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Heilige in der Kirche,
Dame im Salon
und im Bett eine…
Die nächste Einladung kam aus Spanien. Dort gab es eine als
„überzählig“ angesehene sechsundzwanzigjährige
Prinzessin, die den Diplomaten als fast zu alt erschien, aber sie
versprachen sich eine günstige Verhandlungssituation von diesem
„Nachteil“.
Welch ein Unterschied zu Ungarn! Wir fühlten uns in Madrid eher
als Eindringlinge, nicht als willkommene Gäste. Höflinge
umgaben mich und meine Begleitung ständig und mit deutlichem
Misstrauen.
Drei Wochen lang bekam ich Prinzessin Inez nur von ferne zu sehen. Als
uns einmal eine lange Festtafel trennte, bemerkte ich, dass sie einige
Male verstohlen zu mir hinüber sah. Weil mir weiterhin jeder
direkte Kontakt untersagt war, beschloss ich nach einer Beratung mit
unserem Botschafter, meine sofortige Abreise anzukündigen.
Unsere Überlegung erwies sich als falsch und gefährlich.
Statt nachzugeben, hielt man Härte für angemessen und
verhaftete mich zwei Stunden lang unter der Anschuldigung, spioniert zu
haben. Unser Botschafter erwies sich als lahme Ente; gerettet wurde ich
allein durch Prinzessin Inez, einer für mich auch unter allen
Lebensgefahren absolut entführungswürdigen Frau.
Ihr hättet sie sehen sollen, wie sie mit einigen Bewaffneten,
deren Stiefel ich von weitem bedrohlich nahen hörte, im
Gefängnis erschien, die Wachen wegtreten und mich ungefesselt vor
sich kommen ließ. Ich vergesse nie ihr amüsiertes
Lächeln, als ich, nun ja, vielleicht etwas zu innig, ihre
Füße küsste und mich von ihr nur zögernd zum
Aufstehen auffordern ließ. Als ich mich langsam erhob, konnte ich
es nicht verhindern, dass meine Stirn ihren Bauch streifte. Ich fand
sie sehr begehrenswert und auch unbeabsichtigt zu großem
Leichtsinn verführend – und habe ihr das später auch gesagt.
Am selben Abend war ich nämlich der einzige männliche Gast
auf dem Fest, das Prinzessin Inez für einige Freundinnen
veranstaltete. Uns bedienten auch nur Dienerinnen. Ihre Eltern waren
irgendwo auf Staatsbesuch und darauf reagierte das ganze Personal
erleichtert und fast übermütig.
Offensichtlich vertrugen die jungen Frauen noch weniger Wein als ich.
Ich erinnerte mich bei der Heimfahrt in einer sehr prächtigen
Hofkutsche nur noch an unsere ersten, immer inniger werdenden
Tänze und an die Pfänderspiele, die erstaunlich ähnlich
verliefen, wie die damals an der Weser erlebten. Alle Frauen waren sehr
ausgelassen und lieb – und auffallend aufgeschlossen für
vorgeblich nur gespielte sehnsuchtsvolle und leidenschaftliche
Umarmungen und Küsse.
Meine herrlich eifersuchtsarme Gräfin sah, als ich erst zur
Frühstückszeit zurückkam, lachend wieder mehrere
triftige Gründe, mich einer ganzen Reihe von
erschießungswürdigen Handlungen zu verdächtigen.
Tagelang ereignete sich danach nichts. Ich war unschlüssig, ob ich
meine Abreise riskieren konnte. Eines nachts, die Gräfin und ich
lagen innig umschlungen im Tiefschlaf, pochte es wiederholt leise an
meine Tür. Eve-Marie weckte mich vollends, flüsterte etwas,
das ich nicht sofort verstand und verschwand in einem Nebenzimmer.
Ich taumelte schlaftrunken zur Tür, schloss sie auf und hatte Inez
im Arm. Sie trug ein betörendes, durchsichtiges Nachthemd, das bis
zum Boden reichte und bis zum Nabel geöffnet war. Ich war sofort
hellwach, hob die auf-und anreizende Besucherin hoch und trug sie in
mein Bett. Es schien ihr aus Wärmegründen willkommen zu sein.
