Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Frühstück für Nessie

Am Nachmittag des folgenden Tages waren alle Wolken fortgeweht. Ich drängte meinen widerstrebenden Freund, wieder nach einer rumpligen Kutschfahrt zum See, bei einem Fischer ein Boot zu mieten und hinauszurudern. Das Hilfsangebot des Fischers lehnten wir ab; wir körperlich wenig ausgelasteten Männer würden uns abwechseln.

George wunderte sich über die Tasche, die ich mitgenommen hatte; ich tat geheimnisvoll. An einer mir tief erscheinenden Stelle des Sees bat ich ihn, mit dem Rudern aufzuhören. Während er die Riemen einholte, beugte ich mich über Bord und versuchte in das klare Wasser hinab zu sehen. Ich sah nur einige neugierige Fische. George machte ein Pokerface wie ein Matrose beim Kartenspielen. Aus meinem Gepäck warf ich einige gebratene Speckscheiben und die appetitlich gebräunten und hochprozentig angereicherten Würstchen ins Wasser. Die erwiesen sich aber auch für die größeren Fische als zu groß. Diese Leckerbissen sanken trudelnd hinab und wir konnten ihren Weg in die Tiefe nicht lange verfolgen. Die am Seegrund wachsenden fleischfressenden Pflanzen werden sich gefreut haben – und wer weiß, wer dort unten sonst noch haust.

Am nächsten Tag wehrten sich Muriel und George gegen meinen Tatendrang, aber ich war nicht zu bremsen. Wir fuhren mit unserem Boot wieder über die ungefähr gleiche Stelle. Wieder warf ich diesmal geschnittene Würstchen und Schinkenspeck ins Wasser, wieder kamen viele Fische und wendeten sich enttäuscht über die immer noch zu großen Brocken ab. Dann krachte etwas gegen unseren Bootskiel. Weil ich mich gerade aufgerichtet hatte, wäre ich um ein Haar über Bord gegangen. Ein zweiter Schlag folgte, verbunden mit einem Hochheben am Heck.

Das konnte kein Felsen sein. George sagte atemlos: „It must be a fish!“ Aber das glaubte er wohl selbst nicht.

Ich wollte das Untier bewegen, den Kopf aus dem Wasser zu heben. Deshalb ließ ich eine Schüssel mit noch lauwarmem Porridge auf dem Wasser schwimmen und stieß sie einige Yards von unserem Boot weg.

Ich hatte es erhofft – noch kein Brite war auf diese genial-einfache Idee gekommen, natürlich nicht: Das Untier hatte eine tiefwurzelnde Sehnsucht nach einem englischen Frühstück. George sah es als erster. „Oh, my God!“ stieß er hervor – das stöhnen Engländer schließlich bei jeder Kleinigkeit hervor. Aber dies war keine Kleinigkeit! Stellt euch den Kopf und den Hals eines Sauriers vor und das nur angedeutete Gehörn eines jungen Elchs – so erschien uns das berühmte Tier, so beschrieben wir es später Muriel, die uns kein Wort glaubte und einen bei vielen Männern im Vereinigten Königreich naheliegenden Verdacht äußerte.

Mit blitzschnellen Zungenschlägen schlappte Nessie, wie sie von allen Einheimischen und Reisenden liebevoll genannt wurde, die Schüssel leer und ließ die unendlich lange Zunge noch einmal einen Kreis um die bekleckerten Maulwinkel machen. Dann sah Nessie kurz zu uns herüber, wie um sich zu vergewissern, ob noch Nachschub kommt, drehte sich mit einer imposanten Wellenbewegung um und tauchte unter.

Der gewaltige, an ein gut genährtes Krokodil erinnernde Hinterleib mit dem vielseitigen Schwanz schlug dabei gegen unser Boot, das sofort kenterte. Wir konnten uns aber gegenseitig ziemlich leicht retten.

Wir missachteten unsere triefende Nässe und ruderten in Hochstimmung, lachend und singend zu unseren vorsorglich in einem Gasthaus in Fort Augustus gemieteten Zimmern zurück. Wir hatten Nessie gesehen – und wir wussten jetzt, wie Nessie heranzulocken ist. Wir hatten einen schwer stillbaren Durst…

Für mich war es eine besondere Genugtuung, dass George, der mich für völlig übergeschnappt und für die außerbritische Menschheit bereits als verloren angesehen hatte, nun mit Stolz auf mich blickte. George war freigebig mit „Freibier für alle“ gewesen, aber ich spürte mit der uns Deutschen angeborenen Feinfühligkeit, dass es schwer ins britische Weltbild passen würde, wenn ausgerechnet „einer vom Kontinent“ Nessie entdeckt hätte.

Ich streute deshalb, dass George der Entdecker des Nationalheiligtums sei und übrigens auch ein Geheimrezept gefunden habe, wie man Nessie jederzeit nach oben locken könnte. Aus Gefühlen übertriebener Gastfreundschaft habe er mich als Entdecker vorgeschoben. Das verbreitete sich wie ein Buschfeuer in der Trockenzeit; auch die überregionalen Zeitungen füllten wieder einmal viele Spalten mit unserer Story.

