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Liebe macht manchmal
erfinderisch
Vor einigen Jahren musste ich einmal als Ehrengast bei einem Empfang
einem Redner zuhören. Ich hatte nicht weiter auf sein Salbadern
geachtet, weil ich mich schon auf das angekündigte exklusive
Festessen freute und weil ich gerade entdeckt hatte, dass dieser
für mich uninteressante Mensch von einer
außergewöhnlichen Frau begleitet wurde, die sich erkennbar
langweilte, mit den Fußspitzen wippte und sich mit gesenktem Kopf
aus den Augenwinkeln heraus im Saale umsah. Sie war auffallend elegant
gekleidet und ich hatte die Eingebung, sie könnte eine
Schauspielerin oder eine Sängerin sein.
Wir hatten einige Male Blickkontakt und mir war, als hätte sie
ganz leicht mein Lächeln erwidert. Dann sah sie nicht wieder in
meine Richtung, bis der Mann seine Rede beendet hatte. Während er
sich wieder neben sie setzte, sagte sie etwas zu ihm und blickte dabei
in meine Richtung. Ich bemerkte ganz deutlich ein kleines Nicken und
deutete es auf meine Weise.
Als alles zu dem von einem berühmten Koch bereitetem Mahl schritt,
war ich dicht hinter ihr. Ein wundervoller Zufall oder auch mehr: Sie
verlor ihr Täschchen. Ich konnte es aufheben und wollte es ihr
zureichen, wurde aber von rücksichtslosen Hungrigen zur Seite
gedrängt. Nun gut, sagte ich mir, das ist eine doppelte Chance.
Ich schrieb rasch auf eine Visitenkarte:

Das Kärtchen ließ ich in ihr Täschchen gleiten. Sie
saß schon an einem Tisch im Saal und plauderte angeregt mit einem
Herrn in einem ordenbehangenen Frack. Ihr Dankeslächeln war
bezaubernd. Sie fragte nicht, wieso ich in ihr die Eigentümerin
vermutet hatte, nur: „Dafür haben Sie einen Finderlohn verdient,
Monsieur; ich muss mir etwas ausdenken…“ Ich antwortete
übertrieben bescheiden: „Ihr Lächeln belohnt mich
hundertfach, Madame!“
Nun gut, das war ein reizvoller Anfang. Eine Woche später traf ich
die Dame auf einer Abendgesellschaft wieder. Ich war gebeten worden,
über meine Reisen durch die Südsee zu berichten. An diesem
Abend erwähnte ich auch einige Begegnungen mit exotischen Frauen.
Mir fiel auf, dass die Dame, inzwischen kannte ich ihren Namen: Anna
Louise de Beuyters, mir aufmerksam zuhörte. Als ich geendet hatte,
sprach sie mich an und gab sich als Auch-Schriftstellerin zu erkennen.
Sie erbat meinen Rat für die Herausgabe ihrer Erzählungen,
auch ihrem Gatten läge daran...
Ich sehe an Euren Gesichtern, dass ihr jetzt den Fortgang einer
klassischen Liebesgeschichte erwartet. Ich will nicht bestreiten, dass
damals ein besonders pikantes Kapitel in meinem Leben begann und mich
zuweilen an die lakonische Feststellung meiner Großmutter
erinnerte: „Reife Früchte fallen ab“, aber hervorheben will ich
jetzt nur einen technischen Nebeneffekt dieser Geschichte.
Ich verkehrte oft im Haus der Eltern de Beuyters. Anna Louise war nicht
mehr verheiratet. Ihr Stiefvater, der Redner, war das Muster eines
Parvenüs; ich schäme mich, zugeben zu müssen, dass ich
oft über ihn gelacht habe.
