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Frühlingsfische
Heute Abend gibt es bei uns Fisch, Freunde! Und dazu einen
kräftigen Riesling aus der Pfalz. Es wirdnicht irgendein
Fischgericht sein, sondern etwas Auserlesenes, dafür hat uns Graf
Berthold seinen Leibkoch ausgeliehen: der wird uns verwöhnen.
Fisch im Frühling – diese Worte erinnern mich an frühe
Liebesabenteuer und an Schlehenschnaps. Liebeshungrige Frauen und
erlesene Fischgerichte schätze ich immer noch; aber den Schnaps
kann ich nicht mal mehr riechen. Und auch das begann mit Liebe und Lust.
Wir hatten früher eine polnische Köchin: Ludmilla kochte
hinreißend. Ihre besonderen Gaben entfaltete sie bei der
Zubereitung von Fischen. Bis auf meine Schwestern waren wir bald alle
überzeugte Fisch-Schlemmer.
Die Weser führte schon immer eine stattliche Zahl von
schmackhaften Fischarten, die wir alle gekostet haben, aber wir wollten
mit der Zeit immer feineren Fisch. Das sprach sich herum und brachte
schließlich Jan Steertkotten darauf, sich als Hauptlieferant zu
empfehlen. Er hatte auf der anderen Weserseite gegenüber von Polle
und vor Holzminden einen Gutshof mit einigen Fischzuchtteichen. Seine
Fische waren Edelsorten, die Ludmilla, meist auf einem
„Gemüsebett“, in himmlische Köstlichkeiten verwandeln konnte.
Herr Steertkotten lieferte zweimal die Woche, aber wenn wir
überraschend mehrere Gäste bekamen, musste unser Knecht
Lothar früh am Morgen in gut zwei Stunden hinüber reiten und
noch etwas Besonderes holen. Ich konnte ihn einige Male begleiten.
Unterwegs machten wir oft ein wildes Wettreiten, natürlich nur auf
dem Hinweg.
Auf dem Gutshof wurden wir aufmerksam empfangen; wir konnten unsere von
der Weserdurchquerung nass gewordenen Sachen gegen vorsorglich
Mitgebrachtes austauschen – Lothar hatte dort schon länger von
Hanna liebevoll gewartete Ersatzkleider und Socken deponiert, ich
brauchte mich nur anzuhängen, und wir bekamen ein deftiges Zweites
Frühstück mit Bier.
Mir war längst aufgefallen, dass Lothar und die uns bedienende
Magd Hanna sich mochten und ich fand es spannend, wie sich die
knisternden Beziehungen zwischen den beiden entwickelten. Ich war
lieber mit den Schwestern Bärbel und Gabi zusammen. Wir hatten
viel Spaß miteinander und neckten uns oft. Man ließ uns
Zeit miteinander; außer Lothar, der in seinem Pflichtbewusstsein
hin und her gerissen war, drängte uns niemand zum Heimritt. Ich
spielte bei den Mädchen den Erwachsenen, der über „alles
Wichtige“ Bescheid weiß und auch schon einige Liebeserfahrungen
hat.
Ich hatte keine Ahnung, wie alt die beiden Schwestern waren, aber mich
hat das Lebensalter von Frauen noch nie neugierig gemacht. Ich war
wahrscheinlich grade mal sechzehn, denn seit kurzem durfte ich wie die
Erwachsenen zum Fisch Wein trinken.
Die beiden Mädchen alberten viel und ich war schon daran
gewöhnt, dass sie immer einen Vorwand erfanden, um mich ein paar
Minuten für sich zu haben. Das schmeichelte mir, denn die beiden
rochen verführerisch gut und sie ließen mich ihre schön
gewölbten Brüste ahnen. Sie raschelten auffällig mit
ihren Röcken und ich machte mir natürlich lüsterne
Gedanken darüber, was darunter wohl für einen ernsthaften
Forscher zu entdecken sein mochte.
Bei ihnen habe ich zum ersten Mal herausgefunden, welch ein kostbares
Konfirmationsgeschenk ich meiner Patentante Rosalie verdanke. Anfangs
hatte ich das seidengepolsterte Kästchen aus Pflaumenholz
enttäuscht betrachtet: Unter einem zusammenklappbaren Spielbrett
lagen vierundzwanzig runde, flache „Spielsteine“ aus Elfenbein und
Ebenholz – ein Damespiel. Ist so etwas ein Spiel für einen
tatendurstigen Jungen? Ich ahnte damals noch nicht, dass es ein
Lebensspiel für mich wurde und mir viel Glück gebracht hat –
besonders bei Frauen und auch in ganz anderen Kulturkreisen.
