Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
Home
Home           




Gewöhnungsbedürftiges

Die beiden Sänftenträger sollen mich in ihrem schlimmen Holpertrab zum Sultanspalast bringen. Die Männer staunen über meine nasse Nacktheit; der Trompeter gibt mir seinen Umhang, die restliche Kleidung besorgt mir am Ziel die Palastwache. Vornehm sehe ich damit nicht aus.

Der Sultan hat Besuch aus England; er trägt die Uniform eines Admirals. Ich werde ihm als Freund und Berater des Sultans vorgestellt, aber der Brite ist ungewöhnlich arrogant; er sieht glatt über mich hinweg. Das ärgert mich; ich stelle ihm eine seemännische Fangfrage, auf die er prompt hereinfällt. Ich erschrecke selbst über meinen Erfolg und mache dem Sultan das mit allen Hofleuten abgesprochene Zeichen für „Gefahr für den Herrscher“. In der folgenden Sekunde lässt ein immer wachsamer Wächter einen dicken Baldachin über den Thron herabfallen und die Leibwächter stürzen mit ihren Krummsäbeln herbei und sind begierig, einen Gefährlichen notfalls auch vorbeugend niederzumetzeln.

Nun blickt mich der angebliche Admiral entsetzt an. Aber jetzt beachte ich ihn nicht, mache den Wachen lässig das Zeichen des Halsabschneidens und schreite lächelnd zur Tür. Die Wachen packen ihn laut schreiend, treten ihm in die Kniekehlen und werfen ihn zu Boden. Da schreit er hinter mir her: "Help me, Efendi, please!" Ich würdige ihn keiner Antwort und weise die Rachsüchtigen an, den Spion in den untersten Turmkerker zu sperren, der wegen seiner Rattenplage besonders gefürchtet ist. Vielleicht ist er ja tierliebend...

Später tafle ich vergnügt mit dem Sultan und einigen Würdenträgern. Als die Frauen aus seinem südamerikanischen Reserve-Harem zugelassen werden und wir alle schon von ihren anregenden Tänzen beschwingt sind, befiehlt der Sultan, unter meiner Anleitung in Paaren zu tanzen wie an den westlichen Höfen. Das finden alle äußerst unterhaltsam. Nach allgemeiner Erschöpfung ruhen wir in der Kühle eines schattigen Gartens.

Am späten Nachmittag unterhalten uns Musikanten und fernasiatische Tänzerinnen. Wir plaudern angeregt in unserem Mehrsprachen-Gemisch und dann begann das Fest der Süßigkeiten, das sich lange hinzog. Ohne die herrliche arabische Erfindung, aus gerösteten Kaffeebohnen ein sehr belebendes Getränk zu bereiten, hätte ich manchen langen Tag beim Sultan kaum durchgestanden.

Plötzlich will der Sultan wieder tanzen. Er bewegt sich trotz seiner beträchtlichen Körperfülle im Rhythmus der für meinen Geschmack eintönigen Musik noch recht gelenkig. Mit einem Wink verabschiedet er dann die größere Gesellschaft. Wir sitzen beim opulenten süßen Schmaus an einem großen Tisch mit goldenen Löwenfüßen. Zwei seiner südamerikanischen Schönheiten verwöhnen uns seit einiger Zeit auf eine äußerst kunstvolle und wahnsinnig erregende Art nur mit ihren kleinen Füßen – unter den Tischtüchern.

Und dann zieht der Sultan die unter ihm wirkende Frau hoch. Sie hat das sichtlich erwartet, wirft ihr langes Haar lachend zurück und breitet ergeben ihre Arme aus. Der Sultan wirft die Nackte über den Tisch, hebt ihre Beine hoch und dringt in sie ein. Geschirr und Gläser gehen rücksichtslos zu Bruch. Die Musik spielt weiter.

Die für mich schwerere Zumutung kommt noch: Mit einer energischen Kopfbewegung fordert der Sultan mich auf, seinem Beispiel zu folgen. Als ich zögere, verstärkt er seine mimische Aufforderung. Ich kann mich diesem Befehl nicht verweigern, ohne ihn zu brüskieren, aber ich will auf jeden Fall weniger Porzellan zerschlagen.

Gegen Mitternacht baden wir mit sechs oder sieben ausgewählten Frauen im Marmorbad auf der Palast-Terrasse. Wir bewundern den großartigen Sternenhimmel und ich finde es so romantisch – mit zwei zärtlichen Schönheiten im Arm, dass ich ein französisches Gedicht rezitiere.

Das ist für mich der letzte Dienst an diesem Tag und dann kann ich mich endlich verabschieden und zu meinen Frauen eilen. Wie immer warten sie seit Stunden auf mich; meistens, wenn ich ihnen durch einen Boten eine Nachricht schicken konnte, empfangen sie mich dann in unserer Abwandlung eines Türkischen Bades. Im ersten Gebäudeteil taste ich mich nackt im Dunkeln und in den Dampfschwaden langsam voran. Ich lasse mich genießerisch durch ihre innigen und oft leidenschaftlichen Umarmungen aufhalten und aufsaugen, fühle ihre weichen, duftenden und vertrauten Leiber und erkenne dabei viele der über fünfzig Frauen – das war viel schöner als bei den Orgien in Petersburg, denn ich muss die Frauen mit niemandem teilen.

Meine Frauen begleiten mich in das heiße salzhaltige Tauchbad, das ein wenig bläulich beleuchtet ist. Ich habe so herrlich viele Zärtlichkeiten zu erwidern! Im nächsten Raum liegen wir auf den flachen heißen Steinen und ich werde bei einschmeichelnder Musik durch einige besonders Kundige wohltuend zart geknetet; meine Muskeln werden gelockert. Häufig schlafe ich dabei ein und meine Frauen zaubern mich dann irgendwie in mein Schlafgemach hinein. Heute sitzt Yuma sehnsuchtsvoll vor meinem großen Bett.

Die überlangen Abende in der äußerst ehrenvollen Gesellschaft des Sultans habe ich später mit einer anderen Tätigkeit wirkungsvoll abkürzen können: Ich schrieb eine Geschichte des Osmanischen Reiches und stellte seine Persönlichkeit besonders umfassend heraus. Und weil ich vorgeblich am besten abends arbeiten kann, bekam ich häufiger freie Zeit für diese wichtige Arbeit, bei der mir Graf Dodo übrigens wertvolle Hilfe geleistet hat.

Seiten  31
<   32   >
 33


Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
Impressum und Kontakt




Webseitengestaltung von Gundula Lendt www.lendt-webdesign.de