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Im Wein wird doch Wahrheit
sein?
Ich wollte die meine verbleibende Zeit in Deutschland nutzen, um die
kleine Abenteuergeschichte mit den Straßburger Herren noch bis zu
einem wenigstens meine Neugier befriedigendem Ende zu verfolgen. Ich
erzählte Rothschild von den bisher bekannten Zusammenhängen.
Er fand es gut, dass ich mich auch noch eine Weile innerlich auf die
neuen Aufgaben vorbereiten konnte und riet mir zu, die Prinzessin
mitzunehmen. Er empfahl uns, nicht nach Straßburg zu fahren,
sondern vom fast gegenüber liegenden Baden-Baden aus Kontakt mit
meinem russischen Bekannten, aber auch mit den Weinhändlern
aufzunehmen.
Er nannte uns einige Namen von in Baden-Baden zu erwartenden
Persönlichkeiten, die und im Notfall nützlich sein
könnten. Auf sein Visitenkärtchen schrieb er nur:

"Zeig das vor, wenn es Schwierigkeiten gibt."
Noch von Frankfurt aus schrieb ich unter einem anderem Namen an den
Synagogendiener der Israelitischen Gemeinde zu Straßburg und bat
ihn, den inliegenden Brief an meinen Freund zu übergeben, der an
einem der nächsten ungraden Tage gegen drei Uhr vor der Synagoge
auf mich warten wolle. In dem anderen Brief stand ungefähr dieses:
"Lieber Gregorij, ich musste allein weiter reisen und kann nicht nach
St. kommen. Bitte richten Sie es ein, dass wir uns bald in Baden-Baden
im Badischen Hof treffen."
Damit ihn diese Nachricht überhaupt erreichen würde, schloss
ich, wie alle Deutschen, nicht immer nüchtern, aber viel zu
nüchtern, und selbstverständlich immer zielbewusst: "Bitte
geben Sie dem Überbringer dieser Nachricht als Entgelt für
seine Freundlichkeit eine großzügige Spende. Auf bald. Ihr
einstmals der gleichen Herrin Verbundener."
Den Herren Lovis & Patagonne zu Straßburg teilte ich auf
meinem eigenen Briefbogen mit, dass ich nach der mir
unerklärlichen Trennung in Koblenz zunächst in einiger
Verwirrung ohne rechtes Ziel weitergereist sei. Ich gab an, dass ich
einen kurzen Kuraufenthalt in Baden-Baden plane und dort in Cottas
Hotel gern die Nachricht über ihre hoffentlich gesunde Heimkehr
bekommen würde, bevor ich in Kürze, das habe ich gar nicht
weiter erläutert, nach Nordamerika reisen müsse.
Die Briefe schickte ich am Tag unserer Abreise, einem Donnerstag, ab;
am Montag kam Gregorij pünktlich zum Mittagessen an. Er war
sprachlos über meine Reisegefährtin und
beglückwünschte mich später mit ehrlichem Neid.
Mahajusha ließ uns bald allein. Vielleicht war dies eine
weibliche List: sie steigerte jedenfalls mein Verlangen, ihr bald in
unsere miteinander verbundenen Zimmer zu folgen und die Bemühungen
des täglich erscheinenden Haarkünstlers wieder zu
gefährden.
Nur der schönen Erinnerung wegen erwähne ich: Am vorigen
Abend war dies geschehen: Wir wollten ausgehen und die Prinzessin
überlegte, nur von einem Seidentuch umhüllt, was sie anziehen
könnte.
Schließlich schüttelte sie ihre Frisur, tupfte sich etwas
Parfüm an einige Stellen ihres geliebten Körpers, ließ
ihren Schleier fallen und fragte mich: "Bin ich so schön genug?"
Ihr könnt raten, was ich geantwortet habe und vielleicht auch,
dass wir auf etwas Näherliegendes als aufs Ausgehen gekommen sind.
Gregorij wunderte sich überhaupt nicht darüber, dass die
Straßburger und ich unterwegs auseinander gerissen worden waren.
Er nahm inzwischen an, dass die Händler und ich den ganzen Weg
über beschattet worden sind, schon seit Bremen und aus mehreren
Gründen.
Aus Straßburg konnte er berichten, dass es dort direkt an dem
Flüsschen Ill neben der Rabenbrücke die Firma "Lovis &
Patagonne, gegr. 1761" gibt. Zum Gelände der Weinhandlung
zähle ein großer Gebäudekomplex und ein eigener
Schiffsanlegeplatz. Die Firma sei angesehen und gelte als finanziell
gesichert, allerdings hatte er bei mehreren Gesprächspartnern ein
feines Lächeln bemerkt, während sie Gutes von diesen
Weinhändlern berichteten, zum Beispiel, dass sie über
ungewöhnlich weitreichende Geschäftsbeziehungen verfügen
würden.
Nirgendwo sei er auf einen Hinweis gestoßen, dass von der Firma
zusätzlich zum Wein auch Waffen verkauft werden. Wenn er sich
selbst nicht so genau erinnern würde, und wenn auch die Geschichte
in Koblenz nicht geschehen wäre, hätten wir keinen Grund, an
der Harmlosigkeit meiner Bremer Bekanntschaft zu zweifeln. „Aber“,
fügte er hinzu, "diese Herren haben eine perfekte Tarnung und sie
haben mehr als eine dunkle Seite, das steht für mich fest."
Als ich mich noch nicht überzeugt zeigte, fügte Gregorij an:
"Da ist noch vom `Rhinozeros' zu berichten. Wussten Sie, dass sie
große Hotels in Straßburg und in Paris, Lyon und Marseille
besitzen?" Ich verneinte und wunderte mich.
Gregorij hatte sich das Straßburger "Rhinozeros" von außen
angesehen. Trotz der vornehmen Außenwirkung des Hotels hat ihn
das von ihm während einer Viertelstunde beobachtete Kommen und
Gehen irgendwie an ein Stundenhotel erinnert. Er hatte erst am
späten Nachmittag des Vortages von diesem Hotel und den anderen
Hotels der Partner Lovis & Patagonne erfahren und da war ihm zu
wenig Zeit zur Observation geblieben.
Einige Tage später erfuhren wir, dass auch die Hotels in den drei
anderen Städten denselben Namen trugen. Als ich einen aus Paris
stammenden Kurgast nach dem Haus in Paris fragte, flüsterte er:
„Aber, Monsieur, sind Sie sicher, dass ich im Beisein von Madame davon
erzählen soll?"
Da bin ich wohl rot geworden - und nicht nur aus Verlegenheit. Der Herr
aus Paris versuchte, die Situation vor Mahajusha zu retten und sagte
noch: "Sie haben vielleicht vor einigen Wochen in den Zeitungen
gelesen, dass ein englischer Minister trotz seines diplomatischen
Schutzes in Paris verhaftet worden ist, wegen irgendwelcher dunkler
Waffengeschäfte. Das war im ´Rhinozeros`. Es ist eben keine
ganz harmlose Adresse..."
"Das war dann sicher eine schwierige diplomatische Situation", warf die
Prinzessin ein. "Ja, das denke ich auch", sagte ich. Gescheiteres
fällt uns eben oft viel zu spät ein.
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