Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Lernstunden der Liebe

Roswitha war nicht meine Erste, aber eine der Aufwühlendsten in meinen Jünglingsjahren. Schon bei einer früheren Begegnung hatte sie mit ihrer strahlenden Schönheit und ihrem Charme einen umwerfenden Eindruck auf mich gemacht. Ich konnte mein Glück nicht fassen, als ich auf einer der vielen Gesellschaften, mit denen wir uns im Winter die Zeit vertrieben, mit ihr tanzen durfte.

Damals hatte ich nach zwei unglücklichen Liebschaften beschlossen, meine Wohlerzogenheit und meine für vornehm und angemessen gehaltene große Zurückhaltung aufzugeben und bei Frauen künftig immer bald zum „Angriff“ überzugehen – lieber zu früh als nie.

Mein durchschlagender Erfolg mit der Umsetzung dieser Erkenntnis verblüffte mich, und dass sie bei Gleichaltrigen und sogar bei einigen verheirateten Frauen wirkte, hat mich ziemlich irritiert. Meine neue Strategie bestätigte sich auch bei Mechthild und Theresa, den Töchtern von Bekannten in einem Nachbarort, denen ich Grundkenntnisse im Küssen und Tanzen verdanke. Sie erwiderten meine stürmischen Zudringlichkeiten bald, allerdings blieben sie mit vieler Mühe und sichtlicher Anspannung standhafte Jungfrauen – vielleicht gelang ihnen das nur, weil ihre Mutter immer in der Nähe war.

Bei den Treffen mit diesen beiden war mir gar nicht bewusst gewesen, dass ich ihrer Mutter, die mir einige Monate lang Klavierunterricht gegeben hat, andere als nur höfliche Handküsse gegeben hatte. Es hatte mich überrascht, wie lieb sie mit mir umging, als ihre Töchter einmal weit weg waren. Ich habe noch gut in Erinnerung, wie sie mich damals begrüßte: „Du, die Mädels mussten gestern zu einer Tante nach Hildesheim reisen. Wir konnten dich nicht so rasch benachrichtigen. Ich soll die beiden vertreten, wenn du einverstanden bist. Ihr habt ja schon einige Tänze geübt. Ich weiß noch einige“.

Frau Wendelgard hat mir einige ihr und mir wichtige Neuigkeiten beigebracht, und weil ich ausnahmsweise keine Etüden vorspielen musste, dachte ich gar nicht daran, standhaft zu bleiben, als ich nach ihrer Bitte mit Wein und Gläsern aus einem Nebenzimmer zurückkam: Sie lag in rosiger Nacktheit auf dem geblümten Sofa neben dem Klavier; oben hinter ihr lag ein malerisch hingeworfenes Hemd, mit der linken Hand hatte sie ihre Augenpartie halb bedeckt und ließ mich einfach staunen. Ich sehe sie noch vor mir, den hellen, dünnen Flaum unter ihren Achseln, ihre großen, roten Brustrosetten und das sich anscheinend aufrichtende krause Wäldchen über ihrem Schoß. Ihr leicht gewölbter Bauch zitterte, das rechte Bein hatte sie angewinkelt und dann ließ sie ihr linkes Bein sinken…

Könnt ihr euch mal bitte vorstellen, wie umwerfend Veilchen duften…? Ja, das habe ich genossen. Übrigens schätze ich einen leichten fremden Duft am Haar und Hals einer Frau, aber, das habe ich schon früh so empfunden: gereizt und gelockt hat mich immer nur der ganz eigene Geruch einer Frau, die mir wichtig war und die ich begehrte.

Das Klavierspiel habe ich dann aber aufgegeben; die Beziehungen zu der so still versonnen und engelhaft aussehenden Mechthild und zu der energischeren Theresa gestalteten sich immer intensiver und leidenschaftlicher. Wir trafen uns eben außerhalb, übrigens sehr anregend in einem Schäferkarren in den Weserwiesen, für dessen gelegentliche Benutzung mit meinen Gästen ich gern mein Taschengeld eingesetzt habe.

Andere aufbauende Erfahrungen bekam ich, als ich, um meine familiäre Studienunterstützung aufzustocken, für die Familien einiger Mitstudenten Ahnenforschungen betrieben habe; dabei bin ich viel im Lande und in interessanten Häusern herumgekommen…

Später begriff ich, dass Frauen selbst männliche Dreistigkeiten lieber verzeihen als eine Zurückhaltung, die sie für ein Desinteresse an ihnen halten könnten. Womöglich ist es ein Naturgesetz: Wenn eine Frau spürt, dass ein Mann in ihr keine begehrenswerte Frau sieht, ist er bei ihr unten durch.

Bei der schönen Roswitha, die ich für unerreichbar, jedenfalls für mich, gehalten hatte, fiel unerwartet viel Glück über mich, seit ich sie damals nach einem intim gewordenen Tanz gedrängt habe, mich in ihr wundervoll duftendes Boudoir einzuladen. Diese Frau war eine Offenbarung für mich. Sie spürte, dass ich ein begieriger Schüler der Liebeskunst war und sie deutete mir einmal an, dass auch sie mit mir ganz neue Liebesumstände erlebt hat.

