Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
Home
Home           




Im Palast des Paschas

Im Nildelta wären wir beinahe gestrandet, erreichten aber doch glücklich die Metropole Alexandria; ich war hier zum dritten Mal.

Noch weit vor dieser großartigen Hafenstadt wurden wir von einer Ehrenflotte empfangen, die uns in den Hafen geleitete. Nach kurzem Aufenthalt von drei Tagen, den ich durchgesetzt hatte, um wenigstens einige der Herrlichkeiten dieser alten Kulturstadt wiederzusehen, wurden wir dann mit einer Eskorte auf Kamelen nach Kairo geleitet; wegen der offenbar dazugehörigen Überschwemmungen des Nils dauerte das einige Tage und wurde ein Abenteuer für sich: Bei regelmäßigen nächtlichen Überfällen wurden uns auf dieser anstrengenden Reise achtzehn Frauen und mehrere Lastkamele geraubt. Fünfzehn unserer Soldaten wurden im Kampf mit den Räubern getötet.

Kairo, eine wirklich kostbar schimmernde Perle Afrikas, und die Aufnahme unserer Gesellschaft durch den Pascha entschädigten uns bald für die Reisestrapazen. Der Pascha empfing mich mit militärischen Ehren und schenkte mir dreifachen Ersatz für die verlorenen Haremsfrauen und Soldaten.

Am folgenden Mittag stellte er mir seinen Hauptharem vor. Mir fiel sofort auf, dass der Pascha mollige Frauen bevorzugte; ich war gespannt, ob wir sie für unsere Tänze begeistern könnten.

Eine der ägyptischen Frauen hat mich zu einem besonderen Einfall inspiriert. Ihre überaus anmutigen Bewegungen waren mir aufgefallen, als sie mit ihren Gefährtinnen in einem Wasserbecken mit einem Ball spielte. Sie stand erkennbar in der besonderen Gunst des Paschas; ich beneidete ihn. Allein für sie erfand ich einen Tanz, den ich in vielen Stunden sorgfältig mit ihr einübte, bevor sie den Pascha damit beglücken sollte. Die Frau hatte eine unglaubliche Ausstrahlung; ich spüre heute noch ihre Haut und sehe deutlich ihr zu allen Unbesonnenheiten verführendes Lächeln... In Kürze stand der 15. Jahrestag der Amtszeit des Paschas bevor; dazu sollte ein herausragendes Fest gefeiert werden, ein unvergessliches Ereignis für alle, besonders für den von seinen Pflichten erschöpften Pascha, der hoffte, in den nächsten Jahren durch einen würdigen Nachfolger abgelöst zu werden.

Wir hatten mit den Frauen des Paschas ausgiebig unsere Tänze eingeübt. Aus fünfzehn wohlgeformten und geschmeidigen Frauen hatte ich eine bezaubernde Bauchtanzgruppe gebildet. Diese Tänzerinnen erwiesen sich als große Begabungen; es hätte mich gereizt, diese aparte Gruppe auch an einigen europäischen Höfen vorzuführen. Aber das war damals in mehrfacher Hinsicht undenkbar.

In den Tänzen, die meine arabische Haremsfrau Samira einstudierte und aus den Frauen hervorlockte, offenbarte sich eine Sinnlichkeit, deren Wurzeln ich noch in vorarabischer Zeit vermutete. Samira ließ in ihren Tänzen ahnen, dass sie auf einen uralten Fruchtbarkeitskult zurückgehen, aber sie nahm auch neue Tanzformen aus dem Musikgeschmack unserer Zeit mit hinein.

Es ist für mich immer wieder überwältigend, mitzuerleben, wie die Frauen die Tänze mit inniger Verzückung genießen. Den Pascha und sein Gefolge konnte ich nicht davon überzeugen, dass es mir gesteigerten Genuss brachte, den selbstvergessen tanzenden Frauen einfach nur zuzusehen.

