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Lernstunden der Liebe
Roswitha war nicht meine Erste, aber eine der Aufwühlendsten in
meinen Jünglingsjahren. Schon bei einer früheren Begegnung
hatte sie mit ihrer strahlenden Schönheit und ihrem Charme einen
umwerfenden Eindruck auf mich gemacht. Ich konnte mein Glück nicht
fassen, als ich auf einer der vielen Gesellschaften, mit denen wir uns
im Winter die Zeit vertrieben, mit ihr tanzen durfte.
Damals hatte ich nach zwei unglücklichen Liebschaften beschlossen,
meine Wohlerzogenheit und meine für vornehm und angemessen
gehaltene große Zurückhaltung aufzugeben und bei Frauen
künftig immer bald zum „Angriff“ überzugehen – lieber zu
früh als nie.
Mein durchschlagender Erfolg mit der Umsetzung dieser Erkenntnis
verblüffte mich, und dass sie bei Gleichaltrigen und sogar bei
einigen verheirateten Frauen wirkte, hat mich ziemlich irritiert. Meine
neue Strategie bestätigte sich auch bei Mechthild und Theresa, den
Töchtern von Bekannten in einem Nachbarort, denen ich
Grundkenntnisse im Küssen und Tanzen verdanke. Sie erwiderten
meine stürmischen Zudringlichkeiten bald, allerdings blieben sie
mit vieler Mühe und sichtlicher Anspannung standhafte Jungfrauen –
vielleicht gelang ihnen das nur, weil ihre Mutter immer in der
Nähe war.
Bei den Treffen mit diesen beiden war mir gar nicht bewusst gewesen,
dass ich ihrer Mutter, die mir einige Monate lang Klavierunterricht
gegeben hat, andere als nur höfliche Handküsse gegeben hatte.
Es hatte mich überrascht, wie lieb sie mit mir umging, als ihre
Töchter einmal weit weg waren. Ich habe noch gut in Erinnerung,
wie sie mich damals begrüßte: „Du, die Mädels mussten
gestern zu einer Tante nach Hildesheim reisen. Wir konnten dich nicht
so rasch benachrichtigen. Ich soll die beiden vertreten, wenn du
einverstanden bist. Ihr habt ja schon einige Tänze geübt. Ich
weiß noch einige“.
Frau Wendelgard hat mir einige ihr und mir wichtige Neuigkeiten
beigebracht, und weil ich ausnahmsweise keine Etüden vorspielen
musste, dachte ich gar nicht daran, standhaft zu bleiben, als ich nach
ihrer Bitte mit Wein und Gläsern aus einem Nebenzimmer
zurückkam: Sie lag in rosiger Nacktheit auf dem geblümten
Sofa neben dem Klavier; oben hinter ihr lag ein malerisch hingeworfenes
Hemd, mit der linken Hand hatte sie ihre Augenpartie halb bedeckt und
ließ mich einfach staunen. Ich sehe sie noch vor mir, den hellen,
dünnen Flaum unter ihren Achseln, ihre großen, roten
Brustrosetten und das sich anscheinend aufrichtende krause
Wäldchen über ihrem Schoß. Ihr leicht gewölbter
Bauch zitterte, das rechte Bein hatte sie angewinkelt und dann
ließ sie ihr linkes Bein sinken…
Könnt ihr euch mal bitte vorstellen, wie umwerfend Veilchen
duften…? Ja, das habe ich genossen. Übrigens schätze ich
einen leichten fremden Duft am Haar und Hals einer Frau, aber, das habe
ich schon früh so empfunden: gereizt und gelockt hat mich immer
nur der ganz eigene Geruch einer Frau, die mir wichtig war und die ich
begehrte.
Das Klavierspiel habe ich dann aber aufgegeben; die Beziehungen zu der
so still versonnen und engelhaft aussehenden Mechthild und zu der
energischeren Theresa gestalteten sich immer intensiver und
leidenschaftlicher. Wir trafen uns eben außerhalb, übrigens
sehr anregend in einem Schäferkarren in den Weserwiesen, für
dessen gelegentliche Benutzung mit meinen Gästen ich gern mein
Taschengeld eingesetzt habe.
Andere aufbauende Erfahrungen bekam ich, als ich, um meine
familiäre Studienunterstützung aufzustocken, für die
Familien einiger Mitstudenten Ahnenforschungen betrieben habe; dabei
bin ich viel im Lande und in interessanten Häusern herumgekommen…
Später begriff ich, dass Frauen selbst männliche
Dreistigkeiten lieber verzeihen als eine Zurückhaltung, die sie
für ein Desinteresse an ihnen halten könnten. Womöglich
ist es ein Naturgesetz: Wenn eine Frau spürt, dass ein Mann in ihr
keine begehrenswerte Frau sieht, ist er bei ihr unten durch.
Bei der schönen Roswitha, die ich für unerreichbar,
jedenfalls für mich, gehalten hatte, fiel unerwartet viel
Glück über mich, seit ich sie damals nach einem intim
gewordenen Tanz gedrängt habe, mich in ihr wundervoll duftendes
Boudoir einzuladen. Diese Frau war eine Offenbarung für mich. Sie
spürte, dass ich ein begieriger Schüler der Liebeskunst war
und sie deutete mir einmal an, dass auch sie mit mir ganz neue
Liebesumstände erlebt hat.
