Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Liebesarien

Am Abend besuchte ich aus Langeweile ein Konzert. Gregorij wurde noch von seinem Schneider aufgehalten. Eine Sängerin mit einem ungewöhnlich umfangreichem eigenem "Resonanzboden" erfreute das Publikum mit italienischen Opernarien. Sie sang wundervoll, ich fand ihre Stimme glockenrein, warm, lyrisch und flammend; das sagte ich ihr ganz ergriffen auch in der Pause. Ich deutete an, dass ich ebenfalls einige Erfolge als Sänger hatte. Deshalb hielt sie mich für einen Kammersänger-Kollegen und bat mich, sie nach der Vorstellung auszuführen: „Allein kann ich nicht gut ausgehen und Sie wissen, lieber Kollege, wie einsam man auf einer Tournee ist..." Ich habe ihre Hand geküsst…

Die Weinhändler und Gregorij benachrichtigte ich durch einen Boten mit wenigen Worten auf meiner Karte:



Der Sängerin merkte man an, dass sie bereit war, sich sehr zu steigern. Das Publikum tobte vor Begeisterung und verlangte mehrere Zugaben von ihr. Ich wartete ungeduldig in ihrer Garderobe. Sie umarmte mich überglücklich über die dankbaren Hörer. Camilla und ich verbrachten dann einen vergnüglichen Abend in einem Brauhaus – mit „Himmel un Ääd“ und dem süffigen „Kölsch“; danach schlemmten wir noch Rote Grütze mit Sahne in dünnen Waffeln und wir wurden immer heiterer.

Die ungewöhnlich temperamentvolle Sängerin war mir sehr dankbar für meine Gesellschaft; sie war erstaunt und beglückt, dass ich sogar ihre schmerzenden Verspannungen im Schulter und Rückenbereich lindern konnte. Das dauerte; dann tranken wir noch einige Gläschen Champagner, und dann konnte ich die sensible Künstlerin bei einem sich plötzlich über Köln entladendem Gewitter auch nicht gut allein lassen.

Ich muss zugeben, dass ich mich anfangs fürchtete, von ihr erdrückt zu werden, aber vielleicht, weil ich einige Erfahrung mit gewichtigen Frauen hatte, wurde alles leicht und erfreulich. Camilla roch umwerfend gut und sang mir beim Liebesspiel immerzu leise italienische Liebeslieder ins Ohr. Ihre Stimme und ihre liebevolle Art haben mich verzaubert.

In der Morgensonne lag sie dann, wie nur eine hoch befriedigte Frau liegt: die Arme ausgebreitet, lang gestreckt wohlig ruhend auf den zerwühlten Laken, die in den letzten Stunden vielgeküssten vollen Brüste mit den immer noch aufgerichteten Höhepunkten, die wohlgeformten Schenkel sorglos geöffnet ­ein Bild der satten, dankbaren Ruhe. Vor ihr kniend, erfreute mich an diesem Anblick. Die Sonne spielte in dem dunklen Wald um ihren gewaltigen Schoß so kam sie mir vor wie ein Sinnbild des Urweibes oder der Allmutter Erde. Nur zu gern ließ ich mich wieder und wieder aufsaugen von diesem verzaubernden Dunkel...

Beim Frühstück vertraute Camilla mir an, dass sie bald mit dem Singen aufhören wolle "ehe andere sagen, dass es zu spät ist. Aber was soll ich dann tun? Ich will doch nicht zuhause sitzen und häkeln und sticken."

Das fand ich einleuchtend. Ich hatte einen Einfall, verwarf ihn, er kam aber wieder. Wir spannen ihn gemeinsam aus; das Frühstück zog sich in den Morgen hinein, bis wir (ich habe den Grundsatz gehätschelt, dies nie vor halb elf zu tun) auch wieder Champagner trinken konnten. Wir unterbrachen uns mehrmals und ich spürte tatsächlich, wie mich dieser unglaubliche Schoß kraftvoll inspirierte.

Camilla begeisterte sich für meinen Vorschlag. Wir hielten alle Punkte auf der Tischdecke fest; sie nahm sie später mit. Das Tuch wurde die Grundlage einer guten und vertrauensvollen Zusammenarbeit, die keinen von uns gereut hat, denn sie wurde auch geschäftlich überaus erfolgreich.

Wir sind jetzt seit vielen Jahren Geschäftspartner und Teilhaber. Camilla führt heute in Paris die erste und immer noch größte Vermittlungs-Agentur für Künstlerinnen und Künstler und für Modevorführerinnen. Ihre Schwestern und ihr Zwillingsbruder tun das Gleiche für Schriftsteller und Schauspieler in London, München und Rom. So etwas fehlte eben noch in Europa.

Unser Abschied wurde von sachlichen Zwängen festgelegt: Camilla hatte am Abend ein Konzert in Düsseldorf. Dreimal haben wir uns umarmt und zweimal… aber mehr Intimitäten muss ich euch nicht verraten.

Manchmal lächle ich genießerisch erinnernd: Ohne meinen Zwischenhalt und ohne meinen Konzertbesuch in Köln gäbe es diese für alles Kulturleben längst unentbehrlichen Schaltstellen nicht.

Meinen Biographen werde ich vielleicht eine anspruchsvollere Entstehungs- geschichte hinterlassen, aber warum eigentlich? „Et is, wie et is.“

Könnt ihr mir nachfühlen, dass ich mich unbändig darauf freue, eines hoffentlich fernen Tages alle Frauen, die mir auf Erden lieb und wichtig waren, im Himmel wiederzutreffen? Ich stelle mir unsere Umarmungen traumhaft schön vor; ich muss ja nicht befürchten, dass mich eine der erfreulich vielen Frauen nicht wiedersehen will.

Allerdings bin ich nicht so sicher, ob sie sich auch gegenseitig akzeptieren und anlächeln können. Ich hoffe sehr, dass es mir und notfalls auch anderen Himmelsbewohnern gelingen wird, das wohl unvermeidbare gegenseitige Abschätzen nicht eskalieren zu lassen. Mich beruhigt dabei der Gedanke, dass zumindest die Frauen dort alle Engel sein werden, frei geworden von aller irdischen Missgunst und nur beseelt davon, friedlichste Liebe auszuströmen… Aber wer kann voraussehen, wie es ausgeht, wenn Frauen im Spiel sind? Ich konnte es nie.

Ich werde einen guten Maler suchen, der mir die himmlische Szene schon zu Lebzeiten lustvoll vor Augen führt…

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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