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Ich erforschte den
falschen Vulkan
In jenem Jahr spie der Ätna starke Rauchwolken aus und in mancher
Nacht flog auch ein gewaltiger Feuersturm aus seinem Krater heraus. Der
geheimnisumwitterte Vulkan zog mich magisch an; ich wollte unbedingt zu
ihm hinauf und in seinen Krater schauen. Tagelang umrundete ich auf
einem Maultier den Ätna und wollte ihn gründlich erforschen.
An einem heißen Nachmittag kam ich erschöpft und schier
verdurstend zu einem abgelegenen Haus in einem Olivenhain und wollte um
ein Glas Wasser, ein Stück Brot und um eine Rast im Schatten
bitten. Die alte Frau, die vor dem Haus saß und getrocknete
Früchte aufreihte, sah merkwürdigerweise gar nicht zu mir
auf, als ich sie höflich begrüßte und meine zehn
Brocken Italienisch hersagte.
Ich wollte schon verunsichert wieder auf mein Reittier steigen, als sie
mich mit einer gebieterischen Handbewegung zu sich heranwinkte. Ich
ließ es belustigt geschehen, dass sie meine linke Hand ergriff,
sie wendete und vor ihre Augen zog. Sie zog mit ihrem knochigen
Mittelfinger eine meiner Handlinien nach, erschrak sichtlich, sah mir
aufmerksam in die Augen und murmelte langsam einige Worte, die ich
leider nicht verstand.
Als die Frau meine Ratlosigkeit bemerkte, stand sie mühsam auf,
reichte mir lächelnd einen Weinschlauch und sagte, so glaube ich
mich zu erinnern: „Salute, signore!“ Dann rief sie etwas mit einer
heiser klingenden Stimme zum Haus hin, worauf eine junge Frau mit
zerzaustem, dichtem schwarzem Haar und in alten und teilweise nass
gewordenen Sachen herauskam; sie war sichtlich hinter dem Haus mit
Wäschewaschen beschäftigt gewesen. Sie musterte mich
abschätzend; als die alte Frau ihr etwas zurief, kam sie
näher, machte einen Knicks und verschwand wieder im Haus.
Die Sizilianerin, sie wird eine Dreißigerin gewesen sein, kam
lächelnd zurück. Sie hatte versucht, ihr Haar etwas zu
bändigen und ihr Hemd so in den Rock zu stecken, dass mein Blick
nicht mehr lüstern auf ihre wenig verhüllten Brüste
fallen konnte. Sie stellte einen Holzteller mit Brot und ein
Schälchen mit Olivenöl vor mich hin; ich hatte mich auf einen
abgesägten Holzstumpf am Tisch gesetzt. Sie lächelte mich an,
gab mir wieder den Weinschlauch in die Hand und bedeutete mir mit
verstehbaren Gesten, dass ich auf sie warten sollte.
Ich nickte, als sie auf den Ätna zeigte und andeutete, mich auf
dem Maultier begleiten zu wollen. Sie hatte demnach begriffen, dass ich
einer der verrückten Fremdlinge war, die den alten Feuerspeier aus
der Nähe sehen wollten. Mit einer Führerin durch das
unwegsame Gelände hatte ich gar nicht gerechnet, fand den Gedanken
aber sofort gut.
Mein Reittier hatte von der alten Frau einen Eimer Wasser bekommen und
stand im Schatten eines Ölbaumes. Die Frau machte mir klar, dass
ich es nicht anbinden musste. Sie wies mit dem Kopf zum Haus hin und
sagte erklärend: „Paola!“
Ich aß hungrig das würzige Brot, tauchte es einige Male in
das Öl und spritzte mir behaglich den dunkelroten Wein in den
Mund. Die Rast tat mir gut. Nach einer Viertelstunde erschien die junge
Frau wieder und sah ganz anders aus: Sie hatte sich zurechtgemacht wie
für die Sonntagsmesse; nein: der hochgeschlitzte Rock und die weit
über dem Nabel zusammengebundene rote Bluse hätten die
Messdiener sicher auf unfromme Gedanken gebracht. Mich freilich auch.
Paola ging auf mein geduldiges Maultier zu, sprach mit ihm,
tätschelte es, schwang sich hinauf und bedeutete mir lachend,
hinter ihr aufzusitzen. Ich verbeugte mich dankend vor der alten Frau,
legte diskret eine Goldmünze auf den Baumstumpf und stieg hinter
der schon sitzenden Reiterin auf. Die Frau lud mich ein, mich an ihren
Hüften festzuhalten. Weil ich zu schüchtern zugegriffen
hatte, fasste sie meine Hände und legte sie sich fester um ihre
Taille herum.
Sie sprach sehr schnell und mit einer angenehmen, dunklen Stimme,
erotisch aufreizend, aber leider italienisch, was ich nicht verstand,
aber dann lud sie mich auch durch verstehbare Gesten ein, mich auf ihre
Führung vertrauensvoll einzulassen. Das tat ich ja längst und
mit wachsender Neugier. Ihr Haar duftete nach – ich fand nicht heraus,
nach was. Aber es war ein guter Geruch und der stimulierte und
betäubte mich zugleich.
