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In die Welt
hinausgeschleudert
Nach langer Zeit wurde mir bewusst, dass ich mich an etwas Eisernes
klammerte. Ich begriff nichts mehr, aber ich hatte
merkwürdigerweise auch keinerlei Sorgen. Sie wuchsen aber stark,
als mir aufging, dass ich auf einem Geschoss kauerte. Hatte Mars mich
in höherem Auftrag fortgeschleudert? Er war mir ja vermutbar aus
mehreren Gründen nicht gewogen.
Die Gedankenverbindung vom Kriegsgott zu Krieg ist leider kurz und ich
bereitete mich vorsorglich darauf vor, zusammen mit dieser Granate
irgendwo unwillkommen einzuschlagen – als Variation der häufigen
schwäbischen Wunschdrohung gegen Menschen, denen man abgeleitet
vom Einrammen der Zaunpfähle, auch einige Schmerzen gönnt:
„o´a´gschpitzt en Boda nei!“
Welch ein Wechsel vom Allerschönsten zum Erbärmlichsten! Seit
geraumer Zeit flog ich bereits über Land. Aus der Flugbahn
errechnete ich überschlagend, dass ich auf die Mitte einer sich
weit vor mir öffnenden Stadt zuraste. Ich zählte
rückwärts von „Zwanzig“ an und sprang bei „Vier“ von dem
Geschoss ab.
Das war fast zu kurz, denn meine Granate schlug mit furchtbarer Wirkung
in ein ansehnliches Gebäude an einem Park in der Mitte der Stadt
ein, während ich mich just hinter einer
überlebensgroßen Reiterfigur auf einem Streitross
wiederfand.
Der Aufprall auf den harten Rücken des großmächtigen
Reittiers war schmerzhaft gewesen und das Ross aus Eisen oder Bronze
hatte an der mir verbleibenden Sitzfläche hinter den
Sattelwülsten einige erhabene Verzierungen, die mich zweifellos
auch äußerlich entmannt hätten, wenn mich nicht, wie
ich deutlich spüren konnte, im letzten Augenblick die sanfte Hand
einer mitleidigen Göttin an meiner zartesten Körperstelle
geschützt hätte. Diesen Aufprall und mehr noch die himmlische
und mich erotisch aufwühlende Berührung musste ich eine Weile
verkraften.
Ich kam gar nicht dazu, mich umzusehen. Eine johlende Menge schreckte
mich auf und ich wurde, weil ich auf die fremdartigen Zurufe nicht
antworten konnte, mit Stangen oder Speeren von dem Denkmal
gestoßen. Ich wurde mit Stricken umwickelt und abgeführt.
Bald darauf wurden meine Befürchtungen in einem hallenden Saal
übertroffen: Abgrundhässliche Frauen in prächtigen
dunkelroten Kleidern saßen erhöht hinter mit roten
Tüchern verkleideten Tischen, wie zu Gericht. Sie hatten
abstoßend verzerrte Gesichter. Ich hatte die grausame Vision,
dass so von der Natur vernachlässigte Weiber eigentlich für
das Zusammenleben mit der übrigen Menschheit verloren sind und
sich neue und viel gefährlichere Betätigungsfelder als seit
jeher üblich suchen müssen, vielleicht als Geißel und
Strafe für uns alle?
Vier Wächterinnen rissen mir die Oberkleider vom Leib und schlugen
mit Lederriemen auf mich ein. Selbstverständlich hörten sie
keinen Schmerzensschrei von mir. Es gelang mir, meine Gedanken auf ein
fernes weibliches Bild ganz stark zu konzentrieren; die auf mich
herabsausenden Hiebe spürte ich nicht mehr. Irgendwann hörten
sie auf, mich zu schlagen; sie wischten mein Blut von ihren Riemen.
Als ich ihre zornigen Worte immer noch nicht verstand, packten mich
drei von ihnen an Schultern und Haaren, während die vierte mit
einem Messer vor meinem Mund herumfuchtelte und sich anschickte, mir
die Zunge abzuschneiden. Stellt euch vor, was das für die
Menschheit bedeutet hätte: Was wäre aus meinen Geschichten
geworden!
Während mir diese Überlegungen durch den Kopf gingen, nutzte
ich meine aufgestaute Wut als Antrieb und schleuderte die vier
Soldatinnen zu Boden, entwaffnete sie, knotete ihre Haarschöpfe
zusammen und schleifte sie hinter mir her, als ich zum Richtertisch
schritt. Ich hielt die wild um sich schlagenden Frauen mit der Linken
in geduckter Stellung und machte mit gewinnendem Lächeln der von
mir vermuteten obersten Richterin klar – ich sprach sie
übermütig mit „Frau Nemesis“ an, dass ich mit Papier und
einem Schreibgerät etwas Wichtiges mitteilen wollte.
Es war eine plötzliche Eingebung; als ich dann zu schreiben
begann, wusste ich noch nicht, wie ich mich verständlich machen
konnte. Dann kam mir der Einfall, Raketenpfeile zu zeichnen, wie ich
sie in China gesehen hatte.
Die Frauen hinter dem Tisch steckten die Köpfe zusammen und
tauschten Vermutungen aus. Dann nahm ich ihnen mit vermutlich
vollendeter Galanterie das Blatt Papier wieder ab und zeichnete rasch
ein angedeutetes größeres Heer und darin einige
überragende Gestalten in Helmen und mit Befehlshaberaussehen.
Einen davon stellte ich als Konstrukteur dar: Er entwarf Kanonen,
Schiffe, Sturmfahrzeuge, Schleudergeräte und Raketen. Ich zeigte
auf die Figur und dann auf mich und überreichte das Blatt der
Nemesis.
