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Jeder Alltag war ein
Festtag
Ihr wollt hören, wie das Leben in einem Harem aussieht? Wer selbst
so lange in und mit einem Harem gelebt hat, denkt selten daran, dass
andere ja kaum etwas darüber wissen. Stellt euch den Harem nicht
nur als Lustort vor. Das mag er für Herrscher sein, die
rücksichtslos nur ihren Vorteil suchen. Einer wie ich nimmt die
Verantwortung für die Frauen ernst und ist nun einmal auch darauf
aus, das ungewohnte Gebilde auch vorzeigbar einzurichten.
Ich wäre nie darauf gekommen, dass ich einen eigenen Harem
brauchte, aber wenn´s denn mit Rücksicht auf die
Landessitten sein muss, kann ich vielleicht etwas Gutes daraus machen
und manche Frau sogar vor einem schlimmen Schicksal bewahren. Mir war
Freiwilligkeit wichtig, keine Festlegung auf eine unbegrenzte Zeit und
die Freiheit, den Harem nach einer geringen Mindestzeit wieder zu
verlassen. Zwei zauberhafte Frauen durften sogar vorzeitig heiraten und
später ihre eigenen Säuglinge mitbringen.
Weil ich in der Umgebung des Sultans keinen Menschen fand, dem ich auch
angesichts meiner vielen verführerischen Frauen einen Teil meiner
Fürsorge übertragen mochte, bat ich meine heimatliche
Kirchenbehörde in Hannover, mir einen tüchtigen
Regionalbischof zu schicken, von mir aus einen pensionierten. Offenbar
überzeugte es die Kirchenmänner, dass ich dank meiner
Sonderstellung mit der gewährten Erlaubnis des Sultans zugleich
die geistliche Betreuung der in Konstantinopel lebenden Christen und
die Errichtung einer Kirchengemeinde anbieten konnte.
Die Kirchenoberen machten mir eine riesige Freude: Sie schickten einen
prächtigen Mann, der unglaublich vielseitig und gebildet war und
trotzdem einen starken Sinn fürs Praktische hatte. Für ihn
war es eine willkommene Abwechslung; er kam bei uns leichter über
den Tod seiner Frau hinweg und das Klima am Bosporus tat seinem Rheuma
gut. Mein Völkchen liebte ihn bald und alle nannten ihn "Papa
Berg". Er war die einzige Ausnahme als Mann in meinem Harem.
Neben vielen die Frauen fördernden Neuerungen führte er eine
Art Schule für Erwachsene ein. Statt wie in den anderen Harems nur
herumzusitzen und auf die Launen und Gelüste ihres Herrn
einzugehen, lernten sie mit Begeisterung kochen, backen, Früchte
trocknen, Kinder erziehen, musizieren, chorsingen und später auf
ihren ausdrücklichen Wunsch hin auch lesen und schreiben.
Herr Berg konnte Lehrerinnen für Sprachen und für
Künstlerisches engagieren, so eine Schweizerin, die den Frauen
Gymnastik, Rudern und Schwimmen und Ballspiele beibrachte. Nach einiger
Zeit kam Schauspiel-Unterricht durch eine französische
Künstlerin dazu. In einer Manufaktur fertigten wir unter der
Anleitung durch Künstlerinnen mehrere Kunstgegenstände.
Ausländische Zeitungen berichteten wiederholt über unsere
kleinen, aber weithin als unerhört geltende Neuerungen. Papa Berg,
Mahajusha und ich hatten sie fast alle über gebrochenem Fladenbrot
mit ölbeträufeltem Schafskäse, Knoblaucholiven und
einigen dunkelrot schimmernden Gläschen von unserem gehaltvollen
Getränk aus einem „Essigfass“ in jeweils kaum einer Stunde
erdacht.
Ich hörte später, dass zwei Regierungen eigens für
ähnliche Überlegungen hochrangige Denkgruppen eingerichtet
hatten. Die Staatsdiener sollten prüfen, ob sich vergleichbare
Bildungsangebote auch für andere Bevölkerungsgruppen als
staatliche Aufgabe lohnen und gut darstellen lassen würden oder ob
man solche Ideen kostengünstiger christlichen Liebeswerken
überlassen sollte. Die vom Volk wenig erwartungsvoll
„Sesselfurzer“ genannten Fachleute beraten jetzt schon jahrelang; sie
haben wegen ihrer Wichtigkeit bereits einige Ministerstürze und
Regierungswechsel überlebt.
