Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Königlich-Niederländisches Liebesnest

Die offizielle Einladung aus den Niederlanden wurde bei Hofe als Provokation verstanden, denn unserer Delegation waren seitenlange Vorschriften zugemutet worden. Unsere Diplomaten setzten in monatelangem Hickhack durch, dass nichts davon übrig blieb. Von den wein- und wortreichen Verhandlungen hatte ich ohnehin nichts bemerkt.

Auf ausdrücklichen Wunsch beider Königshöfe sollte ich den Seeweg wählen. Deshalb wurde eine Flotte von sechs stattlichen Schiffen zusammengestellt, die von Kanonenrohren, farbenfrohen Aufbauten und allerlei Bug- und Heckprotz strotzten. Als ich den Belegungsplan für die Kabinen sah, wurde mir klar, dass wieder ein unsinnig aufgeblähter Tross von Diplomaten und Spionen vorgesehen war. Das musste ich hinnehmen, aber darüber konnte ich damals schon lachen. Ich bestand jedoch erfolgreich darauf, dass ich gegenüber dem kommandierenden Admiral eine Sonderstellung bekam und dass meine engere Entourage nur meinem Befehl unterstand.

Weil Eve-Marie kurz vor der Abreise ernsthafte Erbschwierigkeiten mit einem größeren Besitz bekam und eine juristische Übervorteilung befürchten musste, versuchte ich, unsere Reise hinauszuzögern; dadurch bekam ich ziemlichen Ärger mit den Diplomaten in beiden Ländern. Sie musste schließlich zurückbleiben. Eine schlimme Intrige bescherte mir heftige Magenbeschwerden, die ich mit einigen Kräutern bekämpfte, noch, als wir vor schon vor der niederländischen Küste kreuzten.

Wir waren nach Gravenhage eingeladen, aber ein tagelanger Sturm zwang uns, weiter nördlich zu ankern; ich erinnere mich an den poetischen Namen: es war bei Bloemendaal. Ich wurde von Ortsrepräsentanten nach Haarlem gefahren und traf dort am nächsten Tag einige Hofabgesandte. Ich erwartete einen Kutschenkonvoi nach Den Haag, fand es aber viel erfreulicher, dass unsere stattliche Truppe jetzt nach Amsterdam eingeladen wurde. Durch diese Manöver verringerte sich meine Begleitung sehr; das behagte mir durchaus.

Amsterdam gefiel mir und den meisten Mitreisenden. Ich wohnte prächtig in prächtigen Räumen des Stadtschlosses. Übrigens hatte ich als Ersatz für Eve-Marie eine blonde Flämin als persönliche Begleiterin bei mir, eine lustige junge Frau mit einem herzhaften Lachen, mit spürbarer Freude an allen Spielarten der körperlichen Liebe und mit Vertrautheit auch mit meiner und ihren Landessprachen.

Swantje hatte eine mich sehr ansprechende Figur und als ich ihr zum ersten Mal das Mieder aufknüpfte und die richtig lecker gerundete Pracht vor mir liebkoste, strahlte sie mich an, hob mir ihre beiden Schätze noch einmal entgegen und fragte mit berechtigtem Stolz: „Magst du meine Bällekes?“ Ja, die mochte ich und noch mehr an ihr.

Die Königsfamilie hatte mehrere Töchter. Zum näheren Kontakt vorgesehen war offenbar Mareike, ein dickes Mädchen von achtzehn Jahren, das immerzu Konfekt futterte und der ganzen Erscheinung nach meinem Kronprinz eindeutig nicht gefallen würde. Warum sollten wir sie näher kennenlernen? Die junge Frau ließ mich vollkommen kalt.

Und dann begriff ich, dass sie nur vorgeschoben wurde für Judith, die sich lange zurückgehalten hatte. Sie war groß, hatte lange blonde Haare und helle Augen. Sie sprach französisch und deutsch und gab sich ungezwungen, sogar ein bisschen aggressiv. Wir fanden uns beide sympathisch und als wir uns nach einigen Tagen mit diplomatischem und neckendem Geplänkel in einem Winkel des Schlossparks küssten und dabei lange kein bisschen müde wurden, erwiderte sie meine aufbrandende Leidenschaft so unvermutet und fordernd, dass ich nicht anders konnte, als sie von ihren engen Kleidern zu befreien und sie ganz nah zu erleben. Ich war der Vorwärtsstürmende, aber sie hat mich in das Gartenhäuschen gezogen. Ihre Haut duftete nach Jasmin und ich konnte gar nicht anders als jede Mulde und jede Rundung innig zu liebkosen. Das machte mich schwindelig, aber etwas auch sie. Ein Glücksgefühl wurde in mir groß, als Judith mir sagte und bewies, dass sie mit mir die Lust genoss.

