|
Mahajusha schenkt mir
Flügel
In Baden-Baden wurde uns die Zeit nicht lang, auch, weil uns so viele
interessante Leute auf der Promenade begegneten, die wir dann in den
Salons und Restaurants wiedertrafen. Mit der überall auffallenden
Schönheit an meiner Seite wurden wir ein freundlich aufgenommener
Teil der Kurgesellschaft. Mir lag nun gar nichts an der Verpflichtung,
dauernd den Zylinder zu ziehen, aber es war keine schlechte
Vorbereitung auf unsere Rolle in der Neuen Welt.
Das elegante Leben schien uns französisch geprägt zu sein; es
soll hier auch erst mit dem Zuzug französischer Emigranten
während der großen Revolution begonnen haben. Seither hat
die Schwarzwaldstadt ein Flair, das auf Menschen aus der ganzen Welt
anziehend wirkt, sogar auf den deutschen Adel. Für Leute, die
Lust, Zeit und die Mittel haben, sich in der Gesellschaft von Leuten
mit ähnlichen Voraussetzungen und Interessen morgens in den
Thermen zu entspannen und abends bei einem Spiel um Geld zu
vergnügen, ist dies ein geeigneter Platz. Mahajusha erinnerte sich
und mich an meine frühere Spielleidenschaft. Wir lachten jetzt
darüber, ich noch nicht ganz so frei wie sie.
Aus einer verliebten Laune heraus kaufte ich ein größeres
Geschäft an der Promenade, ließ es elegant herrichten und
darin Parfüme und allerlei Luxus-Zeugs verkaufen, was durchaus
entbehrlich ist, aber aus Langeweile und Neugier von erstaunlich vielen
gekauft wird, vor allem, wenn dafür wirksam geworben wird.
In einem französischen Gast fanden wir einen vermutbar
tüchtigen Organisator, der in mehreren Welt und Kurstädten
ähnliche Geschäfte für uns einrichten sollte. Wir
nannten die einzelnen Duftwaren und diese Edelläden "Prinzessin
von Persien". Ich hätte nie für möglich gehalten, dass
so etwas so schnell populär werden konnte. Wir haben versuchsweise
immer fast die Hälfte der Einrichtungskosten für Werbung
ausgegeben; das schien sich zu lohnen.
Mahajusha hatte Freude an Duftmischungen. Mir schenkte sie ein herbes
Rasierwasser und nannte es „Baron Münchhausen“. Auch andere fanden
den Duft anregend; wir boten es an und erlebten, dass die erste
Herstellungs-Serie innerhalb von Stunden verkauft war.
Die Prinzessin hat noch manchen Duft erfunden und wir hatten
großen Spaß bei der jeweiligen Namensgebung. Auf Anhieb
hatten wir einen überwältigenden Erfolg, der sich noch
steigerte, seit wir unter anderem die Zauberworte "Paris" und „London“
aufdrucken konnten...
Ich hatte Mahajusha unterwegs von den Weinhändlern erzählt,
aber die Namen noch nicht erwähnt. Sie zeigte wenig Interesse und
fand die weitere Entwicklung nach meinem Eindruck nicht spannend. In
Gedanken war sie wohl schon oft in Amerika.
Eines Abends saßen wir an einem Spieltisch. Ich versuchte mich
von meiner auf monatelangen Seereisen angenommenen Spielfreude zu
lösen sie hatte mich ja genug gekostet und nicht wenige Skipper
sind durch mein Spielpech wohlhabende Leute geworden. Rothschild hatte
wahrscheinlich irgendwie etwas darüber erfahren und mir deshalb
ins Gewissen zu reden versucht.
Die Prinzessin hatte Freude am Spiel und ich ließ sie setzen, was
und wo sie wollte, nachdem mein Rat ihr mehrfach kein Glück
gebracht hatte. Als ich einmal aufschaute, standen uns die Herren Lovis
und Patagonne gegenüber und verbeugten sich lächelnd.
Mahajusha sah auch kurz auf und sagte leichthin: "Ach, da sind ja deine
verloren gegangenen Weinfreunde." Ich war fassungslos: Mahajusha kannte
also offensichtlich die beiden.
Die Herren machten mir Zeichen, dass wir uns nicht stören lassen
sollten; sie zogen sich etwas zurück und ich bemerkte, dass sie
auch in dem französischen General le Borget, mit dem wir
kürzlich diniert hatten, einen alten Bekannten wieder trafen. Alle
sahen einmal zu uns hinüber und da begann etwas in mir zu
arbeiten, aber ich sah noch keine plausible Lösungen.