Sehr unterhaltsam fand ich die geheimen Stimmungsberichte der
Kundschafter in den immer überfüllten Teestuben der Stadt,
die dem Sultan an jedem Nachmittag vorgetragen und für mich eigens
in einem Extrakt übersetzt wurden. Für den Sultan war die
hierin erkennbare Volksmeinung interessant, aber mich fesselten die
anderen Geschichten mehr: Im Land der seit Jahrhunderten hochbegabten
Geschichtenerzähler kamen herrliche Erzählungen zusammen, die
ich zum Teil für das deutsche Lesepublikum herausgegeben habe.
Nach diesen Geschichten halte ich nebenbei vieles von uns längst
für wahr Gehaltene für eine gut geschilderte Fantasie, aber
ich würde nicht „nur“ sagen.
Zum Beispiel würde es mich nicht wundern, wenn „Messer Millione“,
der Seefahrer Marco Polo, seine großes Aufsehen erregenden
Reiseberichte zum ersten Mal in den hiesigen Teestuben erzählt
hätte. Dass er hier war, steht fest, und als er wieder zuhause
statt süßem Tee gehaltvollen Wein trinken durfte, konnte er
alles noch viel farbiger schildern; das kann ich ihm aus mehreren
Gründen nachempfinden.
Anfangs lebte ich mitten im Harem und hatte meine Behausung zum Harem
gemacht. Das gilt als Fehler vieler Anfänger, denn nach alter
osmanischer Gepflogenheit soll ein Harem für sich abgeschlossen
sein. Der Gebieter verweilt einige Stunden oder über Nacht und
verlässt dann sein Eigentum wieder. Bei mir hat sich einiges
anders entwickelt, manchmal ergab es sich einfach so.
Ich schildere euch einmal einen beliebigen Tag, nun gut, euch zuliebe
einen besonderen Tag, denn normalerweise schlafe ich nachts am liebsten
allein. Überrascht euch das? Es ist aber wirklich so: Ich schlafe
gern mit einer Frau in meinen Armen ein und wache ungern einsam auf,
aber dazwischen will ich allein sein; nicht immer natürlich.
Manchmal will ich auch neben bestimmten Frauen aufwachen – das ist
nicht vorhersagbar: ich habe halt Gefühle und Eingebungen.
Mein Schlaf endet meist gegen fünf Uhr. Heute früh erwarten
zwei äußerlich gegensätzliche Frauen mein Erwachen. Ich
spüre schon seit einiger Zeit die warme, zärtliche Nähe
einer nach überreifen Pfirsichen duftenden Frau hinter mir und
freue mich an ihrer Haut und an der sachten Liebkosung. Meine Frauen
wissen, dass Kuscheln für mich fast noch wichtiger ist als das
meist darauf Folgende.
Ohne mich umzudrehen, versuche ich zu erraten und zu ertasten, wer es
ist. Meine rechte Hand ist überfordert, ich bin nicht ganz sicher,
welche meiner besonders gefällig gerundeten Frauen sich hier
lockend an mich schmiegt, bis mir ihre auserlesenen Zärtlichkeiten
die Gewissheit geben, dass es Amaryllis wonnige Brüste mit
erregend aufgestülpten „Krönchen“ sind. Die schlanke blonde
Aygül, auf Deutsch hieße sie Mondrose, die sich vor mir in
meinen Arm hineingeschmiegt hat, küsst mich zart vollends wach,
massiert meinen Nacken und streift von meiner Nachtkleidung ab, was
ihrem zärtlichen Mund im Wege ist.
Ich schwanke zwischen den beiden verführerischen Frauen. Es reizt
mich, Mondrose auf mich zu ziehen, aber auch, in die wollüstigen
Schenkel der liebeerfahrenen Amaryllis zu tauchen. So kommt es wohl:
Die gewichtigere Frau nimmt mich beglückt und mit einem über
mich gehobenem Bein lustvoll tief in ihrem Schoß auf,
während die ranke Aygül sich geduldig und spürbar
erwartungsvoll auf begleitende Zärtlichkeiten beschränkt, bis
ich es an der Zeit finde, mich auch ihr zuzuwenden und sie zu einem
wirklich sehr erfrischendem Morgenritt rücklings auf mir
einzuladen, wobei Amaryllis uns dann wohltuende, auf Erfahrung
beruhende Hilfen leistet. Die Frauen lieben es, später, wenn alle
Leidenschaft „zerflossen“ ist, noch genießerisch in inniger
Berührung mit mir eine Weile fast regungslos liegen zu bleiben;
ich liebe das sehr, sie, das wird spürbar, auch.
