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Manchmal hilft uns auch
ein Schurke
Eines Nachmittags zerriss Trommelgedröhn der Inselwache unseren
Inselfrieden und rief das Inselvolk zum westlichen Strand. Ein Schiff
näherte sich unserer Insel. Es war ein europäischer
Hochseesegler und ich erkannte mit bloßem Auge die beiden Kanonen
am Bug, später auch die holländische Fahne.
Ich bereute sofort, dass ich die Inselverteidigung bisher vollkommen
vernachlässigt und militärische Maßnahmen durch meine
anderen Aktivitäten einfach vergessen hatte. Meine braunen Freunde
sahen mich erwartungsvoll an. Ich versuchte, gleichmütig und alles
vorausahnend auszusehen. Wegen der vorgelagerten Korallenriffe musste
die Brigg weit draußen ankern. Als ein Beiboot langsam auf uns
zusteuerte, wollten die Inselbewohner nach ihrer offenbar
überkommenen Taktik die Frauen wie damals bei meiner Ankunft
vorschicken. Ich winkte sie aber in die Deckung zurück und ging
allein auf die Ankömmlinge zu.
Es waren sechs Weiße, von denen vier ruderten und einer die
rot-weiß-blaue Fahne hielt. Ein weißbärtiger Mann
stand im Boot auf und hielt ein Buch hoch. Er rief in mehreren Sprachen
ein Wort, das ich als „Frieden" verstand. Ich winkte ihm erleichtert
zu, als ich zu erkennen glaubte, dass er eine Bibel in der Hand hielt.
Er stellte sich mir dann, durchs Wasser heran watend, als Missionar aus
Utrecht vor.
Ich misstraute ihm und seinen Absichten von Anfang an, aber ich war an
dem Schiff interessiert, das ihn hergebracht hatte. Wir konnten uns mit
einer Mischung von Plattdeutsch und Holländisch recht gut
verständigen.
Auch die ihn begleitenden Matrosen waren Holländer, aber sie
waren, was unter den gegebenen Umständen sehr auffiel und meine
Skepsis verstärkte, zu keiner sprachlichen Verständigung
bereit.
Der Missionar wunderte sich über meine Anwesenheit und
befürchtete anfangs, dass ich ein portugiesischer Missionar sein
könnte. Auch daraus folgerte ich, dass sich bei ihm und seinen
Auftraggebern staatliches Besitzstreben unheilig mit
Bekehrungsabsichten verband.
Mein Misstrauen muss sich auf die Inselbewohner übertragen haben.
Sie wichen ihm aus und ich fand es nicht verantwortbar, diese Vorsicht
abzubauen.
Ich erfuhr, dass der Kapitän nach wenigen Tagen weitersegeln
wollte. Die Männer aus seiner Mannschaft sollten sich auf unserer
Insel umsehen und vergewissern, ob man den Missionar sich hier selbst
überlassen konnte. Dann sei vorgesehen, dass das Schiff auf der
Rückfahrt von Batavia in einigen Wochen wieder hier vor Anker
gehen sollte.
Ich wollte diese erste Gelegenheit nicht ungenutzt lassen und bat den
Missionar, mich beim Kapitän zu empfehlen: ich sei ein hier vor
Jahresfrist gestrandeter Handelsherr, der über einen
größeren Hafen endlich zurück in seine Heimat wolle.
Als der Missionar gewahr wurde, wie ich mich auf die Zuneigung der
Inselbewohner stützen konnte, schien er es günstig zu finden,
mich bald loszuwerden. Tags darauf kam der Kapitän mit dem
größten Teil seiner Mannschaft auf die Insel. Weil die
internationale Handelsflotte eine erstaunlich kleine Welt ist, hatte er
von mir und meinem Schiff gehört und gab sich hilfsbereit. Wir
feierten ein gewaltiges Begrüßungs- und Abschiedsfest und
schon am übernächsten Morgen setzten sie über mir die
Segel.
Noch heute koche ich, wenn ich an die Frauen und Männer meiner
Südseeinsel denke, weil ich weiß, wie brutal die vorgeblich
frommen, aber im unbarmherzigsten Sklavenhandel reich gewordenen
Holländer auch ihnen ihre Auffassung vom Christentum
übergestülpt und gleichzeitig sie und ihr Land ausgebeutet
haben. Wer einige Religionen und ihre Anhänger im Alltag erlebt
hat, findet wenige Gründe, auf die Entwicklungen des Christentums
stolz zu sein.
Ich war ziemlich sicher, dass meine Inselfrauen dem Missionar
irgendwann einige wirkungsvolle Kräuter in seinen Abendtrunk
gemischt hatten, die ihn ungefährlich gemacht haben werden.
Hoffentlich sind sie nicht in frühere Gewohnheiten
zurückgefallen – und konnten später den ihn suchenden
Seeleuten wenigstens sein Grab zeigen.
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