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Mein anderer Franziskus
Ich habe oft kalte Füße und trage besonders gern
wärmendes Gestricktes, manchmal sogar anfangs in kalten Betten.
Das wird hier begonnen haben: Meine nassen Strümpfe und die
wenigen Kleidungsreste schützten mich nicht vor der wehtuenden
Kälte, als ich durch den kniehohen Schnee stapfte. Nach zwei, drei
endlosen Stunden erreichte ich ein ärmlich aussehendes Dorf. Ich
sah mich suchend um und schleppte mich zu dem Haus neben einer kleinen
Kirche.
Der hier von mir vermutete geistliche Herr öffnete mir im offenen
Hemd, musterte mich von oben bis unten und überlegte anscheinend,
ob er die Tür vor diesem Bettler zuschlagen konnte. Ich ließ
mich beim erschöpften Zusammenbrechen aber so fallen, dass er die
Tür weiter öffnen und mich ins Haus ziehen musste.
Ich hatte mich mit der gespielten Ohnmacht nicht anzustrengen brauchen:
Mein Zusammensacken war ziemlich echt. Als ich zu mir kam, lag ich vor
dem Ofen auf einem Flickenteppich. Es duftete nach Essen und Franziskus
lächelte mich an. Er hieß natürlich irgendwie anders,
aber ich nannte ihn spontan so und er ließ das zu. Wir probierten
einige Sprachen aus und bei Latein glaubte ich, dass es ihm bekannt
vorkam, aber das täuschte wohl.
Sein Süppchen war dünn, eben ein Franziskus-Süppchen,
aber es war heiß und ich schätzte den nachgeschöpften
zweiten Teller. Als ich dann in den Garten hinaus musste, schob er mir
Galoschen hin. Jetzt erst bemerkte ich, dass ich ein dickes helles Hemd
trug und eine schwarze Hose; kurz darauf merkte ich auch, dass ich eine
fremde Unterhose darunter trug. Das hatte Franziskus mir alles
angezogen? Ich wusste nicht, wie ich ihm danken konnte und versuchte,
seine Hand zu küssen. Franziskus lächelte. Noch ahnte ich
nicht, dass der Teufel an seinem Keuschheitsgelübde fraß.
Wir tranken einen selbst gebrannten, beißenden Fusel. Schon wegen
der Kälte leerten wir nicht nur die angebrochene Flasche. Und dann
torkelte ich benommen durchs Zimmer und fiel auf ein Strohlager. Es war
noch oder wieder dunkel, als ich das Wiehern eines Pferdes hörte.
Sofort wollte ich aufspringen, aber Franziskus versuchte mich
festzuhalten. Er war sehr sparsam bekleidet und er ließ mich
spüren, dass eine tiefe Sehnsucht nach Lust aus ihm heraus brach.
Oh je, auch das noch, dachte ich schlaftrunken, aber alarmiert.
Zunächst musste ich erst mal unbedingt hinaus in den Schnee. Wegen
der Kälte nahm ich eine Decke mit. Ich hatte das Wiehern richtig
gedeutet: Meine brave Stute hatte mich gefunden und schnaubte stolz und
zufrieden, als ich sie in den Hof führte und ihr auch mit der ihr
umgelegten Decke klarzumachen versuchte, dass wir wieder vereint sind
und dass ich nebenan im Haus bin. Welch ein Glück! Ich
erzählte es Franziskus mit Gesten und Worten; er lächelte und
zog meinen Kopf an sein struppiges Gesicht.
Ich fand seine Nähe eklig; es würgte mich und ich hatte nicht
die geringste Neigung, das Zölibat für ihn erträglicher
zu machen, aber mein Verstand riet mir, ihn nicht rundweg vor den Kopf
zu stoßen und nur das zu tun, was fast alle Frauen
überzeugend spielen können, wenn sie von einem Mann in Ruhe
gelassen werden wollen: Eine schwere Müdigkeit kam unaufhaltsam
über mich…
Am nächsten Vormittag umarmte ich ihn nach einem ärmlichen
Frühstück dankbar und zog mit weiteren alten und muffig
riechenden Kleidern von ihm weiter. Und wunderbar: auf meinem Pferd.
Franziskus hatte kein Geld. Die winzigen Münzen, die er mir
großherzig hinhielt, wollte ich nicht annehmen. Aber nach
angestrengtem Nachdenken hat er mich vors Haus gezogen, auf eine Burg
in den nahen Bergen gedeutet und mir einfallsreich klargemacht, dass
dort oben eine Frau wohnt, die viel Geld besitzen würde und die
ich unbedingt besuchen sollte. Ich musste über seine
schauspielerische Bemühung lachen; wie er mir die Frau geschildert
hat, das war schon ein pantomimisches Kabinettstückchen. Ich
umarmte ihn noch einmal und ritt mit frisch gewonnenem Mut auf die Burg
zu.
Dort trat Gloria Felicitas in mein Leben, vielleicht ich auch in ihres.
Das Leben wollte es so.
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