Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Irgendwo in der Südsee

Alle Seeleute fürchten die Taifune im Südchinesischen Meer, die schon unzählige Schiffe zerschmettert haben. Die Gebeine tausender Seemänner liegen dort auf dem Meeresgrund, aber auch auf den umliegenden, zumeist traumhaft schönen Inseln, die sie anlaufen oder auf die sich retten konnten, ruhen viele Überreste weißer Männer. Nicht wenige ihrer Knochen wurden zuvor gründlich abgenagt und nicht nur von Raubfischen.

Ich habe die Taifune einige Male mit knapper Not überleben können, aber bei meiner siebten Reise nach China gerieten wir in furchtbarste Stürme, die tagelang anhielten und unser Schiff weit nach Südost abtrieben und zum Spielball des teuflisch aufgepeitschten Meeres machten. So seekrank war ich noch nie. Aber aus Furcht, das ständig vom Kentern bedrohte Schiff nicht mehr rechtzeitig verlassen zu können, band ich mich leider aus profaneren Gründen als olim Odysseus auf Deck an Aufbauten fest .

Dieser Einfall hat mir tatsächlich das Leben gerettet. Leider war ich aber der einzige Überlebende der uns im Taifun packenden Katastrophe: Die achtunddreißigköpfige Mannschaft mit Kapitän und Steuermann und mein starkes, mit wertvoller Fracht beladenes Schiff ertranken und versanken in wenigen Minuten vor meinen Augen und ich konnte das Unglück nicht abwenden.

Tage-und nächtelang wurde ich mit dem kistenartigen Gebilde in den tobenden Wellen hin und her geworfen. Der Verzweiflung und dem Wahnsinn war ich nahe, aber ich hörte noch nicht auf zu beten und zu hoffen, dass der Spielleiter meines Lebens noch mehr mit mir vorhat.

Als ich endlich Land sah, glaubte ich an eine Fata Morgana, denn das unwirkliche Bild war viel zu schön: Eine kleine grüne Insel, eine palmenumsäumte Bucht und beim näher Herangetriebenwerden das Erkennen dunkelhäutiger Frauen, die Blumenkränze trugen und anmutig mit ihren abgenommenen Lendentüchern winkten. Ich weinte vor Verzweiflung über dieses vermeintlich unwirkliche Gaukelbild. Aber das Bild blieb.

Die Bucht war dort flach und sie hatten die Kiste und mich wohl schon lange gesichtet. Die Frauen winkten und riefen. Ich winkte ermattet, aber überglücklich zurück. Sie lachten und begannen zu singen. Als ich auf sie zu stolperte, umringten sie mich und berührten mich staunend, besonders an der durch göttliche Einwirkung herausragenden Stelle, die ihr hellstes Entzücken auszulösen schien. Vermutlich hatten sie noch nie einen Weißen gesehen.

Mir wurde dunkel vor den Augen, ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten, aber ich fühlte mich bei ihnen geborgen. Als letztes stellte ich fest, dass ihre Brüste große, dunkelviolette Knospen hatten – wann darf ich sie endlich liebkosen?
Doch als ich erwachend die Augen aufschlug, befand ich mich unter lauter dunkelbraunen Männern. Einige hatten Pfeile auf mich angelegt, andere hielten Speere wurfbereit auf mich gerichtet. Die Begrüßung durch ihre Frauen war mir sympathischer gewesen, war diese Reihenfolge ihre übliche Taktik?

Die nackten Männer mit den quer rot und weiß und schwarz bemalten Gesichtern trugen Stirnbänder und geflochtene Schnüre um den Bauch. Viele hatten dicke Bäuche. Am Auffälligsten war aber ihr hochgebundenes Penis-Futteral aus zusammengesetzten Rohrstücken, die bei einigen auch hornartig hochgebogen waren.

Ich spürte, dass sie mich seit langem angestarrt und Pläne für meine nahe Zukunft gemacht hatten. Sie sahen nicht im mindesten freundlich aus und mich beschlich die unbehagliche Ahnung, dass sie sich auf mein weißes Fleisch freuen könnten, wenn auch, wie ich wusste, in der halbfrommen Hoffnung, durch meine Opferung die Götter oder die Geister zu besänftigen. Dies schien mir in meinem Fall besonders unpassend zu sein und deshalb befahl ich mir, kühl zu bleiben und vernünftiges Handeln zu überlegen.

Was könnte sie beeindrucken und von ihren unmoralischen Absichten abbringen? Ob ich jetzt noch mit der Autorität eines Zauberers oder Priesters auftreten könnte? Ich musste es versuchen. Mir fiel ein, dass viele von unserer Zivilisation noch nicht verdorbene Stämme einen ausgeprägten Sinn für kultische Tänze haben.

Ich erhob mich mit gespreizten Bewegungen und begann mit langsamen, schwungvollen Arm- und Beinbewegungen zu tanzen, in Abständen hochzuspringen und dazu mundgemachte Trommelgeräusche hören zu lassen. Ich beugte mich häufig im Tanz herab, erstarrte einige Male in der Bewegung und sang danach die wenig melodischen Silben "hauuuuju-haauu-hauuu" in auf- und abschwellender Tonfolge.