Dass es dieses Spiel „in sich“ hatte, ging mir erst auf, als die
schlanke Gabi und die etwas rundlichere Bärbel meine ersten
Spielpartnerinnen wurden. Die beiden Mädchen hatten bereits
größere Übung im Damespiel und besiegten mich oft.
Schon die Absprachen über unseren Spieleinsatz waren ein
spannendes Spiel für uns. Es lief immer mehr auf
Pfänderspiele hinaus, bei denen wir uns in einigen Künsten
wie Grimassenschneiden und Singen hervortun, dann aber Geld und
Schmuckstücke abgeben und zuletzt Kleidungsstücke ablegen
mussten. Sie zogen mir oft die meisten aus, aber ich durfte auch bei
ihnen nach und nach einiges Erregende aufknöpfen und hatte schon
einmal vermutet, dass sie mich gerade deshalb absichtlich gewinnen
ließen…
An einem lauen Frühlingsvormittag nahmen sie mich an den
Händen mit sich. Ich fand mich in dem rosa gemalten Zimmer von
Gabi wieder. Die Vorhänge waren zugezogen, Kerzenlicht flackerte
und es rieselte romantische Musik von einer Musikwalze. Die
Mädchen hatten sich parfümiert; sie alberten wieder viel und
ich war auch in bester Stimmung. Sie schenkten mir ein Wasserglas mit
Schlehenschnaps ein und tranken auch selbst ziemlich viel davon;
zuletzt tranken wir alle drei aus einem Glas.
In dieser immer gelöster gewordenen Stimmung spielten wir Dame.
Wieder einmal verlor ich den Spieleinsatz, den Gabi und Bärbel
diesmal geheimnisvoll umschrieben hatten. Jedenfalls hatte ich wieder
verloren und erklärte mich ihnen ausgeliefert. Trotz der guten
Grundlage mit dem Zweiten Frühstück hatte mir auch der
Schnaps ungewohnte Freiheitsgefühle verschafft.
Wir übten spielerisch und ohne Ermüdung alle uns bekannten
und vorstellbaren Formen des Umarmens und Küssens – wie sie und
ich das von vielen Treffen mit anderen jungen Leuten in den Scheunen
der Umgebung gewohnt waren. Auf einmal banden sie mir eine Binde vor
die Augen und ließen mich „Blinde Kuh“ mit ihnen spielen - ein
herrliches Spiel, wenn man beschwipst ist und aufgeheizt lüstern.
Es war nicht schwer, eine von ihnen zu finden, aber ich konnte es nicht
fassen: das Mädchen war nackt. Und nicht nur nackt: sie nahm meine
Hand und ließ mich spüren, dass sie eine begehrenswerte und
begehrende Frau war. War es Bärbel oder war es Gabi? Ich geriet in
einen Rausch.
Und wie in einem meiner damals häufigen hocherotischen Träume
umarmte mich ihre Schwester, deren Nacktheit ich benommen spürte,
ganz eng von hinten. Vier Hände entkleideten mich. Die sich von
hinten Anschmiegende bog meinen Kopf zurück, suchte meinen Mund
und ließ, als unsere Lippen sich fanden und öffneten, einen
unglaublich benebelnden Schluck Schlehenschnaps in meinen Mund gleiten.
Ich schwankte bereits. Und viel weiter unten bei mir nahm ein anderer
Mund Besitz von dem, was sich ihm längst begehrlich entgegen
reckte. Die Hände des Mädchens steigerten meine
Wonnegefühle ins Unermessliche. Ich verlor fast die Besinnung und
weiß nicht mehr genau, was ich tat und geschehen ließ, nur
dies: die beiden waren zauberhafte Verführerinnen, die sich
gegenseitig zu vielen betäubenden Zärtlichkeiten anstifteten.
Wir küssten uns herrlich oft und immer anders…
Sie konnten noch keine erfahrenen Verführerinnen sein, denn ich
werde ja wohl noch einer ihrer ersten Liebhaber gewesen sein, aber sie
waren erfinderisch und schier unstillbar. Die ganze Zeit über war
ich durch die Binde blind und ich wusste nicht, welcher Schoß
sich mir öffnete und in welchen ich eindrang und welche andere
Höhle mich aufsog. Es war absolut traumhaft. Die beiden waren
unglaublich begierig – fast so wie ich selbst; wir hatten unsere Lust
wohl lange gestaut und unterdrückt. Der kräftige
Schlehenschnaps hatte uns zudem von allen Hemmungen befreit.
