Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Nächtlicher Kampf mit Berglöwen

Zeitlich verwischt sich einiges bei mir: ich weiß nicht mehr genau, ob dies mein dritter unfreiwilliger Jagdausflug war. Ich musste wieder einmal mit; dabei hätte ich mich auch anders gut beschäftigen können. Unser Ziel waren entlegene Berglandschaften im Westen des Landes. Wir hatten ein großes Gefolge dabei, und ich hatte Amora, Radja und Samutha mitgenommen, weil ich begierig war, sie einmal ausgiebig zu genießen und ihre Liebeskünste angemessen zu würdigen.

Abends schlugen wir unser Biwak an einer gut zu schützenden Stelle auf. Selbstverständlich wachten in der Nacht eine große Zahl aufmerksamer Bewaffneter vor unseren Zelten. Wir hatten lange am Feuer gesessen. Ich hatte ein wenig erzählt und der Maharadscha war guter Stimmung. Vor dem Gute-Nacht-Wünschen reichte er mir eine goldene Dose, die eine gelbliche Wurzel enthielt. Der Maharadscha hatte einen ernsten Gesichtsausdruck, als er mich nötigte, die Wurzel langsam und „nach innen lauschend“ zu zerkauen.

Ich habe mich bemüht, meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu halten, denn die Wurzel schmeckte teuflisch bitter und zusammenziehend, entfernt an unreife Quitten erinnernd. Als ich sie mit Anstrengung verspeist und mit einem großen Schluck Wasser herunterbekommen hatte, beglückwünschte mich der Maharadscha in mir nicht begründeter Freude. Ich weiß bis heute nicht, welche Wirkung dieser geheimnisvollen Wurzel zuzuschreiben ist. Seit ich meine Inderinnen hinter dem Zeltvorhang kichern hörte, habe ich eine bestimmte Vermutung, wage sie aber nicht auszusprechen; das könnte den Zauber gefährden.

An jenem Abend kam ich mich spät in mein Zelt. Amora, Radja und Samutha hatten geduldig auf mich gewartet und empfingen mich liebeshungrig. Sie zogen mir langsam und mit vielen Liebkosungen alle Kleider aus; Samutha tanzte mit von ihr abfallenden Kleidungsstücken einen verführerischen Liebestanz, Amora fing mich nackt in ihren Armen auf und Radja setzte sich mit breit gespreizten Beinen irgendwie tupfend und dann ganz langsam auf mich ... Ich bereute, dass der Herrscher mich so lange aufgehalten hatte, aber ich schwamm bald in seligen Wassern.

Ein böses Raubtiergebrüll und entsetzte Schreie rissen mich in die Wirklichkeit des Urwaldlagers zurück. Ich sprang auf und suchte eine Waffe, fand aber in der Dunkelheit nichts. Das Brüllen der Raubtiere und die Schmerzensschreie von Menschen verstärkten sich, deshalb stürzte ich nackt und unbewaffnet hinaus. Ich fand die Zelte des Maharadschas und einige seiner Frauenzelte aufgerissen und zusammengesackt; ein Puma-Rudel wütete furchtbar unter den Frauen; eine abgerissene Hand flog mir geradewegs gegen die Füße.

Die in mir aufsteigende, mächtige Wut muss mir übernatürliche Kräfte verliehen haben: ich packte einen Berglöwen, dessen Hinterteil aus einem Zelt sichtbar geworden war, mit beiden Händen am Schwanz und riss ihn heraus.

Wütend blickte mich das Raubtier mit dem blutverschmierten Maul an, aber ehe es mich packen konnte, wirbelte ich das Biest am Schwanz um mich herum, erst einmal, dann immer schneller werdend, und nach sechs oder sieben Umdrehungen ließ ich es mit solcher Wucht gegen einen Baum krachen, dass es mit offensichtlich gebrochenem Rückgrat liegen blieb.

Zwei andere Pumas wollten sich auf mich stürzen. Sie stutzten, als sie den toten Artgenossen, vielleicht ihr Oberhaupt, sahen und kamen dann drohend fauchend auf mich zu. Ich war so außer mir vor Wut und Rachsucht, dass ich mit einem wütenden Schrei auf die Bestien zustürzte. Ich machte eine große Schwungbewegung mit meinem rechten Arm und schrie sie an: „Wollt ihr auch herumgewirbelt werden, ihr Mistviecher, dann her mit euch!“

Ich war entschlossen, zunächst eine Berglöwin am Schwanz zu packen. Aber bevor ich zugreifen konnte, wendeten sich die beiden Bestien jeweils zur Seite und suchten ihr Heil in der Flucht. Erst jetzt konnte ich mich um den Maharadscha kümmern. Er war leicht verletzt, aber völlig verstört. Vier Frauen und sechs Wächter waren den Raubtieren zum Opfer gefallen.

Es wurde mir peinlich, dass der bald wieder genesene Großfürst sich vor Dankbarkeit nicht fassen konnte und fortan sein Reich mit mir teilen wollte. Seine Maharani und er wollten mir zudem unbedingt ihre traumhaft schöne Lieblingstochter Pandua zur Frau geben.

Mit größter Mühe und vielen diplomatischen Kunstgriffen brachte ich ihnen nahe, dass mich das dortige Klima auf die Dauer umbringen würde, was tatsächlich der Wahrheit entsprach. Der wahre Grund war, dass ich ein Leben im Pomp nicht genießen mochte, während die Volksmassen verhungern.

