Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Mahajusha schenkt mir Flügel

In Baden-Baden wurde uns die Zeit nicht lang, auch, weil uns so viele interessante Leute auf der Promenade begegneten, die wir dann in den Salons und Restaurants wiedertrafen. Mit der überall auffallenden Schönheit an meiner Seite wurden wir ein freundlich aufgenommener Teil der Kurgesellschaft. Mir lag nun gar nichts an der Verpflichtung, dauernd den Zylinder zu ziehen, aber es war keine schlechte Vorbereitung auf unsere Rolle in der Neuen Welt.

Das elegante Leben schien uns französisch geprägt zu sein; es soll hier auch erst mit dem Zuzug französischer Emigranten während der großen Revolution begonnen haben. Seither hat die Schwarzwaldstadt ein Flair, das auf Menschen aus der ganzen Welt anziehend wirkt, sogar auf den deutschen Adel. Für Leute, die Lust, Zeit und die Mittel haben, sich in der Gesellschaft von Leuten mit ähnlichen Voraussetzungen und Interessen morgens in den Thermen zu entspannen und abends bei einem Spiel um Geld zu vergnügen, ist dies ein geeigneter Platz. Mahajusha erinnerte sich und mich an meine frühere Spielleidenschaft. Wir lachten jetzt darüber, ich noch nicht ganz so frei wie sie.

Aus einer verliebten Laune heraus kaufte ich ein größeres Geschäft an der Promenade, ließ es elegant herrichten und darin Parfüme und allerlei Luxus-Zeugs verkaufen, was durchaus entbehrlich ist, aber aus Langeweile und Neugier von erstaunlich vielen gekauft wird, vor allem, wenn dafür wirksam geworben wird.

In einem französischen Gast fanden wir einen vermutbar tüchtigen Organisator, der in mehreren Welt und Kurstädten ähnliche Geschäfte für uns einrichten sollte. Wir nannten die einzelnen Duftwaren und diese Edelläden "Prinzessin von Persien". Ich hätte nie für möglich gehalten, dass so etwas so schnell populär werden konnte. Wir haben versuchsweise immer fast die Hälfte der Einrichtungskosten für Werbung ausgegeben; das schien sich zu lohnen.

Mahajusha hatte Freude an Duftmischungen. Mir schenkte sie ein herbes Rasierwasser und nannte es „Baron Münchhausen“. Auch andere fanden den Duft anregend; wir boten es an und erlebten, dass die erste Herstellungs-Serie innerhalb von Stunden verkauft war.

Die Prinzessin hat noch manchen Duft erfunden und wir hatten großen Spaß bei der jeweiligen Namensgebung. Auf Anhieb hatten wir einen überwältigenden Erfolg, der sich noch steigerte, seit wir unter anderem die Zauberworte "Paris" und „London“ aufdrucken konnten...

Ich hatte Mahajusha unterwegs von den Weinhändlern erzählt, aber die Namen noch nicht erwähnt. Sie zeigte wenig Interesse und fand die weitere Entwicklung nach meinem Eindruck nicht spannend. In Gedanken war sie wohl schon oft in Amerika.

Eines Abends saßen wir an einem Spieltisch. Ich versuchte mich von meiner auf monatelangen Seereisen angenommenen Spielfreude zu lösen sie hatte mich ja genug gekostet und nicht wenige Skipper sind durch mein Spielpech wohlhabende Leute geworden. Rothschild hatte wahrscheinlich irgendwie etwas darüber erfahren und mir deshalb ins Gewissen zu reden versucht.

Die Prinzessin hatte Freude am Spiel und ich ließ sie setzen, was und wo sie wollte, nachdem mein Rat ihr mehrfach kein Glück gebracht hatte. Als ich einmal aufschaute, standen uns die Herren Lovis und Patagonne gegenüber und verbeugten sich lächelnd. Mahajusha sah auch kurz auf und sagte leichthin: "Ach, da sind ja deine verloren gegangenen Weinfreunde." Ich war fassungslos: Mahajusha kannte also offensichtlich die beiden.

Die Herren machten mir Zeichen, dass wir uns nicht stören lassen sollten; sie zogen sich etwas zurück und ich bemerkte, dass sie auch in dem französischen General le Borget, mit dem wir kürzlich diniert hatten, einen alten Bekannten wieder trafen. Alle sahen einmal zu uns hinüber und da begann etwas in mir zu arbeiten, aber ich sah noch keine plausible Lösungen.

