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Frühstück
für Nessie
Am Nachmittag des folgenden Tages waren alle Wolken fortgeweht. Ich
drängte meinen widerstrebenden Freund, wieder nach einer rumpligen
Kutschfahrt zum See, bei einem Fischer ein Boot zu mieten und
hinauszurudern. Das Hilfsangebot des Fischers lehnten wir ab; wir
körperlich wenig ausgelasteten Männer würden uns
abwechseln.
George wunderte sich über die Tasche, die ich mitgenommen hatte;
ich tat geheimnisvoll. An einer mir tief erscheinenden Stelle des Sees
bat ich ihn, mit dem Rudern aufzuhören. Während er die Riemen
einholte, beugte ich mich über Bord und versuchte in das klare
Wasser hinab zu sehen. Ich sah nur einige neugierige Fische. George
machte ein Pokerface wie ein Matrose beim Kartenspielen. Aus meinem
Gepäck warf ich einige gebratene Speckscheiben und die appetitlich
gebräunten und hochprozentig angereicherten Würstchen ins
Wasser. Die erwiesen sich aber auch für die größeren
Fische als zu groß. Diese Leckerbissen sanken trudelnd hinab und
wir konnten ihren Weg in die Tiefe nicht lange verfolgen. Die am
Seegrund wachsenden fleischfressenden Pflanzen werden sich gefreut
haben – und wer weiß, wer dort unten sonst noch haust.
Am nächsten Tag wehrten sich Muriel und George gegen meinen
Tatendrang, aber ich war nicht zu bremsen. Wir fuhren mit unserem Boot
wieder über die ungefähr gleiche Stelle. Wieder warf ich
diesmal geschnittene Würstchen und Schinkenspeck ins Wasser,
wieder kamen viele Fische und wendeten sich enttäuscht über
die immer noch zu großen Brocken ab. Dann krachte etwas gegen
unseren Bootskiel. Weil ich mich gerade aufgerichtet hatte, wäre
ich um ein Haar über Bord gegangen. Ein zweiter Schlag folgte,
verbunden mit einem Hochheben am Heck.
Das konnte kein Felsen sein. George sagte atemlos: „It must be a fish!“
Aber das glaubte er wohl selbst nicht.
Ich wollte das Untier bewegen, den Kopf aus dem Wasser zu heben.
Deshalb ließ ich eine Schüssel mit noch lauwarmem Porridge
auf dem Wasser schwimmen und stieß sie einige Yards von unserem
Boot weg.
Ich hatte es erhofft – noch kein Brite war auf diese genial-einfache
Idee gekommen, natürlich nicht: Das Untier hatte eine
tiefwurzelnde Sehnsucht nach einem englischen Frühstück.
George sah es als erster. „Oh, my God!“ stieß er hervor – das
stöhnen Engländer schließlich bei jeder Kleinigkeit
hervor. Aber dies war keine Kleinigkeit! Stellt euch den Kopf und den
Hals eines Sauriers vor und das nur angedeutete Gehörn eines
jungen Elchs – so erschien uns das berühmte Tier, so beschrieben
wir es später Muriel, die uns kein Wort glaubte und einen bei
vielen Männern im Vereinigten Königreich naheliegenden
Verdacht äußerte.
Mit blitzschnellen Zungenschlägen schlappte Nessie, wie sie von
allen Einheimischen und Reisenden liebevoll genannt wurde, die
Schüssel leer und ließ die unendlich lange Zunge noch einmal
einen Kreis um die bekleckerten Maulwinkel machen. Dann sah Nessie kurz
zu uns herüber, wie um sich zu vergewissern, ob noch Nachschub
kommt, drehte sich mit einer imposanten Wellenbewegung um und tauchte
unter.
Der gewaltige, an ein gut genährtes Krokodil erinnernde Hinterleib
mit dem vielseitigen Schwanz schlug dabei gegen unser Boot, das sofort
kenterte. Wir konnten uns aber gegenseitig ziemlich leicht retten.
Wir missachteten unsere triefende Nässe und ruderten in
Hochstimmung, lachend und singend zu unseren vorsorglich in einem
Gasthaus in Fort Augustus gemieteten Zimmern zurück. Wir hatten
Nessie gesehen – und wir wussten jetzt, wie Nessie heranzulocken ist.
Wir hatten einen schwer stillbaren Durst…
Für mich war es eine besondere Genugtuung, dass George, der mich
für völlig übergeschnappt und für die
außerbritische Menschheit bereits als verloren angesehen hatte,
nun mit Stolz auf mich blickte. George war freigebig mit „Freibier
für alle“ gewesen, aber ich spürte mit der uns Deutschen
angeborenen Feinfühligkeit, dass es schwer ins britische Weltbild
passen würde, wenn ausgerechnet „einer vom Kontinent“ Nessie
entdeckt hätte.
Ich streute deshalb, dass George der Entdecker des Nationalheiligtums
sei und übrigens auch ein Geheimrezept gefunden habe, wie man
Nessie jederzeit nach oben locken könnte. Aus Gefühlen
übertriebener Gastfreundschaft habe er mich als Entdecker
vorgeschoben. Das verbreitete sich wie ein Buschfeuer in der
Trockenzeit; auch die überregionalen Zeitungen füllten wieder
einmal viele Spalten mit unserer Story.