Diese Einstellung ist orientalischen Fürsten unmöglich zu vermitteln. Ich machte mir andererseits keine Illusionen darüber, dass ich als Landfremder keine Chance bekommen würde, die auch durch Überlieferung und Religion festgefügten Lebensbedingungen von vielen Millionen Menschen zu ändern; ich hätte sehr wahrscheinlich die Reichen und die Armen gegen mich gehabt.

Dank einiger großzügig gewährter Freundlichkeiten genoss meine Schiffsmannschaft den langen Aufenthalt. Aber nach einigen Monaten stimmte die Herrscherfamilie meinem endlich möglich gewordenem Abschied zu. Zuvor sollte ich ihnen noch einen mich geradezu umwerfenden Wunsch erfüllen, mit dem sie sich eine lebendige Erinnerung an mich bewahren wollten. Sie hatten beobachtet, dass Pandua mir beim Damespiel auffallend nahe gekommen war.

Nie zuvor habe ich den Drang, laut zu jubeln, so unterdrücken müssen wie in jener Stunde, denn das hohe Paar sollte nicht erfahren, dass sie damit meine sehnlichsten Wünsche in nie erträumter Art erfüllten: Pandua und mir fielen bedrückende Steine vom Herzen, weil ich in den nächsten Nächten nicht mehr heimlich in ihr Gemach schleichen musste. Die Dienerschaft hatte unser Geheimnis längst mitbekommen und wir hatten schon eine Weile gezielte Indiskretionen befürchtet.

Ich war, da bin ich sicher, ihr erster Geliebter, aber sie hat mir zusammen eine sehr indische Form der körperlich spürbaren Liebe herausgefunden, die mir bereits vertraut, aber für sie völlig neu war: Wir beglückten uns nicht in der fantasielosen hektisch minutenlang zuckenden europäischen Art, die zudem immerzu eine unterwürfig hinnehmende Gefährtin verlangt: Pandua nahm mich unendlich und vollkommmen aufsaugend in ihrem Schoß auf; wir flossen in einander und waren wirklich lange Zeit einander erspürend „eins“.

Sie kam auf den köstlichen Einfall, mit mir das von allen Indern hochgeschätzte Liebesidyll des Gottes Krischna mit der Hirtin Radha „nachzulieben“; das gelang uns nach vielen immer wunderschönen Versuchen wahrscheinlich sogar vorzeigbar.

Es musste sein: Wir öffneten ohne Hilfe anderer eine meiner verborgenen goldenen Kapseln und ich schob ihren von der schützenden Umgebung befreiten Inhalt auf die von der Natur vorgedachten Weise mit innigen Wünschen und tiefen Küssen in ihre wundervolle lebenspendende Höhle…

Diplomatische Rücksichten verbieten mir, euch Genaueres über die Folgen des Maharadscha-Wunsches mitzuteilen. Ich darf nicht riskieren, dass demnächst etwas darüber in den Journalen steht.

Eines darf ich in diesem kleinen Kreis aber wohl verraten und damit ein Geheimnis lüften, über das fanatische Edelsteinfreunde seit Jahren rätseln: Die liebreizende Tochter des Maharadschas trug in jenen Wochen tagsüber einen kunstvoll geschliffenen Smaragd im Nabel und nachts einen sein verführerisches Schmuckbett ebenfalls gut ausfüllenden, bräunlichen und nur leicht angeschliffenen Diamanten, der im Kerzenlicht ungemein inspirierend leuchtete und in Fachkreisen bereits einen etwas frivol klingenden Namen hatte.

Ihr könnt euch denken, dass es nicht irgendwelche Klunker waren: sie waren unglaublich kostbar und einmalig. Nun, diese beiden Steine, Abschiedsgeschenke von Pandua, blieben mir bis heute trotz aller bösen Erlebnisse erhalten, weil ich sie mir in der sicheren Erwartung, noch oft bestohlen zu werden, von den Hofärzten des Maharadschas unsichtbar „einnähen“ ließ. Sie hatten mir meine untere Bauchdecke als sicheren Ort empfohlen, aber, weil sie nicht wissen durften, dass die schon „belegt“ war, ging mein Einfall noch tiefer und zielte mehr auf ein schon von der gütigen Natur her bei mir bereits vorhandenes Hautsäckchen.

Respektiert bitte, dass nach der zauberhaften Pandua nur Frauen, die mir ganz besonders nahe sind, diese Kostbarkeiten ertasten und mit ihnen zärtlich spielen dürfen. Vorsichtshalber habe ich späteren Gespielinnen gegenüber den enormen Wert heruntergespielt und die Kugeln „zwei schneeweiße, runde Kieselsteine aus Kreta“ genannt, an denen ich hänge und die mir Glück bringen sollen, Glück in der Liebe vor allem.

Unvergesslich bleibt mir unsere Abschiedsnacht, als Pandua nach langen Liebesspielen glücklich bäuchlings auf mir lag. Ich spürte genießerisch, wie sie sich porentief auf mich niederließ, wie ich sie, weil wir wundervoll vereinigt waren, wie ich sie in dieser Berührung genoss und zudem mit meinen Händen an allen ihren wunderbaren Stellen liebkosen konnte… Wir flüsterten uns Worte zu, die wir nicht sprachlich, aber naturhaftmenschlich verstanden – diese Urlaute umgehen ja ohnehin unseren Verstand.

Ach, Pandua, in wie vielen Nächten erlebe ich dich noch einmal, wenigstens in meinen Träumen! Und du hast mir mehr als nur angedeutet, wie das Nirwana sein wird; vielleicht habe ich es durch dich schon vorgeschmeckt …

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
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