Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Heilige in der Kirche, Dame im Salon
und im Bett eine…


Die nächste Einladung kam aus Spanien. Dort gab es eine als „überzählig“ angesehene sechsundzwanzigjährige Prinzessin, die den Diplomaten als fast zu alt erschien, aber sie versprachen sich eine günstige Verhandlungssituation von diesem „Nachteil“.

Welch ein Unterschied zu Ungarn! Wir fühlten uns in Madrid eher als Eindringlinge, nicht als willkommene Gäste. Höflinge umgaben mich und meine Begleitung ständig und mit deutlichem Misstrauen.

Drei Wochen lang bekam ich Prinzessin Inez nur von ferne zu sehen. Als uns einmal eine lange Festtafel trennte, bemerkte ich, dass sie einige Male verstohlen zu mir hinüber sah. Weil mir weiterhin jeder direkte Kontakt untersagt war, beschloss ich nach einer Beratung mit unserem Botschafter, meine sofortige Abreise anzukündigen.

Unsere Überlegung erwies sich als falsch und gefährlich. Statt nachzugeben, hielt man Härte für angemessen und verhaftete mich zwei Stunden lang unter der Anschuldigung, spioniert zu haben. Unser Botschafter erwies sich als lahme Ente; gerettet wurde ich allein durch Prinzessin Inez, einer für mich auch unter allen Lebensgefahren absolut entführungswürdigen Frau.

Ihr hättet sie sehen sollen, wie sie mit einigen Bewaffneten, deren Stiefel ich von weitem bedrohlich nahen hörte, im Gefängnis erschien, die Wachen wegtreten und mich ungefesselt vor sich kommen ließ. Ich vergesse nie ihr amüsiertes Lächeln, als ich, nun ja, vielleicht etwas zu innig, ihre Füße küsste und mich von ihr nur zögernd zum Aufstehen auffordern ließ. Als ich mich langsam erhob, konnte ich es nicht verhindern, dass meine Stirn ihren Bauch streifte. Ich fand sie sehr begehrenswert und auch unbeabsichtigt zu großem Leichtsinn verführend – und habe ihr das später auch gesagt.

Am selben Abend war ich nämlich der einzige männliche Gast auf dem Fest, das Prinzessin Inez für einige Freundinnen veranstaltete. Uns bedienten auch nur Dienerinnen. Ihre Eltern waren irgendwo auf Staatsbesuch und darauf reagierte das ganze Personal erleichtert und fast übermütig.

Offensichtlich vertrugen die jungen Frauen noch weniger Wein als ich. Ich erinnerte mich bei der Heimfahrt in einer sehr prächtigen Hofkutsche nur noch an unsere ersten, immer inniger werdenden Tänze und an die Pfänderspiele, die erstaunlich ähnlich verliefen, wie die damals an der Weser erlebten. Alle Frauen waren sehr ausgelassen und lieb – und auffallend aufgeschlossen für vorgeblich nur gespielte sehnsuchtsvolle und leidenschaftliche Umarmungen und Küsse.

Meine herrlich eifersuchtsarme Gräfin sah, als ich erst zur Frühstückszeit zurückkam, lachend wieder mehrere triftige Gründe, mich einer ganzen Reihe von erschießungswürdigen Handlungen zu verdächtigen.

Tagelang ereignete sich danach nichts. Ich war unschlüssig, ob ich meine Abreise riskieren konnte. Eines nachts, die Gräfin und ich lagen innig umschlungen im Tiefschlaf, pochte es wiederholt leise an meine Tür. Eve-Marie weckte mich vollends, flüsterte etwas, das ich nicht sofort verstand und verschwand in einem Nebenzimmer.

Ich taumelte schlaftrunken zur Tür, schloss sie auf und hatte Inez im Arm. Sie trug ein betörendes, durchsichtiges Nachthemd, das bis zum Boden reichte und bis zum Nabel geöffnet war. Ich war sofort hellwach, hob die auf-und anreizende Besucherin hoch und trug sie in mein Bett. Es schien ihr aus Wärmegründen willkommen zu sein.

Danach verwöhnte sie mich mit durstigen Küssen; ich nahm nichts geschenkt und als ich ihr zur Schonung das kostbare Nachthemd auszog, breitete sie lustvoll stöhnend die Arme aus, überließ meinem Mund ihre Brüste und ihren Bauch und stieß mein Gesicht dann in ihren aufbäumenden Schoß.