In Bodenwerder wartete Ludmilla vermutlich verzweifelt auf die Fische.
Irgendwann wurde unsere so erlebnisreich verspielte Zeit jäh
unterbrochen. Ich hörte benommen, dass Lothar mich suchte und laut
meinen Namen rief.
Die Mädchen halfen mir, mich rasch anzukleiden. Hanna wirkte
verdattert, als sie mich mit unsicheren Schritten vorbeigehen und bald
grußlos mit dem ungeduldig schwitzenden und mit einem Beutel
Fische wartenden Lothar abreiten sah.
Auf dem Heimritt fand ich mich überall wund und wohlig
erschöpft. Lothar sah mir an, dass ich Ungewöhnliches erlebt
hatte; er ahnte wahrscheinlich, was, und ich glaube, dass er neidisch
auf mich wurde, denn solche lustvollen Erlebnisse waren ihm nicht
gegönnt gewesen. Noch nicht, nehme ich an, denn es gab von da an
keine Gelegenheit mehr, mit zum Fischholen zu reiten.
Die jungen Frauen hatten es auf sich genommen, für den
verbrauchten Schlehenschnaps ausgeschimpft zu werden. Wir fanden einen
für Gabi und Bärbel riskanten Ausweg: Lothar hatte einige
Male unsere Briefe befördert und im Mai waren meine Vorbereitungen
so weit gediehen, dass ich nachts in einem Zelt vor Holzminden in den
Wiesen am Weserufer auf die jungen Frauen warten konnte – mit
wärmenden Decken, mit Schinken und Brot und Wein.
Sie waren aus dem Fenster ihres heimischen Zimmers geklettert und zu
mir geeilt. Ich hatte ein paar Stunden auf sie warten müssen, aber
das Warten hat sich gelohnt: Die beiden überfielen mich
ungestüm und verwöhnten mich unbeschreiblich mit ihrem
Liebesdurst. Bei aller ausbrechenden Lust waren sie zärtlich und
liebevoll. Das enge Zelt war für wenige Stunden mein Paradies.
Leider mussten Gabi und Bärbel vor Tagesanbruch wieder im Gutshof
sein.
In der nächsten Nacht konnten sie sich nicht fort schleichen, aber
am Wochenende konnte ich sie für mehrere Stunden wieder in die
Arme nehmen. Wir stillten unseren Hunger nach Zärtlichkeiten und
Lust, und darin waren wir uns einig: Gesättigt waren wir nie.
Mir kam gar nicht in den Sinn, dass es ungewöhnlich war, zwei
Liebespartnerinnen zugleich zu haben, und dazu, dass die beiden nicht
eifersüchtig auf einander waren. Ich habe keinen Unterschied
zwischen den beiden finden können oder wollen: Sie gehörten
in einer für mich wundervollen Einheit selbstverständlich
zusammen.
Ich genoss vielleicht zum ersten Mal bewusst frauliche
Anschmiegsamkeit, ihre Haut und ihre Wärme. Wir hatten ja,
hauptsächlich in den Schulferien, herrlich viel Zeit miteinander!
In den folgenden Wochen trafen wir uns noch acht oder neunmal.
Es war mir ein Rätsel, woher die jungen Frauen viele lustvolle
erotische Variationen kannten, auf die ich noch gar nicht gekommen war,
bis sich eine von ihnen verplapperte: Die beiden hatten beim letzten
Erntefest nachts in der Strohscheune versteckt gelegen und zugeschaut,
wie sich die in Liebesdingen geübten Knechte und Gärtner und
sonstigen Hofleute mit den Mägden, Köchinnen und
Bauerntöchtern in unbekümmerter Nachbarschaft vergnügten
und sich dabei gegenseitig anstachelten.
Die beiden heimlichen Beobachterinnen hatten natürlich Lust
bekommen, einiges dabei Gesehene bald einmal am eigenen Leibe zu
erleben, vielleicht auch eigene Einfälle einzubringen und ich war
ihnen dabei willkommen.
Zu einer weiteren nächtlichen Verabredung brachten die beiden
jungen Frauen ihre Freundinnen Inge und Janne mit, was gar nicht
verabredet war. „Wir wollen nicht nur zusehen, wir wollen alles
miterleben“, raunte die brünette, mit starken Brüsten
gesegnete Janne mir nach zwei Wangenküssen ins Ohr und ich
spürte dort auch ihre Zunge. Die blonde Inge zog sich einfach
wortlos die Bluse aus. Im Mondschein war das alles sehr erregend.