Als wir in Erwartung gratulierender Umarmungen ins Schloss
zurückkamen, zeigte sich Muriel beleidigt darüber, dass ich
mich mehr für das hässliche See-Ungeheuer als für ihre
von mir bisher dankbar gewürdigten Reize und für unsere
tiefgehenden Liebesspiele begeisterte. War das ein Fehler? Der
Oberbutler hatte uns übrigens genau so pflaumenweich gratuliert
wie der Wirt im Gasthaus am See. Es stimmt ja: Tausende Beobachter vor
uns wollen Nessie ebenfalls ganz genau und wirklich gesehen haben.
George und ich fachsimpelten noch mit irgendwie schwerer werdenden
Zungen und als ich zu Muriel ins Bett kriechen wollte, war ihre
Türe verschlossen. Als ich wiederholt pochte, eilte eine Dienerin
im Nachthemd mit Kerzenlicht herbei und klärte mich auf, dass ich
mich in der Zimmertür geirrt hätte: „Ich bitte um Verzeihung,
Mylord“ – so nennt man Barone in England -, „Ihr Zimmer liegt im
nächsten Flur hinten rechts“.
Aber zurück zum Hauptereignis. Der nächste Tag war ein
Sonntag – unmöglich also, etwas auf dem See zu unternehmen, ohne
von der Bevölkerung geächtet zu werden. Von Sonntagnachmittag
bis Donnerstagabend goss es dann wie mit Kübeln geschüttet
und wie von Muriel (wie sie mir später sagte) heimlich
herbeigesehnt. Wir verbrachten viel Zeit im Zimmer, in ihrem Zimmer,
genauer gesagt: in einem bequemen Möbelstück dieses Zimmers.
Muriel hielt es für zwecklos, „es“ länger vor der
Dienerschaft zu verheimlichen. Sie wüssten es längst, sagte
sie – und die nächtliche Wegwesung wäre sicher nur ein
spontaner Einfall gewesen, der ihren und meinen Ruf pro forma retten
sollte.
Am Freitag war alles in dichten Nebel gehüllt und Samstagfrüh
hielt es mich nicht mehr in Muriels Armen. Ich stotterte etwas von
unstillbarem Forscherdrang und bat sie um Verständnis für
meinen Spleen.
George schlief immer recht lange. In Lady Muriels liebevoll
lächelnder Gesellschaft, sie trug unter dem jetzt offenen
Morgenmantel ein betörend duftiges Nachthemd, das sie mir die
ganze Nacht vorenthalten hatte, bestellte ich drei große
Portionen komplettes Frühstück und einen Behälter zum
Mitnehmen, was die Diener mit unbeweglichen Gesichtern und Verbeugungen
servierten. Ich aß nur etwas Rührei und salziges
Weißbrot zum milchverdünnten Tee und präparierte den
stattlichen Rest in dem mit Fettpapier ausgeschlagenen Kästchen.
Vielleicht vermuteten die Diener eine Wegzehrung für einen
längeren Ausflug.
Ich wollte flüchtigen Abschied nehmen, aber Muriel gelang es mit
einer wie unbeabsichtigten Öffnung ihres Morgenmantels, unter dem
sie inzwischen nichts anderes trug, mich noch einmal „kurz“ in ihr noch
warmes Bett zu locken. „It´s much better this way!“ fand meine
auch mit zerzausten Haaren verführerisch attraktive Freundin und
ich musste ihr sofort zustimmen, denn die Liebe am Morgen
versüßt auch mir wirklich den ganzen Tag; dafür sollten
wir uns immer Zeit nehmen und notfalls stehlen.
George schlief immer noch; ich ließ mich allein zum See fahren
und lief diesmal mit einer Jolle aus. Der Loch Ness ist etwa so lang
wie die Weser zwischen Bodenwerder und Holzminden, allerdings weniger
sinnlich geschwungen und somit überhaupt nicht, etwa aus der
Höhe eines Ballons, anzusehen wie jenes Stück Fluss, das ich
mit den reizvollsten Partien einer verführerischen Frau
vergleichbar finde.
Nach etwas über einer Stunde zog ich das Segel ein und ließ
mich sacht auf der Stelle schaukeln. Ich genoss mein erstes
Morgenpfeifchen, einen Schluck Sherry aus meinem silbernen
Fläschchen und murmelte mit geschlossenen Augen die ersten
Verszeilen eines Sonetts von Shakespeare.
Die Sonne verwischte den Eindruck der letzten nassen Tage, aber es
waren trotzdem nur wenige Fischer mit ihren Booten auf dem See. Einer
war eben an mir vorbeigesegelt und hatte mir etwas für mich
Unverstehbares zugerufen. Ich hatte ihm mit dem hier üblichen
meckernden Lachen geantwortet; das gebietet nun mal die
Höflichkeit auch für einen Ausländer.
