem Flammentod bewahrt hatte. Meine
Reisebegleiter fanden trotz der sieben beschädigten Kisten alle
ihre Wertsachen erhalten. Sie gaben sich gefasst und erklärten
sich bereit, den Geschädigten einen Aufbaukredit zu geben.
Am nächsten Morgen erschien die Polizei und überprüfte
unter anderem unsere Papiere. Die Landpolizisten setzten ein langes
Protokoll auf und nahmen den noch im Haus versteckten und von ihnen
aufgespürten Einbrecher mit. Er stand deutlich erkennbar unter
einem Schock.
Wir Durchreisenden wollten die Sache nicht unnötig erschweren und
sagten nach kurzer Zeichen-und Gestenabsprache nichts über unsere
Beobachtungen zur Unfallursache unseres Wagens, obwohl wir sicher
waren, dass uns eine frisch in die Straße gehackte Rinne zum
Verhängnis geworden war. Ich verschonte auch die junge Frau. Wie
zur Belohnung für unsere Milde erfuhren wir mit Freude, dass am
Morgen zwei Rappen mit dem gräflichen Bodenwerderer Brandzeichen
eingefangen worden waren.
Die Zeit wurde mir nicht lang, denn ich konnte den beiden Händlern
beim Spiel eine hübsche Summe abnehmen. Der Wagen und die
Transportkisten wurden befriedigend repariert. Nach zwei Tagen
hätten wir weiterreisen können, verschoben es aber noch auf
den folgenden Morgen, dann fühlte sich auch unser Kutscher wieder
ausreichend stark.
Leider bewahrheitete sich wieder einmal die Volksweisheit, dass ein
Unglück selten allein kommt. Schon weit im Rheinischen,
wahrscheinlich in der Nähe des Neanderthals, gerieten wir in einen
Morast. Ich aß gerade einen Apfel und wäre wie weiland
Schneewittchen fast daran erstickt, als unsere Kutsche einsackte und
wir einander ratlos ansahen. Dann sprang ich hinaus und half dem
Kutscher, die Pferde loszukoppeln. Dem einen Gaul gab ich den Rest
meines Apfels. Die Straßburger waren auch in den Morast
gesprungen, weil die Kutsche immer tiefer einsank.
Ich schnalzte dem Pferd zu, das meinen Bodenwerderer Apfel offenbar
genossen hatte; es kehrte nach einigem Zögern tatsächlich zu
mir zurück. Ich tätschelte es, erreichte, dass es sich in dem
tiefen Schlamm wieder drehte, knotete seinen langen Schweif an eine
Lederschlaufe der Deichsel und schickte es mit einem Klaps voran. Ich
staunte über die Kraft des braven Pferdes. Natürlich habe ich
ihm die Arbeit nicht allein überlassen und ich hoffte, dass die
Männer hinter der Kutsche sich nicht nur an den Rädern
festgehalten haben. Mit viel Kraft und vielleicht auch mit einer
intelligenten Einsicht zog das treue Pferd tatsächlich die Kutsche
und uns wieder aufs Trockene.
Meine Arme haben nach dieser Anstrengung noch tagelang geschmerzt. Und
aus purem Übermut habe ich den Bauersleuten, bei denen wir
später unsere Kleider säuberten, ganz gegen meine Art eine
faustdicke Lüge aufgetischt. Die haben die absurde Geschichte
offenbar weitererzählt, sie hat sich in schwer vorstellbarer Art
verselbständigt und ich gelte deshalb heute in der ganzen
bewohnten Welt als der erste Mensch, der sich mit seinen Armen am
eigenen Haarschopf aus dem Sumpf gezogen hat.
Viele wird dieses unmögliche Bild leider zu einem dann
enttäuschenden Selbstversuch verleitet haben. Es gibt überall
Leute, die eine verrückte Übertreibung ernst nehmen und
Unsinniges für wahr halten. Ich staune immer darüber, was die
Leute alles glauben, wenn einer nur mit fester Stimme spricht
– erst recht, wenn sie es gedruckt lesen.
Wir haben als Kinder gern das Spiel „Stille Post“ gespielt, bei dem
eine geflüsterte Nachricht über mehrere „Stationen“ fast
immer ein völlig anderes Wort am Ende des Spielkreises herauskam.
Einige Geschichten, die ihr über mich gelesen habt, habe ich an
weinhaltigen Abenden irgendwelchen Leuten erzählt; die
Zuhörer haben sie weiter erzählt, die anderen haben sie
wieder weiter erzählt und bis sie zu denen kamen, die solche
Geschichten drucken konnten, hatten sie eine Qualität, bei der man
in tiefe Gemütsbewegungen fallen könnte wenn man dazu eine
Anlage hätte.
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