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Lernbereite
Kannibalenkinder
Bei einem sättigendem, wenngleich ungewohnten Essen in einer
großen, offenen Gemeinschaftshütte inmitten der
fröhlichen Frauen und der jetzt viel freundlicher auf mich
wirkenden Männer lernte ich, dass diese Insulaner ihre Lust in
einer mir ungewohnten Selbstverständlichkeit auslebten.
Noch viel selbstverständlicher als in St. Petersburg bei der sich
ziemlich dekadent fühlenden Hofgesellschaft paarten sich die
Männer und Frauen lachend und plaudernd und ohne dem Lustgeschehen
besondere Aufmerksamkeit zu widmen, scherzend auch während sie
aßen und sich gegenseitig Leckerbissen in den Mund steckten. Eine
ältere Frau und eine viel jünger aussehende Frau bereiteten
sich mitten unter den anderen wie beiläufig selbst Lust.
Es dauerte nicht lange, bis einige Frauen mir mit lautstarker
Unterstützung des Stammes meine wieder getrockneten Sachen
auszogen und die Besonderheit meines Manneszeichens bestaunten und
möglichst alle Interessierten sehen und fühlen ließen.
Mehrere Frauen boten sich von vorne und von hinten als Lustpartnerinnen
an. Als ich laut und abwehrend protestierte, berieten sie sich und
drängten dann eine junge und wirklich auffällige
Dorfschönheit, die mich sofort tief beeindruckte, zu mir hin. Sie
lachte herzlich und bewegte sich auffallend selbstbewusst. Sie
schätzte ihre Wirkung auf Männer offenbar richtig ein. Ihre
Brüste sahen fest aus, als spitze, „mundgerechte“ Kegel geformt
und seitlich anmutig etwas nach außen gerichtet.
Nun gut, sagte ich mir, insgeheim sogar „endlich“, denn ich hatte eine
Ewigkeit keine Frau mehr in den Armen gehalten und stellte mich auf
beglückende Liebesfreuden ein. Sie nannte mir, auf ihre Brust
zeigend, ihren Namen: Tuka Tuka. Sie gehörte zur näheren
Umgebung des Zauberers, in welcher genauen Beziehung, wusste ich nicht
und wollte es nicht erfahren. Sie war eine zauberhafte
Südseeschöne und dazu unwahrscheinlich lieb und
zärtlich. Ihr Mund war leuchtend rot gefärbt und die Spuren
dieses Farbstoffs waren nach Stunden nicht nur in meinem Gesicht zu
sehen, worüber alle amüsiert lachten. Nur der Zauberer machte
ein nachdenkliches Gesicht.
Leider, das merkte ich erst am Schluss, liebten wir uns mit all den
betäubenden Einzelheiten vor allem Volk. So blieb es dann lange
Zeit: Nichts blieb vor den Nachbarn verborgen, nichts machte sie
normalerweise aber auch neugierig. Bei mir war das vielleicht aus zwei
Gründen anders: Einmal weil ich ein exotischer Fremder für
sie war und dann verbreiteten meine vier Frauen wahrscheinlich
genießerisch und etwas angeberisch einige Besonderheiten unseres
„häuslichen“ Liebes- lebens… Ich hatte wirklich sehr viele
Lusterlebnisse nachzuholen und meinen Hüttenmitbewohnerinnen war
es nie zu viel, mich mit Liebe und Lust zu beschenken.
Ich machte es zur festen Gewohnheit, dass Tuka Tuka jede fünfte
Nacht willkommener Gast in unserer Hütte war; sie war sehr stolz
darüber und vertrug sich fast unheimlich harmonisch mit meinen
Hüttenfrauen, die uns beiden spürbar relativ viele
nächtliche Lustkontakte gönnten; dabei wollten sie allerdings
nicht vernachlässigt werden.
Schon in den ersten Tagen hatten mir die Inselbewohner eine Hütte
errichtet und mich diese vier Frauen auswählen lassen, die mir
dort in der Fremde redlich halfen, mich einzugewöhnen,
Alltagsgeschäfte zwischen mir und den Inselbewohnern zu
vermitteln, mir bekömmliche Speisen zu bereiten und nicht zuletzt:
durch ihre Tag und Nacht fassbare und immer zärtliche Nähe
kein Heimweh und keine Einsamkeitsgefühle aufkommen zu lassen.
