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Eisbären sind
musikalisch und tanzfreudig
An diesem kühlen Abend will ich euch nach einem aufwärmenden
Punsch von einem größeren Jagdausflug berichten, bei dem ich
viel gefroren habe. Ich begleitete Lord George Huntingham auf einer
Seereise ins Nördliche Eismeer. George wollte einige Eisbären
schießen, weil seine Mutter deren präparierte Felle bei
einer Grafenfamilie in der Halle bewundert hatte und seither unbedingt
diese zotteligen Staubfänger haben wollte, „aber bitte mit Kopf!“
Lord George war so klug und umsichtig gewesen, zwei Mitglieder des
Königshauses, die ihrer Familie etwas fremd geworden waren und
deren unkonventionelle Lebensart die Majestät verhalten
missbilligte, zur Teilnahme an der Nordlandreise einzuladen. Das
brachte uns den Vorteil, eine von der Royal Navy nur noch selten
benötigte Fregatte mitsamt der kompletten Besatzung benutzen zu
können – nicht nur kostenfrei, sondern mit reichhaltigen
Verpflegungsvorräten für mindestens ein ganzes Jahr.
Ich hatte mich in Nachschlagewerken über Eisbären informiert
und wusste, dass sie riesengroß werden, wie alle Bären
Allesfresser sind und sehr gut schwimmen können. Wohin aber
schießt man so ein Mordsvieh, wenn der Kopf gut erhalten bleiben
soll? Wir hatten auf unserem Schiff genügend Zeit, uns auf diese
Frage vorzubereiten.
Unter den Matrosen hatten wir einen vielseitigen Malkünstler.
George hatte beim versehentlichen Öffnen einer
Mannschaftstüre entdeckt, dass die Wände der
Mannschaftskajüten überraschend kunstvoll mit farbigen
Bildern von aufreizenden Frauen mit üppigen Formen bemalt waren,
die beim unbekleideten Baden offensichtlich nicht mit einem
zuschauenden Maler gerechnet hatten.
Dieser musisch begabte Obermaat malte uns einige Eisbären in
vielen Haltungen auf Leintücher. Die Tücher nagelten wir auf
handliche Bretter und dann mussten die beiden Earls und ich stundenlang
plötzlich ein Eisbärenbild in Georges Blickfeld schieben,
damit er sich in guten Schüssen üben konnte. Die
Dunkelblaublütigen und George wechselten sich ab, damit auch sie
sich als gut vorbereitete Eisbärenjäger fühlen konnten.
Natürlich kam alles anders. Vor einer kleinen Insel nordwestlich
von Spitzbergen liefen wir auf einen dieser tückischen Eisberge,
von denen man meistens nur die beeindruckenden Gipfel und nie den
gefährlichen Unterbau sieht. Wir waren steuerbords leckgeschlagen
und das Schiff senkte sich bald bedrohlich zur Seite. Wir retteten uns
alle eiligst auf eine flache Eisscholle, leider ohne alles
Zubehör.
Nun war unser Zweiter Steuermann so geistesgegenwärtig gewesen,
ein Tau rechtzeitig hinüberzuwerfen und festzumachen. Ich schlug
vor, dass sich einer oder einige an dem durch ein paar Männer
straff gezogenem Seil zum angeschlagenen Schiff hangeln sollten, um
noch Gewehre und Munition und etwas aus der Kombüse zu retten.
Weil sich aber niemand traute und weil es mein Vorschlag gewesen war,
musste ich es selbst machen.
Ich schaffte es und packte trotz der Schlagseite unseres Schiffes drei
Seesäcke voll und warf sie den anderen zu. Nur einen Sack warf ich
zu kurz, das war leider der mit den Gewehren.
Weil das Seil auf der Schiffseite schon zu tief hing, musste ich auf
einem Stück Treibeis meine Rückkehr versuchen, aber diesen
Versuch musste ich aufgeben, weil ich mich nur durch Schaukeln nicht in
die gewünschte Richtung bewegen konnte.
Mit knapper Not erreichte ich das inzwischen nur noch halb aus dem
Treibeis ragende Schiff. Zurückblickend erkannte ich, dass sich
mehrere Eisbären auf meine Gefährten zu bewegten. Sie standen
auf einer großen Eisplatte und kamen schneller als ich voran,
weil einer von ihnen immer mal kurz ins Wasser sprang, der Platte von
hinten einen kräftigen Schubs gab und dann wieder hinaufkletterte.
