Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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In die Welt hinausgeschleudert

Nach langer Zeit wurde mir bewusst, dass ich mich an etwas Eisernes klammerte. Ich begriff nichts mehr, aber ich hatte merkwürdigerweise auch keinerlei Sorgen. Sie wuchsen aber stark, als mir aufging, dass ich auf einem Geschoss kauerte. Hatte Mars mich in höherem Auftrag fortgeschleudert? Er war mir ja vermutbar aus mehreren Gründen nicht gewogen.

Die Gedankenverbindung vom Kriegsgott zu Krieg ist leider kurz und ich bereitete mich vorsorglich darauf vor, zusammen mit dieser Granate irgendwo unwillkommen einzuschlagen – als Variation der häufigen schwäbischen Wunschdrohung gegen Menschen, denen man abgeleitet vom Einrammen der Zaunpfähle, auch einige Schmerzen gönnt: „o´a´gschpitzt en Boda nei!“

Welch ein Wechsel vom Allerschönsten zum Erbärmlichsten! Seit geraumer Zeit flog ich bereits über Land. Aus der Flugbahn errechnete ich überschlagend, dass ich auf die Mitte einer sich weit vor mir öffnenden Stadt zuraste. Ich zählte rückwärts von „Zwanzig“ an und sprang bei „Vier“ von dem Geschoss ab.

Das war fast zu kurz, denn meine Granate schlug mit furchtbarer Wirkung in ein ansehnliches Gebäude an einem Park in der Mitte der Stadt ein, während ich mich just hinter einer überlebensgroßen Reiterfigur auf einem Streitross wiederfand.

Der Aufprall auf den harten Rücken des großmächtigen Reittiers war schmerzhaft gewesen und das Ross aus Eisen oder Bronze hatte an der mir verbleibenden Sitzfläche hinter den Sattelwülsten einige erhabene Verzierungen, die mich zweifellos auch äußerlich entmannt hätten, wenn mich nicht, wie ich deutlich spüren konnte, im letzten Augenblick die sanfte Hand einer mitleidigen Göttin an meiner zartesten Körperstelle geschützt hätte. Diesen Aufprall und mehr noch die himmlische und mich erotisch aufwühlende Berührung musste ich eine Weile verkraften.

Ich kam gar nicht dazu, mich umzusehen. Eine johlende Menge schreckte mich auf und ich wurde, weil ich auf die fremdartigen Zurufe nicht antworten konnte, mit Stangen oder Speeren von dem Denkmal gestoßen. Ich wurde mit Stricken umwickelt und abgeführt.

Bald darauf wurden meine Befürchtungen in einem hallenden Saal übertroffen: Abgrundhässliche Frauen in prächtigen dunkelroten Kleidern saßen erhöht hinter mit roten Tüchern verkleideten Tischen, wie zu Gericht. Sie hatten abstoßend verzerrte Gesichter. Ich hatte die grausame Vision, dass so von der Natur vernachlässigte Weiber eigentlich für das Zusammenleben mit der übrigen Menschheit verloren sind und sich neue und viel gefährlichere Betätigungsfelder als seit jeher üblich suchen müssen, vielleicht als Geißel und Strafe für uns alle?

Vier Wächterinnen rissen mir die Oberkleider vom Leib und schlugen mit Lederriemen auf mich ein. Selbstverständlich hörten sie keinen Schmerzensschrei von mir. Es gelang mir, meine Gedanken auf ein fernes weibliches Bild ganz stark zu konzentrieren; die auf mich herabsausenden Hiebe spürte ich nicht mehr. Irgendwann hörten sie auf, mich zu schlagen; sie wischten mein Blut von ihren Riemen.

Als ich ihre zornigen Worte immer noch nicht verstand, packten mich drei von ihnen an Schultern und Haaren, während die vierte mit einem Messer vor meinem Mund herumfuchtelte und sich anschickte, mir die Zunge abzuschneiden. Stellt euch vor, was das für die Menschheit bedeutet hätte: Was wäre aus meinen Geschichten geworden!

Während mir diese Überlegungen durch den Kopf gingen, nutzte ich meine aufgestaute Wut als Antrieb und schleuderte die vier Soldatinnen zu Boden, entwaffnete sie, knotete ihre Haarschöpfe zusammen und schleifte sie hinter mir her, als ich zum Richtertisch schritt. Ich hielt die wild um sich schlagenden Frauen mit der Linken in geduckter Stellung und machte mit gewinnendem Lächeln der von mir vermuteten obersten Richterin klar – ich sprach sie übermütig mit „Frau Nemesis“ an, dass ich mit Papier und einem Schreibgerät etwas Wichtiges mitteilen wollte.

Es war eine plötzliche Eingebung; als ich dann zu schreiben begann, wusste ich noch nicht, wie ich mich verständlich machen konnte. Dann kam mir der Einfall, Raketenpfeile zu zeichnen, wie ich sie in China gesehen hatte.

Die Frauen hinter dem Tisch steckten die Köpfe zusammen und tauschten Vermutungen aus. Dann nahm ich ihnen mit vermutlich vollendeter Galanterie das Blatt Papier wieder ab und zeichnete rasch ein angedeutetes größeres Heer und darin einige überragende Gestalten in Helmen und mit Befehlshaberaussehen. Einen davon stellte ich als Konstrukteur dar: Er entwarf Kanonen, Schiffe, Sturmfahrzeuge, Schleudergeräte und Raketen. Ich zeigte auf die Figur und dann auf mich und überreichte das Blatt der Nemesis.

