|
Im Palast des Paschas
Im Nildelta wären wir beinahe gestrandet, erreichten aber doch
glücklich die Metropole Alexandria; ich war hier zum dritten Mal.
Noch weit vor dieser großartigen Hafenstadt wurden wir von einer
Ehrenflotte empfangen, die uns in den Hafen geleitete. Nach kurzem
Aufenthalt von drei Tagen, den ich durchgesetzt hatte, um wenigstens
einige der Herrlichkeiten dieser alten Kulturstadt wiederzusehen,
wurden wir dann mit einer Eskorte auf Kamelen nach Kairo geleitet;
wegen der offenbar dazugehörigen Überschwemmungen des Nils
dauerte das einige Tage und wurde ein Abenteuer für sich: Bei
regelmäßigen nächtlichen Überfällen wurden
uns auf dieser anstrengenden Reise achtzehn Frauen und mehrere
Lastkamele geraubt. Fünfzehn unserer Soldaten wurden im Kampf mit
den Räubern getötet.
Kairo, eine wirklich kostbar schimmernde Perle Afrikas, und die
Aufnahme unserer Gesellschaft durch den Pascha entschädigten uns
bald für die Reisestrapazen. Der Pascha empfing mich mit
militärischen Ehren und schenkte mir dreifachen Ersatz für
die verlorenen Haremsfrauen und Soldaten.
Am folgenden Mittag stellte er mir seinen Hauptharem vor. Mir fiel
sofort auf, dass der Pascha mollige Frauen bevorzugte; ich war
gespannt, ob wir sie für unsere Tänze begeistern
könnten.
Eine der ägyptischen Frauen hat mich zu einem besonderen Einfall
inspiriert. Ihre überaus anmutigen Bewegungen waren mir
aufgefallen, als sie mit ihren Gefährtinnen in einem Wasserbecken
mit einem Ball spielte. Sie stand erkennbar in der besonderen Gunst des
Paschas; ich beneidete ihn. Allein für sie erfand ich einen Tanz,
den ich in vielen Stunden sorgfältig mit ihr einübte, bevor
sie den Pascha damit beglücken sollte. Die Frau hatte eine
unglaubliche Ausstrahlung; ich spüre heute noch ihre Haut und sehe
deutlich ihr zu allen Unbesonnenheiten verführendes
Lächeln... In Kürze stand der 15. Jahrestag der Amtszeit des
Paschas bevor; dazu sollte ein herausragendes Fest gefeiert werden, ein
unvergessliches Ereignis für alle, besonders für den von
seinen Pflichten erschöpften Pascha, der hoffte, in den
nächsten Jahren durch einen würdigen Nachfolger abgelöst
zu werden.
Wir hatten mit den Frauen des Paschas ausgiebig unsere Tänze
eingeübt. Aus fünfzehn wohlgeformten und geschmeidigen Frauen
hatte ich eine bezaubernde Bauchtanzgruppe gebildet. Diese
Tänzerinnen erwiesen sich als große Begabungen; es
hätte mich gereizt, diese aparte Gruppe auch an einigen
europäischen Höfen vorzuführen. Aber das war damals in
mehrfacher Hinsicht undenkbar.
In den Tänzen, die meine arabische Haremsfrau Samira einstudierte
und aus den Frauen hervorlockte, offenbarte sich eine Sinnlichkeit,
deren Wurzeln ich noch in vorarabischer Zeit vermutete. Samira
ließ in ihren Tänzen ahnen, dass sie auf einen uralten
Fruchtbarkeitskult zurückgehen, aber sie nahm auch neue Tanzformen
aus dem Musikgeschmack unserer Zeit mit hinein.
Es ist für mich immer wieder überwältigend,
mitzuerleben, wie die Frauen die Tänze mit inniger Verzückung
genießen. Den Pascha und sein Gefolge konnte ich nicht davon
überzeugen, dass es mir gesteigerten Genuss brachte, den
selbstvergessen tanzenden Frauen einfach nur zuzusehen.