Die Sonne wärmt uns schon, als es mich nach dem ersten Morgentee
in den Garten zieht. Mit Nonna und Sumayana, die sich trefflich aufs
Gärtnern verstehen, arbeite ich dann eine Welle in den
Blumenbeeten. Danach reite ich mit der Prinzessin und mit den für
diesen Tag ausgewählten Frauen, den
Frühstücksköchinnen und den afrikanischen
Leibwächterinnen zu meiner Lieblingsbucht. Gestern Nacht haben wir
hier mit allen Frauen wieder ein übermütiges „Mutabenteuer“
im Dunkeln gespielt.
In dem niedrigen Wasser spielen wir heute ein Reiterballspiel, das
allen und sichtlich auch den Pferden Vergnügen macht. Wenn wir
erschöpft sind, lassen wir die Pferde in einem angrenzendem
Olivenhain grasen und schwimmen nackt hinüber auf eine kleine
bewaldete Insel. Dort habe ich eine Schilfhütte errichten lassen,
in der ich anschließend ausruhe und mit den Frauen betont
lustvoll frühstücke.
Die Küchenfrauen haben unser üppiges Frühstück mit
einem Boot auf die Insel gebracht und die Tafel und die Schalen
geschmückt. Wenn die Palmen und Zitronenbäume uns nicht
genügend Schatten spenden, wird ein großes Segeltuch
aufgespannt.
Meistens gelüstet es mich um diese Zeit nach zärtlichen
Spielen. Ich will erst gegen halb elf Uhr wieder in meinem kleinen
Palast sein. Dann empfangen mich Kumaya und die von ihr angelernten
Frauen, waschen und rasieren mich und massieren mich auf duftenden
Tüchern; vor der offenen Tür spielen und singen
Musikantinnen. Meine vier Frauen singen oder summen leise mit, manchmal
auch ich.
Ich hatte meinen Frauen eine indische Methode zur Pflege der
Manneskraft weitergegeben, die bei mir aus mir damals noch verborgenen
Gründen nicht geboten war, aber die vielfältig erquickende
Behandlung verbreitete sich dann stark im Osmanischen Reich und
später auch in Frankreich. Der beträchtliche Erlös
verstärkte den Gemeinschaftstopf, über den die Frauen selbst
verfügen konnten.
Zu den vormittäglichen Champagner-Häppchen liest mir
Gülnaz, die "sich zierende Rose", mit ihrer wundervollen Stimme
Gedichte und Geschichten vor, die ich vorher ausgewählt hatte.
Danach notiere ich für mich und für die Prinzessin einige
Tagesaufgaben.
Wenn der Sultan, wie heute, noch nicht nach mir verlangt hat, besuche
ich danach schon wegen seiner anregenden hundertfachen Gerüche
manchmal den Bazar. Das bunte Leben dort zerstreut mich und regt mich
zugleich angenehm an. Meine Frauen werden sich gleich nach der
Hausarbeit zur Musik und Gesangstunde und danach zum Lese-und
Schreibkurs mit Papa Berg treffen.
An manchen Tagen hole ich um diese Zeit einige Kinder des Sultans zu
unseren auch bei den Zuschauern sehr beliebten Wasserspielen mit den
Delfinen ab. Bei der Fahrt zur Bucht begleiten uns an die fünfzig
Wächter; der Sultan will das so.
Eine große Menschenmenge beobachtet wie jeden Tag vom Ufer aus
unsere fröhlichen Fahrten mit dem von den übermütigen
Delfinen gezogenen Rennfloß. Nach etwa zwei Stunden breche ich
das Spiel meist ab, weil es uns auf dem Wasser zu heiß wird. Ich
geleite die Kinder heim und muss ihnen versprechen, sie am
nächsten Tag früher abzuholen.
Beim leichten Mahl mit Papa Berg besprechen wir einige Haushaltsfragen
und er erzählt mir wieder eine Episode aus seinem Dienst im
Calenbergischen Land und weckt mir so manche Erinnerungen an
altvertraute Freunde und Nachbarn. Ich kann nicht sagen, ob mein
gelegentliches Heimweh dadurch angeregt oder bereits verstärkt
wurde.