Mahajusha gewann auch dieses Spiel. Sie sah zauberhaft aus. Als wir
aufstanden, hatte sie gerötete Wangen; sie hing sich in meinen Arm
und sagte gutgelaunt: "Komm, begrüßen wir Lovis und
Patagonne".
"Woher kennst du sie?" "Sie haben einiges für uns erledigt."
"Für euch? Die beiden sind doch Waffenhändler!" "Sie sind
vielseitig, Liebster, wirklich, und es sind brauchbare Partner.“
Wir saßen an diesem Abend bei einem exquisiten Essen zusammen;
auch Gregorij nahm daran teil; ich hatte eine gebratene Gans noch sie
so abgehoben „lieb“ erlebt (Ihr wisst, dass meine höchste
Qualitätsstufe „das war ein liebes Tier“ ist. Die Herren aus
Straßburg erinnerten sich gern an ihre Begegnungen mit ihm in
Paris und fragten ihn, ob er nicht Lust hätte, an seine
früheren Verbindungen zu vielen ausländischen
Persönlichkeiten anzuknüpfen; sie wüssten ein lohnendes
Aufgabenfeld im kommenden Erdölgeschäft... Gregorij bekam
glänzende Augen.
Ihre Schwierigkeiten mit der Koblenzer Polizei spielten die Herren
herunter, meinten aber lachend, dass ihre Reise womöglich wegen
der nie auszuschließenden Explosionsgefahr bei den zur Werbung
mitgeführten Champagnerflaschen behördlich verfolgt wurde.
Mahajusha wurde von den Herren ehrerbietig hofiert; offenbar waren sie
ihr in Frankfurt oder anderswo begegnet.
Ich fand die ganze Geschichte plötzlich nicht mehr an oder gar
aufregend; ich hatte Wichtigeres vor mir. Mahajusha war es, die den
Herren von unserer bevorstehenden Reise erzählte. Wir erfuhren
dann, dass die Weinhandlung seit Jahren in Philadelphia eine
Tochterfirma hat und in mehreren amerikanischen Städten weitere
Filialen plant.
Ich fragte, ob die Amerikaner denn tatsächlich genügend Wein
trinken würden und erhielt mit einem geheimnisvollen Lächeln
die Antwort: "Nein, mit dem Weinverkauf könnten wir uns dort nicht
halten, fast stärker mit Champagner. Aber unsere Geschäfte
drüben bieten vom Salz für die Suppe bis zur Hundehütte
möglichst vieles von dem an, was man so im Alltag braucht."
Ich wollte mir nicht verkneifen, sie zu fragen: "Auch Gewehre?"
"Selbstverständlich!", sagte Herr Lovis zu meiner
Überraschung. "Alle Amerikaner haben ein starkes und für uns
wenig begreifbares Sicherheitsbedürfnis – die Regierungen und die
Bürger, und sie sind ganz merkwürdig stolz auf ihre
zahlreichen Waffen. Wir haben gerade von deutschen Politikern
unerwartet Unterstützung erfahren; einige fanden, „dann sollen sie
in Amerika wenigstens deutsche Waffen kaufen“. In den Staaten
dürfen wir nicht in gewohnten Bahnen denken... Sie werden sehen,
man kann dort mit fast allem sein Glück machen..."
Die Prinzessin warf ein, dass wir doch auch mitschuldig werden
könnten, wenn die wachsende Waffenleidenschaft den Charakter eines
Volkes bedrohlich verändern würde. Diese Möglichkeit
wurde von den Straßburgern mit dem Hinweis auf die sehr
europäisch gemischte Zusammensetzung der amerikanischen
Bevölkerung kleingeredet; sie sahen darin einen stabilisierenden,
beruhigenden Faktor. Ich fühlte mich Mahajusha stark verbunden;
ihre besorgte Frage fand ich überzeugender als die raschen
Antworten der Kaufleute. Es hat die Diskussion sehr belebt, dass ich
diesen Eindruck ausgesprochen habe…
Die Herren versicherten uns, dass sie an der Festigung unserer
Beziehung interessiert seien. Mahajusha nickte, als wäre das eine
selbstverständliche Folge. Ich war unsicherer und reservierter und
fragte mich den ganzen Abend, ob die beiden auch Geschäftspartner
von Rothschild sind. Aber das würde ich wohl bald erfahren.