Die Männer auf der Eisscholle machten verzweifelte Gesichter
angesichts der näher kommenden Gefahr, denn sie konnten sich in
keiner Weise verteidigen. Ich rief ihnen zu: „Ihr müsst Musik
machen, das lenkt sie ab!“
„Wie und womit?“ schrie George zurück und seine Begleiter
reagierten wütend auf meinen Rat. Sie hatten ja keine
Musikinstrumente bei sich. Ich wusste aber, dass der rothaarige Earl
Michael sich als Dichter verstand und oft Einfälle im Notizbuch
festhielt. Deshalb rief ich ihnen zu: „Seht nach, ob ihr Kämme bei
euch habt. Der Dichter kann euch Blätter aus seinem Heft
reißen; legt sie über die Kämme, einige können den
Bass brummen, das langt für eine Tanzmusik.“
Sie diskutierten leider viel zu lange über meinen Vorschlag, aber
die Idee setzte sich schließlich durch. Kämme hatten alle in
ihren Taschen.
Knapp bevor das erste weiße Riesentier zum Sprung ansetzte,
hatten sie sich auf ein Tanzliedchen geeinigt. Es hörte sich
schauderhaft unharmonisch an, aber es wirkte verblüffend
überzeugend: Die musikalisch kaum verwöhnten Bestien
lauschten mit schräg gehaltenen Köpfen, richteten sich zu
ihrer entsetzlichen Größe auf und begannen, genau im
Rhythmus der Melodie die plumpen Hinterfüße zu heben und
sich zu drehen. Beim Tanzen auf dem Eis kam ein Eisbär aus dem
Gleichgewicht und plumpste ins Wasser. Als wollte er sein Missgeschick
überspielen, verfiel er jetzt wohl darauf, mich auf dem sinkenden
Schiff zu besuchen; er kletterte geschickt an Bord und ich
fürchtete, dass er mich heimsuchen wollte.
Das Schiff schien in den letzten Minuten nicht weiter gesunken zu sein.
Unten in der Kombüse hatten wir viel leckerere Speisen für
Bären als einen abgezehrten älteren Weltenbummler (so sah ich
mich damals). Leider ließ ich mich noch zu einer unbedachten
Verhöhnung des Bären hinreißen, bevor ich in Richtung
Kombüse untertauchte: „Da drüben kannst du zwei englische
Grafen und einen Lord haben, und da kommst du zu mir; ich bin doch nur
niederer calenbergischer Landadel!“ rief ich ihm über die Schulter
zu. Aber nach täglichem gefrorenem Fisch schien ihm auch im
Interesse seiner Mitbären jede fressbare Abwechslung willkommen zu
sein.
Ich fand die Tür zur Kombüse und konnte sie auch
überraschend leicht öffnen. Hier schwamm auch noch eine
brennende Karbidlampe, die ein gespenstisches Licht verbreitete. Im
Raum selbst schwammen mir alle Vorräte entgegen: Schinken,
eingelegte Heringe, Gurken, in Fettpapier eingewickelte Kekse,
Schiffszwieback, eingelegte Eier und Honig und Marmeladengläser…
Vielleicht sind Eisbären wie andere Bären auch mit
Süßigkeiten abzulenken, dachte ich mir, und dann rächte
es sich, dass ich die Türe nicht ganz geschlossen hatte. Sein
unsympathisches Raubtiergesicht war plötzlich neben mir; er stank
bestialisch aus dem Maul. Ohne groß nachzudenken, begann ich, ihm
gefrorene Hühner, gepökelte Hasenbraten, Pasteten, Zwiebeln,
Kartoffeln und dazwischen pfundweise die berühmten
Schokoladenbonbons eines englischen Hoflieferanten zuzuschieben. Er war
immerhin so freundlich oder so gierig, dieses von mir ablenkende
Angebot zunächst anzunehmen.
Ich hatte entdeckt, dass das Wasser nur zwei Drittel der Kombüse
überschwemmt hatte; ich konnte auf einem Arbeitstisch stehen. Dem
Eisbären machte es nichts aus, in der engen Kombüse herum zu
schwimmen. Plötzlich kam das Tier mit aufgerissenem Rachen direkt
auf mich zu. Aber, dass ich vor Schreck vom Tisch gerutscht bin, hatte
noch einen weiteren Grund: er schleuderte mir ein mit Wachs
versiegeltes Honigglas hin; offensichtlich verlangte er von mir, es zu
öffnen und ihm den köstlichen Honig zugänglich zu
machen. Der Bursche hat nicht nur einen großen Kopf, dachte ich,
er hat auch ein achtenswertes Gehirn darin.
