Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Ich erforschte den falschen Vulkan

In jenem Jahr spie der Ätna starke Rauchwolken aus und in mancher Nacht flog auch ein gewaltiger Feuersturm aus seinem Krater heraus. Der geheimnisumwitterte Vulkan zog mich magisch an; ich wollte unbedingt zu ihm hinauf und in seinen Krater schauen. Tagelang umrundete ich auf einem Maultier den Ätna und wollte ihn gründlich erforschen.

An einem heißen Nachmittag kam ich erschöpft und schier verdurstend zu einem abgelegenen Haus in einem Olivenhain und wollte um ein Glas Wasser, ein Stück Brot und um eine Rast im Schatten bitten. Die alte Frau, die vor dem Haus saß und getrocknete Früchte aufreihte, sah merkwürdigerweise gar nicht zu mir auf, als ich sie höflich begrüßte und meine zehn Brocken Italienisch hersagte.

Ich wollte schon verunsichert wieder auf mein Reittier steigen, als sie mich mit einer gebieterischen Handbewegung zu sich heranwinkte. Ich ließ es belustigt geschehen, dass sie meine linke Hand ergriff, sie wendete und vor ihre Augen zog. Sie zog mit ihrem knochigen Mittelfinger eine meiner Handlinien nach, erschrak sichtlich, sah mir aufmerksam in die Augen und murmelte langsam einige Worte, die ich leider nicht verstand.

Als die Frau meine Ratlosigkeit bemerkte, stand sie mühsam auf, reichte mir lächelnd einen Weinschlauch und sagte, so glaube ich mich zu erinnern: „Salute, signore!“ Dann rief sie etwas mit einer heiser klingenden Stimme zum Haus hin, worauf eine junge Frau mit zerzaustem, dichtem schwarzem Haar und in alten und teilweise nass gewordenen Sachen herauskam; sie war sichtlich hinter dem Haus mit Wäschewaschen beschäftigt gewesen. Sie musterte mich abschätzend; als die alte Frau ihr etwas zurief, kam sie näher, machte einen Knicks und verschwand wieder im Haus.

Die Sizilianerin, sie wird eine Dreißigerin gewesen sein, kam lächelnd zurück. Sie hatte versucht, ihr Haar etwas zu bändigen und ihr Hemd so in den Rock zu stecken, dass mein Blick nicht mehr lüstern auf ihre wenig verhüllten Brüste fallen konnte. Sie stellte einen Holzteller mit Brot und ein Schälchen mit Olivenöl vor mich hin; ich hatte mich auf einen abgesägten Holzstumpf am Tisch gesetzt. Sie lächelte mich an, gab mir wieder den Weinschlauch in die Hand und bedeutete mir mit verstehbaren Gesten, dass ich auf sie warten sollte.

Ich nickte, als sie auf den Ätna zeigte und andeutete, mich auf dem Maultier begleiten zu wollen. Sie hatte demnach begriffen, dass ich einer der verrückten Fremdlinge war, die den alten Feuerspeier aus der Nähe sehen wollten. Mit einer Führerin durch das unwegsame Gelände hatte ich gar nicht gerechnet, fand den Gedanken aber sofort gut.

Mein Reittier hatte von der alten Frau einen Eimer Wasser bekommen und stand im Schatten eines Ölbaumes. Die Frau machte mir klar, dass ich es nicht anbinden musste. Sie wies mit dem Kopf zum Haus hin und sagte erklärend: „Paola!“

Ich aß hungrig das würzige Brot, tauchte es einige Male in das Öl und spritzte mir behaglich den dunkelroten Wein in den Mund. Die Rast tat mir gut. Nach einer Viertelstunde erschien die junge Frau wieder und sah ganz anders aus: Sie hatte sich zurechtgemacht wie für die Sonntagsmesse; nein: der hochgeschlitzte Rock und die weit über dem Nabel zusammengebundene rote Bluse hätten die Messdiener sicher auf unfromme Gedanken gebracht. Mich freilich auch.

Paola ging auf mein geduldiges Maultier zu, sprach mit ihm, tätschelte es, schwang sich hinauf und bedeutete mir lachend, hinter ihr aufzusitzen. Ich verbeugte mich dankend vor der alten Frau, legte diskret eine Goldmünze auf den Baumstumpf und stieg hinter der schon sitzenden Reiterin auf. Die Frau lud mich ein, mich an ihren Hüften festzuhalten. Weil ich zu schüchtern zugegriffen hatte, fasste sie meine Hände und legte sie sich fester um ihre Taille herum.

Sie sprach sehr schnell und mit einer angenehmen, dunklen Stimme, erotisch aufreizend, aber leider italienisch, was ich nicht verstand, aber dann lud sie mich auch durch verstehbare Gesten ein, mich auf ihre Führung vertrauensvoll einzulassen. Das tat ich ja längst und mit wachsender Neugier. Ihr Haar duftete nach – ich fand nicht heraus, nach was. Aber es war ein guter Geruch und der stimulierte und betäubte mich zugleich.

