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Im heiligen Köln
In Köln machten wir länger Station. Ich ließ mich von
einem jungen Maler zuerst gründlich in der Stadt herumführen.
Dann sah ich mir auf seinen Rat hin eine kostbare Bildersammlung an,
die mich sehr beeindruckte, erneuerte meine Garderobe in einem
Ausstattungsgeschäft und traf mich ganz kurz und über seine
Wesensveränderung irritiert mit einem hier wohnenden Schulfreund,
während die Weinhändler einige Kunden besuchen wollten.
Für den frühen Abend hatten wir uns vor einem berühmten
Frauenhaus verabredet - es war eben der unterhaltsamste Treffpunkt in
dieser wie in wohl vielen Städten.
Das uns aus ernsten allgemeinen Forschungsgründen interessierende
Etablissement enttäuschte mich, weil eine italienische
Liebedienerin, die etwas über Julias Aufenthalt zu wissen schien,
mich unverschämt ausnehmen wollte und weil mir die ganze Umgebung
nicht behagte; ich ließ meine Begleiter bald allein zurück.
Sie schienen übrigens auch dort bereits bekannt zu sein.
Ein Bettler vor dem Dom kam mir bekannt vor, ich ihm auch, wie sich
beim Gespräch ergab, aber wir erinnerten uns beide nicht an den
Ort unserer Begegnung. Ich lud den Mann zum Mittagessen ein. Er nahm
meine Einladung zögernd an; ich vermutete, dass er zunächst
den Einnahmeverlust während seiner Abwesenheit vom Domportal
überschlagen hat. Aber er hatte auch Grund zur Vorsicht.
"Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir in ein gutes Lokal gehen?", fragte
ich ihn unterwegs, denn ich war, nachdem ich auf See wieder einmal
monatelang die Maden aus altem Schiffszwieback herausklopfen musste,
kulinarisch anspruchsvoll geworden. "Nein, wenn Ihnen meine Begleitung
nichts ausmacht", antwortete er lachend und mir ging erst später
auf, was er damit meinte.
Wir gingen in den „Vater Rhein" und freuten uns, dass der
Gesichtsausdruck des Wirtes von devot zu angewidert wechselte. Auch
einige Gäste beobachteten uns mit deutlicher Missbilligung. Wir
hatten wohl ein nur von gut angezogenen Bürgern bevorzugtes
Gasthaus gewählt...
"Was empfehlen Sie uns?" fragte ich den Wirt. Ich sah ihm an, dass er
mindestens einem von uns am liebsten zunächst ein Bad und einen
Kleiderwechsel empfohlen hätte, aber seine Zuneigung zu uns wuchs
schnell, als ich die kostspieligste Ausführung einer Ente
bestellte und auf seinen besorgten Hinweis, dafür brauche der Koch
über zwei Stunden Zeit, erwidert hatte: "Dann trinken wir eben bis
dahin einige Flaschen von Ihrem besten Wein."
Als ich etwas später an ihm vorbeigehen musste, winkte ich ihn zur
Seite und flüsterte ihm zu: "Mein Begleiter darf nicht erkannt
werden; er ist ein italienischer Graf, der sich vor den Kundschaftern
seines Beinahe-Schwiegervaters verstecken muss, Sie verstehen!" Ein
Leuchten ging über sein Gesicht; er verstand, handelte
überraschend schnell und komplimentierte uns in ein Nebenzimmer.
Während ich meinem Gast ein wenig aus meinem Leben berichtete, um
ihn zu Gleichem zu ermuntern, grübelte ich immer noch, woher wir
uns kennen konnten. Ich war auf Spanien oder Italien gefasst, aber
mitten in meiner Erzählung eines Reiseabenteuers in China rief er
plötzlich: "Sankt Petersburg!" Er war somit schneller als ich zum
Erinnerungsziel gelangt. Wir hatten beide solche Erinnerungsmühe,
weil wir uns über die Jahre im Gesicht ziemlich verändert
hatten, er sogar absichtlich.
Gregorij war Offizier in der Leibgarde der Zarin und zeitweise bei
Ihrer Majestät zu besonderen Diensten abgeordnet gewesen. Im
Kreise der höheren Höflinge und Offiziere hatten wir manchen
lustigen Abend miteinander verbracht. Die Zarin hatte ihn zuletzt mit
einer wichtigen Aufgabe belohnt: Er durfte in Paris helfen, die
Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu vertiefen.
Vom Hof der Zarin her war er an manches gewöhnt, aber dem doch
noch süßeren und zugleich doch giftigen Leben unter den
Diplomaten in Paris war er auf die Dauer nicht gewachsen. In einer
rauschhaften Nacht muss nach mehreren Flaschen Wein Unverzeihliches
über ihn gekommen sein: er hatte über Erlebnisse mit der
Zarin geplaudert. Schon wenige Stunden später erhielt er den
Befehl, sich unverzüglich nach St. Petersburg zu begeben. Er
folgte dem Befehl, aber nur bis hinter die französische Grenze.
Seither lebt er hier als Bettler mit wechselnden Quartieren. In
Köln kennen ihn alle, nur nicht unter seinem richtigen Namen. Er
nennt sich jetzt Hannes Schmitz; von denen gibt es viele in Köln.
Als uns zum Auftakt die Kruste unserer Ente mit einer himmlischen
Soße serviert wurde, erwähnte ich die Umstände meiner
Durchreise und die Weinhändler Lovis & Patagonne aus
Straßburg.
"Weinhändler?" fragte er nach dem zweiten Schluck von einer neuen
Flasche Rheingauer: „Merkwürdig, ich hatte in Paris einmal mit
Waffenhändlern zu tun, die den gleichen Namen trugen." Er begann,
die Herren, an die er sich erinnerte, aus dem Gedächtnis zu
beschreiben. Wenn mich der vorzügliche Wein und die vortrefflich
geratene Ente nicht in die mildeste Stimmung versetzt hätten,
wäre ich nun vor Wut aus der Haut gefahren.
"Ich werde natürlich sofort nach Hause fahren", erklärte ich
meinem alten Bekannten. Aber bei den nächsten Gängen und bei
den folgenden Weingenüssen spielten wir noch andere
Möglichkeiten durch und ich begann, die in mir wachsende Neugierde
reizvoll zu finden. Am Ende fanden wir es unterhaltsamer, das Spiel der
beiden Männer weiter aus der Nähe zu verfolgen. Denn: was
konnten wir schon verlieren?
"Aber Sie müssen mitmachen, alter Freund, und in meiner Nähe
bleiben!" beschwor ich Gregorij. Das fand er eine lohnende Abwechslung
von seiner sitzenden Bettelei vor dem Dom. Meinem Angebot, ihn auf der
Stelle mit standesgemäßer Kleidung und allem Zubehör
auszustatten, setzte er keinen Widerstand entgegen.
Gregorij blieb im „Vater Rhein", kam zu einem Bad und zur weiteren
Pflege seines Äußeren. Der Wirt schaffte einen Schneider
herbei, der seine Rückverwandlung in einen eleganten Herrn
beschleunigte.
Mit meinen Reisebegleitern machte ich Gregorij nicht bekannt. Wir
hatten nämlich vereinbart, dass er mit der Post nach
Straßburg vorausfahren und sich nach den Weinhändlern
umhören sollte. In etwa einer Woche wollten wir versuchen, uns an
einem ungraden Tag nachmittags dort gegen Drei vor der Synagoge zu
treffen.
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