Danach verwöhnte sie mich mit durstigen Küssen; ich nahm
nichts geschenkt und als ich ihr zur Schonung das kostbare Nachthemd
auszog, breitete sie lustvoll stöhnend die Arme aus,
überließ meinem Mund ihre Brüste und ihren Bauch und
stieß mein Gesicht dann in ihren aufbäumenden Schoß.
Unwillkürlich erinnerte ich mich an eine leichtlebige junge
Frauengestalt in einer Novelle von Cervantes, die es als ihre und nicht
nur ihre Lebensaufgabe erkannt hatte, eine Heilige in der Kirche zu
sein, eine Dame im Salon, eine Schöne auf dem Balkon und ein
Teufel im Bett.
Inez sah nicht, dass Eve-Marie sich auf Zehenspitzen hinaus schlich.
Weil die Gräfin mir unter der Tür eine Kusshand zuwarf,
durfte ich sicher sein, dass sie mir die loyale Erfüllung meiner
Aufgabe nicht übel nahm, und bei meinem nächsten
Überraschungsschlag half sie mir mit ihrer erstaunlich
freischwebenden Fantasie.
Ich improvisierte für Prinzessin Inez ein „Diner d´Amour“,
eine Erstaufführung und ohne Vorbild erfunden – und ich ahnte
damals nicht, dass ich dieses fantastisch wirkungsvolle Spektakel
später noch einige Male arrangieren würde.
Der verrückte Einfall und der spanische Wein hatten meine Fantasie
ebenso beflügelt wie meine glutvolle Geliebte. Inez nahm mein
Angebot, das ich ihr ins Ohr raunte, als sie noch ungesättigt auf
mir lag, lüstern an und verstand es aufregend, mich zu gewagten
Voraussagen zu verleiten.
Eve-Marie kommentierte nur: „Eine schöne Aufgabe. Soll es
übermorgen sein? Das schaffen wir schon.“ Und dann probten wir
alles liebevoll und wie immer mit ziemlicher Leidenschaft: Wir erfanden
Süßspeisen mit Früchten und Sahne und dachten uns aus,
wo ich auf und ein bisschen auch in Inez gut verstecktes reifes
Fruchtfleisch etwa von Pfirsichen und Mandarinen und Ananas entdecken
konnte.
Ein besonderes Erlebnis sollte die Variation des flüssigen
Schokoladengusses diesmal über Inez´ betörend
saugsüchtig machenden Brüsten sein, den ich dann, ohnehin
innigst mit ihr vereint, verzehren und ihr davon auch mitgeben wollte.
Eve-Marie hatte eine gute Zubereitung herausgefunden: sie ließ
die gerösteten und fein zerstoßenen Kakaobohnen in kochendem
Wasser mit einer Prise Zucker, etwas Zimt, einer Nelke und einem Hauch
Pfeffer noch kurz köcheln. Außer der Zubereitung haben wir
auch den liebevollen Verzehr in einigen Variationen geübt. Danach
war der umwerfende nächtliche Erfolg für mich schon nicht
mehr überraschend, aber für Inez war es, wie sie mir
zuflüsterte, das Traumereignis ihres bisherigen Lebens.
Selten fand ich Regierungsgeschäfte so angenehm wie damals in
Madrid in einem Schloss in ergreifend malerischer Landschaft,
während der Abwesenheit des Königspaares, die uns herrlich
Zeit zu allen Erkundungen ließ.
Mit Stolz erfuhr ich, dass meine begeisterten Berichte über
Prinzessin Inez zu einer Einladung der spanischen Königsfamilie an
den französischen Hof führten. Ich erfuhr nie die
Gründe, die eine Verbindung der beiden Königshäuser
letztlich verhinderten.
Der Thronfolger ahnte im Gegensatz zu mir nicht, was ihm entging.
Giacomo Casanova hatte herausgefunden, dass dieselbe Frau bei einem
Mann ein Eisklotz und bei einem anderen ein Vulkan sein kann. Das wird
auch umgekehrt gelten. Ich halte es für ein unerhörtes
Glück und für ein wunderbares Geschenk, wenn sich alles
günstig fügt. Aber Königsfamilien finden oft anderes
wichtiger, wahrscheinlich aus irgendeiner Machtgier heraus.
Noch Jahre später soll ich übrigens, wenn jemand nachts an
mein Schlafgemach klopfte, erwartungsvoll die Türe aufgerissen
haben – und ich enttäuschte und wirkte jedesmal enttäuscht,
weil es nicht die liebestrunkene Inez war.
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