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Liebesarien
Am Abend besuchte ich aus Langeweile ein Konzert. Gregorij wurde noch
von seinem Schneider aufgehalten. Eine Sängerin mit einem
ungewöhnlich umfangreichem eigenem "Resonanzboden" erfreute das
Publikum mit italienischen Opernarien. Sie sang wundervoll, ich fand
ihre Stimme glockenrein, warm, lyrisch und flammend; das sagte ich ihr
ganz ergriffen auch in der Pause. Ich deutete an, dass ich ebenfalls
einige Erfolge als Sänger hatte. Deshalb hielt sie mich für
einen Kammersänger-Kollegen und bat mich, sie nach der Vorstellung
auszuführen: „Allein kann ich nicht gut ausgehen und Sie wissen,
lieber Kollege, wie einsam man auf einer Tournee ist..." Ich habe ihre
Hand geküsst…
Die Weinhändler und Gregorij benachrichtigte ich durch einen Boten
mit wenigen Worten auf meiner Karte:

Der Sängerin merkte man an, dass sie bereit war, sich sehr zu
steigern. Das Publikum tobte vor Begeisterung und verlangte mehrere
Zugaben von ihr. Ich wartete ungeduldig in ihrer Garderobe. Sie umarmte
mich überglücklich über die dankbaren Hörer.
Camilla und ich verbrachten dann einen vergnüglichen Abend in
einem Brauhaus – mit „Himmel un Ääd“ und dem süffigen
„Kölsch“; danach schlemmten wir noch Rote Grütze mit Sahne in
dünnen Waffeln und wir wurden immer heiterer.
Die ungewöhnlich temperamentvolle Sängerin war mir sehr
dankbar für meine Gesellschaft; sie war erstaunt und
beglückt, dass ich sogar ihre schmerzenden Verspannungen im
Schulter und Rückenbereich lindern konnte. Das dauerte; dann
tranken wir noch einige Gläschen Champagner, und dann konnte ich
die sensible Künstlerin bei einem sich plötzlich über
Köln entladendem Gewitter auch nicht gut allein lassen.
Ich muss zugeben, dass ich mich anfangs fürchtete, von ihr
erdrückt zu werden, aber vielleicht, weil ich einige Erfahrung mit
gewichtigen Frauen hatte, wurde alles leicht und erfreulich. Camilla
roch umwerfend gut und sang mir beim Liebesspiel immerzu leise
italienische Liebeslieder ins Ohr. Ihre Stimme und ihre liebevolle Art
haben mich verzaubert.
In der Morgensonne lag sie dann, wie nur eine hoch befriedigte Frau
liegt: die Arme ausgebreitet, lang gestreckt wohlig ruhend auf den
zerwühlten Laken, die in den letzten Stunden vielgeküssten
vollen Brüste mit den immer noch aufgerichteten Höhepunkten,
die wohlgeformten Schenkel sorglos geöffnet ein Bild der
satten, dankbaren Ruhe. Vor ihr kniend, erfreute mich an diesem
Anblick. Die Sonne spielte in dem dunklen Wald um ihren gewaltigen
Schoß so kam sie mir vor wie ein Sinnbild des Urweibes oder der
Allmutter Erde. Nur zu gern ließ ich mich wieder und wieder
aufsaugen von diesem verzaubernden Dunkel...
Beim Frühstück vertraute Camilla mir an, dass sie bald mit
dem Singen aufhören wolle "ehe andere sagen, dass es zu spät
ist. Aber was soll ich dann tun? Ich will doch nicht zuhause sitzen und
häkeln und sticken."
Das fand ich einleuchtend. Ich hatte einen Einfall, verwarf ihn, er kam
aber wieder. Wir spannen ihn gemeinsam aus; das Frühstück zog
sich in den Morgen hinein, bis wir (ich habe den Grundsatz
gehätschelt, dies nie vor halb elf zu tun) auch wieder Champagner
trinken konnten. Wir unterbrachen uns mehrmals und ich spürte
tatsächlich, wie mich dieser unglaubliche Schoß kraftvoll
inspirierte.
Camilla begeisterte sich für meinen Vorschlag. Wir hielten alle
Punkte auf der Tischdecke fest; sie nahm sie später mit. Das Tuch
wurde die Grundlage einer guten und vertrauensvollen Zusammenarbeit,
die keinen von uns gereut hat, denn sie wurde auch geschäftlich
überaus erfolgreich.
Wir sind jetzt seit vielen Jahren Geschäftspartner und Teilhaber.
Camilla führt heute in Paris die erste und immer noch
größte Vermittlungs-Agentur für Künstlerinnen und
Künstler und für Modevorführerinnen. Ihre Schwestern und
ihr Zwillingsbruder tun das Gleiche für Schriftsteller und
Schauspieler in London, München und Rom. So etwas fehlte eben noch
in Europa.
Unser Abschied wurde von sachlichen Zwängen festgelegt: Camilla
hatte am Abend ein Konzert in Düsseldorf. Dreimal haben wir uns
umarmt und zweimal… aber mehr Intimitäten muss ich euch nicht
verraten.
Manchmal lächle ich genießerisch erinnernd: Ohne meinen
Zwischenhalt und ohne meinen Konzertbesuch in Köln gäbe es
diese für alles Kulturleben längst unentbehrlichen
Schaltstellen nicht.
Meinen Biographen werde ich vielleicht eine anspruchsvollere
Entstehungs- geschichte hinterlassen, aber warum eigentlich? „Et is,
wie et is.“
Könnt ihr mir nachfühlen, dass ich mich unbändig darauf
freue, eines hoffentlich fernen Tages alle Frauen, die mir auf Erden
lieb und wichtig waren, im Himmel wiederzutreffen? Ich stelle mir
unsere Umarmungen traumhaft schön vor; ich muss ja nicht
befürchten, dass mich eine der erfreulich vielen Frauen nicht
wiedersehen will.
Allerdings bin ich nicht so sicher, ob sie sich auch gegenseitig
akzeptieren und anlächeln können. Ich hoffe sehr, dass es mir
und notfalls auch anderen Himmelsbewohnern gelingen wird, das wohl
unvermeidbare gegenseitige Abschätzen nicht eskalieren zu lassen.
Mich beruhigt dabei der Gedanke, dass zumindest die Frauen dort alle
Engel sein werden, frei geworden von aller irdischen Missgunst und nur
beseelt davon, friedlichste Liebe auszuströmen… Aber wer kann
voraussehen, wie es ausgeht, wenn Frauen im Spiel sind? Ich konnte es
nie.
Ich werde einen guten Maler suchen, der mir die himmlische Szene schon
zu Lebzeiten lustvoll vor Augen führt…
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