Als wir einmal sehr vergnügt waren, die Abwesenheit der
übrigen Hausbewohner als Schicksalsfügung gewertet und
ausgiebig Champagner und einander genossen hatten, parodierte ich einen
Festredner. Die entzückend beschwipste Anna Louise applaudierte
und sagte: „Das musst du unbedingt auf eine Tonwalze sprechen, Lieber,
das ist eine Rede, die vielen gefallen wird!“
In jener Nacht kam ich durch die schönsten Umstände der Welt
noch nicht recht zum Nachdenken, aber an einem der folgenden Tage fiel
mir diese Bemerkung wieder ein und ich begann, Entwürfe für
ein Aufnahmegerät zu zeichnen. Ich hatte eine Grundidee, kam aber
in dieser Sache nicht weiter, weil mich Dringenderes beschäftigte,
auch im Zusammenhang mit Anna Louise.
Im Herbst jenes Jahres erholte ich mich von einer hartnäckigen
Erkältung in Lausanne und am Genfer See. Ich wurde in einem urigen
Weinhaus, ich glaube beim beiderseitigen harmlosen Bemühen um eine
Italienerin mit einer knisternden erotischen Ausstrahlung mit Mario
bekannt, einem genialen Mechaniker, der in seiner Haupttätigkeit
feine und sündhaft teuer verkaufte Luxus-Uhrwerke konstruierte und
nebenher zu seiner Entspannung mechanische Wunderwerke baute:
automatische Schachpartner, Schreib- und Rechenmaschinen und
Musikautomaten. Er suchte immer neue Herausforderungen.
Die Italienerin blieb übrigens einige Monate lang bei Mario. Ich
war fasziniert von Marios spektakulären und futuristisch wirkenden
Geräten. Eines Abends erwähnte ich meine Vorstellung von
einem Sprechgerät. Der Gedanke inspirierte ihn und wir konnten
bald ein erstes Modell gemeinsam umsetzen: Es entstand unsere
Abwandlung einer Musikwalze, die nur wenig Platz beanspruchte und sich
mit einer Schnur aufziehen ließ.
Durch einen Ruck begann sie abzulaufen und ließ etwa diese
für unzählige Gelegenheiten passende festliche
Begrüßung hören, die natürlich den gerade
modischen Floskeln angepasst werden muss; damals war dies passend:
„Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie sehr
herzlich und bin entzückt über Ihr zahlreiches Erscheinen.
Wirklich, ich bin stolz und glücklich, Sie hier
begrüßen zu können. Glauben Sie mir, dies ist für
mich ein besonderer Tag. Bitte machen Sie mir jetzt die Freude, auf das
Wohl unserer von Gott gesegneten Obrigkeit und danach auf Ihr eigenes
Wohl anzustoßen. Ich danke für Ihre Geduld!“
Die Urfassung erklang in Schwyzertütsch, das fand der patriotische
Mario zukunftsweisend „uf Tüütsch gseit“. Auf der Walze
hatten wir Platz für hundertzwölf Silben; es war mehr Arbeit,
den inhaltlich und platzmäßig passenden Text
auszuwählen als ihn in wiederholbare Laute umzuwandeln. Für
den nächsten Schritt suchten und erreichten wir die Zusammenarbeit
mit tüchtigen Chirurgen. Die fanden wir allerdings anfangs nicht
in Europa, sondern, das war meine Idee, in China, wo man immer schon
erstaunlich früh neuen Erfindungen zum Durchbruch verholfen hat
und wo man leicht auf echten Pioniergeist stößt.
Die chinesischen Chirurgen fanden und erprobten eine Möglichkeit,
am menschlichen Hinterkopf eine kleine Metallplatte mit einer winzigen
Schiebevorrichtung einzupflanzen und im Fettgewebe des Nackens eine
Tasche zum Einführen des Abspulgerätes vorzusehen. Einige
Dutzend Chinesen durften die Prototypen dieses Gerätes
ausprobieren; ihre Wundergeräte wurden in der Gegend von Hangtschu
zu einem begehrten Fortschrittssymbol. Viele Versuchspersonen
führten das Sprechgerät mit dem in China weithin
unverstehbaren, aber offenbar lustig klingenden deutschen Redentext
für ein relativ hohes Eintrittsgeld einem staunenden Publikum vor.