Die Frauenversammlung war enger zusammengerückt; sie redeten aufgeregt miteinander, ich verstand zu meinem Unglück kein Wort. Nach ihrem Aussehen und ihrer Wirkung auf mich gab ich ihnen die Hexen-Namen, die mir gerade einfielen: Kirke, Hekata, Endora, Wicca und Walburga. Ich lernte sie alle noch sehr viel näher kennen – und nicht gerade freiwillig.

Die Frau, die hier offenbar das Sagen hatte, hob schließlich die Hand. Ich hielt die immer noch keine Ruhe gebenden Soldatinnen weiterhin am Schopf und begriff zu spät, dass diese Behandlung alle anderen Frauen in Rage bringen musste. Auf einen Wink ihrer Anführerin stürmten mehrere Soldatinnen auf mich zu, befreiten die vier Frauen und schlugen dann mit ihnen zusammen mit dicken Stöcken auf mich ein.

Dieses Mal kam ich nicht dazu, meine Gedankenkraft gegen den Schmerz einzusetzen; ich wurde bald ohnmächtig und es war mir auch unwichtig geworden, was sie mit mir machten.

Das erste, was ich aufwachend spürte, war die Gluthitze an meiner linken Seite. Ich wollte mich schützen, aber ich fand mich an Händen und Füßen gefesselt. Grinsende Gesichter schauten mir zu. Ich stellte fest, dass mir alles weh tat; ich fühlte mich zerschlagen und blutete an mehreren Stellen. Offenbar hatten die Götter und Göttinnen keine Notwendigkeit mehr gesehen, weiter in mein Schicksal einzugreifen. Meine andere Erkenntnis war, dass ich mich jetzt unter Männern befand, aber nicht, wie ich erwartet hatte, in einem Gefängnis, sondern in einer Art Schmiede.

Die hierorts führenden Frauen hatten offensichtlich erkannt, dass ich ein Konstrukteur wichtiger Waffen war, ein vielleicht sogar nützlicher Gefangener, bei dem es sich lohnen könnte, ihn noch eine Weile leben zu lassen. Auf meine gestenreiche Beanstandung hin wurden mir die Fesseln gelöst. Die Männer wunderten sich über meine Kutte; ich teilte ihre Verwunderung aus einem anderen Grund, denn bei den Göttern hatte ich mich nackt erlebt.

Die Männer in der Waffenschmiede nahmen mir mein Abtkreuz ab und zankten sich darum, wer es behalten durfte. Den langen Rosenkranz hatten mir die wütenden Soldatinnen schon vorhin entzweigeschlagen; einige Perlen hatten sich mir nachhaltig schmerzhaft in mein Gesicht gedrückt, als ich verwundet am Boden lag. Aber ein Schmerz hob den anderen auf.

Einer der Männer gab mir Papier und einen Schreibstift und drängte mich, Zeichnungen zu machen. Ich stellte mich anfangs dumm. Es reizte mich mehr, einige witzige Darstellungen der hässlichen Weiber aus dem Verhandlungssaal zu zeichnen, aber dann malte ich ihnen vorsichtshalber doch eine fliegende Rakete mit einem Mann darauf: das sollte mich mit meinem Geschoss darstellen.

Diese Darstellung erregte sie. Die Männer palaverten ausgiebig über meine Rakete und dann rannte einer von ihnen mit der Zeichnung fort. Nach einigen Minuten kam er mit einer Nachricht zurück, die die Männer aber wohl schon erwartet hatten. Sie hatten bereits begonnen, mich zu nötigen, noch mehr und genauere Zeichnungen von der Rakete zu machen.

So zeichnete ich in einer dichten Bilderfolge die mit mir fliegende Rakete über dem Meer, die Rakete über Wälder und Gebirge und den Anblick ihrer Stadt von einer Rakete in ziemlicher Höhe aus. Zuletzt rekonstruierte ich meinen Absprung kurz vor dem Einschlag meines Geschosses. Solche fast bewegt wirkenden Bilder hatte ich einem chinesischen Künstler abgeguckt. Die Männer waren begeistert, die Frauen wohl auch, aber zunächst wollten sie vor allem wissen, woher ich und die Rakete kamen.

Wie sollte ich ihnen beibringen, dass ich das selbst nicht geografisch einordnen konnte! Zuletzt zeichnete ich eine grobe Landkarte der Welt und wollte sie dazu verleiten, mir anzugeben, wo sich ihre Stadt darauf befand. Sie hatten Bedenken, mir auch nur das Land zu zeigen, in dem wir uns befanden. Ich vermutete es zunächst auf einer Insel westlich von Afrika oder im Atlantik, oder vielleicht sogar dort, wo seit Jahrhunderten aus jeweils unerklärlichen Gründen unheimlich viele Schiffe untergegangen sind.

Unsere Verständigungsversuche wurden durch eine Soldatin unterbrochen. Alle verstummten und nahmen die Haltung von Befehlsempfängern an. Ich erkannte in der stämmigen Frau eine meiner brutalen Peinigerinnen. Ich war immer noch blutverschmiert und hoffte nur, bald meine schmerzenden Wunden reinigen und verbinden zu können.

Das Weib ließ meine Hände und Füße fesseln und trieb mich mit einem Stock vor sich her aus dem Raum. Ich war auf Schlimmes gefasst und wunderte mich, dass sie mich in einen Raum führte, den ich als Dampfbad erkannte. Hier erwarteten uns drei andere Soldatinnen, sichtlich in nicht mehr dienstlicher Stimmung.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
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