In meiner Reichweite schwammen zwei hölzerne Rührlöffel,
aber sie waren viel zu groß. So riss ich die Versiegelung des
Honigglases mit den Zähnen auf, holte einen Klumpen Honig heraus
und hielt ihn dem gespannt wartenden Bären hin. Ich war darauf
gefasst, dass er mir die Hand abreißen würde und hatte damit
seine Intelligenz unterschätzt: er wollte ja noch mehr Honig von
mir. Während ich ihn nach und nach den Honig aus fünf
Gläsern von meinen Fingern ablecken ließ, seine Zunge
fühlte sich dabei wie ein weiteres Raubtier an, hatte ich mit dem
rechten Fuß ein Fässchen Rum herangezogen.
Ich öffnete den Spund und tränkte Navy-Schiffszwieback mit
dem heraus fließenden Rum; dann riskierte ich es, dem bereits gut
an mich gewöhnten Eisbären die Fassöffnung vors Maul zu
halten. Er schlappte gierig den kaum verdünnten Seemannstrost in
sich hinein.
Ihr wisst, dass starker Rum selbst manch einem kräftigen Kerl
urplötzlich die Beine weggerissen hat. Dieses Vieh lag auf einmal
regungslos still und zeigte sich völlig handlungsunfähig. Ich
überließ es ohne Mitleid seinem Schicksal und schwamm durch
das eiskalte Wasser hinauf an Deck.
Auf der Eisscholle bot sich mir ein Bild des Grauens. Alles war rot von
Blut. Die Bestien hatten mindestens drei Männer bereits böse
zugerichtet; die anderen hatten sich auf mehrere Eisschollen
geflüchtet. Sie jubelten, als sie mich wieder sahen und setzten
wohl alle Hoffnungen auf mich. Das brachte mich dazu, wieder hinunter
zu tauchen, um Essbares zusammenzupacken.
Als ich mit einem Fischernetz voll mit allen erreichbaren ess-und
trinkbaren Vorräten wieder oben erschien, sah ich die
Eisbären auf dem Verfolgungsweg zu meinen Gefährten. Ich
musste ihnen andere Ziele geben und schrie ihnen „holla, huh, putt,
putt, putt“ zu und machte mich daran, ihnen meine Vorräte
zuzuwerfen. Sie ließen sich sofort überzeugen, dass ein
Zwischenhalt lohnend war – wie bei den „Bremer Stadtmusikanten“, dachte
ich. Um die großen walisischen Knochen- schinken rauften sie sich
mit bedrohlichem Geheul.
Mein Vorrat ging rasch zur Neige, aber ich hatte noch an die
dreißig Honiggläser. Unser Leben war dramatisch
gefährdet, deshalb sah ich es als gerechtfertigt an, zwischen den
Lebensproblemen „sie oder wir“ bewusst grausam zu handeln: Ich schlug
die Gläser an einem Eisenstück vorsichtig so entzwei, dass
die Scherben nicht abfielen, und warf sie den näher gekommenen
Eisbären zu. Sie schnappten mit einem Geschick danach, als
hätten wir das Zuwerfen lange geübt. Die aufgesplitterten
Honiggläser hatten eine furchtbare Wirkung im Schlund und im Magen
der stattlichen Tiere; der Anblick ihres Todeskampfes war trotz unserer
Genugtuung über unseren Sieg ehrlich hart für uns.
Ich hatte mittlerweile eins unserer Beiboote losmachen und zu Wasser
lassen können. Wir konnten einen Teil unserer Leute, auch zwei
Schwerverletzte, aufnehmen und auf eine größere Eisscholle
bringen. Die bald leblosen, äußerlich unverletzten
Eisbären banden wir zusammen und nahmen sie in Schlepp.
Am folgenden Tag gelang es uns, unser halb gesunkenes Schiff unter
größter Anstrengung von allen zu bergen, mit unendlicher
Mühe die Bruchstelle notdürftig zu reparieren und das
eingedrungene Wasser teilweise zu lenzen.