Ohne diese innige Lebensgemeinschaft hätte ich meine gespielte
Distanz zu allen Inselfrauen nicht durchgehalten. Tagsüber war ich
gut beschäftigt, aber die Nächte habe ich in der Gesellschaft
dieser liebenswerten und einfühlsamen und wohl schon
lebenserfahrenen Frauen genossen. Sie halfen mir wirkungsvoll, mich
gegen andere Inselfrauen zu wehren, die mir gefährliche
Liebesfallen stellen wollten: Immer wieder hatten es einzelne Frauen
mit allerlei Listen darauf angelegt, mich zu verführen und das auf
einer Insel, wo, wie man selbst in Europa weiß, die meisten
blutigen Händel aus Eifersucht und wegen der nun manchmal
wechselnden Zuneigung unter Frauen und Männern jeweils mit
Hackmessern ausgetragen werden.
Nach einigen Tagen und denkwürdig genossenen Nächten kam mir
der Einfall, diese unverdorbenen Menschen mit den Abwechslungsfreuden
der Mode bekannt zu machen, nicht zuletzt, um mich abzusichern und
wertvoll zu machen.
Es reizte mich, bei den Frauen zu beginnen, denn ich fand viele
aufregend apart und begehrens-, einige sogar stehlenswert und nicht
wenige zeigten mir überdeutlich, dass sie zu jeder Hingabe bereit
waren, aber die Vorsicht zwingt uns zuweilen zu Umwegen und ich wusste,
dass bei Naturvölkern oft Besitzerrituale mit grausamen Folgen
aufbrechen und mit Messern ausgetragen werden.
Ich widmete mich also nur den Männern. Zuerst schmierte ich ihnen
eine Art Maisbrei auf das Haar und formte daraus einen spitzen Helm.
Das machte ich natürlich auch aus meinem Schopf. Die Frauen
applaudierten begeistert, während sich die Männer noch
unschlüssig betrachteten. Erst als die Frauen von mir verlangten,
auch so geschmückt zu werden und ich das ablehnte, begann der
Haarschmuck den Männern zu gefallen. Lästig war nur, dass er
täglich erneuert werden musste.
Dann entwarf ich ihnen eine neue Körperbemalung in Blau und
Grün mit gelben Tupfen für jeweils den dritten Tag der Woche,
Schwarz und Gelb mit grünen Streifen für den fünften
Tag. Ich bestand darauf, dass sie diese Farbe wirklich nur jeweils
einen Tag lang auf dem Körper trugen. Zu einem Ritual gehören
auch feste Zeiten.
Bei allen Handlungen versäumte ich nie, den Oberzauberer um sein
zustimmendes Nicken zu bitten, deshalb war mir das Einverständnis
aller immer sicher. Nur die größten Verrücktheiten
wollte ich ihm nicht zumuten, gerade die reizten ihn aber manchmal zum
Mitmachen.
Die Frauen fühlten sich von mir verschmäht; sie versuchten
oft, mich für eine neuartige Verzierung ihrer Brüste,
Bäuche und Rücken zu gewinnen, auch in oft schmerzhaft
aufreizender Weise für eine kunstvolle Umrahmung ihres
Schoßes, aber ich blieb unbeugsam und tat stur so, als sei ich
wirklich nur an der Verschönerung der Männer interessiert.
Die Inselfrauen verstanden die Welt nicht mehr, aber den Männern
tat mein Verhalten gut. Und siehe da, nach einigen Wochen bewogen sie
mich, meine Künste auch den Frauen zu widmen. Ich gab mich
widerstrebend und warf ihnen scheinbar lustlos die Zeichnung einer
gelben und hellblauen liegenden Acht als zierenden Umriss ihrer
Brüste hin; die bei ihnen eigentümlich großen,
bläulich-violetten Brustwarzenhöfe färbte ich rot; ihren
Schoß umrahmte ich mit der Andeutung eines hauchdünn
gezeichneten Labyrinths, das auch die Ungeschicktesten zum Ziel
führte.
Später entwarf ich ein hier natürlich vollkommen idiotisch
„benötigtes“ Abendgewand aus spitz von einer Schulter
herabfallendem, knielangem und durch dünne Bänder verbundenem
trapezförmigem Bastgewebe. Innerhalb von drei Wochen trugen fast
alle Frauen diese mühsam zu fertigen Gebilde und dazu die
gelbblaue Acht mit den großen roten Mittelpunkten. Monate
später konnte ich ihnen das Weben feinerer Gewebe und kunstvolles
Färben beibringen; diese Stoffe inspirierten mich und sie zu
fantastischen Entwürfen.