Ich preise noch heute die großartige Gastfreundschaft bei solchen
Festen: Bei den Entfernungen zwischen Weser und Donau blieben wir gern
einige Tage in der Nähe der für uns Kleinstädter sehr
interessanten oberpfälzischen Reichsstadt; wir waren zweimal
Gäste der Großfamilie; es gab in ihr auch reichlich
schüchterne und deshalb für mich langweilig wirkende
Zwillingssöhne in fast meinem Alter.
Komtess Roswitha war Ulrichs und Heinrichs lebensfrohe und immer heiter
wirkende Schwester; in dem großen Schloss lebten noch drei
weitere Schwestern ihrer Mutter mit ihren Familien. Der Schlossherr
verstand sich als Forschungsreisender und war ständig in der Welt
unterwegs. Seine Söhne zeigten mir mit irgendwie traurigem Stolz
die exotischen Gegenstände, die er ihnen aus Japan und China und
aus der Südsee geschickt hatte. Ich habe ihn nur auf dem
Gemälde in der Halle gesehen.
Für Roswitha und mich ergaben sich etliche köstliche
Nachtstunden, seltener auch mal eine amouröse Gelegenheit
tagsüber. Leider war ich beim letzten Mal zu stürmisch beim
Auskleiden und beim Liebkosen ihrer Köstlichkeiten gewesen und
hatte zu wenig auf äußere Gefahren geachtet, und dass auch
sie nicht daran gedacht hatte, schrieb ich ihrer von mir geweckten
Leidenschaft zu. Jedenfalls platzte eines frühen Nachmittags nach
dem Essen eine Freundin Roswithas in unser Liebesnest. Wir waren
entsetzt und auch die schöne Dame schien verwirrt zu sein; sie zog
sich lächelnd langsam mit einer Entschuldigung zurück.
Wir lachten erleichtert, weil uns immerhin weder die Hausmädchen
noch die nichts ahnenden Zwillinge erwischt hatten, aber dann kam die
Dame geheimnisvoll lächelnd zurück. Sie begann, sich
unendlich verführerisch wie nach des blinden Homers Beschreibung
Aphrodite, den „wunderköstlichen Gürtel vom Busen
lösend“ ihr Mieder aufzuknüpfen und dann aufreizend langsam
alles andere abzustreifen. Der Dichter Homer muss einmal sehend gewesen
sein: Es war zu fesselnd mitanzusehen, so etwas kann man sich wohl
nicht nur ausdenken…
Immerhin dachte ich dieses Mal daran, die Türe
abzuschließen, bevor wir drei uns unter die Steppdecken
kuschelten. Die Rothaarige hieß Elisabeth und ihr war der
englische Brauch neu, ihrer geliebten früheren Königin
Elizabeth, im Volk „Lillibess“ genannt, zuliebe küssend und noch
mit weiteren lustvollen Berührungen eine Brust „Lilli“ und die
andere „Bess“ zu taufen. Sie revanchierte sich mit einem
entzückenden erotischen Ratespiel, das uns neu war; wahrscheinlich
hatte sie es rasch improvisierend erfunden.
Die lustvoll genossene Zeit ließ sich nicht ausdehnen; weil die
Aufräummädchen ihre Wahrnehmungen offenbar in der Küche
erzählt hatten und weil meine Mutter ihre Beobachtungen aus ihrer
Sicht besorgniserregend gedeutet hatte, mussten wir vorzeitig
aufbrechen.
Roswitha schrieb mir etliche Zeit danach, ihr Verhältnis zu einem
neuen Mann in ihrem Leben hätte sich innig entwickelt und ihr
Zukünftiger sei zärtlich verändert, seit er wüsste,
dass er bald Vater werden würde.
Wir haben uns nicht wiedersehen können, aber eine Folge dieses
Briefes hat mein Leben nachhaltig verändert. Davon erzähle
ich euch noch öfter.
Und jetzt, nachdem ich einige Gläschen Rotwein weiter bin, habe
ich den sicher riskanten Mut, eine kleine Ungenauigkeit in meinem
Bericht zu korrigieren; ich hoffe sehr, dass dies meine
Glaubwürdigkeit nicht erschüttert: Wahrscheinlich hatte mich
nur der skeptische Blick einer Zuhörerin dazu bewogen,
einzugestehen, dass Roswitha nicht die Komtess war, sondern die
faszinierende Schlossherrin selbst.
Weil ich gerade beim Richtigstellen bin: Unsere Abreise war durch ein
Ereignis beschleunigt worden, an dem ich der unschuldigere Beteiligte
war: Ein Hausmädchen hatte mich unter irgendeinem Vorwand in eine
Vorratskammer gelockt und mich dort zu einer schnellen, aber
unerhört leidenschaftlichen Unbedachtsamkeit verführt. Wir
Männer sind manchmal solchen
fraulichen Gefahren hilflos ausgesetzt. Ausgerechnet Minuten danach hat
meine Mutter mir am Gesicht angesehen, dass ich unerlaubbar Aufregendes
erlebt hatte, für das ich ihr nicht überzeugend genug eine
beruhigende Erklärung geben konnte…
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