Als wir in Erwartung gratulierender Umarmungen ins Schloss zurückkamen, zeigte sich Muriel beleidigt darüber, dass ich mich mehr für das hässliche See-Ungeheuer als für ihre von mir bisher dankbar gewürdigten Reize und für unsere tiefgehenden Liebesspiele begeisterte. War das ein Fehler? Der Oberbutler hatte uns übrigens genau so pflaumenweich gratuliert wie der Wirt im Gasthaus am See. Es stimmt ja: Tausende Beobachter vor uns wollen Nessie ebenfalls ganz genau und wirklich gesehen haben.

George und ich fachsimpelten noch mit irgendwie schwerer werdenden Zungen und als ich zu Muriel ins Bett kriechen wollte, war ihre Türe verschlossen. Als ich wiederholt pochte, eilte eine Dienerin im Nachthemd mit Kerzenlicht herbei und klärte mich auf, dass ich mich in der Zimmertür geirrt hätte: „Ich bitte um Verzeihung, Mylord“ – so nennt man Barone in England -, „Ihr Zimmer liegt im nächsten Flur hinten rechts“.

Aber zurück zum Hauptereignis. Der nächste Tag war ein Sonntag – unmöglich also, etwas auf dem See zu unternehmen, ohne von der Bevölkerung geächtet zu werden. Von Sonntagnachmittag bis Donnerstagabend goss es dann wie mit Kübeln geschüttet und wie von Muriel (wie sie mir später sagte) heimlich herbeigesehnt. Wir verbrachten viel Zeit im Zimmer, in ihrem Zimmer, genauer gesagt: in einem bequemen Möbelstück dieses Zimmers. Muriel hielt es für zwecklos, „es“ länger vor der Dienerschaft zu verheimlichen. Sie wüssten es längst, sagte sie – und die nächtliche Wegwesung wäre sicher nur ein spontaner Einfall gewesen, der ihren und meinen Ruf pro forma retten sollte.

Am Freitag war alles in dichten Nebel gehüllt und Samstagfrüh hielt es mich nicht mehr in Muriels Armen. Ich stotterte etwas von unstillbarem Forscherdrang und bat sie um Verständnis für meinen Spleen.

George schlief immer recht lange. In Lady Muriels liebevoll lächelnder Gesellschaft, sie trug unter dem jetzt offenen Morgenmantel ein betörend duftiges Nachthemd, das sie mir die ganze Nacht vorenthalten hatte, bestellte ich drei große Portionen komplettes Frühstück und einen Behälter zum Mitnehmen, was die Diener mit unbeweglichen Gesichtern und Verbeugungen servierten. Ich aß nur etwas Rührei und salziges Weißbrot zum milchverdünnten Tee und präparierte den stattlichen Rest in dem mit Fettpapier ausgeschlagenen Kästchen. Vielleicht vermuteten die Diener eine Wegzehrung für einen längeren Ausflug.

Ich wollte flüchtigen Abschied nehmen, aber Muriel gelang es mit einer wie unbeabsichtigten Öffnung ihres Morgenmantels, unter dem sie inzwischen nichts anderes trug, mich noch einmal „kurz“ in ihr noch warmes Bett zu locken. „It´s much better this way!“ fand meine auch mit zerzausten Haaren verführerisch attraktive Freundin und ich musste ihr sofort zustimmen, denn die Liebe am Morgen versüßt auch mir wirklich den ganzen Tag; dafür sollten wir uns immer Zeit nehmen und notfalls stehlen.

George schlief immer noch; ich ließ mich allein zum See fahren und lief diesmal mit einer Jolle aus. Der Loch Ness ist etwa so lang wie die Weser zwischen Bodenwerder und Holzminden, allerdings weniger sinnlich geschwungen und somit überhaupt nicht, etwa aus der Höhe eines Ballons, anzusehen wie jenes Stück Fluss, das ich mit den reizvollsten Partien einer verführerischen Frau vergleichbar finde.

Nach etwas über einer Stunde zog ich das Segel ein und ließ mich sacht auf der Stelle schaukeln. Ich genoss mein erstes Morgenpfeifchen, einen Schluck Sherry aus meinem silbernen Fläschchen und murmelte mit geschlossenen Augen die ersten Verszeilen eines Sonetts von Shakespeare.

Die Sonne verwischte den Eindruck der letzten nassen Tage, aber es waren trotzdem nur wenige Fischer mit ihren Booten auf dem See. Einer war eben an mir vorbeigesegelt und hatte mir etwas für mich Unverstehbares zugerufen. Ich hatte ihm mit dem hier üblichen meckernden Lachen geantwortet; das gebietet nun mal die Höflichkeit auch für einen Ausländer.

