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Königlich-Niederländisches
Liebesnest
Die offizielle Einladung aus den Niederlanden wurde bei Hofe als
Provokation verstanden, denn unserer Delegation waren seitenlange
Vorschriften zugemutet worden. Unsere Diplomaten setzten in
monatelangem Hickhack durch, dass nichts davon übrig blieb. Von
den wein- und wortreichen Verhandlungen hatte ich ohnehin nichts
bemerkt.
Auf ausdrücklichen Wunsch beider Königshöfe sollte ich
den Seeweg wählen. Deshalb wurde eine Flotte von sechs stattlichen
Schiffen zusammengestellt, die von Kanonenrohren, farbenfrohen
Aufbauten und allerlei Bug- und Heckprotz strotzten. Als ich den
Belegungsplan für die Kabinen sah, wurde mir klar, dass wieder ein
unsinnig aufgeblähter Tross von Diplomaten und Spionen vorgesehen
war. Das musste ich hinnehmen, aber darüber konnte ich damals
schon lachen. Ich bestand jedoch erfolgreich darauf, dass ich
gegenüber dem kommandierenden Admiral eine Sonderstellung bekam
und dass meine engere Entourage nur meinem Befehl unterstand.
Weil Eve-Marie kurz vor der Abreise ernsthafte Erbschwierigkeiten mit
einem größeren Besitz bekam und eine juristische
Übervorteilung befürchten musste, versuchte ich, unsere Reise
hinauszuzögern; dadurch bekam ich ziemlichen Ärger mit den
Diplomaten in beiden Ländern. Sie musste schließlich
zurückbleiben. Eine schlimme Intrige bescherte mir heftige
Magenbeschwerden, die ich mit einigen Kräutern bekämpfte,
noch, als wir vor schon vor der niederländischen Küste
kreuzten.
Wir waren nach Gravenhage eingeladen, aber ein tagelanger Sturm zwang
uns, weiter nördlich zu ankern; ich erinnere mich an den
poetischen Namen: es war bei Bloemendaal. Ich wurde von
Ortsrepräsentanten nach Haarlem gefahren und traf dort am
nächsten Tag einige Hofabgesandte. Ich erwartete einen
Kutschenkonvoi nach Den Haag, fand es aber viel erfreulicher, dass
unsere stattliche Truppe jetzt nach Amsterdam eingeladen wurde. Durch
diese Manöver verringerte sich meine Begleitung sehr; das behagte
mir durchaus.
Amsterdam gefiel mir und den meisten Mitreisenden. Ich wohnte
prächtig in prächtigen Räumen des Stadtschlosses.
Übrigens hatte ich als Ersatz für Eve-Marie eine blonde
Flämin als persönliche Begleiterin bei mir, eine lustige
junge Frau mit einem herzhaften Lachen, mit spürbarer Freude an
allen Spielarten der körperlichen Liebe und mit Vertrautheit auch
mit meiner und ihren Landessprachen.
Swantje hatte eine mich sehr ansprechende Figur und als ich ihr zum
ersten Mal das Mieder aufknüpfte und die richtig lecker gerundete
Pracht vor mir liebkoste, strahlte sie mich an, hob mir ihre beiden
Schätze noch einmal entgegen und fragte mit berechtigtem Stolz:
„Magst du meine Bällekes?“ Ja, die mochte ich und noch mehr an
ihr.
Die Königsfamilie hatte mehrere Töchter. Zum näheren
Kontakt vorgesehen war offenbar Mareike, ein dickes Mädchen von
achtzehn Jahren, das immerzu Konfekt futterte und der ganzen
Erscheinung nach meinem Kronprinz eindeutig nicht gefallen würde.
Warum sollten wir sie näher kennenlernen? Die junge Frau
ließ mich vollkommen kalt.
Und dann begriff ich, dass sie nur vorgeschoben wurde für Judith,
die sich lange zurückgehalten hatte. Sie war groß, hatte
lange blonde Haare und helle Augen. Sie sprach französisch und
deutsch und gab sich ungezwungen, sogar ein bisschen aggressiv. Wir
fanden uns beide sympathisch und als wir uns nach einigen Tagen mit
diplomatischem und neckendem Geplänkel in einem Winkel des
Schlossparks küssten und dabei lange kein bisschen müde
wurden, erwiderte sie meine aufbrandende Leidenschaft so unvermutet und
fordernd, dass ich nicht anders konnte, als sie von ihren engen
Kleidern zu befreien und sie ganz nah zu erleben. Ich war der
Vorwärtsstürmende, aber sie hat mich in das
Gartenhäuschen gezogen. Ihre Haut duftete nach Jasmin und ich
konnte gar nicht anders als jede Mulde und jede Rundung innig zu
liebkosen. Das machte mich schwindelig, aber etwas auch sie. Ein
Glücksgefühl wurde in mir groß, als Judith mir sagte
und bewies, dass sie mit mir die Lust genoss.