Dann führte ich kleine, perlenverzierte Zöpfe ein, eine
Fülle von netten Kleinigkeiten wie auf den Rücken
tätowierte Schmetterlinge oder nahe einer anderen interessanten
Stelle einige zum Suchen anregende Käferchen, auch
Fußkettchen aus weißen Muscheln, Dufttupfer aus
Rosenöl und weiße, blaue und rote Blüten im Haar. Dies
wurde alles erstaunlich schnell Mode – wie immer total entbehrlich,
aber Abwechslung und vor allem: den „Seht-mal-alle-her-Effekt“
bringend.
Schwerer tat ich mich mit der Einführung von farbiger
Unterkleidung für die Schamgegend, die für sie gar keine
Schamgegend war. Mir ging es auch nicht darum, ihnen künstlich
Scham beizubringen; mich bewogen mehr ästhetische und
gesundheitliche Gründe, aber auch, jedenfalls bei den Frauen, das
Wissen, dass geschickt Verborgenes viel mehr Aufmerksamkeit und Neugier
weckt als ständig sichtbare Nacktheit. Vor allem riet ich ihnen
dazu, die Männer mit Düften auf ihrer Haut und in ihrem
Schoß zu bezaubern. Und mit ungewöhnlichen Farben dieser
winzigen Hüllen! Wir probten das unendlich lange, aber es
ermüdete uns nicht.
Mein Lieblingsgrundsatz war zeitlebens: Mach aus allem etwas
Besonderes, übe dich in der Kunst, das Alltägliche irgendwie
herauszuheben. Meinen größten Erfolg sah ich unerwartet
darin, dass dieses Inselvölkchen sich wieder auf seine
altüberlieferte Kunst besann und sie wieder schätzen lernte.
Darin habe ich sie bestärkt.
Die Männer schienen erleichtert zu sein, dass sie ihre engen,
unpraktischen Schutzhüllen für den länglichen Teil ihrer
Männlichkeit endlich aufgeben konnten.
Sprachlich konnten wir uns ja nicht verständigen; ich
konzentrierte mich deshalb auf die Entwicklung der mir bereits gut
vertrauten Zeichensprache zu einer übernationalen
Grundverständigungsmethode. Meine Forschungsergebnisse und
Erfahrungen habe ich in einem inzwischen weltweit verbreiteten
dreibändigem Lehrbuch weitergegeben.
Noch bekannter wurden allerdings die Lehrbücher, die ich über
meine Erkenntnisse aus den in Europa als völlig neuartig geltenden
Heilmethoden verfasste, die ich der harmonischen Zusammenarbeit mit dem
Zauberer und Medizinmann verdanke.
Am Wochenende hielten wir in einem eigens dafür hergerichteten und
aufwendig geschmücktem Palmhaus gemeinsam einen „Ansehtag“ – sie
nannten ihn „Schua-la-meh“, bei dem wir uns viel Zeit für die
Inselbewohner nahmen und herauszubekommen suchten, welche Bereiche
ihrer Körper und Seelen ihnen Sorgen machten. Bevor wir die
Wartenden zu uns heraufkommen ließen, konnten sie von Ferne
mitansehen, wie wir aus mehreren Sorten Mehl, Pflanzenteilen und
Fruchtsäften mehrfarbige Kugeln formten.
Ich führte neu ein, dass wir über den fertig gemischten
Arzneien eine Weile meditierten, während das Inselvolk in Stille
verharren musste. Nur drei Trommler durften leise und dumpf trommeln.
Der Medizinmann verlangte für unsere farbigen Medikamente
unerwartet viele aufgereihte Fischzähne und Schmucksteine; ihr
hoher Preis trug wirklich dazu bei, dass sie als besonders stark und
vielfältig heilend galten. Seine Einnahmen gab mein vielseitiger
Partner an seine Frauen und Kinder weiter. Weil ich für meine
Heilbemühungen keine Gegenleistung wollte, dachten sich die Frauen
spürbarere Formen ihrer Dankbarkeit aus; ich reduzierte sie mit
Mühe und nur ganz wenigen Ausnahmen auf Umarmungen.
Mein Kollege verstand sich auf unblutige Operationen mit einer
geheimnisvollen Methode des Einfühlens über seine
Fingerspitzen, bei der er trotz seiner unzureichenden anatomischen
Kenntnisse an Wunder grenzende Erfolge hatte. Er vermittelte mir einige
im Austausch gegen auch ihn überzeugende Heil- behandlungen der
klassischen Medizin.
Bei unserem Gedankenaustausch über Diagnosen und Behandlungen
erfanden wir neue Bezeichnungen, die sich später international als
„Fach-Insulanisch" durchsetzten. Meine späteren Fachbücher
gehen auf das Drängen meiner medizinischen Kollegen zurück.
Ich hatte übrigens unglaubliche Erfolge mit meinen meditativen
Massagen, die ich manchmal mit heißen runden Steinen
verstärkte. Wegen des großen Andrangs musste ich dafür
besondere Abende freihalten.
