Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Im heiligen Köln

In Köln machten wir länger Station. Ich ließ mich von einem jungen Maler zuerst gründlich in der Stadt herumführen. Dann sah ich mir auf seinen Rat hin eine kostbare Bildersammlung an, die mich sehr beeindruckte, erneuerte meine Garderobe in einem Ausstattungsgeschäft und traf mich ganz kurz und über seine Wesensveränderung irritiert mit einem hier wohnenden Schulfreund, während die Weinhändler einige Kunden besuchen wollten. Für den frühen Abend hatten wir uns vor einem berühmten Frauenhaus verabredet - es war eben der unterhaltsamste Treffpunkt in dieser wie in wohl vielen Städten.

Das uns aus ernsten allgemeinen Forschungsgründen interessierende Etablissement enttäuschte mich, weil eine italienische Liebedienerin, die etwas über Julias Aufenthalt zu wissen schien, mich unverschämt ausnehmen wollte und weil mir die ganze Umgebung nicht behagte; ich ließ meine Begleiter bald allein zurück. Sie schienen übrigens auch dort bereits bekannt zu sein.

Ein Bettler vor dem Dom kam mir bekannt vor, ich ihm auch, wie sich beim Gespräch ergab, aber wir erinnerten uns beide nicht an den Ort unserer Begegnung. Ich lud den Mann zum Mittagessen ein. Er nahm meine Einladung zögernd an; ich vermutete, dass er zunächst den Einnahmeverlust während seiner Abwesenheit vom Domportal überschlagen hat. Aber er hatte auch Grund zur Vorsicht.

"Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir in ein gutes Lokal gehen?", fragte ich ihn unterwegs, denn ich war, nachdem ich auf See wieder einmal monatelang die Maden aus altem Schiffszwieback herausklopfen musste, kulinarisch anspruchsvoll geworden. "Nein, wenn Ihnen meine Begleitung nichts ausmacht", antwortete er lachend und mir ging erst später auf, was er damit meinte.

Wir gingen in den „Vater Rhein" und freuten uns, dass der Gesichtsausdruck des Wirtes von devot zu angewidert wechselte. Auch einige Gäste beobachteten uns mit deutlicher Missbilligung. Wir hatten wohl ein nur von gut angezogenen Bürgern bevorzugtes Gasthaus gewählt...

"Was empfehlen Sie uns?" fragte ich den Wirt. Ich sah ihm an, dass er mindestens einem von uns am liebsten zunächst ein Bad und einen Kleiderwechsel empfohlen hätte, aber seine Zuneigung zu uns wuchs schnell, als ich die kostspieligste Ausführung einer Ente bestellte und auf seinen besorgten Hinweis, dafür brauche der Koch über zwei Stunden Zeit, erwidert hatte: "Dann trinken wir eben bis dahin einige Flaschen von Ihrem besten Wein."

Als ich etwas später an ihm vorbeigehen musste, winkte ich ihn zur Seite und flüsterte ihm zu: "Mein Begleiter darf nicht erkannt werden; er ist ein italienischer Graf, der sich vor den Kundschaftern seines Beinahe-Schwiegervaters verstecken muss, Sie verstehen!" Ein Leuchten ging über sein Gesicht; er verstand, handelte überraschend schnell und komplimentierte uns in ein Nebenzimmer.

Während ich meinem Gast ein wenig aus meinem Leben berichtete, um ihn zu Gleichem zu ermuntern, grübelte ich immer noch, woher wir uns kennen konnten. Ich war auf Spanien oder Italien gefasst, aber mitten in meiner Erzählung eines Reiseabenteuers in China rief er plötzlich: "Sankt Petersburg!" Er war somit schneller als ich zum Erinnerungsziel gelangt. Wir hatten beide solche Erinnerungsmühe, weil wir uns über die Jahre im Gesicht ziemlich verändert hatten, er sogar absichtlich.

Gregorij war Offizier in der Leibgarde der Zarin und zeitweise bei Ihrer Majestät zu besonderen Diensten abgeordnet gewesen. Im Kreise der höheren Höflinge und Offiziere hatten wir manchen lustigen Abend miteinander verbracht. Die Zarin hatte ihn zuletzt mit einer wichtigen Aufgabe belohnt: Er durfte in Paris helfen, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu vertiefen.

Vom Hof der Zarin her war er an manches gewöhnt, aber dem doch noch süßeren und zugleich doch giftigen Leben unter den Diplomaten in Paris war er auf die Dauer nicht gewachsen. In einer rauschhaften Nacht muss nach mehreren Flaschen Wein Unverzeihliches über ihn gekommen sein: er hatte über Erlebnisse mit der Zarin geplaudert. Schon wenige Stunden später erhielt er den Befehl, sich unverzüglich nach St. Petersburg zu begeben. Er folgte dem Befehl, aber nur bis hinter die französische Grenze. Seither lebt er hier als Bettler mit wechselnden Quartieren. In Köln kennen ihn alle, nur nicht unter seinem richtigen Namen. Er nennt sich jetzt Hannes Schmitz; von denen gibt es viele in Köln.

Als uns zum Auftakt die Kruste unserer Ente mit einer himmlischen Soße serviert wurde, erwähnte ich die Umstände meiner Durchreise und die Weinhändler Lovis & Patagonne aus Straßburg.

"Weinhändler?" fragte er nach dem zweiten Schluck von einer neuen Flasche Rheingauer: „Merkwürdig, ich hatte in Paris einmal mit Waffenhändlern zu tun, die den gleichen Namen trugen." Er begann, die Herren, an die er sich erinnerte, aus dem Gedächtnis zu beschreiben. Wenn mich der vorzügliche Wein und die vortrefflich geratene Ente nicht in die mildeste Stimmung versetzt hätten, wäre ich nun vor Wut aus der Haut gefahren.

"Ich werde natürlich sofort nach Hause fahren", erklärte ich meinem alten Bekannten. Aber bei den nächsten Gängen und bei den folgenden Weingenüssen spielten wir noch andere Möglichkeiten durch und ich begann, die in mir wachsende Neugierde reizvoll zu finden. Am Ende fanden wir es unterhaltsamer, das Spiel der beiden Männer weiter aus der Nähe zu verfolgen. Denn: was konnten wir schon verlieren?

"Aber Sie müssen mitmachen, alter Freund, und in meiner Nähe bleiben!" beschwor ich Gregorij. Das fand er eine lohnende Abwechslung von seiner sitzenden Bettelei vor dem Dom. Meinem Angebot, ihn auf der Stelle mit standesgemäßer Kleidung und allem Zubehör auszustatten, setzte er keinen Widerstand entgegen.

Gregorij blieb im „Vater Rhein", kam zu einem Bad und zur weiteren Pflege seines Äußeren. Der Wirt schaffte einen Schneider herbei, der seine Rückverwandlung in einen eleganten Herrn beschleunigte.

Mit meinen Reisebegleitern machte ich Gregorij nicht bekannt. Wir hatten nämlich vereinbart, dass er mit der Post nach Straßburg vorausfahren und sich nach den Weinhändlern umhören sollte. In etwa einer Woche wollten wir versuchen, uns an einem ungraden Tag nachmittags dort gegen Drei vor der Synagoge zu treffen.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
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Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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