|
Spätes, erfreuliches
Nachspiel
Vor einigen Monaten hat es mich so spät an die Weser Heimgekehrten
auch wieder nach Göttingen gezogen. Ich habe alte Freunde
wiedergefunden, der schon stattlichen Universitätssammlung einige
exotische Mitbringsel geschenkt und in der großartigen Bibliothek
einiges nachgeschlagen und notiert; ich habe mich von einem Arzt
vorsorglich untersuchen lassen und dazwischen habe ich einige mir von
früher bekannte Wein- und Gaststuben wieder besucht. In der
berühmten Konditorei habe ich die wunderbarsten Torten der Welt
auf der Zunge zergehen lassen. Stunden später traf ich in der
Nähe des Marktes in einem Restaurant Gabi wieder, meine Gabi aus
Holzminden.
Ich war mit zwei alten Gefährten dort; ich hatte ausnahmsweise
Durst auf Bier und ließ mir vom Schankmädchen etwas
Schmackhaftes empfehlen. Sie zählte auf: „Ich kann Ihnen
Kaninchenbraten bringen, oder ein Täubchen oder einen Hecht aus
der Leine.“
Aus meiner Studentenzeit wusste ich, dass die Kaninchen die viel
gejagte Plage der Bürgergärten waren und billig an die
Gasthäuser abgegeben wurden und dass die „Täubchen“ oft die
Opfer der Turmfalken in der Jacobikirche geworden waren, manchmal eben
auch Dohlen und junge Raben. Als Vorspeise wünschte ich mir
Schwarzbrot mit Butter und Göttinger Wurst; auf diesen Dreiklang
hatte ich mich lange gefreut.
Zum Bier schien mir der Hecht zu passen. Ich fragte, wie die
Köchin ihn zubereiten würde. Mit dieser Frage hatte ich aber
das Mädchen überfordert; sie wandte sich an die Frau mit den
rosigen Wangen, die das Bier zapfte. In diesem Augenblick trafen sich
unsere Blicke und wir erkannten uns.
Es war wie im Traum; ich stand auf, sah sie immerzu an und ging dann
marionettenhaft staksig auf sie zu und sie kam mir ebenso langsam und
schwebend entgegen, und dann breitete sie die Arme aus und ich
stürzte zu ihr hin und wir umarmten und küssten uns lange und
innig, übrigens zur besonderen Erheiterung der Gäste: Gabi,
meine lustvolle Jugendliebe in Holzminden!
Es wurde ein lustiger Abend für alle Gäste - mir war
spendabel zumute; der Hecht schmeckte mir sehr und ich nahm, nachdem
Gabi mir „bleib doch hier!“ zugeflüstert hatte, in ihrem Gasthaus
ein Zimmer, obwohl ich mich schon anderswo eingemietet hatte. Sie hatte
noch lange unten aufzuräumen, ich streckte mich schon mal aus.
Ich schlief schon fest, als sie in meine Arme schlüpfte. Sie sagte
mir, als ich Stunden später erwachte: „Du hast mich umarmt wie ein
schlafendes Kind seine Puppe – ausgenommen eben; da schienst du mich zu
erkennen. So hatte ich dich in Erinnerung und oft herbeigesehnt Es ist
einfach schön, mich an dich zu schmiegen…“
Zweimal habe ich seither Gabi wieder besucht; es hat sich vieles
zwischen uns verändert und viel Wertvolles ist dazugekommen. Gabi
ist eine reife und mich ungemein fesselnde Frau geworden; sie hat
inzwischen etliche Frühlinge mehr gesehen, fast so viele wie ich.
Sie hat mir den Kopf so nachhaltig verdreht, dass ich nach langer Zeit
wieder ein Briefschreiber geworden bin und nächsten Donnerstag
wieder nach Göttingen fahren will. Wenn alles gut geht, wird sie
mich bald nach Amerika begleiten. Ihre Schwester Bärbel hat mich
übrigens vor 14 Tagen mit ihrem Oberkirchenrat und vier
jüngeren Kindern besucht. Das war ein großartiges, ziemlich
lautes und fröhliches Treffen.
Der Hecht vom ersten Abend war übrigens nicht aus der Leine,
sondern aus den Fischteichen von Steertkotten jun. – aber solche
Feinheiten muss man ja vor Göttinger Gästen nicht unbedingt
ausplaudern. Und der Weißwein, den wir jetzt schlürfen, wird
euch auf das Abendessen einstimmen; es gibt nämlich gleich einen
raffiniert zubereiteten Hecht, den Gerd Steertkotten geliefert hat. Wir
dürfen uns auf diesen Frühlingsfisch freuen; er will sicher
in diesem herbem Wein schwimmen. Seid großzügig: nur ein
paar Schlückchen wären für ihn sicher eine Beleidigung.
Zum Wohl, Freunde!
|
|