Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Literatur als Überlebenshilfe

Der unersättliche fürstliche Jäger nötigte mich, ihn noch zweimal wenigstens passiv bleibend auf einer Jagd zu begleiten. Dieses Mal kamen wir gar nicht rasch voran, obwohl uns viele Männer schon an den Vortagen einen Weg durch den Dschungel gebahnt hatten.

Nach einem stundenlangen Elefantenritt hatte ich um einen Halt gebeten, um mich kurz in die Büsche schlagen zu können. Der Maharadscha wollte den Halt zu einem ähnlichen Zweck nutzen. Er sah mir verwundert nach, als ich, nach meiner lebenslangen Gewohnheit, neben anderem ein Buch aus meinem Gepäck mitnahm. Ich fand bald einen tief wachsenden starken Baumast als günstige Sitzgelegenheit und vertiefte mich mit herabgelassener Hose in meine Reiselektüre, das neueste Werk unseres nach seiner Einschätzung drittgrößten lebenden Dichters: es war ein utopischer Roman; ich hatte ihn schon über die Mitte hinaus gelesen.

Ein unheimliches Fauchen hinter mir schreckte mich auf. Ich sprang in meiner ungünstigen Verfassung auf und starrte in die mordlustige Fratze eines ausgehungert wirkenden Panters. Die Raubkatze wollte wohl meine augenblickliche Schwäche nutzen; sie hatte sich mit erhobenen Tatzen mannshoch aufgerichtet und mit einem genussvollen Knurren in Vorfreude auf mein saftiges Fleisch ihr Furcht erregendes Maul mit schneeweißen und gesund wirkenden Zähnen aufgerissen; diese finale Drohgebärde scheint dort unter den Raubtieren verbreitet zu sein.

Mit einer plötzlichen Eingebung warf ich dem Panter mein Buch in den Rachen. Er stutzte; das aufgeschlagene Buch blieb ihm im Hals stecken. Er hustete, versuchte krächzend Luft zu bekommen und mit einer verzweifelten Anstrengung würgte er dann das ganze Buch herunter. Das war ein unbedachter Fehler: Nur für einen Augenblick konnte er sich außer Lebensgefahr fühlen, dann wurde er von sichtlich furchtbaren Krämpfen geschüttelt; er wälzte sich zusammengekrümmt auf dem Urwaldboden und ich erkannte bald, dass dieses ungebildete Tier das reife Werk unseres aktuellsten Dichters unmöglich bei sich behalten oder gar verdauen konnte.

Ich konnte dem Leidenden nicht helfen und sah es als einen Akt der Barmherzigkeit an, den unglücklichen Angreifer durch zwei beherzte Handkantenschläge an seine Gurgel und ins Genick zu erlösen. Diese gefährliche chinesische Kampfkunst hatte ich von Matrosen gelernt und in langweiligen Stunden auf den Schiffen bis zur Kampfreife geübt.

Der grausige Todesseufzer des Panters alarmierte die ganze Jagdgesellschaft. Das Erstaunen und die Bewunderung des Maharadschas und seiner Jäger waren beträchtlich, als ich den erlegten Panter am Schwanz hinter mir her zog. Ich sah es selbst: Es war ein männliches, besonders großes und beeindruckend anzusehendes Exemplar mit herrlichem seidig glänzendem Fell.

Nach der Rückkehr von der Jagd wurde ich am Hof des Maharadschas mit einer merkwürdigen Scheu gefeiert. Der Panter scheint im Glauben des Volkes ein mystisches Wesen zu sein, vielleicht sogar ein Symbol des Bösen und Unheimlichen. Warum sich aber jeden Abend eine stattliche Gruppe von jungen Tempeltänzerinnen vor meinem Palastzimmer einfand und, obwohl sie kein Wort von mir verstanden und am liebsten im Dunkeln dieses Jagdabenteuer noch einmal hören wollten, kann ich mir heute noch immer nicht erklären. Ob sie es ahnten, dass ich nun mal für mein Leben gern erzähle? Es ist gut möglich, dass ich einige Male über dem Erzählen eingeschlafen bin.

Wenn ich wach wurde, waren alle noch da – und manche Tänzerinnen waren sehr nah bei mir. Erlebt ihr das auch oft? Manchmal kriegt man vieles auf einmal und manchmal lange nichts.

Mir waren das Aufsehen, die vielen Lobreden und das umjubelte Herumgetragenwerden eher unangenehm – ihr wisst alle, dass ich ungern im Mittelpunkt stehe und meine glückhaften Taten lieber herunterspiele. Aber die Tempeltänzerinnen waren funkelnde Edelsteinsplitter in meinen Nächten. Ihr könnt ja mal raten, warum. Und doch liegt ihr falsch, denn meine Nächte waren bereits wundervoll verplant – nur durfte ich mir das noch nicht anmerken lassen.


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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
Impressum und Kontakt




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