Übrigens hatten wir über und nach einigen Damespielen auch
ernste Gespräche mit Themen, die sich als Fragen in mir angestaut
hatten und die uns beide nächtelang ziemlich herausforderten,
etwa: Wer schuf Gott? Warum gab es die Botschaften des Schöpfers
erst zu jenen angesichts der langen Menschheitsentwicklung einerseits
sehr späten, andererseits (im Blick auf die jetzt erst wachsenden
technischen Fortschritte) noch erstaunlich frühen Zeitpunkte?
Hatte Gott im Himmel einen Sohn, aber gab es keine Muttergöttin?
Warum hat Gott seine Gebote nicht eindeutig weitergegeben und warum hat
Jesus seine Lehre nicht selbst diktiert?
Warum haben sich Gottvater und Gottessohn auf Menschen verlassen, die
sich beim Übermitteln der lebenswichtigen Botschaften so oft
geirrt, vieles selbst ergänzt und auch eigensinnig verfälscht
haben? Warum fehlen im Vaterunser die wichtigsten Lehren Jesu? Und
nebenbei: Nehmen die früher und in anderen Teilen der Erde von den
Menschen angebeteten Gottheiten und Geister es wehrlos hin, dass viele
ihnen gewidmete Symbole und Bräuche später einfach christlich
umgewandelt wurden?
Mein Haustheologe war nie um gescheite und mir meist einleuchtende
Antworten um solche Fallgruben des Glaubens verlegen, nur eine Frage
hat er mir unbefriedigend beantwortet: Sehr viele Grausamkeiten wurden
und werden im Namen Gottes verübt; wäre unsere Erde im
Rückblick nicht vorzeigbarer, wenn die Menschen auf ihr sich keine
Religionen erfunden hätten?
Für Sonntagfrüh hat Generalsuperintendent Berg in
Konstantinopel alle Christen in der Stadt zum Gottesdienst eingeladen.
Unser Chor wird mitwirken; wir fanden Wege, die überwiegend
muslimischen Frauen nur für die Minuten des Gesangvortrags an
diesem Gottesdienst teilnehmen zu lassen. Viele blieben ihrer eigenen
Religion treu, das war auch ein Verdienst der frommen Prinzessin. Die
Moslems sind trotz böser Erfahrungen überraschend duldsam mit
unserer Religion. Ich werde dabei sein, auch um diese Stunde mitsamt
den Vorbereitungen abzusichern.
Übrigens hat Herr Berg nicht nur seinen Kirchenoberen in Hannover
regelmäßig über seine Arbeit berichtet, sondern auch
farbige und exotisch wirkende Geschichten an einige Journale geschickt.
Seine Geschichte „Weihnachten im Harem“ war ein umwerfender
internationaler Lesererfolg, der später noch übertroffen
wurde von seinem geradezu revolutionär anmutendem Bericht
„Hochzeit im Harem“, der hundertfach nachgedruckt wurde – es war seine
eigene Hochzeit; davon erzähle ich euch später. Meinen
Mittagsschlaf im schattigen Gartenpavillon beginne ich heute aus einer
Laune heraus, denn sonst schlummere ich auch mittags lieber allein, in
den Armen eines ungewöhnlich verschmusten Schnurrkätzchens.
Die entzückende junge Lockenhaarige ist neu in meinem Harem. Aus
irgendeinem Grund hatte ich ihr die übliche wochenlange
Eingewöhnung in den Harem als „Fächerfrau“ erspart.
Ihr müsst wissen, dass die Bessergestellten in den heißen
Ländern sich von Dienerinnen und Dienern immerzu und in fast allen
Alltagsumständen Kühlung zufächern lassen. Ohne diese
Luftkühlung hätte ich die Hitze nicht ertragen, jedenfalls
nicht in Bewegung.
Die dunkelblonde Portugiesin heißt Joanna. Sie hat zauberhafte
Einfälle und verleitet mich unter bezauberndem Läuten ihrer
Brüste zu diesem und jenem; wir albern herzlich miteinander und
werden nach vier lustvollen Damespielen auf die natürlichste Weise
der Welt müde. Joanna gehorcht verhalten kichernd und erstaunlich
selbstsicher langsam meinem Ruhe-Befehl und lässt mich unter
leisen Zärtlichkeiten in ihrem Schoß einschlafen. Ich finde,
dass sie eine glückliche Neuerwerbung ist, die ich nicht lange auf
unser nächstes Beisammensein warten lassen werde.
