Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Mediterranes Zwischenspiel

Als ich noch überlegte, welche Seemannskneipe ich ansteuern könnte, kam mir auf der Uferstraße eine elegante, dunkelhaarige Dame entgegen, die von einem weißen Hündchen an der Leine zu einem Blumenbeet gezerrt wurde. Die Frau roch umwerfend gut nach gelben Rosen.

Ich machte ihr lächelnd Platz und sah mich zum meinem Glück noch einmal nach ihr und dem Hündchen um. Der kleine Kläffer plagte sich, sein Häufchen loszuwerden und rutschte dabei verzweifelt auf seinem Hintern hin und her. Ich begriff, was ihn plagte: Er hatte Gras gefressen und wurde einen unverdauten Grashalm nicht mehr ganz los. Mit einigen Schritten war ich bei ihm, rupfte aus dem Rasenstreifen ein breites Blatt und befreite ihn mit einem raschen Griff von dem Halm, der ihm hinten heraushing und verstörte.

Danach war es trotz meines abgerissenen Zustandes nicht allzu schwer, eine Einladung zum Tee zu bekommen, denn ich wies vorsorglich darauf hin, dass das Hündchen noch unter weiteren Verdauungsstörungen leiden könnte und ich dass ich zufällig ein Medico sei; diese Behauptung glaubte ich inzwischen selbst.

Sie lachte über diesen Zufall: Auch ihr Mann sei Arzt; er besuche heute Nachmittag einige Kranke.

Ich genoss die Gesellschaft dieser kultivierten und herrlich schlanken Frau und versuchte ihr meine Bewunderung trotz unserer sprachlichen Verständigungs- schwierigkeiten zu beweisen. Ich musste meine Hemmungen überwinden, weil ich mich fühlte, als wenn ich wie weiland Aschenputtel nächtelang in der Ofenasche geschlafen hätte.

Ich bat, mich waschen zu dürfen und versuchte, meine wichtigsten Körperteile zu reinigen; sehr erfolgreich war ich nicht. Ich hätte es hingenommen, wenn sie sich sehr distanziert verhalten hätte, aber vielleicht hat der ständige Umgang mit allzu sauberen Alltagsdingen auch einmal eine gegenteilige Wirkung…

Es war schwül an diesem Nachmittag; die Sterne standen für zwischenmenschliche Funkenflüge günstig und die Frau war zufällig in einer für ihre Tugend gefährlichen Stimmung. Nun, dachte ich, wenn das Leben mich so beschenken will, will ich nicht unachtsam sein – und das mir dankbare Hündchen beschützte sein Frauchen nicht...

Wie habe ich diesen ranken und nach gelben Teerosen duftenden Leib genossen! Die Frau war ein einziges traumhaft schönes Gedicht. Ich konnte nicht stumm bleiben und auch bei ihr loderte das Feuer der Leidenschaft hell auf, obwohl ich sicher „ausgehungerter“ war als sie; aber wir Männer ahnen selten, was Frauen auch oder gerade in einer langen Beziehung entbehren.

Wir wurden so vertraut miteinander, als würden wir uns lange kennen. Ihre innigen Küsse erinnerten mich nachträglich an die dunkelblonde Gitte, die sich, lang, lang ist´s her, bei einem Tanzfest am Vorabend ihrer Verlobung noch einmal in wilder Leidenschaft verschenken wollte – und wohl rein zufällig an mich.

Leider vergaßen wir an jenem durchaus südländischen Nachmittag unsere Umgebung. Ein entsetzter Aufschrei der Frau riss mich aus den Wolken zurück. Ich hörte eine Männerstimme aus dem Hausinneren den Namen „Lydia“ rufen.

Die Frau griff in Panik meine herumliegenden Kleidungsstücke, drückte sie mir in die Hände und drängte mich zum Balkon. Der tiefe Sprung in die harten Rhododendronbüsche tat weh und ließ mich tagelang hinken. Aber jedenfalls wurde nicht hinter mir her geschossen.

Mit dem nächstbesten Schiff verließ ich diese Stadt. Leider hatte ich die Kerle in der finsteren Seemannskaschemme falsch verstanden; die Reise ging nicht, wie von mir erhofft, nach Italien, sondern nach Westafrika.

Wieder einmal kam das eine Unglück nicht allein: Man hatte mich bei dem Pferdehandel mit falschem Geld betrogen und der Kapitän stellte mich brutal vor die Wahl, über Bord zu springen oder sein Sklave zu werden. Ich fügte mich notgedrungen und musste in der verdreckten Kombüse einem ständig unrettbar durch Rum, Grappa und Wein betäubten Smutje helfen, aus verdorbenem Gemüse und schimmligem Brot Mahlzeiten für die Besatzung und die wenigen Gäste zuzubereiten.

In der vierten Nacht kam ein Orkan auf, dem das Schiff und die Mannschaft nicht lange gewachsen waren. Der Hauptmast brach und durchschlug eine Schiffswand, worauf das Schiff sofort zu sinken begann. Als ich ins Wasser sprang, plumpste neben mir ein Weinfass herunter. Ich umfasste es rechts und links und ließ es zwei Nächte und drei Tage lang nicht mehr los. Es gelang mir nach Stunden, den Splund zu lockern und mich bei Kräften zu halten.

Eines frühen Morgens hat eine aufmerksame Schiffsmannschaft mich und das treibende Fass aus dem Meer gefischt. Sie nahmen mich in wochenlanger Fahrt über viele Häfen in Spanien, Frankreich und Italien mit. Ich kam auf Umwegen doch ins Mittelmeer und war doppelt glücklich.

Dort unten gedeiht an Land ein fantastischer Wein; dieser hier ist längst nicht so feurig, aber: Zum Wohl, meine Freunde! Lasst uns nun bald ins Land der Träume hinüber gleiten. Morgen erzähle ich weiter…

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
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Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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