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Irgendwo in der Südsee
Alle Seeleute fürchten die Taifune im Südchinesischen Meer,
die schon unzählige Schiffe zerschmettert haben. Die Gebeine
tausender Seemänner liegen dort auf dem Meeresgrund, aber auch auf
den umliegenden, zumeist traumhaft schönen Inseln, die sie
anlaufen oder auf die sich retten konnten, ruhen viele Überreste
weißer Männer. Nicht wenige ihrer Knochen wurden zuvor
gründlich abgenagt und nicht nur von Raubfischen.
Ich habe die Taifune einige Male mit knapper Not überleben
können, aber bei meiner siebten Reise nach China gerieten wir in
furchtbarste Stürme, die tagelang anhielten und unser Schiff weit
nach Südost abtrieben und zum Spielball des teuflisch
aufgepeitschten Meeres machten. So seekrank war ich noch nie. Aber aus
Furcht, das ständig vom Kentern bedrohte Schiff nicht mehr
rechtzeitig verlassen zu können, band ich mich leider aus
profaneren Gründen als olim Odysseus auf Deck an Aufbauten fest .
Dieser Einfall hat mir tatsächlich das Leben gerettet. Leider war
ich aber der einzige Überlebende der uns im Taifun packenden
Katastrophe: Die achtunddreißigköpfige Mannschaft mit
Kapitän und Steuermann und mein starkes, mit wertvoller Fracht
beladenes Schiff ertranken und versanken in wenigen Minuten vor meinen
Augen und ich konnte das Unglück nicht abwenden.
Tage-und nächtelang wurde ich mit dem kistenartigen Gebilde in den
tobenden Wellen hin und her geworfen. Der Verzweiflung und dem Wahnsinn
war ich nahe, aber ich hörte noch nicht auf zu beten und zu
hoffen, dass der Spielleiter meines Lebens noch mehr mit mir vorhat.
Als ich endlich Land sah, glaubte ich an eine Fata Morgana, denn das
unwirkliche Bild war viel zu schön: Eine kleine grüne Insel,
eine palmenumsäumte Bucht und beim näher Herangetriebenwerden
das Erkennen dunkelhäutiger Frauen, die Blumenkränze trugen
und anmutig mit ihren abgenommenen Lendentüchern winkten. Ich
weinte vor Verzweiflung über dieses vermeintlich unwirkliche
Gaukelbild. Aber das Bild blieb.
Die Bucht war dort flach und sie hatten die Kiste und mich wohl schon
lange gesichtet. Die Frauen winkten und riefen. Ich winkte ermattet,
aber überglücklich zurück. Sie lachten und begannen zu
singen. Als ich auf sie zu stolperte, umringten sie mich und
berührten mich staunend, besonders an der durch göttliche
Einwirkung herausragenden Stelle, die ihr hellstes Entzücken
auszulösen schien. Vermutlich hatten sie noch nie einen
Weißen gesehen.
Mir wurde dunkel vor den Augen, ich konnte mich nicht mehr auf den
Beinen halten, aber ich fühlte mich bei ihnen geborgen. Als
letztes stellte ich fest, dass ihre Brüste große,
dunkelviolette Knospen hatten – wann darf ich sie endlich liebkosen?
Doch als ich erwachend die Augen aufschlug, befand ich mich unter
lauter dunkelbraunen Männern. Einige hatten Pfeile auf mich
angelegt, andere hielten Speere wurfbereit auf mich gerichtet. Die
Begrüßung durch ihre Frauen war mir sympathischer gewesen,
war diese Reihenfolge ihre übliche Taktik?
Die nackten Männer mit den quer rot und weiß und schwarz
bemalten Gesichtern trugen Stirnbänder und geflochtene
Schnüre um den Bauch. Viele hatten dicke Bäuche. Am
Auffälligsten war aber ihr hochgebundenes Penis-Futteral aus
zusammengesetzten Rohrstücken, die bei einigen auch hornartig
hochgebogen waren.
Ich spürte, dass sie mich seit langem angestarrt und Pläne
für meine nahe Zukunft gemacht hatten. Sie sahen nicht im
mindesten freundlich aus und mich beschlich die unbehagliche Ahnung,
dass sie sich auf mein weißes Fleisch freuen könnten, wenn
auch, wie ich wusste, in der halbfrommen Hoffnung, durch meine Opferung
die Götter oder die Geister zu besänftigen. Dies schien mir
in meinem Fall besonders unpassend zu sein und deshalb befahl ich mir,
kühl zu bleiben und vernünftiges Handeln zu überlegen.
Was könnte sie beeindrucken und von ihren unmoralischen Absichten
abbringen? Ob ich jetzt noch mit der Autorität eines Zauberers
oder Priesters auftreten könnte? Ich musste es versuchen. Mir fiel
ein, dass viele von unserer Zivilisation noch nicht verdorbene
Stämme einen ausgeprägten Sinn für kultische Tänze
haben.
Ich erhob mich mit gespreizten Bewegungen und begann mit langsamen,
schwungvollen Arm- und Beinbewegungen zu tanzen, in Abständen
hochzuspringen und dazu mundgemachte Trommelgeräusche hören
zu lassen. Ich beugte mich häufig im Tanz herab, erstarrte einige
Male in der Bewegung und sang danach die wenig melodischen Silben
"hauuuuju-haauu-hauuu" in auf- und abschwellender Tonfolge.