In den letzten beiden Nächten, also immer mal, wenn die in ihrem Lustverlangen beglückenderweise auch unersättliche Muriel eine halbe Stunde Schlaf brauchte, hatte ich mir eine neue Vorgehensweise ausgedacht. Diesmal warf ich die aufgeplusterten Würstchen und die Speckscheiben in hohem Bogen; sie schlugen so mit einem satteren Geräusch auf.

Dummerweise hatte der Fischer von eben gerade in dem Augenblick herübergeschaut, als ich mein drittes Würstchen warf. Danach hatte ich das ungemütliche Gefühl, dass er mich verstohlen im Blick behielt. Aber ich durfte mich in der bewährten Serie nicht stören lassen. Einige Minuten nach dem letzten Wurf setzte ich die Porridge-Schüssel aus, diesmal auf einem Brett und an einem Seil befestigt. An einem in langer Mühe zurechtgebogenem Drahtgestell, das den Zugang zur Schüssel nur von einer Seite her möglich machte, hatte ich eine durch einen Draht versteifte Seilschlinge befestigt; ich hatte nämlich ernsthaft vor, Nessie zu fangen und in Schlepp zu nehmen.

Die Vielgefürchtete und so selten Gesehene tauchte tatsächlich wieder neben mir auf, fixierte mich kurz und sah sich dann die Schüssel näher an. Ich erkannte meinen Denkfehler: Nessie brauchte ja gar nicht den Kopf in die Schlinge zu stecken; ihre Zunge konnte die Schüssel aus gut zwei Fuß Abstand erreichen und leerlecken. Schreck lass nach! Das wahrscheinlich uralte Tier schien meine böse Absicht erkannt oder erahnt zu haben und schon während es sich langsam zu mir umwendete, ahnte ich, dass es sich rächen würde.

Mir fiel eine Mahnung meines Vaters ein: „Rede mit den Leuten, dann kannst du manches Unheil verhindern!“ Was für Menschen gilt, gilt oft auch für Tiere; meistens werden wir bei Tieren noch pathetischer.

„Nessie“, hörte ich mich sagen, „ich komme von weit her, um dich zu sehen. Ich bin darauf gefasst, dass du gar kein Ungeheuer bist, sondern ein verzauberter Mensch, eine Frau womöglich, das müssen wir endlich aufklären. Komm, ich will dich küssen, das half in märchenhaften Berichten schon oft, einen Zauber zu bre…“

In diesem Augenblick muss Nessie zugeschlagen haben. Alles Weitere erfuhr ich erst viel später: Ein verstörter Fischer soll mich aufgefischt haben. Er soll immerzu gemurmelt haben: „I can´t believe it, can´t believe it…“

Fremde Leute brachten mich dann nach Inverness. Als das dortige Hospital nichts mehr mit mir anzufangen wusste, hat mich die Familie eines Geistlichen aufgenommen und wochenlang liebevoll gepflegt. Ein Arzt sah lange Zeit mehrmals am Tag nach mir.

Ein Patient nach einem Wasserunfall mit dauernden stierem Blick und völliger Apathie und Desinteresse an allem, was um ihn geschah, kam in der medizinischen Fachliteratur wahrscheinlich nicht vor, nicht vor mir. Ein Freund berichtete mir später, dass er meinen Fall genau beschrieben und nachträglich mit einer spektakulären Diagnose gedeutet hat; er ist darüber auch Professor geworden.

Erst nach drei Monaten hatte Lord Huntingham herausgefunden, dass ich gar nicht ertrunken war und wo er mich finden konnte. Zu dieser Zeit hatte der deutsche Botschafter längst meinen Leuten in Bodenwerder mitgeteilt, dass ich im Loch Ness den Nassen Tod gefunden hätte. Viele Tränen sind umsonst um mich geweint worden – ein schmerzlicher Gedanke.

Auch weil mein Gesicht längere Zeit etwas entstellt war, hatte ich später beträchtliche Mühe, zu beweisen, dass es mich noch gab. Muriel hatte sich inzwischen mit einem dreißig Jahre älteren Viscount verlobt. Wir konnten gerade noch einen kleinen, aber intensiven „Abschied vom freien Leben“ feiern, aber das waren gerade mal drei taumelsüße Tage und zwei unglaublich herrliche Nächte – Muriel begleitete mich auf meiner Rückreise bis Edinburgh, wo wir in einem Universitätsgebäude ein hinreißendes Händel-Konzert erlebten. Wir wohnten vorsichtshalber unter anderen Namen in einem Vorort-Gasthof – sehr schlicht, aber glücklich.

Verehrte Damen unter meinen Zuhörern, wenn Sie mit einem von diesen meinen Freunden einmal in das an sehenswerten Seen reiche Schottland kommen sollten, wiederholen Sie nicht meine Fehler, aber bedenken Sie, dass selbst betagte See-Ungeheuer für ein kräftiges Frühstück meilenweit schwimmen. Und Sie werden es bestätigen: das ist das englische Frühstück auch wert.


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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
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Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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