Meine Musiker hatten seit Monaten geübt, die uns vertrauten
Tanzmelodien der ägyptischen Musik anzunähern. Eine
größere Gruppe von Musikanten galt damals noch als
Besonderheit; wir hatten immerhin weit über achtzig Musiker in
verschiedenen Gruppierungen. Unsere Dichter besangen naheliegenderweise
die verführerische Anziehungskraft der Ägypterinnen, das war
eine von viel Gefühl bestimmte Arbeit; daneben mussten sie aber
mindestens ebenso oft und so lange die Weisheit und Güte des
Paschas preisen – das erwarteten alle so von uns.
Mit der Organisation der Festlichkeiten hatte ich geringe Sorgen, zumal
mir mehrere hohe Hofleute unterstellt worden waren und der Pascha vorab
die Übernahme aller Kosten zugesagt hatte. Aber es gab erhebliche
andere Schwierigkeiten: Die selbstherrlich gewordenen Mamelucken-Beis
hatten diese Festwoche für einen Umsturzversuch gewählt.
Meine Zukunftsdeuterin und unsere Spione hatten dies fast zeitgleich
herausgefunden; ich konnte den Pascha noch rechtzeitig warnen.
Obwohl ich ihm eine unblutige Umerziehungsmethode mit Hilfe meiner auch
dazu begabten Frauen empfohlen hatte, ließ er alle
Aufständischen gnadenlos köpfen. Mich überschüttete
er mit Geschenken und wir konnten ungestört ein rauschendes, nicht
enden sollendes Fest feiern. Statt der Schüsse der
Aufständischen erlebte das Volk ein zauberhaftes Feuerwerk, das
ich umsichtig nach meinen chinesischen Vorbildern und einigen Kisten
Importware vorbereitet hatte, vorsorglich gemeinsam mit drei
chinesischen Feuerwerkern.
Das Volk bemerkte nicht, dass eine Katastrophe über uns
hereingebrochen war und das Fest überschattete: Am Tag vor dem
Beginn der Festlichkeiten hatte der Pascha plötzlich über
eine Kleinigkeit seine Nervenruhe verloren und wie ein Wahnsinniger
getobt und Unverstehbares geschrieen. Er hatte alle Vertrauten und die
ganze erreichbare Dienerschaft von seinen Leibwächtern bis zur
Bewusstlosigkeit auspeitschen lassen und bereits mehrere Zimmer seines
Palastes verwüstet, als mich sein ältester Sohn
inständig um eine Beeinflussung des plötzlich so unheimlich
veränderten Herrschers bat.
Die engsten Vertrauten und die Familie des Paschas hatten sich dann in
einer nächtlichen Beratung mit mir aus mehreren gut einsehbaren
Gründen entschieden, das Fest nicht abzusagen. Wir vereinbarten
auf meinen Rat in einem kleinen Kreis, den Pascha abzuschirmen und an
seiner Stelle einen Mann, der ihm sehr ähnlich sah, seine Rolle
spielen zu lassen. Das ging überraschend gut; der Mann machte
seine Sache großartig und genoss die unerhört vielen
Vorteile dieses Amtes und die Vorfreude auf eine weitere große
Belohnung.
Die körperliche und seelische Behandlung des Paschas war mir
übertragen worden, weil ich immerhin der Hofmedicus des
Osmanischen Sultans war. Ich beriet mich mit meinen heilkundigen Frauen
und wir hüllten den endlich erschöpften Pascha in eine ihn
berauschende Wolke, in der er zunächst eine Schwächung, dann
aber langsam eine belebende Stärkung erfuhr. Dazwischen lagen
aufregende Wochen, in denen wir unter den misstrauischen Augen der
Hofbeamten allerlei etwas hermachende Zauberei veranstalteten.
Meine Frauen und meine Heilungsbemühungen bewirkten, dass der
Pascha eines Tages wunderbar erholt aufstand. Er erinnerte sich an
nichts mehr und gab sich milder, gütiger und
großzügiger als je zuvor. Er genoss alles, besonders und
schier unersättlich seine Lieblingsfrauen und er beschenkte mich
und meine Begleitung fürstlich. Aber er bestand hartnäckig
wie zuvor darauf, dass unser Abschied von Ägypten mit einer Reise
auf dem Nil und mit Besuchen bei den wichtigsten Zeugnissen aus alter
Zeit enden müsste. Aber damit hatten wir noch etwas Zeit.
|
|