Unwillkürlich erinnerte ich mich an eine leichtlebige junge Frauengestalt in einer Novelle von Cervantes, die es als ihre und nicht nur ihre Lebensaufgabe erkannt hatte, eine Heilige in der Kirche zu sein, eine Dame im Salon, eine Schöne auf dem Balkon und ein Teufel im Bett.

Inez sah nicht, dass Eve-Marie sich auf Zehenspitzen hinaus schlich. Weil die Gräfin mir unter der Tür eine Kusshand zuwarf, durfte ich sicher sein, dass sie mir die loyale Erfüllung meiner Aufgabe nicht übel nahm, und bei meinem nächsten Überraschungsschlag half sie mir mit ihrer erstaunlich freischwebenden Fantasie.

Ich improvisierte für Prinzessin Inez ein „Diner d´Amour“, eine Erstaufführung und ohne Vorbild erfunden – und ich ahnte damals nicht, dass ich dieses fantastisch wirkungsvolle Spektakel später noch einige Male arrangieren würde.

Der verrückte Einfall und der spanische Wein hatten meine Fantasie ebenso beflügelt wie meine glutvolle Geliebte. Inez nahm mein Angebot, das ich ihr ins Ohr raunte, als sie noch ungesättigt auf mir lag, lüstern an und verstand es aufregend, mich zu gewagten Voraussagen zu verleiten.

Eve-Marie kommentierte nur: „Eine schöne Aufgabe. Soll es übermorgen sein? Das schaffen wir schon.“ Und dann probten wir alles liebevoll und wie immer mit ziemlicher Leidenschaft: Wir erfanden Süßspeisen mit Früchten und Sahne und dachten uns aus, wo ich auf und ein bisschen auch in Inez gut verstecktes reifes Fruchtfleisch etwa von Pfirsichen und Mandarinen und Ananas entdecken konnte.

Ein besonderes Erlebnis sollte die Variation des flüssigen Schokoladengusses diesmal über Inez´ betörend saugsüchtig machenden Brüsten sein, den ich dann, ohnehin innigst mit ihr vereint, verzehren und ihr davon auch mitgeben wollte. Eve-Marie hatte eine gute Zubereitung herausgefunden: sie ließ die gerösteten und fein zerstoßenen Kakaobohnen in kochendem Wasser mit einer Prise Zucker, etwas Zimt, einer Nelke und einem Hauch Pfeffer noch kurz köcheln. Außer der Zubereitung haben wir auch den liebevollen Verzehr in einigen Variationen geübt. Danach war der umwerfende nächtliche Erfolg für mich schon nicht mehr überraschend, aber für Inez war es, wie sie mir zuflüsterte, das Traumereignis ihres bisherigen Lebens.

Selten fand ich Regierungsgeschäfte so angenehm wie damals in Madrid in einem Schloss in ergreifend malerischer Landschaft, während der Abwesenheit des Königspaares, die uns herrlich Zeit zu allen Erkundungen ließ.

Mit Stolz erfuhr ich, dass meine begeisterten Berichte über Prinzessin Inez zu einer Einladung der spanischen Königsfamilie an den französischen Hof führten. Ich erfuhr nie die Gründe, die eine Verbindung der beiden Königshäuser letztlich verhinderten.

Der Thronfolger ahnte im Gegensatz zu mir nicht, was ihm entging. Giacomo Casanova hatte herausgefunden, dass dieselbe Frau bei einem Mann ein Eisklotz und bei einem anderen ein Vulkan sein kann. Das wird auch umgekehrt gelten. Ich halte es für ein unerhörtes Glück und für ein wunderbares Geschenk, wenn sich alles günstig fügt. Aber Königsfamilien finden oft anderes wichtiger, wahrscheinlich aus irgendeiner Machtgier heraus.

Noch Jahre später soll ich übrigens, wenn jemand nachts an mein Schlafgemach klopfte, erwartungsvoll die Türe aufgerissen haben – und ich enttäuschte und wirkte jedesmal enttäuscht, weil es nicht die liebestrunkene Inez war.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
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Ich selbst
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