Die Schweizer Mechaniker verfeinerten den Klang des Gerätes noch,
indem sie die Ohren der Versuchspersonen als eine Art Schalltrichter
wirken ließen. Es war für uns naheliegend, weitere, auch
austauschbare kleine Sprechwalzen mit anderen Texten für viele
Anlässe herzustellen. Mein Schweizer Partner musste bald eine
eigene Fabrikationswerkstatt einrichten und immer mehr Mechaniker
einstellen.
Wir fanden heraus, dass es im Blick auf die Kosten günstiger war,
die Geräte in China herstellen zu lassen und nur die
Weiterentwicklung und den Forschungsbereich selbst in der Hand zu
behalten.
Übrigens konnte ich als Musenfreund und inzwischen bekannter
liebevoller Förderer aller Schönen Künste erreichen,
dass eine stattliche Zahl erfolgsarmer Dichter, wenn ihr Stolz das
ausnahmsweise zuließ, durch Honorare für das Verfassen von
individuellen Reden vor dem Verhungern bewahrt wurde.
Anna Louise war durchaus keine „stille“ Teilhaberin an unserem
gemeinsamen Unternehmen: Wir trafen uns mindestens jeden Monat
über ein besonders langes Wochenende und wussten
Geschäftliches und Privates in einer uns sehr befriedigenden Weise
zu verbinden – so stark, dass wir uns immer – wie man in
Süddeutschland sagt, „saumäßig“ auf das nächste
Beisammensein freuten.
Die immer extravagant und farbenfroh gekleidete Anna Louise ging gerne
mit Mario und mir durch die Werkshallen und inspirierte die Mechaniker
und die vielen mit Montagearbeiten beschäftigten Helferinnen mit
ihrem Charme und ihrer lebhaften Anteilnahme, sicher auch durch ihre
strahlende Erscheinung; ihre Auftritte haben die Leute stärker
beeindruckt als eine Lohnerhöhung. Wir haben diesen Effekt
staunend miterlebt, aber dann auch gezielt eingesetzt – und anderen
Unternehmen ähnliche Auftritte in ihren Fabriken empfehlen
können.
Wir schmausten zusammen in fröhlicher Stimmung mit Mario und
seiner Anita und manchmal auch mit leitenden Konstrukteuren in
führenden Restaurants – und danach, wenn unser privater Teil
begann, warf Anna Louise alle ihre teuren Kleidungsstücke ziemlich
achtlos auf die Sessel in unseren miteinander verbundenen Hotelzimmern
und machte geschickt und umwerfend befreiend mich betreffende und nur
zu gern gewährte Besitzansprüche geltend – und keiner von uns
schaute dann noch auf die Uhr.
Wir gewöhnten uns an einen bestimmten Champagner und aßen
dazu in den Pausen unserer Luststillungen Mengen der fabelhaft leckeren
Kanapees, die uns Trudi, die liebe und diskrete Hotelwirtin, selbst
hinauf brachte und sich freute, dass wir keine Geheimnisse vor ihr
hatten.
Anna Louise beschenkte mich mit ihrem aparten Temperament. Sie hatte
eine erstaunlich natürlich wirkende Art, mir stundenlang Lust zu
bereiten, selbst Lust zu genießen und alles dann nachhaltig und
wohltuend ausklingen zu lassen. Ich wurde nicht müde, mich an
ihrer ganz eigen duftenden Haut zu erfreuen und sie mein
Hingerissensein auch spüren zu lassen. Um sie umarmen und ihre
mich immer beglückenden Brüste liebkosen zu können,
hätte ich auch Jahre später sogar zu Fuß die Alpen
überquert.
Inzwischen habe ich einige Vergleichsmöglichkeiten und
unlängst kam mir die Erkenntnis, dass ich nie vornehmer
verführt worden bin als von Anna Louise. Die häufige
Erinnerung an sie verbinde ich unwillkürlich mit dem von mir
irgendwo gesehenem Gemälde eines Stilllebens mit aufbrechenden
blauen und ins Reif-Violette schimmernden Feigen in einer Schale und
schmerzlich genau mit der köstlichen Landschaft ihres
Schoßes.