In den letzten beiden Nächten, also immer mal, wenn die in ihrem
Lustverlangen beglückenderweise auch unersättliche Muriel
eine halbe Stunde Schlaf brauchte, hatte ich mir eine neue
Vorgehensweise ausgedacht. Diesmal warf ich die aufgeplusterten
Würstchen und die Speckscheiben in hohem Bogen; sie schlugen so
mit einem satteren Geräusch auf.
Dummerweise hatte der Fischer von eben gerade in dem Augenblick
herübergeschaut, als ich mein drittes Würstchen warf. Danach
hatte ich das ungemütliche Gefühl, dass er mich verstohlen im
Blick behielt. Aber ich durfte mich in der bewährten Serie nicht
stören lassen. Einige Minuten nach dem letzten Wurf setzte ich die
Porridge-Schüssel aus, diesmal auf einem Brett und an einem Seil
befestigt. An einem in langer Mühe zurechtgebogenem Drahtgestell,
das den Zugang zur Schüssel nur von einer Seite her möglich
machte, hatte ich eine durch einen Draht versteifte Seilschlinge
befestigt; ich hatte nämlich ernsthaft vor, Nessie zu fangen und
in Schlepp zu nehmen.
Die Vielgefürchtete und so selten Gesehene tauchte
tatsächlich wieder neben mir auf, fixierte mich kurz und sah sich
dann die Schüssel näher an. Ich erkannte meinen Denkfehler:
Nessie brauchte ja gar nicht den Kopf in die Schlinge zu stecken; ihre
Zunge konnte die Schüssel aus gut zwei Fuß Abstand erreichen
und leerlecken. Schreck lass nach! Das wahrscheinlich uralte Tier
schien meine böse Absicht erkannt oder erahnt zu haben und schon
während es sich langsam zu mir umwendete, ahnte ich, dass es sich
rächen würde.
Mir fiel eine Mahnung meines Vaters ein: „Rede mit den Leuten, dann
kannst du manches Unheil verhindern!“ Was für Menschen gilt, gilt
oft auch für Tiere; meistens werden wir bei Tieren noch
pathetischer.
„Nessie“, hörte ich mich sagen, „ich komme von weit her, um dich
zu sehen. Ich bin darauf gefasst, dass du gar kein Ungeheuer bist,
sondern ein verzauberter Mensch, eine Frau womöglich, das
müssen wir endlich aufklären. Komm, ich will dich
küssen, das half in märchenhaften Berichten schon oft, einen
Zauber zu bre…“
In diesem Augenblick muss Nessie zugeschlagen haben. Alles Weitere
erfuhr ich erst viel später: Ein verstörter Fischer soll mich
aufgefischt haben. Er soll immerzu gemurmelt haben: „I can´t
believe it, can´t believe it…“
Fremde Leute brachten mich dann nach Inverness. Als das dortige
Hospital nichts mehr mit mir anzufangen wusste, hat mich die Familie
eines Geistlichen aufgenommen und wochenlang liebevoll gepflegt. Ein
Arzt sah lange Zeit mehrmals am Tag nach mir.
Ein Patient nach einem Wasserunfall mit dauernden stierem Blick und
völliger Apathie und Desinteresse an allem, was um ihn geschah,
kam in der medizinischen Fachliteratur wahrscheinlich nicht vor, nicht
vor mir. Ein Freund berichtete mir später, dass er meinen Fall
genau beschrieben und nachträglich mit einer spektakulären
Diagnose gedeutet hat; er ist darüber auch Professor geworden.
Erst nach drei Monaten hatte Lord Huntingham herausgefunden, dass ich
gar nicht ertrunken war und wo er mich finden konnte. Zu dieser Zeit
hatte der deutsche Botschafter längst meinen Leuten in Bodenwerder
mitgeteilt, dass ich im Loch Ness den Nassen Tod gefunden hätte.
Viele Tränen sind umsonst um mich geweint worden – ein
schmerzlicher Gedanke.
Auch weil mein Gesicht längere Zeit etwas entstellt war, hatte ich
später beträchtliche Mühe, zu beweisen, dass es mich
noch gab. Muriel hatte sich inzwischen mit einem dreißig Jahre
älteren Viscount verlobt. Wir konnten gerade noch einen kleinen,
aber intensiven „Abschied vom freien Leben“ feiern, aber das waren
gerade mal drei taumelsüße Tage und zwei unglaublich
herrliche Nächte – Muriel begleitete mich auf meiner
Rückreise bis Edinburgh, wo wir in einem
Universitätsgebäude ein hinreißendes
Händel-Konzert erlebten. Wir wohnten vorsichtshalber unter anderen
Namen in einem Vorort-Gasthof – sehr schlicht, aber glücklich.
Verehrte Damen unter meinen Zuhörern, wenn Sie mit einem von
diesen meinen Freunden einmal in das an sehenswerten Seen reiche
Schottland kommen sollten, wiederholen Sie nicht meine Fehler, aber
bedenken Sie, dass selbst betagte See-Ungeheuer für ein
kräftiges Frühstück meilenweit schwimmen. Und Sie werden
es bestätigen: das ist das englische Frühstück auch
wert.
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