In dem Gartenhäuschen haben wir uns wenige Stunden später noch einmal getroffen. Ich erinnere mich noch an das entsetzte Gesicht ihrer Kammerfrau, die uns in diskretem Abstand zusammen mit zwei Soldaten begleitet hatte. Als sie mich durch eines der vorhanglosen Fenster sah – ich trug schon kein Hemd mehr und sie sah, wie ich das wertvolle Kleid der Königstochter sorgfältig über eine Stuhllehne legte, da war sie offensichtlich einer Ohnmacht sehr nahe.

Übrigens sagte Judith, als ich uns mit Decken und Kissen ein kuscheliges und von außen nicht einsehbares Bett auf dem Boden des Häuschens gebaut hatte, lachend „tandaradei“ zu mir – wie die Liebende im Lied unseres Minnesängers das ihr bereitete Liebeslager jubelnd gerühmt hatte. Sie war sogar mit der deutschen Liebesdichtung vertraut, das habe ich auch in meinem Bericht herausgestellt.

Ja, das hat meine „Arbeit“ sehr erleichtert: prüde war sie nicht, und ich war auch nicht der erste Mann in ihrem Leben. Ihre Art, nach mir zu greifen und mich in sich zu lotsen, gefiel mir; sie kam jede Nacht zu mir. Und es störte sie überhaupt nicht, dass Swantje meine Bettgenossin war.

Umgekehrt war Swantje überhaupt nicht eifersüchtig. Ich hatte sie über meinen Auftrag aufgeklärt und sie hatte sich bereit gezeigt, mir dabei in jeder Weise zu helfen. Das tat sie diskret und sie erwies Judith und mir leise Zärtlichkeiten, die wir beide genossen. Judith war unersättlich in der Liebe und dabei immer auf neue Entdeckungen aus. Einige Male wollte sie zuerst zuschauen, wie Swantje und ich uns Lust bereiteten, ehe sie die Hauptrolle übernahm. Swantje schien sich darüber zu freuen. Für mich war es auch reizvoll mit anzusehen, wie die beiden Frauen sich gegenseitig in Luststimmung brachten, gebend und nehmend…

Tagsüber sah ich Judith nur zu den Hauptmahlzeiten am Abend. Wir mochten uns sehr. Vielleicht hat uns der äußere Druck durch die Hof-Etikette zu einem Ausbruch erst angestachelt: Wir variierten den ersten Gedanken, uns auf ein Königliches Hausboot in den Amsterdamer Grachten zu flüchten – das hat sie ihrer Kammerfrau unter dem Siegel der Verschwiegenheit als vorsorgliches Zielgeheimnis anvertraut
– und mieteten uns ein eigenes Hausboot.

Wir haben dort herrliche Nächte verbracht und bummelten tagsüber wie ein ganz normales und sehr beschwingtes und richtig übermütiges Liebespaar in der Altstadt, in der Markthalle, durch die Blumenmärkte und wir aßen völlig ungestört in einfachen Gaststuben. In die Bilderausstellungen haben wir uns vorsichtshalber nicht hineingetraut.

Wir fühlten uns wohl zu sicher und fielen aus allen sieben Wolken, als sich ein Polizeikommandant plötzlich vor uns verneigte und uns bat, unauffällig und getrennt, in zwei bereitstehenden schlichten Kutschen die Fahrt zum Stadtschloss anzutreten. Draußen sahen wir mehrere Polizisten.

Prinzessin Judith war sehr gefasst. Sie sagte, während sie meine Hand drückte, unser Eingehen auf seinen Wunsch zu, erreichte aber, dass uns noch Zeit – vorgeblich „für ein Dessert und für eine Tasse Kaffee“. Uns blieb nur ein kurzer, schmerzlicher Abschied.

Ich erfuhr nicht, ob die niederländische oder die französische Regierung in unsere freilich undienstlich gewordene Romanze eingegriffen hatte, jedenfalls wurde ich mit dem Befehl „auf schnellstem Wege“ nach Paris zurückbefohlen. Den Grund und den Sinn erfuhr ich nie, allerdings waren die offenbar feindlichen Heere ein bedrohlicher Hinweis; sie marschierten auf Amsterdam zu und erschwerten unsere Abreise erheblich. Ich hatte mich nicht einmal standesgemäß am Hof verabschieden können. Lange brachte ich es nicht fertig, nach diesen Erlebnissen wie altersweise und abgeklärte Holländer „gedogen“ zu murmeln - „Schwamm drüber“.

Selbstverständlich habe ich einen langen Bericht verfasst; mein Zeichner hat sehr erotische Bilder improvisiert und ein ärztlicher Begleiter hat ein Bulletin verfasst – alles war äußerst verlockend, wie ich fand. Aber es interessierte bei Hofe nicht mehr; eine Kriegsstimmung beherrschte wieder einmal das ganze Leben. Mit diesem unharmonischen Schluss endete meine erotische Vorarbeit für den Kronprinzen. Ihm hat sie wohl nichts gebracht – mir aber sehr viel.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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