Die Frauenversammlung war enger zusammengerückt; sie redeten
aufgeregt miteinander, ich verstand zu meinem Unglück kein Wort.
Nach ihrem Aussehen und ihrer Wirkung auf mich gab ich ihnen die
Hexen-Namen, die mir gerade einfielen: Kirke, Hekata, Endora, Wicca und
Walburga. Ich lernte sie alle noch sehr viel näher kennen – und
nicht gerade freiwillig.
Die Frau, die hier offenbar das Sagen hatte, hob schließlich die
Hand. Ich hielt die immer noch keine Ruhe gebenden Soldatinnen
weiterhin am Schopf und begriff zu spät, dass diese Behandlung
alle anderen Frauen in Rage bringen musste. Auf einen Wink ihrer
Anführerin stürmten mehrere Soldatinnen auf mich zu,
befreiten die vier Frauen und schlugen dann mit ihnen zusammen mit
dicken Stöcken auf mich ein.
Dieses Mal kam ich nicht dazu, meine Gedankenkraft gegen den Schmerz
einzusetzen; ich wurde bald ohnmächtig und es war mir auch
unwichtig geworden, was sie mit mir machten.
Das erste, was ich aufwachend spürte, war die Gluthitze an meiner
linken Seite. Ich wollte mich schützen, aber ich fand mich an
Händen und Füßen gefesselt. Grinsende Gesichter
schauten mir zu. Ich stellte fest, dass mir alles weh tat; ich
fühlte mich zerschlagen und blutete an mehreren Stellen. Offenbar
hatten die Götter und Göttinnen keine Notwendigkeit mehr
gesehen, weiter in mein Schicksal einzugreifen. Meine andere Erkenntnis
war, dass ich mich jetzt unter Männern befand, aber nicht, wie ich
erwartet hatte, in einem Gefängnis, sondern in einer Art Schmiede.
Die hierorts führenden Frauen hatten offensichtlich erkannt, dass
ich ein Konstrukteur wichtiger Waffen war, ein vielleicht sogar
nützlicher Gefangener, bei dem es sich lohnen könnte, ihn
noch eine Weile leben zu lassen. Auf meine gestenreiche Beanstandung
hin wurden mir die Fesseln gelöst. Die Männer wunderten sich
über meine Kutte; ich teilte ihre Verwunderung aus einem anderen
Grund, denn bei den Göttern hatte ich mich nackt erlebt.
Die Männer in der Waffenschmiede nahmen mir mein Abtkreuz ab und
zankten sich darum, wer es behalten durfte. Den langen Rosenkranz
hatten mir die wütenden Soldatinnen schon vorhin
entzweigeschlagen; einige Perlen hatten sich mir nachhaltig schmerzhaft
in mein Gesicht gedrückt, als ich verwundet am Boden lag. Aber ein
Schmerz hob den anderen auf.
Einer der Männer gab mir Papier und einen Schreibstift und
drängte mich, Zeichnungen zu machen. Ich stellte mich anfangs
dumm. Es reizte mich mehr, einige witzige Darstellungen der
hässlichen Weiber aus dem Verhandlungssaal zu zeichnen, aber dann
malte ich ihnen vorsichtshalber doch eine fliegende Rakete mit einem
Mann darauf: das sollte mich mit meinem Geschoss darstellen.
Diese Darstellung erregte sie. Die Männer palaverten ausgiebig
über meine Rakete und dann rannte einer von ihnen mit der
Zeichnung fort. Nach einigen Minuten kam er mit einer Nachricht
zurück, die die Männer aber wohl schon erwartet hatten. Sie
hatten bereits begonnen, mich zu nötigen, noch mehr und genauere
Zeichnungen von der Rakete zu machen.
So zeichnete ich in einer dichten Bilderfolge die mit mir fliegende
Rakete über dem Meer, die Rakete über Wälder und Gebirge
und den Anblick ihrer Stadt von einer Rakete in ziemlicher Höhe
aus. Zuletzt rekonstruierte ich meinen Absprung kurz vor dem Einschlag
meines Geschosses. Solche fast bewegt wirkenden Bilder hatte ich einem
chinesischen Künstler abgeguckt. Die Männer waren begeistert,
die Frauen wohl auch, aber zunächst wollten sie vor allem wissen,
woher ich und die Rakete kamen.
Wie sollte ich ihnen beibringen, dass ich das selbst nicht geografisch
einordnen konnte! Zuletzt zeichnete ich eine grobe Landkarte der Welt
und wollte sie dazu verleiten, mir anzugeben, wo sich ihre Stadt darauf
befand. Sie hatten Bedenken, mir auch nur das Land zu zeigen, in dem
wir uns befanden. Ich vermutete es zunächst auf einer Insel
westlich von Afrika oder im Atlantik, oder vielleicht sogar dort, wo
seit Jahrhunderten aus jeweils unerklärlichen Gründen
unheimlich viele Schiffe untergegangen sind.
Unsere Verständigungsversuche wurden durch eine Soldatin
unterbrochen. Alle verstummten und nahmen die Haltung von
Befehlsempfängern an. Ich erkannte in der stämmigen Frau eine
meiner brutalen Peinigerinnen. Ich war immer noch blutverschmiert und
hoffte nur, bald meine schmerzenden Wunden reinigen und verbinden zu
können.
Das Weib ließ meine Hände und Füße fesseln und
trieb mich mit einem Stock vor sich her aus dem Raum. Ich war auf
Schlimmes gefasst und wunderte mich, dass sie mich in einen Raum
führte, den ich als Dampfbad erkannte. Hier erwarteten uns drei
andere Soldatinnen, sichtlich in nicht mehr dienstlicher Stimmung.
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