Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Hochzeitsgast in einem russischen Dorf

Tage-und nächtelang ritt ich durch heftiges Schneetreiben und fand mich schon lange nicht mehr nach meinen Karten zurecht. Schließlich überließ ich es wieder meinem Pferd, mich irgendwohin zu bringen; weibliche Intuition bringt uns ja oft weiter. Vor einem hell erleuchteten Haus blieb mein kluges und mich richtig einschätzendes Tier endlich stehen.

Ich empfand es als unerhörtes Glück, dass es ein Gasthaus war. Musik und Gesang schollen mir entgegen; eine ländliche Hochzeit wurde offenbar schon seit einigen Stunden gefeiert und ich wurde im Nu in die fröhliche Gesellschaft aufgenommen. Man behandelte mich wie einen lange erwarteten Ehrengast. Dass ich ihre Sprache nicht sprach, fiel nicht weiter auf, weil in dem beträchtlichen Lärm ohnehin kaum etwas zu verstehen war.

Der bereits schwankende Bräutigam in einem Offiziersrock machte mir einen Platz neben der Braut frei. Als ich mein Pferd versorgt hatte, und nachdem ich mich ausgiebig gestärkt hatte und mich wieder warm fühlte, bat mich die aparte und anziehende Frau um einen Ehrentanz. Sie hieß Jelena; wir wurden vergnügt und lachten, tranken und sangen, und mir wurde erst später bewusst, dass wir uns großartig verständigt hatten, obwohl keiner von uns des anderen gesprochene Sprache verstand.

Wir tranken etwas, das erheblich stärker war als Wein. Ich war leichtsinnig und vertrug für russische Verhältnisse noch sehr wenig. Die etwas füllige Braut hatte allerliebste braune Löckchen und sie lachte wie ein Engel, vielleicht öfter und länger und sie war auch weniger nüchtern.

Das Ende des Festes ist mir nicht mehr erinnerlich. Aber ich weiß noch gut, dass ich ungewöhnlich unfreundlich geweckt wurde: Ein großer Kerl stand schreiend vor meinem Bett und schlug mit einem dicken Prügel auf mich ein. Rasch verbarg ich mich unter dem riesigen Federbett und traf hierunter verwundert die Braut, die sich sogleich zitternd an mich schmiegte. Mir schwante sofort, dass man mich offenbar mit einem feindlichen Spion verwechselte. Ich bereitete unter dem Federbett einen Angriff vor und trat dem Angreifer, immer noch durch das dicke Federbett gegen seine Schläge geschützt, so wuchtig mit beiden Füßen gegen den Bauch, dass er mit dem Hinterkopf an eine Zimmerwand schlug und sofort ohnmächtig zusammensank.

Jelena hatte ich übrigens, obwohl sie jetzt keine Brautkrone mehr trug und das schwere Brautkleid und später, das war dann schon „in meiner Zeit“, auch alles andere ausgezogen hatte, im Dunkeln an ihrem Weihrauch-Parfüm erkannt. Sie half mir, den Mann, vielleicht war es ja der wieder nüchtern gewordene Bräutigam, aus dem Fenster in den Schnee zu werfen und unsere Kammer gut zu verriegeln.
Die Kälte zwang uns, einander unter der Bettdecke freundschaftlich zu wärmen und uns mit einer rasch erfundenen, verblüffend einfachen, wortlosen Verständigungs- methode über ein angemessenes Vorgehen zu einigen.

Ich erinnere mich noch an ihre schweren Brüste, die sie lustvoll und jauchzend meinem Mund und meinen Händen überließ, an ihre inspirierenden Wölbungen, an ihr selbstverständliches Greifen nach mir und an ihren fordernden Schoß. Auch im lustvollen Aufeinanderzubewegen lachte sie immer noch; sie war verschmust und ganz unverkrampft.

Offenbar war ihr Auserwählter viel zu oft durch Trunkenheit gehindert, die für mich überdeutliche starke Sinnlichkeit seiner Liebsten zu entdecken – jammerschade!
Wir wurden in unserer privaten Völkerverständigung und gerade, als sie rücklings auf mir lag und ich während unserer ernsthaften Liebesarbeit ihre Brüste umfassen konnte, durch eine Horde lärmender, wildwütiger Kerle gestört, die sich daran machten, unsere Kammertür aufzubrechen. Ich erkannte den Ernst der Lage und konnte im letzten Augenblick mit Jelenas Hilfe durch das Fenster entkommen, leider nur mit bloßer Haut. Die selbst noch unbekleidete Schöne warf mir einige Kleidungsstücke nach.

Es war unbequem, mich im tiefen Schnee anzukleiden, zumal mich einige Kleidungsstücke in falscher Reihenfolge erreichten. Immerhin hatte ich bereits Stiefel und meinem Mantel an, als die mit Stöcken bewaffneten Burschen von außen auf mich zustürzten. Zu spät war es auch, meine Pistole zu ziehen, deshalb wählte ich instinktiv eine natürliche Waffe: Ich holte tief Luft und stieß in die Morgenstille hinein meinen „Todesschrei“ aus, der schon einige Male großes Entsetzen verbreitet hatte und auch diesmal seine von mir vorbedachte Wirkung nicht verfehlte: Die Meute hielt sich die Ohren zu und schnitt die seltsamsten Grimassen.

Ich unterdrückte meinen Lachreiz, wiederholte aber den furchtbaren Schrei und zog ihn absichtlich in die Höhe und in die Länge. Das konnten sie nicht ertragen; sie zogen sich ihre Jacken über die Köpfe und schlichen wie geprügelte Hunde ins Haus zurück.

Es war kein Zweifel: ich musste schleunigst fliehen. Ich warf der liebenswerten Frau außer einem fliegenden Kuss alle Goldstücke zu, die ich in meiner Rocktasche hatte. Meine treue Lotte musste ich zu meinem Schmerz zurücklassen, aber den vor dem Wirtshaus stehenden zweispännigen Bauernwagen konnte ich zu meiner Flucht benutzen. Zu meiner Erleichterung wurde ich nicht verfolgt.

Die einmalige Jelena erscheint mir ab und an noch im Traum. Meistens muss ich sie gegen irgendwelche Kerle verteidigen und sie legt sich dann lachend mit ihren vollen Brüsten und ihrem lüsternen Bauch auf mich und belohnt mich auf eine fröhliche und beglückende Art.



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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
Impressum und Kontakt




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