Mahajusha gewann auch dieses Spiel. Sie sah zauberhaft aus. Als wir aufstanden, hatte sie gerötete Wangen; sie hing sich in meinen Arm und sagte gutgelaunt: "Komm, begrüßen wir Lovis und Patagonne".

"Woher kennst du sie?" "Sie haben einiges für uns erledigt." "Für euch? Die beiden sind doch Waffenhändler!" "Sie sind vielseitig, Liebster, wirklich, und es sind brauchbare Partner.“

Wir saßen an diesem Abend bei einem exquisiten Essen zusammen; auch Gregorij nahm daran teil; ich hatte eine gebratene Gans noch sie so abgehoben „lieb“ erlebt (Ihr wisst, dass meine höchste Qualitätsstufe „das war ein liebes Tier“ ist. Die Herren aus Straßburg erinnerten sich gern an ihre Begegnungen mit ihm in Paris und fragten ihn, ob er nicht Lust hätte, an seine früheren Verbindungen zu vielen ausländischen Persönlichkeiten anzuknüpfen; sie wüssten ein lohnendes Aufgabenfeld im kommenden Erdölgeschäft... Gregorij bekam glänzende Augen.

Ihre Schwierigkeiten mit der Koblenzer Polizei spielten die Herren herunter, meinten aber lachend, dass ihre Reise womöglich wegen der nie auszuschließenden Explosionsgefahr bei den zur Werbung mitgeführten Champagnerflaschen behördlich verfolgt wurde.

Mahajusha wurde von den Herren ehrerbietig hofiert; offenbar waren sie ihr in Frankfurt oder anderswo begegnet.

Ich fand die ganze Geschichte plötzlich nicht mehr an oder gar aufregend; ich hatte Wichtigeres vor mir. Mahajusha war es, die den Herren von unserer bevorstehenden Reise erzählte. Wir erfuhren dann, dass die Weinhandlung seit Jahren in Philadelphia eine Tochterfirma hat und in mehreren amerikanischen Städten weitere Filialen plant.

Ich fragte, ob die Amerikaner denn tatsächlich genügend Wein trinken würden und erhielt mit einem geheimnisvollen Lächeln die Antwort: "Nein, mit dem Weinverkauf könnten wir uns dort nicht halten, fast stärker mit Champagner. Aber unsere Geschäfte drüben bieten vom Salz für die Suppe bis zur Hundehütte möglichst vieles von dem an, was man so im Alltag braucht."

Ich wollte mir nicht verkneifen, sie zu fragen: "Auch Gewehre?" "Selbstverständlich!", sagte Herr Lovis zu meiner Überraschung. "Alle Amerikaner haben ein starkes und für uns wenig begreifbares Sicherheitsbedürfnis – die Regierungen und die Bürger, und sie sind ganz merkwürdig stolz auf ihre zahlreichen Waffen. Wir haben gerade von deutschen Politikern unerwartet Unterstützung erfahren; einige fanden, „dann sollen sie in Amerika wenigstens deutsche Waffen kaufen“. In den Staaten dürfen wir nicht in gewohnten Bahnen denken... Sie werden sehen, man kann dort mit fast allem sein Glück machen..."

Die Prinzessin warf ein, dass wir doch auch mitschuldig werden könnten, wenn die wachsende Waffenleidenschaft den Charakter eines Volkes bedrohlich verändern würde. Diese Möglichkeit wurde von den Straßburgern mit dem Hinweis auf die sehr europäisch gemischte Zusammensetzung der amerikanischen Bevölkerung kleingeredet; sie sahen darin einen stabilisierenden, beruhigenden Faktor. Ich fühlte mich Mahajusha stark verbunden; ihre besorgte Frage fand ich überzeugender als die raschen Antworten der Kaufleute. Es hat die Diskussion sehr belebt, dass ich diesen Eindruck ausgesprochen habe…

Die Herren versicherten uns, dass sie an der Festigung unserer Beziehung interessiert seien. Mahajusha nickte, als wäre das eine selbstverständliche Folge. Ich war unsicherer und reservierter und fragte mich den ganzen Abend, ob die beiden auch Geschäftspartner von Rothschild sind. Aber das würde ich wohl bald erfahren.