Das Maultier schritt unter ihrer Zügelführung irgendwie schneller aus und ich musste mich immer noch überwinden, mich an meiner Führerin festzuhalten. Auf einer halbwegs geraden Strecke ließ sie das Maultier schneller traben. Meine Hände suchten sich immer sicherere und schließlich auch höhere Haltepunkte an der Reiterin. Paola wandte sich um und lachte. Sie hatte auch schöne Zähne. Ihr langes schwarzes Haar wehte mir ins Gesicht. Es roch so gut!

Plötzlich stolperte das Reittier und warf uns hart ab. Ich schrie vor Schmerz und vor Schreck und glaubte, dass meine linke Seite arg verletzt sei. Paola prüfte mit besorgter Miene und erregend fester Hand meine Brustseite, Hüfte und Beine, fand alles noch heil und begann dann, bei sich nach Verletzungen zu suchen. Selbstverständlich half ich ihr dabei. Sie hatte auch keine schlimmen, nur sehr zum Streicheln verführende Hautstellen. Einige Hautabschürfungen behandelte ich versuchsweise mit vorsichtigen Küssen.

Nach zögernden, zärtlichen Berührungen kam unversehens eine sofort ansteckende Wildheit und ein Durst über sie, die mich tief beglückten und auf die ich gern antworten mochte. Als wir nackt waren und uns satt geküsst hatten, verloren wir uns wie in tiefen Wäldern. Und dann jauchzte sie in offensichtlicher Wonne auf, als ich sie über mich hob und unser lustvolles Wechselspiel noch einmal begann. Wir konnten nicht genug voneinander haben.

Wir blieben beide nicht stumm. Dieses Wunder habe ich einige Male in meinem Leben erlebt: Menschen verstanden mich und ich sie, obwohl sie meine Sprache nicht kannten. Ich kam darauf, dass Haustiere uns Zweibeiner in aller Welt sofort „verstehen“, obwohl sie unsere Landessprache nicht gelernt haben. Liegt hier ein Geheimnis verborgen?

Paola sah zärtlich ermattet aus, als sie neben mich und in meine Arme fiel. Ich mochte ihren Geruch. Ihr hättet ihr Lächeln sehen sollen, als ich ihre feucht gewordenen Brüste küsste und als mein Mund, meine Zähne und meine Zunge nicht müde wurden, ihre Haut zu liebkosen. Die beglückende Ewigkeit wird einiges gedauert haben. Neben uns fanden wir einen alten, offenen Weingarten und an dessen Rand floss ein quirliger Bach. Paola zog mich an der Hand zu diesem kühlen Wasser. Wir setzten uns wie sich heiß Liebende in den Bach; sie saß mir zugewandt auf meinem Schoß, ich genoss ihre Brüste mit den runden Rosetten und den mir entgegenwachsenden Knospen darin. Das Wasser hat uns herrlich abgekühlt, aber es zeigte sich, dass noch genügend Glut in uns steckte.

Irgendwann sprang sie auf, lief mir zwischen den Rebstöcken davon und ließ sich von mir fangen und den Sieger spielen, dem sie sich öffnen musste.

Sie wehrte sich heftig dagegen, meinen goldenen Armreif anzunehmen, küsste ihn und mich aber dann doch dankbar und schob ihn sich auf den Oberarm, wo er sich offensichtlich sofort wohl fühlte.

Als wir das Maultier bestiegen, schmiegten wir uns innig aneinander; meine Hände umschlossen zärtlich verliebt ihre festen Brüste. Ach, Freunde, die Schönheit der Frauen blüht selten beim ersten Anblick auf. Und welche Frau ist nicht schön, wenn die Liebe und die Lust uns und alles verklärt?

Wir näherten uns auf gewundenen Pfaden dem Krater, und als wir abstiegen, führte Paola mich an der Hand. Obwohl mir dies ungewohnt war, ließ ich es willig zu. Wir lächelten uns an und zeigten einander, dass wir uns mochten. Das war jetzt mehr als reine Lust: Wir waren an diesem Nachmittag in so kurzer Zeit ein Liebespaar geworden.

Als ich verschnaufen musste und mich umsah, bemerkte ich seitlich über uns eine kleine Höhlenöffnung. Ich wies zu dem Eingang und strebte dorthin. Paola zerrte mich mit erschrecktem Ausdruck fort und rief erregt eine Warnung. Sie unterschätzte aber meine Neugier. Ich machte mich los und stieg auf die Höhle zu. Paola lief hinter mir her, fasste mich an einem Fuß und versuchte mich mit aller ihr möglichen Gewalt zurückzuhalten.

Jetzt fand ich es doch an der Zeit, ihr klarzumachen, dass ich hier der Bestimmende war. Ich herrschte sie gestenreich an und stampfte dramatisch mit dem Fuß auf – dergleichen lieben die Italiener ja. Paola fügte sich und sank schluchzend nieder. In meiner Verbohrtheit kümmerte mich nicht mehr um sie und erreichte schwer atmend die Höhle. Dann sah ich noch einmal zu ihr zurück. Sie schüttelte weinend den Kopf und warnte mich mit heftig gekreuzten Armen, aber mein Forscherdrang war übermächtig geworden und ich glaubte mich ja auch sicher.

Ach, Paola: Viel zu spät kam die Reue: Ich erforschte den falschen Vulkan!

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
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Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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