Die Männer hatten sich im Kreis um mich herumgestellt und starrten
mich aufmerksam an. Ich schloss die Augen bis auf einen winzigen Spalt,
drehte mich einige Male rasch um mich selbst und wies wie hypnotisiert
mit ausgestreckten Armen auf einen Mann, der sich im Hintergrund hielt,
aber an seinen vielen Accessoires leicht als Medizinmann,
Geisterbeschwörer oder Zauberer zu erkennen war. Ich öffnete
die Augen ganz, stellte mich dicht vor ihn und wollte ihn mit weit
zurückgebeugtem Oberkörper in den Blick nehmen und ihn
irgendwie beeindrucken.
Der Mann hielt mir abwehrend seinen Speer entgegen. So musste ich etwas
mehr riskieren. Ich legte mich mit der auch bei vielen Tieren
üblichen Ergebenheitshaltung der Länge nach rücklings
vor ihn und hielt ihm mit ausgebreiteten Armen meinen
entblößten Oberkörper hin. Wenn dies Kannibalen sind,
soll er es leicht haben.
Er lächelte befriedigt und geschmeichelt. Ich ließ auf
meinem angespanntem Bauch einen durch schnell erfundene Urlaute
unterstützten Trommelwirbel hören, stand langsam auf und
begann, ihn ehrerbietig zu umtanzen und mich dabei mehrfach vor ihm auf
den Boden zu werfen.
Währenddessen überlegte ich angestrengt, was ich als
nächstes tun könnte. Schließlich zeichnete ich mit
meinen Fingern einige Figuren in den Sand, umriss dann den Standplatz
des Mannes kreisförmig, zog ein größeres Viereck in
einigem Abstand und verband die beiden Felder durch einen kleinen
Graben. Dann kniete ich nieder und pinkelte mit einem aufwendigen
Zeremoniell, also mit kunstvollen Pausen, andächtig in das freie
Feld.
Ein gemeinschaftlicher Ausruf des Staunens entfuhr den Männern.
Ich hatte einen starken Druck auf der Blase und entleerte mich lange,
mit halbgeschlossenen Augen und wahrscheinlich effektvoll
ausgebreiteten Armen.
Ein kleines Rinnsal lief auf das Feld des kunstvoll bemalten Zauberers
zu, der noch faszinierter als alle anderen den Lauf des Bächleins
verfolgte. Es versiegte kurz vor seinem Kreis. Ich bewegte mich auf den
Knien ein größeres Stück zurück und berührte
dann sieben Mal und betont „feierlich“ mit meiner Stirn den Boden. Dann
stand ich auf, klatschte, während ich mich drehte, minutenlang in
die Hände und ging langsam und gespielt selbstsicher im
Storchenschritt reihum. Dabei nahm ich jeweils mit zwei Fingern etwas
Farbe von den bemalten Körpern der Männer ab und
übertrug sie auf mein Gesicht und auf meine Brust und auf die
Arme.
Meine Rechnung ging auf. Sie lachten entspannt, umkreisten mich und
gingen bald dazu über, mich selbst mit ihren eigenen
Körperfarben zu bemalen: weiß und gelb, blau und grün,
ganz wenig schwarz.
Weil sie alle eher wellenförmige Ornamente bevorzugt hatten, nahm
ich diese Motive auf, reservierte mir aber ein schwarzes Dreieck in der
Mitte meiner Brust. In die Mitte wollte ich Rot bringen, das war aber
nirgendwo zu sehen. Deshalb verneigte ich mich vor dem Zauberer, ritzte
meinen Zeigefinger an seinem Speer und malte das Dreieck mit meinem
eigenen Blut aus. Dann stellte ich mich neben und ein bisschen seitlich
hinter den Zauberer, verschränkte meine Arme über der Brust
und senkte den Kopf.
Ich wollte ihm den Eindruck vermitteln, dass ich ein Kollege von ihm
war, aber kein Konkurrent. Das schien zu gelingen. Der Zauberer gab das
Zeichen zu einem Tanz. Fünf Musikanten schlugen auf dumpf
klingende Baumstämme und die Männer begannen einen nicht gut
aufeinander abgestimmten Schütteltanz mit Halbsprung und
Querdrehungs-Sequenzen, der kein Ende fand, weil sie nach und nach in
Ekstase gerieten.
Nach einigen Minuten wagte ich zu dem Zauberer hinzusehen. Das weitere
Geschehen hier musste doch auch für ihn langweilig werden. Er
ließ mich eine Weile warten, ehe er auf meinen hypnotischen Blick
reagierte und in meine Richtung sah.
Ich musste jetzt nach der verflogenen Anspannung lachen, obwohl ich
ahnte, dass dies lebensgefährlich sein konnte. Ich hielt mein
Lachen trotz seines strengen Blicks durch und machte eine rasche
anstiftende Kopfbewegung, als wollte ich ihn zum Weggehen anregen. Und
denkt euch, das schien er zu verstehen. Er lachte glucksend, zeigte
seine beachtlichen Zahnlücken und schlug mir mit seiner Keule
erkennbar freundschaftlich, aber ziemlich wehtuend auf den Rücken
und machte mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Das in einer üppigen
Vegetation wohltuend schattig gelegene Dorf mit vielen offenen
Hütten war ganz nah.
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