Ich war auch verwirrt wegen der jetzt bereits erkennbar gewordenen Einbindung der Prinzessin in größere, mir bis dahin unklare Zusammenhänge. Ich musste mich noch daran gewöhnen, dass sie selbständig handelte. Hatte die Katholische Kirche nicht erst kürzlich zugegeben, dass die Frauen überhaupt eine Seele haben? Dass Mahajusha ungewöhnliche Gaben hatte, war ja auch mir schon vor Jahren aufgegangen, aber neu und überhaupt nicht unangenehm war mir die Erkenntnis, dass wir jetzt mindestens gleichberechtigt waren.

Kurz vor unserer Abreise hatte ich ein Gespräch mit dem Geheimrat Cotta, dem das vortreffliche Hotel gehörte. Er schien mir von den Begleitumständen seiner Bücher und Zeitungsgeschäfte ermüdet zu sein. Jedenfalls zeigte er sich gar nicht aufgeschlossen für meinen Einfall, solche komfortablen Hotels in mehreren großen Städten einzurichten, auch in der Neuen Welt. "Ach, lieber Baron Münchhausen", sagte Cotta, „für mich hat das keinen Reiz mehr. Versuchen Sie es doch zusammen mit diesem menschlichen Kleinod, das Ihnen so innig verbunden zu sein scheint..."

Cotta machte dann noch eine Bemerkung, die mich elektrisierte: "Hoffentlich bleiben Sie in Amerika unbehelligt von den Leuten, die hier hinter Ihnen herschnüffeln." Als ich ihn erstaunt ansah, sagte er noch: "Es wimmelt hier leider von Spionen und Zuträgern. Es ist Ihnen doch bekannt, dass die Franzosen ein hohes Kopfgeld auf Sie ausgesetzt haben?"

Ich fiel aus allen Wolken: „Unmöglich! Warum denn auch?" "Nun, lieber Freund, wir alle hier wissen doch, dass Sie für die französische Regierung als Geheimnisträger gelten. Sind das wirklich Neuigkeiten für Sie?"

Ich schwieg betroffen. An die Möglichkeit, dass mich uralte Geschichten noch einmal einholen könnten, hatte ich nicht im Traum gedacht. Ich war doch längst „außer Dienst“ und zudem offiziell und ehrenvoll verabschiedet worden.

„Aber das ist doch sofort einleuchtend“, meinte auch Gregorij, als ich ihm von meiner Jahrzehnte zurückliegenden Tätigkeit für den französischen Hof berichtete. Er verstärkte meine Bestürzung: "Klar, für die Regierung bleiben Sie ein risikobereiter Mitwisser. Alle diese kleinen Abenteuer unterwegs haben vielleicht nicht den Weinhändlern gegolten, sondern Ihnen. War übrigens der Abschied der Straßburger heute früh nicht etwas überstürzt?"

Ich wusste nichts von ihrer Abreise, aber ich sah jetzt einiges in anderem Licht und war ziemlich aufgeregt. Jetzt hielt es mich auch nicht länger in dem bisher so angenehmen Weltbad.

Mahajusha bemerkte mit Sorge, dass ich meine Pistole jetzt immer bei mir trug. Mit Gregorij und Mahajusha vereinbarte ich eine diskrete Abreise für den kommenden späten Abend. Wir machten noch gemeinsame Spaziergänge in die Umgebung und nahmen alle folgenden Mahlzeiten zusammen ein.

Trotz meiner plötzlich aufgekommenen Sorgen genoss ich jede Stunde des Zusammenseins mit meiner Prinzessin. „Du hast doch schon so viele Prinzessinnen näher kennengelernt, viel mehr als mir lieb ist", neckte mich Mahajusha einmal, als sie wieder einmal ein Damespiel gewonnen hatte. Ja, zugegeben, das ist schon merkwürdig in meinem Leben, aber dahinter stand keine Geltungssucht; es hatte sich halt so ergeben.

Mahajusha hatte mich in wenigen Wochen verjüngt. Ich war voller Pläne und sah wirklich viele lohnende Möglichkeiten für uns beide mit und neben der neuen Aufgabe. Die mir wichtigste und beglückendste Erkenntnis war aber, dass mein ruheloses Herz bei Mahajusha endlich zur Ruhe kommen wollte. Wir wollten einander ein Heimathafen sein. Das mag manchen allzu sentimental klingen, aber fragt euch zurückerinnernd: Können Liebende sich Schöneres und Wichtigeres vornehmen?

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

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