Die Männer hatten sich im Kreis um mich herumgestellt und starrten mich aufmerksam an. Ich schloss die Augen bis auf einen winzigen Spalt, drehte mich einige Male rasch um mich selbst und wies wie hypnotisiert mit ausgestreckten Armen auf einen Mann, der sich im Hintergrund hielt, aber an seinen vielen Accessoires leicht als Medizinmann, Geisterbeschwörer oder Zauberer zu erkennen war. Ich öffnete die Augen ganz, stellte mich dicht vor ihn und wollte ihn mit weit zurückgebeugtem Oberkörper in den Blick nehmen und ihn irgendwie beeindrucken.

Der Mann hielt mir abwehrend seinen Speer entgegen. So musste ich etwas mehr riskieren. Ich legte mich mit der auch bei vielen Tieren üblichen Ergebenheitshaltung der Länge nach rücklings vor ihn und hielt ihm mit ausgebreiteten Armen meinen entblößten Oberkörper hin. Wenn dies Kannibalen sind, soll er es leicht haben.

Er lächelte befriedigt und geschmeichelt. Ich ließ auf meinem angespanntem Bauch einen durch schnell erfundene Urlaute unterstützten Trommelwirbel hören, stand langsam auf und begann, ihn ehrerbietig zu umtanzen und mich dabei mehrfach vor ihm auf den Boden zu werfen.

Währenddessen überlegte ich angestrengt, was ich als nächstes tun könnte. Schließlich zeichnete ich mit meinen Fingern einige Figuren in den Sand, umriss dann den Standplatz des Mannes kreisförmig, zog ein größeres Viereck in einigem Abstand und verband die beiden Felder durch einen kleinen Graben. Dann kniete ich nieder und pinkelte mit einem aufwendigen Zeremoniell, also mit kunstvollen Pausen, andächtig in das freie Feld.

Ein gemeinschaftlicher Ausruf des Staunens entfuhr den Männern. Ich hatte einen starken Druck auf der Blase und entleerte mich lange, mit halbgeschlossenen Augen und wahrscheinlich effektvoll ausgebreiteten Armen.

Ein kleines Rinnsal lief auf das Feld des kunstvoll bemalten Zauberers zu, der noch faszinierter als alle anderen den Lauf des Bächleins verfolgte. Es versiegte kurz vor seinem Kreis. Ich bewegte mich auf den Knien ein größeres Stück zurück und berührte dann sieben Mal und betont „feierlich“ mit meiner Stirn den Boden. Dann stand ich auf, klatschte, während ich mich drehte, minutenlang in die Hände und ging langsam und gespielt selbstsicher im Storchenschritt reihum. Dabei nahm ich jeweils mit zwei Fingern etwas Farbe von den bemalten Körpern der Männer ab und übertrug sie auf mein Gesicht und auf meine Brust und auf die Arme.

Meine Rechnung ging auf. Sie lachten entspannt, umkreisten mich und gingen bald dazu über, mich selbst mit ihren eigenen Körperfarben zu bemalen: weiß und gelb, blau und grün, ganz wenig schwarz.

Weil sie alle eher wellenförmige Ornamente bevorzugt hatten, nahm ich diese Motive auf, reservierte mir aber ein schwarzes Dreieck in der Mitte meiner Brust. In die Mitte wollte ich Rot bringen, das war aber nirgendwo zu sehen. Deshalb verneigte ich mich vor dem Zauberer, ritzte meinen Zeigefinger an seinem Speer und malte das Dreieck mit meinem eigenen Blut aus. Dann stellte ich mich neben und ein bisschen seitlich hinter den Zauberer, verschränkte meine Arme über der Brust und senkte den Kopf.

Ich wollte ihm den Eindruck vermitteln, dass ich ein Kollege von ihm war, aber kein Konkurrent. Das schien zu gelingen. Der Zauberer gab das Zeichen zu einem Tanz. Fünf Musikanten schlugen auf dumpf klingende Baumstämme und die Männer begannen einen nicht gut aufeinander abgestimmten Schütteltanz mit Halbsprung und Querdrehungs-Sequenzen, der kein Ende fand, weil sie nach und nach in Ekstase gerieten.

Nach einigen Minuten wagte ich zu dem Zauberer hinzusehen. Das weitere Geschehen hier musste doch auch für ihn langweilig werden. Er ließ mich eine Weile warten, ehe er auf meinen hypnotischen Blick reagierte und in meine Richtung sah.

Ich musste jetzt nach der verflogenen Anspannung lachen, obwohl ich ahnte, dass dies lebensgefährlich sein konnte. Ich hielt mein Lachen trotz seines strengen Blicks durch und machte eine rasche anstiftende Kopfbewegung, als wollte ich ihn zum Weggehen anregen. Und denkt euch, das schien er zu verstehen. Er lachte glucksend, zeigte seine beachtlichen Zahnlücken und schlug mir mit seiner Keule erkennbar freundschaftlich, aber ziemlich wehtuend auf den Rücken und machte mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Das in einer üppigen Vegetation wohltuend schattig gelegene Dorf mit vielen offenen Hütten war ganz nah.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
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Ich selbst
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