Weil mich das gering entwickelte Reinlichkeitsbedürfnis der
Männer störte, empfahl ich ihnen nach einiger Zeit zur
Abwechslung kahl geschorene Köpfe. Natürlich musste ich immer
mit meinem guten Beispiel vorangehen. Zum Schutz gegen die Sonne
ließ ich ihnen von den Frauen breitkrempige Hüte flechten.
Mehrfache farbige Hutschnüre zeigten an, wie viele Frauen ein Mann
hatte. Sie kamen selbst auf die Variation, mit der Vielfalt der
Schnüre die Gestalt ihrer Frauen zu kennzeichnen. Angenehm
rundliche Frauen standen bei ihnen in hohem Ansehen. Ich gewöhnte
mich an ihren Geschmack.
Wir machten einige Experimente mit vergorenen Früchten, aber wir
konnten die Haltbarkeit der daraus gewonnenen Getränke nicht
sichern; deshalb mussten wir bei unseren häufigen Festen alles
frisch Hergestellte sofort verzehren das hat eine heitere Stimmung
bewirkt.
Die Feste wurden unser größtes Vergnügen. Das aus der
Trommelgruppe entstandene Inselorchester, unser gemischter Chor und
mehrere Tanzgruppen bereicherten das Leben der Inselbewohner ungemein.
Ich konnte mit Befriedigung beobachten, dass diese Feste die den
Männern angeborene oder anerzogene Angriffslust minderten und zum
gegenseitigen Verstehen und zu größerer Duldsamkeit
beitrugen, weil sie als Feste der Liebe gefeiert wurden, bei denen sie
selbst neue Formen entwickelten, miteinander vertrauter zu werden. Ich
hielt sie nicht oder nicht mehr für Kannibalen – aber es fiel
ihnen auch kein Fremder in die Hände – und ich war wohl inzwischen
tabu.
Bei diesen Gelegenheiten bildete sich ein von mir nicht zu
verhindernder Höhepunkt heraus: Ich wurde verlost. Die Frauen mit
dem Hauptgewinn durften gegen eine Spende in den Gemeinschaftstopf drei
oder vier Trommelstücke lang mit mir allein sein. Jede konnte ein
Blatt mit ihrem Namenszeichen in einen Korb werfen. Der Häuptling
wählte dann in einem spannenden Verfahren zuerst zehn, daraus dann
fünf, dann zwei Blätter und schließlich das Blatt der
Siegerin aus.
Meine Hoffnung, dass sich die alten Frauen an diesem Spaß nicht
beteiligen würden, erfüllte sich nicht und das Ergebnis war
offensichtlich ein besonderer Spaß für alle: In einem
ausgelassenen Freudenzug wurde ich auf den Schultern vieler Frauen in
eine offene Hütte getragen. Das ganze Dorf sah dann mit lebhafter
Anteilnahme zu, was die Siegerin mit ihrem Losgewinn anfing. Es kostete
mich, wie ihr verstehen werdet, viel Überwindung, diesen Brauch zu
bejahen, aber ich sah ein, dass ich meinen Freunden dieses Opfer
bringen musste -wenn sie mich schon nicht am Spieß braten
konnten.
Dieser Teil des Festes schien sich irgendwie ansteckend auf die Frauen
und Männer des Dorfes auszuwirken; das Liebesfest, bei dem jede
Frau nach jedem Mann greifen und ihn eine Weile (bei oder in sich)
behalten durfte und das den Männern zunächst eine passive
Rolle zumutete, dauerte jeweils bis zum Sonnenaufgang und endete nach
einem Bad im Meer mit einem gemeinsamen Frühstück aus vielen
Früchten. Liebeslust gehörte natürlich Zeit füllend
dazu.
Unter den vielen neuen Freuden und Genüssen vermisste ich meine
Tabakpfeife und den Tabak; die Gründe werden nur Raucher
verstehen. Ich schnitzte lange an einigen Pfeifenmodellen und zur
Erholung für meine davon schwielig gewordenen Finger suchte ich
die Insel nach brauchbaren Blättern ab, die sich trocknen und nach
in mehreren Versuchen bewährten Behandlungen - manche waren
delikat und wurden eine eigenständige Qualität mit von vielen
begehrten erotischen Auswirkungen rauchen ließen. Ich konnte
nicht verhindern, dass die Inselbewohner mein Tun aufmerksam verfolgten
und sofort nachahmten. Ich fürchte, das ist heute noch so, wie ich
es früher sah: am gierigsten rauchten die Frauen.
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