Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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In goldenen Käfigen

Am Hofe des Sultans waren politische Gespräche so lange tabu, bis der Sultan selbst solche Themen ansprach, und dazu sah er in Friedenszeiten wenig Anlass. Wir lebten behaglich und unbedroht in den Tag hinein.

Glaubt mir, Freunde, auch so lässt sich leben -nach einiger Zeit des Umgewöhnens. Seht, es fehlte mir dort an nichts und doch an vielem. Zum Beispiel überkam mich oft beim Frühstück ein wildes Verlangen nach trockener Wurst und geräuchertem Schinken, nach Butter und Schwarzbrot. Dergleichen kennt man nicht im sonst so überreich ausgestatteten Osmanischen Reich und versteht nicht im Mindesten, dass ein damit aufgewachsener Mensch diese herzhaften Köstlichkeiten schmerzlich vermissen kann. Und abgesehen vom Frühstück: wo es tagsüber brütend heiß ist, erinnert sich unsereiner auch gern an das herrliche Einbecker Bier, auch an das Selbstgebraute aus Hehlen, das mir die in meiner Erinnerung nach weißem Flieder duftende Elke an schwülen Abenden manchmal mitgebracht hatte. Diese Entbehrungen verstärkten doch mein mich zu allen Tageszeiten überkommendes Heimweh...

Denkt nicht, dass ich nicht bald auf den Gedanken gekommen wäre, heimische Handwerker nach Konstantinopel zu locken. Aber das war eine langwierige Vorbereitung hüben und drüben, deren Erfolg ich nicht mehr abwarten konnte. Ein Bäcker aus Karlshafen und ein Metzger aus Münden waren nach vielen Gesprächen bereit, das Osmanische Abenteuer mit ihren Frauen und Kindern auf sich zu nehmen; aber erst, als Papa Berg die schulischen Aufgaben sichern konnte, wurden die Abmachungen genauer. Zu gerne hätte ich sie selbst in unserer schon stattlich gewachsenen deutschen Gemeinde willkommen geheißen, aber es war auch ein gutes Gefühl, alles eingefädelt zu haben.

Unversehens musste ich mich für Graf Dodo engagieren. Der Anlass seiner Verhaftung waren ein Weinfass und ein „ganz normaler“ süddeutscher Ausruf gewesen, der hier als schwerwiegende politische Unkorrektheit galt: Nach einem schmerzhaften Unfall mit einem Fass hatte er unwillkürlich, „Kruzitürken!“ gestöhnt. Ich konnte mit Mühe und viel Geld erreichen, dass er nur in die Heimat abgeschoben wurde…

Das letzte Ereignis, das ich miterleben konnte, war die mehrtägige Hochzeit von Papa Berg und der Schwester der Hafenkommandantin: Unsere Frauen hatten das Ereignis wochenlang vorbereitet und dann zu einem einmaligen internationalen Kulturfest gestaltet.

Versteht ihr, dass ich nach der Rückkehr von meinen erholsamen und aufregenden Reisen, reichlich geehrt und vielmals beschenkt, nach einiger Zeit doch insgeheim wieder Reisepläne in Richtung Heimat und Vaterland schmiedete? Lange hatte ich über Möglichkeiten gegrübelt, über das Meer zu entfliehen, denn der Sultan war, wie ich sicher war, nicht willens, mich zu entlassen.

Der Prinzessin, mit der ich so manches Geheimnis gern teilte, wagte ich meine Pläne nicht mitzuteilen. Ich bin aber ziemlich sicher, dass sie mein zuletzt verkrampftes Verhalten richtig deutete und zudem mit ihrem ausgeprägten Gespür auf meine eigennützige Flucht vorbereitet war.

Ich erinnere mich an ein Gespräch in einer unseren letzten Nächten; ich weiß noch jedes Wort. Ich hatte mich im Schlaf hin und hergewälzt und war aus einem dramatischen Traum erwacht. Mahajusha lag zufällig neben mir; sie beruhigte mich wundervoll und lag danach in für sie und mich angenehmer Lage so, dass sie ein Ohr an meiner linken Brustseite halten konnte. Sie horchte auf meinen Herzschlag. „Ich möchte zu gerne wissen, mit welchem Zauberwort ich dein Herz öffnen und in dich hineinschauen könnte.“ „Lieblingsprinzessin, wäre dafür nicht mein Kopf ergiebiger?“ Sie nickte fast unmerklich. Dann richtete sie sich etwas auf und schaute mich an: „Ich glaube, dass Gott, als er uns geschaffen hat, etwas wie eine Mandel in uns versenkt hat – wo genau, weiß ich nicht, aber ich spüre, dass Gott, wenn wir wieder zu ihm kommen, diese Mandel ansehen wird und er wird wissen, wie wir gelebt und geliebt haben. Und was wir versäumt haben. Vielleicht will er keine Einzelheiten wissen, vielleicht genügt ihm die Farbe der Mandel…“ „Mahajusha,“ habe ich nach einer Weile geantwortet, „ich hoffe, dass meine Mandel nicht sehr dunkel geworden ist…“

Meine Planung meinte ich gedanklich weiter heimlich ausbauen zu müssen; dabei verstärkten sich meine Schuldgefühle gegenüber dieser wundervollen Frau. Natürlich hätte ich zu gerne sie und wenigstens meine anderen siebzehn liebsten Lieblingsfrauen mit mir genommen, aber ich hielt es für unmöglich, ein Fluchtplangeheimnis mit meinen Frauen zu teilen, auch, um sie nicht mitverantwortlich zu machen.

Ich konnte mein Gewissen nur damit etwas entlasten, dass ich wusste, der Sultan würde für sie sorgen, wenn mein Verschwinden als tödliches Unglück erkannt werden würde. So sollten alle meine Flucht sehen...

In einem Testament hatte ich mit Hilfe örtlicher Rechtsgelehrter festgelegt, dass Dr. Berg und Prinzessin Mahajusha für die Umwandlung des Harems in ein Internat für Sprachschülerinnen, notfalls auch in eine Koranschule, zuständig bleiben, wenn ich ausfallen sollte. Eine finanzielle Absicherung aller gehörte dazu. Prinzessin und Papa Berg wussten, dass ich mich so gut wie dort möglich abgesichert hatte; was in dem Dokument stand, ahnten beide nicht.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
Impressum und Kontakt




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