Ein aromatischer Teeduft weckt mich am frühen Nachmittag. Meine
stehlenswert schöne marokkanische Leibdienerin Yuma kleidet mich
orientalisch für einen Empfang beim Sultan oder für eine
Plauderei mit dem Großwesir oder mit einem anderen hohen
Würdenträger. Sie hat eine samtweiche und eine mich
anziehende Haut und es kommt nicht selten vor, dass ich ihr
farbenfrohes Gewand öffne, meine Augen schließe und meinen
Mund und meine Nase suchen lasse…
Yuma duftet immer anders, vor ein paar Tagen wie der Geruch aus dem
Kistchen, in dem meine Mutter ab Anfang Dezember das
Weihnachtsgebäck aufbewahrte (wir haben oft davon heimlich
genascht), heute nach Orangenblüten, und mein Bekleiden macht
heute wie so oft erregende Umwege über einen kulturenverbindenden
Diwan…
„Yuma, ich will dich heute Nacht bei mir haben und dann bleibst du ab
morgen drei Tage lang ganz nah bei mir, machst du das gern?“ „Wie
kannst du das fragen, Haruni! Aber die anderen…“ „Na schön, der
Wochenplan muss dann verschoben werden, aber vielleicht hat das sogar
Vorteile… Außerdem bekommen es die anderen Frauen auch belohnt.“
„Ich freue mich gewaltig, Haruni. Schmecke meinen Stolz und meine
Freude…“
Bevor ich aus dem Haus gehe, überreden mich meine Frauen noch zu
einer wenigstens kurzen Fortsetzung unseres Dauerwettbewerbs. Ich habe
vor langer Zeit begonnen, Details ihrer sehr vorzeigbaren Körper
„auszuzeichnen“: das prächtigste Haar, die schönste Nase, die
bezwingendsten Augen, die sinnlichsten Lippen, den anmutigsten
Fuß, den verführerischsten Bauch, das meistversprechende
Wäldchen, den erotischsten Hintern oder die lieblichste
Brustknospe herauszufinden. Glaubt mir, es erfordert viel Fantasie,
dieses Spiel über hundert und mehr Variationen durchzuhalten.
Als wir von allen wohl alles Hervorhebenswerte ausgewählt und auch
mit Urkunden und goldenen Geschenken bedacht hatten, gingen wir zu
Eigenschaften über, zu Begabungen... Das wurde ein unendliches
Spiel, bei dem die Frauen mit ungeahnter Fantasie vieles wirkungsvoll
darstellen konnten und bei dem wir übrigens auch immer wieder von
vorn beginnen konnten, wenn neue Frauen in den Harem kamen.
In Konstantinopel wurden immerzu Geschenke ausgetauscht, die oft auch
Gefälligkeiten erwirken sollten. Ich konnte viele Männer am
Hof mit nichts Begehrterem auszeichnen als mit einer Einladung als
Preisrichter zu diesen Wettbewerben. Weil ich, wie das auch allgemein
üblich war, keinen anderen Mann in meinem Harem duldete, waren die
immer im Dunkeln sitzenden Eingeladenen durch feste Glaswände von
den Wettbewerberinnen getrennt. Das hohe Eintrittsgeld und die
mitgebrachten Geschenke waren meinen Frauen sehr willkommen. Allerdings
habe ich in den folgenden Nächten vorsorglich die Wachen
verstärkt; das hat sich als nötig erwiesen.
Urteilen nicht immer meist unförmige und selbst kaum ansehnliche
Männer am eifrigsten über weibliche Schönheit? Das hat
mich oft geärgert, bis mir klar wurde, dass Frauen über
andere Frauen noch schärfer, unbarmherziger und oft auch richtig
gemein urteilen.
In meinen Frauen sah ich die überzeugendsten Botschafterinnen
ihrer Länder; sie gestalteten gemeinsam mit uns allen jede Woche
ein informatives, Kultur und Küche einschließendes
„Länderprogramm“.
Die Hofleute haben mir einige Spiele beigebracht, und ich habe ihnen
die meist beichtwürdigen Lieblingsbeschäftigungen der
Männerrunden am Russischen Hof vorgespielt. Der Sultan
schätzt Spielabende mit musikalischer Begleitung. Mir fällt
das lange Sitzen dabei schwer und ich bin froh, wenn ich erfahre, dass
der Herrscher abends anderes vorhat. Dann kann ich mit meinen Hunden
durch die Uferwälder streifen oder Besuche machen.
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