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Jagdverhinderung in Bayern
Der Graf war ein leidenschaftlicher Jäger. Im Adelsvolk kenne ich
manche sorgenfrei lebende Tagediebe oder verhinderte Helden, die sich
daran ergötzen, wehrlose Tiere totzuschießen. Sie nennen
diese Untaten dann schamlos „edles Waidwerk“.
Auch ich hatte in meinen jungen Jahren Freude an allerlei Waffen und es
reizvoll gefunden, mich bei jeder Gelegenheit im Schießen zu
üben. Die Jagd war für junge Leute von Stand die
günstigste und zudem eine allgemein gebilligte Möglichkeit,
auch in Friedenszeiten herumzuknallen. Damals habe ich über den
Sinn und die Folgen des Jagens nicht weiter nachgedacht, aber jetzt bin
ich, wie einige von euch schon missbilligend erfahren mussten, ein
entschiedener Gegner jeglicher Jagd geworden.
Leider hatte ich meinen Gastgeber unbedacht durch die Erzählung
einiger exotischer und wenig genossener Jagdmiterlebnisse in seiner
Leidenschaft noch angestachelt und ihn ungewollt auf den Einfall
gebracht, ein großes Jagdvergnügen ausgerechnet zu meinen
Ehren zu veranstalten. Der Graf war nicht mehr umzustimmen. Er bestand
darauf, dass wir beide seine große und von weither angereiste
Jagdgesellschaft ergänzten.
Für Frauen ist eine Jagdeinladung immer noch eine
ungewöhnliche Ehre; auch deshalb war Dorothee neugierig auf die
vielen berühmten Jagdteilnehmer. Ich versuchte, mich durch einen
vorgetäuschten Sturz auf der großen Freitreppe
auszuschließen.
Graf Otto besah sich mitleidig mein von Dorothee effektvoll mit
Stöcken geschientes und bandagiertes Bein und bemerkte: „Dann
müssen wir Sie eben zur Jagd tragen, lieber Baron! Sie müssen
unbedingt dabei sein, denn alle wissen schon von Ihren
Großwildjagden in fernen Ländern.“
Er hatte meine unfreiwilligen Raubtiertötungen in Notwehr ganz
anders gewertet. So blieb mir nur eine verwegene List. Ich
überredete die auch kräuterkundige Dorothee, im
Küchengarten heimlich bestimmte Blätter zu ernten. Und weil
es alle in der Burg immerzu fror, fiel meine Bitte an meine
vermeintliche Tochter, uns allen einen Schwedenpunsch zu bereiten, auf
allgemeinen Beifall.
Mit entzückend anzusehendem und anzufühlendem Herzklopfen
folgte Dorothee meinem Wunsch, das Rezept in einem durchschlagenden
Punkt zu ergänzen. Könnt ihr euch denken, warum der Graf
später schmerzlich feststellen musste, seine Jagd sei
buchstäblich in die Hose gegangen? Um nicht aufzufallen, hatten
wir beide auch etwas von dem Punsch getrunken und entsprechende
Wirkungen nur noch wenig übertreibend zeigen müssen. Und
natürlich habe ich den Damen und Herren beim fröhlichen
Schmausen einige exotische Erlebnisse berichtet.
In der Jagdgesellschaft sprach man nach Tagen, als alle wieder lachen
konnten, hämisch von unserem „Schwedentrunk“; wir schoben dagegen
die Schuld für die verheerende Wirkung auf die fette Vorsuppe an
jenem Mittag und auf das spätere sahnige Pflaumen-Dessert.
Während ich euch diese Erlebnisse wiedergebe, fällt mir auf,
dass ich schon zweimal in meinem bisherigen Leben mit ähnlich
friedlichen und natürlichen Methoden ein Totschießen
verhindern konnte. Ihr werdet in dieser Sache nicht alle auf meiner
Seite sein, aber ich wünsche mir, dass sich noch viele Menschen
ermutigen lassen, ähnlich wirksame Mittel zu suchen, um
Schießwütige von der Neigung abzubringen, Menschen und Tiere
umzubringen.
Ich erinnere mich noch zu gern daran, wie entzückend Dorothee
reagierte, wenn ich ihr ihre blauen Strümpfe auszog und danach
unter bewundernden und emotional stark gefärbten Feststellungen
und mit Küssen bewiesen alles andere. Ich erlebte sie als
experimentierfreudige und einfallsreiche Geliebte, die mindestens zur
Hälfte daran schuld war, dass wir beide wenig geschlafen haben und
morgens oft spät zum Frühstück kamen. Man hielt uns
für Langschläfer; dabei haben wir nur die Zeit genutzt und
unsere Zweisamkeit genossen.
Wir mussten nach märchenhaft glücklich machenden drei Wochen
schmerzenden Abschied von einander nehmen und in verschiedene
Richtungen abreisen; Dorothee musste endlich zu ihrem längst
ungeduldigen Vater. Ich habe ihn später übrigens sehr mit
einer wissenschaftlichen Zusammenarbeit versöhnt, die ihm viel
gebracht haben wird.
Ich bin sicher, dass seine Tochter durch das harmonische und
glückliche Zusammensein mit mir auch wieder die fröhliche,
freie und lebenslustige Frau ist, die sie Jahre zuvor war.
Dorothee heiratete einen Altertumsforscher in Ravenna und hat ihm sechs
Kinder geschenkt. Fünf Töchter und Söhne haben
klassische griechische und römische Vornamen: Olympia, Helena,
Bias, Chiro und Alexander, aber ihrem Erstgeborenen hat sie, etwas
verborgen, auch einen meiner Vornamen gegeben: Flavius Fridericus, der
aber Frieder gerufen wird; so hat Dorothee mich genannt, wie meine
Eltern und meine Geschwister. Es hat mich unwahrscheinlich gerührt
– aber, bevor ich euch von den vier goldenen Samenkapseln erzählt
habe, könnt ihr noch nicht ahnen, warum er so heißt. Und
woher ich das alles weiß? Von ihr.
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