Meine Musiker hatten seit Monaten geübt, die uns vertrauten Tanzmelodien der ägyptischen Musik anzunähern. Eine größere Gruppe von Musikanten galt damals noch als Besonderheit; wir hatten immerhin weit über achtzig Musiker in verschiedenen Gruppierungen. Unsere Dichter besangen naheliegenderweise die verführerische Anziehungskraft der Ägypterinnen, das war eine von viel Gefühl bestimmte Arbeit; daneben mussten sie aber mindestens ebenso oft und so lange die Weisheit und Güte des Paschas preisen – das erwarteten alle so von uns.

Mit der Organisation der Festlichkeiten hatte ich geringe Sorgen, zumal mir mehrere hohe Hofleute unterstellt worden waren und der Pascha vorab die Übernahme aller Kosten zugesagt hatte. Aber es gab erhebliche andere Schwierigkeiten: Die selbstherrlich gewordenen Mamelucken-Beis hatten diese Festwoche für einen Umsturzversuch gewählt. Meine Zukunftsdeuterin und unsere Spione hatten dies fast zeitgleich herausgefunden; ich konnte den Pascha noch rechtzeitig warnen.

Obwohl ich ihm eine unblutige Umerziehungsmethode mit Hilfe meiner auch dazu begabten Frauen empfohlen hatte, ließ er alle Aufständischen gnadenlos köpfen. Mich überschüttete er mit Geschenken und wir konnten ungestört ein rauschendes, nicht enden sollendes Fest feiern. Statt der Schüsse der Aufständischen erlebte das Volk ein zauberhaftes Feuerwerk, das ich umsichtig nach meinen chinesischen Vorbildern und einigen Kisten Importware vorbereitet hatte, vorsorglich gemeinsam mit drei chinesischen Feuerwerkern.

Das Volk bemerkte nicht, dass eine Katastrophe über uns hereingebrochen war und das Fest überschattete: Am Tag vor dem Beginn der Festlichkeiten hatte der Pascha plötzlich über eine Kleinigkeit seine Nervenruhe verloren und wie ein Wahnsinniger getobt und Unverstehbares geschrieen. Er hatte alle Vertrauten und die ganze erreichbare Dienerschaft von seinen Leibwächtern bis zur Bewusstlosigkeit auspeitschen lassen und bereits mehrere Zimmer seines Palastes verwüstet, als mich sein ältester Sohn inständig um eine Beeinflussung des plötzlich so unheimlich veränderten Herrschers bat.

Die engsten Vertrauten und die Familie des Paschas hatten sich dann in einer nächtlichen Beratung mit mir aus mehreren gut einsehbaren Gründen entschieden, das Fest nicht abzusagen. Wir vereinbarten auf meinen Rat in einem kleinen Kreis, den Pascha abzuschirmen und an seiner Stelle einen Mann, der ihm sehr ähnlich sah, seine Rolle spielen zu lassen. Das ging überraschend gut; der Mann machte seine Sache großartig und genoss die unerhört vielen Vorteile dieses Amtes und die Vorfreude auf eine weitere große Belohnung.

Die körperliche und seelische Behandlung des Paschas war mir übertragen worden, weil ich immerhin der Hofmedicus des Osmanischen Sultans war. Ich beriet mich mit meinen heilkundigen Frauen und wir hüllten den endlich erschöpften Pascha in eine ihn berauschende Wolke, in der er zunächst eine Schwächung, dann aber langsam eine belebende Stärkung erfuhr. Dazwischen lagen aufregende Wochen, in denen wir unter den misstrauischen Augen der Hofbeamten allerlei etwas hermachende Zauberei veranstalteten.

Meine Frauen und meine Heilungsbemühungen bewirkten, dass der Pascha eines Tages wunderbar erholt aufstand. Er erinnerte sich an nichts mehr und gab sich milder, gütiger und großzügiger als je zuvor. Er genoss alles, besonders und schier unersättlich seine Lieblingsfrauen und er beschenkte mich und meine Begleitung fürstlich. Aber er bestand hartnäckig wie zuvor darauf, dass unser Abschied von Ägypten mit einer Reise auf dem Nil und mit Besuchen bei den wichtigsten Zeugnissen aus alter Zeit enden müsste. Aber damit hatten wir noch etwas Zeit.

Seiten  34
<   35   >
 36


Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
Impressum und Kontakt




Webseitengestaltung von Gundula Lendt www.lendt-webdesign.de