Ich preise noch heute die großartige Gastfreundschaft bei solchen Festen: Bei den Entfernungen zwischen Weser und Donau blieben wir gern einige Tage in der Nähe der für uns Kleinstädter sehr interessanten oberpfälzischen Reichsstadt; wir waren zweimal Gäste der Großfamilie; es gab in ihr auch reichlich schüchterne und deshalb für mich langweilig wirkende Zwillingssöhne in fast meinem Alter.

Komtess Roswitha war Ulrichs und Heinrichs lebensfrohe und immer heiter wirkende Schwester; in dem großen Schloss lebten noch drei weitere Schwestern ihrer Mutter mit ihren Familien. Der Schlossherr verstand sich als Forschungsreisender und war ständig in der Welt unterwegs. Seine Söhne zeigten mir mit irgendwie traurigem Stolz die exotischen Gegenstände, die er ihnen aus Japan und China und aus der Südsee geschickt hatte. Ich habe ihn nur auf dem Gemälde in der Halle gesehen.

Für Roswitha und mich ergaben sich etliche köstliche Nachtstunden, seltener auch mal eine amouröse Gelegenheit tagsüber. Leider war ich beim letzten Mal zu stürmisch beim Auskleiden und beim Liebkosen ihrer Köstlichkeiten gewesen und hatte zu wenig auf äußere Gefahren geachtet, und dass auch sie nicht daran gedacht hatte, schrieb ich ihrer von mir geweckten Leidenschaft zu. Jedenfalls platzte eines frühen Nachmittags nach dem Essen eine Freundin Roswithas in unser Liebesnest. Wir waren entsetzt und auch die schöne Dame schien verwirrt zu sein; sie zog sich lächelnd langsam mit einer Entschuldigung zurück.

Wir lachten erleichtert, weil uns immerhin weder die Hausmädchen noch die nichts ahnenden Zwillinge erwischt hatten, aber dann kam die Dame geheimnisvoll lächelnd zurück. Sie begann, sich unendlich verführerisch wie nach des blinden Homers Beschreibung Aphrodite, den „wunderköstlichen Gürtel vom Busen lösend“ ihr Mieder aufzuknüpfen und dann aufreizend langsam alles andere abzustreifen. Der Dichter Homer muss einmal sehend gewesen sein: Es war zu fesselnd mitanzusehen, so etwas kann man sich wohl nicht nur ausdenken…

Immerhin dachte ich dieses Mal daran, die Türe abzuschließen, bevor wir drei uns unter die Steppdecken kuschelten. Die Rothaarige hieß Elisabeth und ihr war der englische Brauch neu, ihrer geliebten früheren Königin Elizabeth, im Volk „Lillibess“ genannt, zuliebe küssend und noch mit weiteren lustvollen Berührungen eine Brust „Lilli“ und die andere „Bess“ zu taufen. Sie revanchierte sich mit einem entzückenden erotischen Ratespiel, das uns neu war; wahrscheinlich hatte sie es rasch improvisierend erfunden.

Die lustvoll genossene Zeit ließ sich nicht ausdehnen; weil die Aufräummädchen ihre Wahrnehmungen offenbar in der Küche erzählt hatten und weil meine Mutter ihre Beobachtungen aus ihrer Sicht besorgniserregend gedeutet hatte, mussten wir vorzeitig aufbrechen.

Roswitha schrieb mir etliche Zeit danach, ihr Verhältnis zu einem neuen Mann in ihrem Leben hätte sich innig entwickelt und ihr Zukünftiger sei zärtlich verändert, seit er wüsste, dass er bald Vater werden würde.

Wir haben uns nicht wiedersehen können, aber eine Folge dieses Briefes hat mein Leben nachhaltig verändert. Davon erzähle ich euch noch öfter.

Und jetzt, nachdem ich einige Gläschen Rotwein weiter bin, habe ich den sicher riskanten Mut, eine kleine Ungenauigkeit in meinem Bericht zu korrigieren; ich hoffe sehr, dass dies meine Glaubwürdigkeit nicht erschüttert: Wahrscheinlich hatte mich nur der skeptische Blick einer Zuhörerin dazu bewogen, einzugestehen, dass Roswitha nicht die Komtess war, sondern die faszinierende Schlossherrin selbst.

Weil ich gerade beim Richtigstellen bin: Unsere Abreise war durch ein Ereignis beschleunigt worden, an dem ich der unschuldigere Beteiligte war: Ein Hausmädchen hatte mich unter irgendeinem Vorwand in eine Vorratskammer gelockt und mich dort zu einer schnellen, aber unerhört leidenschaftlichen Unbedachtsamkeit verführt. Wir Männer sind manchmal solchen fraulichen Gefahren hilflos ausgesetzt. Ausgerechnet Minuten danach hat meine Mutter mir am Gesicht angesehen, dass ich unerlaubbar Aufregendes erlebt hatte, für das ich ihr nicht überzeugend genug eine beruhigende Erklärung geben konnte…

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Baron Münchhausens lustvolle Abenteuer zwischen Eismeer
und Südsee



Inhalt
Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater

Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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