Das Maultier schritt unter ihrer Zügelführung irgendwie
schneller aus und ich musste mich immer noch überwinden, mich an
meiner Führerin festzuhalten. Auf einer halbwegs geraden Strecke
ließ sie das Maultier schneller traben. Meine Hände suchten
sich immer sicherere und schließlich auch höhere Haltepunkte
an der Reiterin. Paola wandte sich um und lachte. Sie hatte auch
schöne Zähne. Ihr langes schwarzes Haar wehte mir ins
Gesicht. Es roch so gut!
Plötzlich stolperte das Reittier und warf uns hart ab. Ich schrie
vor Schmerz und vor Schreck und glaubte, dass meine linke Seite arg
verletzt sei. Paola prüfte mit besorgter Miene und erregend fester
Hand meine Brustseite, Hüfte und Beine, fand alles noch heil und
begann dann, bei sich nach Verletzungen zu suchen.
Selbstverständlich half ich ihr dabei. Sie hatte auch keine
schlimmen, nur sehr zum Streicheln verführende Hautstellen. Einige
Hautabschürfungen behandelte ich versuchsweise mit vorsichtigen
Küssen.
Nach zögernden, zärtlichen Berührungen kam unversehens
eine sofort ansteckende Wildheit und ein Durst über sie, die mich
tief beglückten und auf die ich gern antworten mochte. Als wir
nackt waren und uns satt geküsst hatten, verloren wir uns wie in
tiefen Wäldern. Und dann jauchzte sie in offensichtlicher Wonne
auf, als ich sie über mich hob und unser lustvolles Wechselspiel
noch einmal begann. Wir konnten nicht genug voneinander haben.
Wir blieben beide nicht stumm. Dieses Wunder habe ich einige Male in
meinem Leben erlebt: Menschen verstanden mich und ich sie, obwohl sie
meine Sprache nicht kannten. Ich kam darauf, dass Haustiere uns
Zweibeiner in aller Welt sofort „verstehen“, obwohl sie unsere
Landessprache nicht gelernt haben. Liegt hier ein Geheimnis verborgen?
Paola sah zärtlich ermattet aus, als sie neben mich und in meine
Arme fiel. Ich mochte ihren Geruch. Ihr hättet ihr Lächeln
sehen sollen, als ich ihre feucht gewordenen Brüste küsste
und als mein Mund, meine Zähne und meine Zunge nicht müde
wurden, ihre Haut zu liebkosen. Die beglückende Ewigkeit wird
einiges gedauert haben. Neben uns fanden wir einen alten, offenen
Weingarten und an dessen Rand floss ein quirliger Bach. Paola zog mich
an der Hand zu diesem kühlen Wasser. Wir setzten uns wie sich
heiß Liebende in den Bach; sie saß mir zugewandt auf meinem
Schoß, ich genoss ihre Brüste mit den runden Rosetten und
den mir entgegenwachsenden Knospen darin. Das Wasser hat uns herrlich
abgekühlt, aber es zeigte sich, dass noch genügend Glut in
uns steckte.
Irgendwann sprang sie auf, lief mir zwischen den Rebstöcken davon
und ließ sich von mir fangen und den Sieger spielen, dem sie sich
öffnen musste.
Sie wehrte sich heftig dagegen, meinen goldenen Armreif anzunehmen,
küsste ihn und mich aber dann doch dankbar und schob ihn sich auf
den Oberarm, wo er sich offensichtlich sofort wohl fühlte.
Als wir das Maultier bestiegen, schmiegten wir uns innig aneinander;
meine Hände umschlossen zärtlich verliebt ihre festen
Brüste. Ach, Freunde, die Schönheit der Frauen blüht
selten beim ersten Anblick auf. Und welche Frau ist nicht schön,
wenn die Liebe und die Lust uns und alles verklärt?
Wir näherten uns auf gewundenen Pfaden dem Krater, und als wir
abstiegen, führte Paola mich an der Hand. Obwohl mir dies
ungewohnt war, ließ ich es willig zu. Wir lächelten uns an
und zeigten einander, dass wir uns mochten. Das war jetzt mehr als
reine Lust: Wir waren an diesem Nachmittag in so kurzer Zeit ein
Liebespaar geworden.
Als ich verschnaufen musste und mich umsah, bemerkte ich seitlich
über uns eine kleine Höhlenöffnung. Ich wies zu dem
Eingang und strebte dorthin. Paola zerrte mich mit erschrecktem
Ausdruck fort und rief erregt eine Warnung. Sie unterschätzte aber
meine Neugier. Ich machte mich los und stieg auf die Höhle zu.
Paola lief hinter mir her, fasste mich an einem Fuß und versuchte
mich mit aller ihr möglichen Gewalt zurückzuhalten.
Jetzt fand ich es doch an der Zeit, ihr klarzumachen, dass ich hier der
Bestimmende war. Ich herrschte sie gestenreich an und stampfte
dramatisch mit dem Fuß auf – dergleichen lieben die Italiener ja.
Paola fügte sich und sank schluchzend nieder. In meiner
Verbohrtheit kümmerte mich nicht mehr um sie und erreichte schwer
atmend die Höhle. Dann sah ich noch einmal zu ihr zurück. Sie
schüttelte weinend den Kopf und warnte mich mit heftig gekreuzten
Armen, aber mein Forscherdrang war übermächtig geworden und
ich glaubte mich ja auch sicher.
Ach, Paola: Viel zu spät kam die Reue: Ich erforschte den falschen
Vulkan!
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