Leider hatten wir nichts mehr zu essen und nur noch einen stattlichen
Rumvorrat. Ich hatte früher auf meinen Schiffen nach deutscher
Seemannsart immer mehrere Fässer mit Sauerkraut an Bord, damit
konnten wir manche Not überbrücken. Die Engländer haben
andere Vorlieben.
Wir segelten mit großer Anspannung, denn das Packeis wurde immer
dichter und wir bangten Tag und Nacht um unser nur notdürftig
abgedichtetes Leck. Trotzdem kam zugleich eine merkwürdig
übermütige Stimmung auf, die in einem mehrtägigen Fest
gipfelte. Wegen der alles beherrschenden Nässe konnten wir kein
Feuer machen und somit das Bärenfleisch und die gefangenen Fische
nicht wie gewohnt genießbarer zubereiten, aber wir hatten eben –
wie jedes Schiff der britannischen Majestät – stattliche
Vorräte an Portwein und Rum, die sich schon ewig als Retter oder
doch als Tröster bewährt haben.
Von diesen schweren Getränken vertrage ich nicht genug, um mit
richtigen Seeleuten mithalten zu können, deshalb bin ich wohl
etwas aus dem Ruder gelaufen. Könnt ihr euch vorstellen, dass ein
sonst ernsthafter Mensch wie ich in eines der von den Matrosen
abgezogenen Eisbärenfelle schlüpfte, darin auf dem Deck
herumtanzte, einigen zufällig vorbei treibenden echten
Eisbären zuwinkte und ihre grauenhaften Krächzlaute
nachahmte?
George und Michael folgten meinem leichtsinnigen Verkleidungsbeispiel;
alle anderen lachten sich schief. Die fünf auf einer Scholle
treibenden Eisbären nahmen uns ernst und enterten unser Schiff.
Womöglich wollten sie mit uns um die Vorherrschaft in ihrem Gebiet
kämpfen. Bestens mit Kraft, Reißzähnen und langen
Krallen ausgerüstet waren sie ja. Die meisten von uns
flüchteten unter Deck. Earl Peter und der Kapitän liefen nach
ihren Gewehren, aber ein geistesgegenwärtiger Teufelskerl unter
den Sailors zog eine verbogene irische Maultrommel aus seiner
Hemdtasche, brachte irgendwie eine schräge Melodie hervor und
stiftete mich an, mit den weißen Riesen ein Tänzchen zu
wagen.
In nüchternem Zustand hätte ich es nie und nimmer gewagt, das
Schicksal zum zweiten Mal so keck herauszufordern, aber nüchtern
war ich eben nicht. Ich hatte zu wenig im Magen und zuviel im Blut und
kannte mich selbst nicht mehr. Schnurstracks ging ich auf den ersten
Eisbär zu und forderte ihn mit einer Verbeugung zum Tanz auf.
„Siehst du, das wollten sie!“ rief mein Freund George und folgte
wiederum meinem Beispiel. Jetzt wollten auch drei Matrosen nicht mehr
zurückstehen und so bildeten wir fünf Tanzpaare. Der Musikant
musste sein Tanzlied schneller spielen, denn die Bären erwiesen
sich als viel beweglicher als wir. Und heiß wurde es uns trotz
der Eiseskälte.
Mir wurde bald schwindlig und ich rief nach unseren Köchen. Einer
stellte auf meinen Wunsch hin einen großen irdenen Topf mit
Marmelade vorsichtig vor die Falltüre. Ich entschuldigte mich bei
meinem Tanzpartner und zeigte ihm den Topf. Sofort blieben alle
Bären stehen und witterten zu mir hin. Ich schmierte zwei
Hände voll Marmelade als Kostprobe auf die Reling und fand gerade
noch Zeit, den Henkeltopf an ein dünnes Seil zu binden und
über Bord auf eine Eisplatte herabzulassen. Ich kappte das Seil;
die Entfernung zum süßen Schleck wuchs schnell.
Die Bären hatten sorgfältig das Himbeermus vom Reling-Reep
abgeleckt und dabei immer den Topf im Auge behalten. Mit eleganten
Sprüngen hechteten sie über Bord. Wir hatten zufällig
guten Wind und konnten ihnen entkommen, weil sie sich auch längere
Zeit um den Topf balgten und uns danach nicht mehr erreichen konnten;
versucht haben sie es.
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