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Literatur als
Überlebenshilfe
Der unersättliche fürstliche Jäger nötigte mich,
ihn noch zweimal wenigstens passiv bleibend auf einer Jagd zu
begleiten. Dieses Mal kamen wir gar nicht rasch voran, obwohl uns viele
Männer schon an den Vortagen einen Weg durch den Dschungel gebahnt
hatten.
Nach einem stundenlangen Elefantenritt hatte ich um einen Halt gebeten,
um mich kurz in die Büsche schlagen zu können. Der
Maharadscha wollte den Halt zu einem ähnlichen Zweck nutzen. Er
sah mir verwundert nach, als ich, nach meiner lebenslangen Gewohnheit,
neben anderem ein Buch aus meinem Gepäck mitnahm. Ich fand bald
einen tief wachsenden starken Baumast als günstige Sitzgelegenheit
und vertiefte mich mit herabgelassener Hose in meine Reiselektüre,
das neueste Werk unseres nach seiner Einschätzung
drittgrößten lebenden Dichters: es war ein utopischer Roman;
ich hatte ihn schon über die Mitte hinaus gelesen.
Ein unheimliches Fauchen hinter mir schreckte mich auf. Ich sprang in
meiner ungünstigen Verfassung auf und starrte in die mordlustige
Fratze eines ausgehungert wirkenden Panters. Die Raubkatze wollte wohl
meine augenblickliche Schwäche nutzen; sie hatte sich mit
erhobenen Tatzen mannshoch aufgerichtet und mit einem genussvollen
Knurren in Vorfreude auf mein saftiges Fleisch ihr Furcht erregendes
Maul mit schneeweißen und gesund wirkenden Zähnen
aufgerissen; diese finale Drohgebärde scheint dort unter den
Raubtieren verbreitet zu sein.
Mit einer plötzlichen Eingebung warf ich dem Panter mein Buch in
den Rachen. Er stutzte; das aufgeschlagene Buch blieb ihm im Hals
stecken. Er hustete, versuchte krächzend Luft zu bekommen und mit
einer verzweifelten Anstrengung würgte er dann das ganze Buch
herunter. Das war ein unbedachter Fehler: Nur für einen Augenblick
konnte er sich außer Lebensgefahr fühlen, dann wurde er von
sichtlich furchtbaren Krämpfen geschüttelt; er wälzte
sich zusammengekrümmt auf dem Urwaldboden und ich erkannte bald,
dass dieses ungebildete Tier das reife Werk unseres aktuellsten
Dichters unmöglich bei sich behalten oder gar verdauen konnte.
Ich konnte dem Leidenden nicht helfen und sah es als einen Akt der
Barmherzigkeit an, den unglücklichen Angreifer durch zwei beherzte
Handkantenschläge an seine Gurgel und ins Genick zu erlösen.
Diese gefährliche chinesische Kampfkunst hatte ich von Matrosen
gelernt und in langweiligen Stunden auf den Schiffen bis zur Kampfreife
geübt.
Der grausige Todesseufzer des Panters alarmierte die ganze
Jagdgesellschaft. Das Erstaunen und die Bewunderung des Maharadschas
und seiner Jäger waren beträchtlich, als ich den erlegten
Panter am Schwanz hinter mir her zog. Ich sah es selbst: Es war ein
männliches, besonders großes und beeindruckend anzusehendes
Exemplar mit herrlichem seidig glänzendem Fell.
Nach der Rückkehr von der Jagd wurde ich am Hof des Maharadschas
mit einer merkwürdigen Scheu gefeiert. Der Panter scheint im
Glauben des Volkes ein mystisches Wesen zu sein, vielleicht sogar ein
Symbol des Bösen und Unheimlichen. Warum sich aber jeden Abend
eine stattliche Gruppe von jungen Tempeltänzerinnen vor meinem
Palastzimmer einfand und, obwohl sie kein Wort von mir verstanden und
am liebsten im Dunkeln dieses Jagdabenteuer noch einmal hören
wollten, kann ich mir heute noch immer nicht erklären. Ob sie es
ahnten, dass ich nun mal für mein Leben gern erzähle? Es ist
gut möglich, dass ich einige Male über dem Erzählen
eingeschlafen bin.
Wenn ich wach wurde, waren alle noch da – und manche Tänzerinnen
waren sehr nah bei mir. Erlebt ihr das auch oft? Manchmal kriegt man
vieles auf einmal und manchmal lange nichts.
Mir waren das Aufsehen, die vielen Lobreden und das umjubelte
Herumgetragenwerden eher unangenehm – ihr wisst alle, dass ich ungern
im Mittelpunkt stehe und meine glückhaften Taten lieber
herunterspiele. Aber die Tempeltänzerinnen waren funkelnde
Edelsteinsplitter in meinen Nächten. Ihr könnt ja mal raten,
warum. Und doch liegt ihr falsch, denn meine Nächte waren bereits
wundervoll verplant – nur durfte ich mir das noch nicht anmerken
lassen.
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