In dem Gartenhäuschen haben wir uns wenige Stunden später
noch einmal getroffen. Ich erinnere mich noch an das entsetzte Gesicht
ihrer Kammerfrau, die uns in diskretem Abstand zusammen mit zwei
Soldaten begleitet hatte. Als sie mich durch eines der vorhanglosen
Fenster sah – ich trug schon kein Hemd mehr und sie sah, wie ich das
wertvolle Kleid der Königstochter sorgfältig über eine
Stuhllehne legte, da war sie offensichtlich einer Ohnmacht sehr nahe.
Übrigens sagte Judith, als ich uns mit Decken und Kissen ein
kuscheliges und von außen nicht einsehbares Bett auf dem Boden
des Häuschens gebaut hatte, lachend „tandaradei“ zu mir – wie die
Liebende im Lied unseres Minnesängers das ihr bereitete
Liebeslager jubelnd gerühmt hatte. Sie war sogar mit der deutschen
Liebesdichtung vertraut, das habe ich auch in meinem Bericht
herausgestellt.
Ja, das hat meine „Arbeit“ sehr erleichtert: prüde war sie nicht,
und ich war auch nicht der erste Mann in ihrem Leben. Ihre Art, nach
mir zu greifen und mich in sich zu lotsen, gefiel mir; sie kam jede
Nacht zu mir. Und es störte sie überhaupt nicht, dass Swantje
meine Bettgenossin war.
Umgekehrt war Swantje überhaupt nicht eifersüchtig. Ich hatte
sie über meinen Auftrag aufgeklärt und sie hatte sich bereit
gezeigt, mir dabei in jeder Weise zu helfen. Das tat sie diskret und
sie erwies Judith und mir leise Zärtlichkeiten, die wir beide
genossen. Judith war unersättlich in der Liebe und dabei immer auf
neue Entdeckungen aus. Einige Male wollte sie zuerst zuschauen, wie
Swantje und ich uns Lust bereiteten, ehe sie die Hauptrolle
übernahm. Swantje schien sich darüber zu freuen. Für
mich war es auch reizvoll mit anzusehen, wie die beiden Frauen sich
gegenseitig in Luststimmung brachten, gebend und nehmend…
Tagsüber sah ich Judith nur zu den Hauptmahlzeiten am Abend. Wir
mochten uns sehr. Vielleicht hat uns der äußere Druck durch
die Hof-Etikette zu einem Ausbruch erst angestachelt: Wir variierten
den ersten Gedanken, uns auf ein Königliches Hausboot in den
Amsterdamer Grachten zu flüchten – das hat sie ihrer Kammerfrau
unter dem Siegel der Verschwiegenheit als vorsorgliches Zielgeheimnis
anvertraut
– und mieteten uns ein eigenes Hausboot.
Wir haben dort herrliche Nächte verbracht und bummelten
tagsüber wie ein ganz normales und sehr beschwingtes und richtig
übermütiges Liebespaar in der Altstadt, in der Markthalle,
durch die Blumenmärkte und wir aßen völlig
ungestört in einfachen Gaststuben. In die Bilderausstellungen
haben wir uns vorsichtshalber nicht hineingetraut.
Wir fühlten uns wohl zu sicher und fielen aus allen sieben Wolken,
als sich ein Polizeikommandant plötzlich vor uns verneigte und uns
bat, unauffällig und getrennt, in zwei bereitstehenden schlichten
Kutschen die Fahrt zum Stadtschloss anzutreten. Draußen sahen wir
mehrere Polizisten.
Prinzessin Judith war sehr gefasst. Sie sagte, während sie meine
Hand drückte, unser Eingehen auf seinen Wunsch zu, erreichte aber,
dass uns noch Zeit – vorgeblich „für ein Dessert und für eine
Tasse Kaffee“. Uns blieb nur ein kurzer, schmerzlicher Abschied.
Ich erfuhr nicht, ob die niederländische oder die
französische Regierung in unsere freilich undienstlich gewordene
Romanze eingegriffen hatte, jedenfalls wurde ich mit dem Befehl „auf
schnellstem Wege“ nach Paris zurückbefohlen. Den Grund und den
Sinn erfuhr ich nie, allerdings waren die offenbar feindlichen Heere
ein bedrohlicher Hinweis; sie marschierten auf Amsterdam zu und
erschwerten unsere Abreise erheblich. Ich hatte mich nicht einmal
standesgemäß am Hof verabschieden können. Lange brachte
ich es nicht fertig, nach diesen Erlebnissen wie altersweise und
abgeklärte Holländer „gedogen“ zu murmeln - „Schwamm
drüber“.
Selbstverständlich habe ich einen langen Bericht verfasst; mein
Zeichner hat sehr erotische Bilder improvisiert und ein ärztlicher
Begleiter hat ein Bulletin verfasst – alles war äußerst
verlockend, wie ich fand. Aber es interessierte bei Hofe nicht mehr;
eine Kriegsstimmung beherrschte wieder einmal das ganze Leben. Mit
diesem unharmonischen Schluss endete meine erotische Vorarbeit für
den Kronprinzen. Ihm hat sie wohl nichts gebracht – mir aber sehr viel.
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