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Mediterranes Zwischenspiel
Als ich noch überlegte, welche Seemannskneipe ich ansteuern
könnte, kam mir auf der Uferstraße eine elegante,
dunkelhaarige Dame entgegen, die von einem weißen Hündchen
an der Leine zu einem Blumenbeet gezerrt wurde. Die Frau roch umwerfend
gut nach gelben Rosen.
Ich machte ihr lächelnd Platz und sah mich zum meinem Glück
noch einmal nach ihr und dem Hündchen um. Der kleine Kläffer
plagte sich, sein Häufchen loszuwerden und rutschte dabei
verzweifelt auf seinem Hintern hin und her. Ich begriff, was ihn
plagte: Er hatte Gras gefressen und wurde einen unverdauten Grashalm
nicht mehr ganz los. Mit einigen Schritten war ich bei ihm, rupfte aus
dem Rasenstreifen ein breites Blatt und befreite ihn mit einem raschen
Griff von dem Halm, der ihm hinten heraushing und verstörte.
Danach war es trotz meines abgerissenen Zustandes nicht allzu schwer,
eine Einladung zum Tee zu bekommen, denn ich wies vorsorglich darauf
hin, dass das Hündchen noch unter weiteren
Verdauungsstörungen leiden könnte und ich dass ich
zufällig ein Medico sei; diese Behauptung glaubte ich inzwischen
selbst.
Sie lachte über diesen Zufall: Auch ihr Mann sei Arzt; er besuche
heute Nachmittag einige Kranke.
Ich genoss die Gesellschaft dieser kultivierten und herrlich schlanken
Frau und versuchte ihr meine Bewunderung trotz unserer sprachlichen
Verständigungs- schwierigkeiten zu beweisen. Ich musste meine
Hemmungen überwinden, weil ich mich fühlte, als wenn ich wie
weiland Aschenputtel nächtelang in der Ofenasche geschlafen
hätte.
Ich bat, mich waschen zu dürfen und versuchte, meine wichtigsten
Körperteile zu reinigen; sehr erfolgreich war ich nicht. Ich
hätte es hingenommen, wenn sie sich sehr distanziert verhalten
hätte, aber vielleicht hat der ständige Umgang mit allzu
sauberen Alltagsdingen auch einmal eine gegenteilige Wirkung…
Es war schwül an diesem Nachmittag; die Sterne standen für
zwischenmenschliche Funkenflüge günstig und die Frau war
zufällig in einer für ihre Tugend gefährlichen Stimmung.
Nun, dachte ich, wenn das Leben mich so beschenken will, will ich nicht
unachtsam sein – und das mir dankbare Hündchen beschützte
sein Frauchen nicht...
Wie habe ich diesen ranken und nach gelben Teerosen duftenden Leib
genossen! Die Frau war ein einziges traumhaft schönes Gedicht. Ich
konnte nicht stumm bleiben und auch bei ihr loderte das Feuer der
Leidenschaft hell auf, obwohl ich sicher „ausgehungerter“ war als sie;
aber wir Männer ahnen selten, was Frauen auch oder gerade in einer
langen Beziehung entbehren.
Wir wurden so vertraut miteinander, als würden wir uns lange
kennen. Ihre innigen Küsse erinnerten mich nachträglich an
die dunkelblonde Gitte, die sich, lang, lang ist´s her, bei einem
Tanzfest am Vorabend ihrer Verlobung noch einmal in wilder Leidenschaft
verschenken wollte – und wohl rein zufällig an mich.
Leider vergaßen wir an jenem durchaus südländischen
Nachmittag unsere Umgebung. Ein entsetzter Aufschrei der Frau riss mich
aus den Wolken zurück. Ich hörte eine Männerstimme aus
dem Hausinneren den Namen „Lydia“ rufen.
Die Frau griff in Panik meine herumliegenden Kleidungsstücke,
drückte sie mir in die Hände und drängte mich zum
Balkon. Der tiefe Sprung in die harten Rhododendronbüsche tat weh
und ließ mich tagelang hinken. Aber jedenfalls wurde nicht hinter
mir her geschossen.
Mit dem nächstbesten Schiff verließ ich diese Stadt. Leider
hatte ich die Kerle in der finsteren Seemannskaschemme falsch
verstanden; die Reise ging nicht, wie von mir erhofft, nach Italien,
sondern nach Westafrika.
Wieder einmal kam das eine Unglück nicht allein: Man hatte mich
bei dem Pferdehandel mit falschem Geld betrogen und der Kapitän
stellte mich brutal vor die Wahl, über Bord zu springen oder sein
Sklave zu werden. Ich fügte mich notgedrungen und musste in der
verdreckten Kombüse einem ständig unrettbar durch Rum, Grappa
und Wein betäubten Smutje helfen, aus verdorbenem Gemüse und
schimmligem Brot Mahlzeiten für die Besatzung und die wenigen
Gäste zuzubereiten.
In der vierten Nacht kam ein Orkan auf, dem das Schiff und die
Mannschaft nicht lange gewachsen waren. Der Hauptmast brach und
durchschlug eine Schiffswand, worauf das Schiff sofort zu sinken
begann. Als ich ins Wasser sprang, plumpste neben mir ein Weinfass
herunter. Ich umfasste es rechts und links und ließ es zwei
Nächte und drei Tage lang nicht mehr los. Es gelang mir nach
Stunden, den Splund zu lockern und mich bei Kräften zu halten.
Eines frühen Morgens hat eine aufmerksame Schiffsmannschaft mich
und das treibende Fass aus dem Meer gefischt. Sie nahmen mich in
wochenlanger Fahrt über viele Häfen in Spanien, Frankreich
und Italien mit. Ich kam auf Umwegen doch ins Mittelmeer und war
doppelt glücklich.
Dort unten gedeiht an Land ein fantastischer Wein; dieser hier ist
längst nicht so feurig, aber: Zum Wohl, meine Freunde! Lasst uns
nun bald ins Land der Träume hinüber gleiten. Morgen
erzähle ich weiter…
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