Ich war auch verwirrt wegen der jetzt bereits erkennbar gewordenen
Einbindung der Prinzessin in größere, mir bis dahin unklare
Zusammenhänge. Ich musste mich noch daran gewöhnen, dass sie
selbständig handelte. Hatte die Katholische Kirche nicht erst
kürzlich zugegeben, dass die Frauen überhaupt eine Seele
haben? Dass Mahajusha ungewöhnliche Gaben hatte, war ja auch mir
schon vor Jahren aufgegangen, aber neu und überhaupt nicht
unangenehm war mir die Erkenntnis, dass wir jetzt mindestens
gleichberechtigt waren.
Kurz vor unserer Abreise hatte ich ein Gespräch mit dem Geheimrat
Cotta, dem das vortreffliche Hotel gehörte. Er schien mir von den
Begleitumständen seiner Bücher und Zeitungsgeschäfte
ermüdet zu sein. Jedenfalls zeigte er sich gar nicht
aufgeschlossen für meinen Einfall, solche komfortablen Hotels in
mehreren großen Städten einzurichten, auch in der Neuen
Welt. "Ach, lieber Baron Münchhausen", sagte Cotta, „für mich
hat das keinen Reiz mehr. Versuchen Sie es doch zusammen mit diesem
menschlichen Kleinod, das Ihnen so innig verbunden zu sein scheint..."
Cotta machte dann noch eine Bemerkung, die mich elektrisierte:
"Hoffentlich bleiben Sie in Amerika unbehelligt von den Leuten, die
hier hinter Ihnen herschnüffeln." Als ich ihn erstaunt ansah,
sagte er noch: "Es wimmelt hier leider von Spionen und Zuträgern.
Es ist Ihnen doch bekannt, dass die Franzosen ein hohes Kopfgeld auf
Sie ausgesetzt haben?"
Ich fiel aus allen Wolken: „Unmöglich! Warum denn auch?" "Nun,
lieber Freund, wir alle hier wissen doch, dass Sie für die
französische Regierung als Geheimnisträger gelten. Sind das
wirklich Neuigkeiten für Sie?"
Ich schwieg betroffen. An die Möglichkeit, dass mich uralte
Geschichten noch einmal einholen könnten, hatte ich nicht im Traum
gedacht. Ich war doch längst „außer Dienst“ und zudem
offiziell und ehrenvoll verabschiedet worden.
„Aber das ist doch sofort einleuchtend“, meinte auch Gregorij, als ich
ihm von meiner Jahrzehnte zurückliegenden Tätigkeit für
den französischen Hof berichtete. Er verstärkte meine
Bestürzung: "Klar, für die Regierung bleiben Sie ein
risikobereiter Mitwisser. Alle diese kleinen Abenteuer unterwegs haben
vielleicht nicht den Weinhändlern gegolten, sondern Ihnen. War
übrigens der Abschied der Straßburger heute früh nicht
etwas überstürzt?"
Ich wusste nichts von ihrer Abreise, aber ich sah jetzt einiges in
anderem Licht und war ziemlich aufgeregt. Jetzt hielt es mich auch
nicht länger in dem bisher so angenehmen Weltbad.
Mahajusha bemerkte mit Sorge, dass ich meine Pistole jetzt immer bei
mir trug. Mit Gregorij und Mahajusha vereinbarte ich eine diskrete
Abreise für den kommenden späten Abend. Wir machten noch
gemeinsame Spaziergänge in die Umgebung und nahmen alle folgenden
Mahlzeiten zusammen ein.
Trotz meiner plötzlich aufgekommenen Sorgen genoss ich jede Stunde
des Zusammenseins mit meiner Prinzessin. „Du hast doch schon so viele
Prinzessinnen näher kennengelernt, viel mehr als mir lieb ist",
neckte mich Mahajusha einmal, als sie wieder einmal ein Damespiel
gewonnen hatte. Ja, zugegeben, das ist schon merkwürdig in meinem
Leben, aber dahinter stand keine Geltungssucht; es hatte sich halt so
ergeben.
Mahajusha hatte mich in wenigen Wochen verjüngt. Ich war voller
Pläne und sah wirklich viele lohnende Möglichkeiten für
uns beide mit und neben der neuen Aufgabe. Die mir wichtigste und
beglückendste Erkenntnis war aber, dass mein ruheloses Herz bei
Mahajusha endlich zur Ruhe kommen wollte. Wir wollten einander ein
Heimathafen sein. Das mag manchen allzu sentimental klingen, aber fragt
euch zurückerinnernd: Können Liebende sich Schöneres und
Wichtigeres vornehmen?
|
|