Mein Weinvorrat reichte und alle vier Liebeshungrigen sind, wie sie mir
unter innigen Umarmungen versicherten, liebessatt geworden. Nur hatte
sich unser Beisammensein länger hingezogen und alle hatten am
Morgen daheim Mühe gehabt, die entstandenen Aufregungen mit
Ausreden zu dämpfen. Ich habe Zweifel, ob sie erfolgreich gelogen
haben, denn danach durften wir uns nicht mehr treffen.
Im Jahr darauf wurde meine Familie zu Bärbels Hochzeit mit einem
Vikar in Mecklenburg eingeladen. Mein Vater war nicht abkömmlich,
aber ich durfte meine Mutter und meine Schwestern begleiten. Wir waren
zwei Tage vor dem Fest angekommen und dort traf ich Gabi wieder, die
schon vor einigen Tagen angekommen war, weil sie ihrer Schwester bei
vielen Vorbereitungen helfen wollte; da waren aber schon genug
Helferinnen.
Wir machten lange Spaziergänge und inspizierten neugierig eine
hoch gefüllte Feldscheune. Gabi sagte mir danach: „Ich will dir
ein Frauengeheimnis verraten: Ich wollte schon immer einmal so
stürmisch ins duftende Heu geworfen werden.“
Im geräumigen Pfarrhaus hatte Gabi wie ich eine Kammer für
sich und wir genossen es, nachts leicht zu einander huschen zu
können. Mitten in den erfreulichsten Freuden der Nacht ging die
Tür auf und Bärbel, die ich bis dahin nur für
Viertelstunden und bei den Mahlzeiten gesehen hatte, schlich herein und
lachte herzlich: „Hab ich mir doch gedacht, dass ihr die Zeit nutzt! Zu
gern würde ich zu euch kriechen, aber ich muss sofort zu Albert
zurück. Genießt eure Zeit, ihr Lieben!“ Sie küsste uns
vor dem Davoneilen, ihre Schwester flüchtiger als mich.
Beim festlichen Teil nach den Zeremonien konnte ich außer mit
Gabi und mit mehreren anderen Frauen zweimal mit Bärbel tanzen.
Ich genoss es, wie sie sich für die anderen unsichtbar an mich
drückte, aber es gelang uns bei mehreren Versuchen nicht, uns in
ein Nebenzimmer zurückzuziehen: Die Gäste waren überall
und der Bräutigam schien uns nicht aus den Augen zu lassen - bis
auf ein paar Minuten, in denen sich die vom Tanzen erhitzte Bärbel
frisch machen musste. Ich hatte ihren angedeuteten Wink verstanden und
Gabi sicherte uns ein kurzes Treffen in einem Schlafzimmer. Bärbel
war ungestüm wie eh und je; mein Festhemd verlor zwei wichtige
Knöpfe. Sie sah hinreißend aus. Ich vergesse wohl nie ihre
kunstvoll frisierten roten Lockenhaare, den Anblick ihrer prachtvollen
Brüste mit den großen und köstlich gerundeten Rosetten
und wie sie mir, ohne an die unvermeidbaren Knitterfalten in ihrem
Festkleid zu achten, mit lustvollem Räkeln ihre Beine mit den
weißen Seidenstrümpfen auf die Schultern legte.
Als der Bräutigam bald danach an ihre Türe klopfte und
Einlass begehrte, versteckte ich mich unter dem Bett. Leider hatte er
ähnliche Absichten wie zuvor ich. Bärbel konnte ihn offenbar
nicht abwehren und ich musste mit anhören, wie er brünstig
über mir seine Lust stillte. Damals dachte ich noch: „Arme
Bärbel!“ Heute halte ich es für möglich, dass sie gar
nicht gelitten hat, jedenfalls nicht so wie ich.
Übrigens: Damals, das war also lange, bevor ich etwas mehr von dem
verstand, was zwischen Frauen und Männern so irrlichtert - ich bin
heute noch nicht ausreichend weit, aber ich weiß inzwischen, dass
Frauen es auch nicht genauer wissen; sie leben nur gern mit diesem
Geheimnis und überspielen ihr Wenigwissen mit einer fast allen
angeborenen Begabung… Damals schon machte es mich nachdenklich, warum
zwei oder drei oder noch mehr Frauen und ein Mann sich im engen
Miteinander so ganz anders geben – ohne das sonst übliche Spiel
einer ganz bestimmten Rolle.
Wenn es für euch nicht zu spät ist, Freunde, versucht dieses
prickelnde Spiel. Ich kann mir übrigens vorstellen, dass es bei
einer Frau mit zwei Männern ähnlich verläuft, aber es
hat mich nie gereizt, auch das noch zu erforschen.
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