Glaubt mir: Unsere Zuneigung hat der Technik keineswegs geschadet. Wir
haben die Sprechapparate vervollkommnet und Walzen in mehreren Sprachen
herausgebracht; zuletzt konnten die Reden länger und individueller
gestaltet werden. Wir lernten die Käufer stets an, ihre
Mundstellungen der abgespulten Sprache anzupassen. Nur wer es zu
langsam begriff, musste uns die Nachhilfe extra bezahlen.
Wenn ihr sicher sein wollt, ob ein Redner selbst spricht oder nur
Lippenbewegungen zu einer ablaufenden Sprechwalze macht, müsst ihr
unauffällig beobachten, ob sie sich alle paar Minuten an den
Hinterkopf greifen, wo unter dem Haar im Nacken eine Schnur oder ein
aus gleichartigen Haaren geflochtenes Zöpfchen herauslugt, das die
Sprechwalze steuert.
Übrigens hatten wir die Anfrage eines Geheimdienstes, ob es
technisch machbar wäre, im Nacken aller Menschen auf der Erde eine
mehrstellige Registrierungsnummer einzutätowieren. Wir stritten
das ab und verwiesen auch auf einen zu hohen Kostenaufwand. Uns war
aber klar: irgendwann werden sie das mit uns machen.
Meinen beträchtlichen Gewinnanteil hätte ich nach kundigem
Rat um ein Haar in der Errichtung von Spiel-Casinos und ähnlichen
Vergnügungsunternehmen in mehreren Ländern angelegt. Ein
Bankmensch hatte mir geraten, darauf zu setzen, dass die Menschen immer
bereit bleiben, mit hohem Einsatz ihr Glück zu versuchen und sich
mehr Vergnügungen zu gönnen als das Leben ihnen freiwillig
bietet.
Gerade noch rechtzeitig kam mir aber der Einfall, auch die mir bereits
einmal gefällig gewesene Kirchenbehörde in Hannover zu
konsultieren. Die geistlichen Herren haben mich dann auf den ganz
anderen, für die Mitmenschen nützlicheren Gedanken einer
mildtätigen Stiftung gebracht.
Nach deren Verwirklichung war mir dann erheblich wohler ums Herz. Ich
hoffe, dass andere meinem Beispiel folgen und ihren Wohlstand auch als
Verpflichtung sehen, wenigstens in ihrer näheren Umgebung Arme und
Kranke und nach Bildung und Wissen Strebende wirksam zu fördern.
Ihr wisst, dass unsere Erfindung inzwischen einen nie geahnten
Aufschwung genommen und mehrere neue Industriezweige begründet
hat. Aller Anfang ist klein, manchmal klitzeklein, aber meistens haben
die Franzosen recht mit ihrem Rat an Wahrheitssuchende: „Cherchez la
femme!“ In diesem Fall hat alles damit begonnen, dass ich während
einer langweiligen Rede die Begleiterin des Redners weit fesselnder
gefunden hatte als seinen missglückten Versuch, uns eindrucksvoll
anzusprechen.
Ach, Anna Louise, du hast mich in jeder Hinsicht reich gemacht! Ich
konnte mich viel zu wenig revanchieren. Wie gerne wäre ich an
manchen Tagen und noch lieber in manchen Nächten zu dir über
den See geritten! Mögen dir meine Abschiedsgeschenke, das
Schlösschen am See, und die von mir für dich und deine Kinder
eingerichtete Vergnügungsschifffahrtsgesellschaft Freude und
Glück bringen. Verzeih mir meine anonym veranlassten
Übereignungen: ich wollte dich nicht in irgendeine Verlegenheit
bringen; leider musst du dafür lebenslang rätseln, ob dein
Verstand deinem Herzen glauben kann. Ich bleibe dir hoffentlich
trotzdem nahe.
Ich bitte um Unterstützung von Ihnen, Lieblingsfrauen meiner
Freunde, und von euch, Anna Louise mit allen guten Wünschen aus
der Ferne zuzutrinken!
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