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In goldenen Käfigen
Am Hofe des Sultans waren politische Gespräche so lange tabu, bis
der Sultan selbst solche Themen ansprach, und dazu sah er in
Friedenszeiten wenig Anlass. Wir lebten behaglich und unbedroht in den
Tag hinein.
Glaubt mir, Freunde, auch so lässt sich leben -nach einiger Zeit
des Umgewöhnens. Seht, es fehlte mir dort an nichts und doch an
vielem. Zum Beispiel überkam mich oft beim Frühstück ein
wildes Verlangen nach trockener Wurst und geräuchertem Schinken,
nach Butter und Schwarzbrot. Dergleichen kennt man nicht im sonst so
überreich ausgestatteten Osmanischen Reich und versteht nicht im
Mindesten, dass ein damit aufgewachsener Mensch diese herzhaften
Köstlichkeiten schmerzlich vermissen kann. Und abgesehen vom
Frühstück: wo es tagsüber brütend heiß ist,
erinnert sich unsereiner auch gern an das herrliche Einbecker Bier,
auch an das Selbstgebraute aus Hehlen, das mir die in meiner Erinnerung
nach weißem Flieder duftende Elke an schwülen Abenden
manchmal mitgebracht hatte. Diese Entbehrungen verstärkten doch
mein mich zu allen Tageszeiten überkommendes Heimweh...
Denkt nicht, dass ich nicht bald auf den Gedanken gekommen wäre,
heimische Handwerker nach Konstantinopel zu locken. Aber das war eine
langwierige Vorbereitung hüben und drüben, deren Erfolg ich
nicht mehr abwarten konnte. Ein Bäcker aus Karlshafen und ein
Metzger aus Münden waren nach vielen Gesprächen bereit, das
Osmanische Abenteuer mit ihren Frauen und Kindern auf sich zu nehmen;
aber erst, als Papa Berg die schulischen Aufgaben sichern konnte,
wurden die Abmachungen genauer. Zu gerne hätte ich sie selbst in
unserer schon stattlich gewachsenen deutschen Gemeinde willkommen
geheißen, aber es war auch ein gutes Gefühl, alles
eingefädelt zu haben.
Unversehens musste ich mich für Graf Dodo engagieren. Der Anlass
seiner Verhaftung waren ein Weinfass und ein „ganz normaler“
süddeutscher Ausruf gewesen, der hier als schwerwiegende
politische Unkorrektheit galt: Nach einem schmerzhaften Unfall mit
einem Fass hatte er unwillkürlich, „Kruzitürken!“
gestöhnt. Ich konnte mit Mühe und viel Geld erreichen, dass
er nur in die Heimat abgeschoben wurde…
Das letzte Ereignis, das ich miterleben konnte, war die mehrtägige
Hochzeit von Papa Berg und der Schwester der Hafenkommandantin: Unsere
Frauen hatten das Ereignis wochenlang vorbereitet und dann zu einem
einmaligen internationalen Kulturfest gestaltet.
Versteht ihr, dass ich nach der Rückkehr von meinen erholsamen und
aufregenden Reisen, reichlich geehrt und vielmals beschenkt, nach
einiger Zeit doch insgeheim wieder Reisepläne in Richtung Heimat
und Vaterland schmiedete? Lange hatte ich über Möglichkeiten
gegrübelt, über das Meer zu entfliehen, denn der Sultan war,
wie ich sicher war, nicht willens, mich zu entlassen.
Der Prinzessin, mit der ich so manches Geheimnis gern teilte, wagte ich
meine Pläne nicht mitzuteilen. Ich bin aber ziemlich sicher, dass
sie mein zuletzt verkrampftes Verhalten richtig deutete und zudem mit
ihrem ausgeprägten Gespür auf meine eigennützige Flucht
vorbereitet war.
Ich erinnere mich an ein Gespräch in einer unseren letzten
Nächten; ich weiß noch jedes Wort. Ich hatte mich im Schlaf
hin und hergewälzt und war aus einem dramatischen Traum erwacht.
Mahajusha lag zufällig neben mir; sie beruhigte mich wundervoll
und lag danach in für sie und mich angenehmer Lage so, dass sie
ein Ohr an meiner linken Brustseite halten konnte. Sie horchte auf
meinen Herzschlag. „Ich möchte zu gerne wissen, mit welchem
Zauberwort ich dein Herz öffnen und in dich hineinschauen
könnte.“ „Lieblingsprinzessin, wäre dafür nicht mein
Kopf ergiebiger?“ Sie nickte fast unmerklich. Dann richtete sie sich
etwas auf und schaute mich an: „Ich glaube, dass Gott, als er uns
geschaffen hat, etwas wie eine Mandel in uns versenkt hat – wo genau,
weiß ich nicht, aber ich spüre, dass Gott, wenn wir wieder
zu ihm kommen, diese Mandel ansehen wird und er wird wissen, wie wir
gelebt und geliebt haben. Und was wir versäumt haben. Vielleicht
will er keine Einzelheiten wissen, vielleicht genügt ihm die Farbe
der Mandel…“ „Mahajusha,“ habe ich nach einer Weile geantwortet, „ich
hoffe, dass meine Mandel nicht sehr dunkel geworden ist…“
Meine Planung meinte ich gedanklich weiter heimlich ausbauen zu
müssen; dabei verstärkten sich meine Schuldgefühle
gegenüber dieser wundervollen Frau. Natürlich hätte ich
zu gerne sie und wenigstens meine anderen siebzehn liebsten
Lieblingsfrauen mit mir genommen, aber ich hielt es für
unmöglich, ein Fluchtplangeheimnis mit meinen Frauen zu teilen,
auch, um sie nicht mitverantwortlich zu machen.
Ich konnte mein Gewissen nur damit etwas entlasten, dass ich wusste,
der Sultan würde für sie sorgen, wenn mein Verschwinden als
tödliches Unglück erkannt werden würde. So sollten alle
meine Flucht sehen...
In einem Testament hatte ich mit Hilfe örtlicher Rechtsgelehrter
festgelegt, dass Dr. Berg und Prinzessin Mahajusha für die
Umwandlung des Harems in ein Internat für Sprachschülerinnen,
notfalls auch in eine Koranschule, zuständig bleiben, wenn ich
ausfallen sollte. Eine finanzielle Absicherung aller gehörte dazu.
Prinzessin und Papa Berg wussten, dass ich mich so gut wie dort
möglich abgesichert hatte; was in dem Dokument stand, ahnten beide
nicht.
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