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Ein türkisches Muss:
Ein Harem für mich
Ich weiß nicht mehr genau, was ich euch schon alles an den
früheren Abenden erzählt habe; vielleicht hört ihr
manches zweimal, oder gar aus einem neuen Blickwinkel – das kann ich
nicht vermeiden, denn ich bin etwas sprunghaft veranlagt und ich
ändere meine Meinung auch manches Mal.
Wenn zwei Menschen einander lange verbunden sind, dämmert es ihnen
zuweilen, dass die altchinesische Weisheit „tägliche Würze
schmeckt schal“ nicht nur fürs Essen gilt. Fast alle Frauen und
Männer suchen ab und an eine Änderung des Alltäglichen –
manche nicht nur in ihren Träumen – und ihre Wichtigkeit gerade
für die Beständigkeit einer Beziehung wird ganz selten von
uns erkannt, oft übel und ganz selten weise hingenommen.
Ich tat mich schwer mit der Ersteinrichtung des Harems. Zunächst
musste ich die baulichen Voraussetzungen für ein
größeres Frauenhaus schaffen, denn es war nur ein viel zu
kleines vorhanden. Dabei setzte ich auf die Planung von
Wohngemeinschaften nach antikem Vorbild mit jeweils fünf oder
sechs Frauen. Diese Wohnungen gruppierten sich in einem großen
Atrium um einen von einem Bach durchzogenen Blumengarten mit
installierten Wasserspielen.
Dieses Gebäude und meinen eigenen Wohnbereich umgab eine hohe,
weißgetünchte Mauer mit nur einem einzigen Tor, das
selbstverständlich Tag und Nacht von einer Gruppe bewaffneter
Frauen bewacht wurde. Herkömmliche Waffen waren meinen
Wächterinnen wie allen Frauen im Osmanischen Reich nicht erlaubt.
Ich ließ ihnen aus hartem Holz handliche Keulen anfertigen, mit
denen sie auch treffsicher und im Notfall beträchtliche
Verletzungen bereitend zu werfen lernten; außerdem ließ ich
sie zu ihrer großen Begeisterung in fernöstlichen
Kampftechniken ausbilden.
Ich hatte es mir leichter vorgestellt, meinen Harem zu füllen. Ich
musste mich dagegen wehren, dass mir dankbare Patienten statt eines
Honorars eine ihrer Frauen mitbrachten, vielleicht nicht nur, um mir
eine Freude zu machen, möglicherweise wollten sie sie loswerden.
Ich habe mir die Frauen, mit denen ich zusammenleben wollte, immer
selbst ausgesucht. Ohne meinen Freund Dodo hätte ich das nicht
geschafft.
Dodo von Prachtstein war einer der ersten fünf Studienfreunde,
denen ich in Konstantinopel und in den Provinzstädten des
Osmanischen Reiches lohnende Positionen verschafft habe. Das war
erstaunlich leicht, nachdem mein Schulfreund Dr. Willi Holstein aus dem
Fürstenbad Pyrmont den Sultan mit spektakulären Plänen
für Kureinrichtungen in der Hauptstadt und an anderen lohnenden
Orten am Meer und in den Bergen begeistert hatte.
Graf Dodo war beim deutschen Botschafter in der Kulturabteilung
beschäftigt; der lebenslustige Junggeselle verstand nach meiner
Einschätzung viel von Frauen. Er hatte unter anderem beruflich
dafür zu sorgen, dass griechische Weinfässer und Weinflaschen
vor der Einfuhr ins Osmanische Reich nach jeweils gründlicher
Prüfung durch einige Freiwillige, Aufkleber mit der
zweisprachigen, diplomatisch formulierten Beschriftung "Sauer wie
Wein-Essig" bekamen; danach konnte die Flüssigkeit ohne
religiöse Beanstandung in der Deutschen Botschaft, von mir und von
der wachsenden deutschen Gemeinde verwendet werden.
Der hohe Essigverbrauch der Deutschen wurde mit häufigen
Waschungen wegen der für uns doch ungewohnten Hitze und auch als
Hilfe gegen die Mückenplage erklärt. Die
großzügige Zustimmung des Großwesirs und einiger
seiner Mitarbeiter hat die Kulturabteilung auf die landesübliche
Weise belohnt.
Graf Dodo hat es mir ermöglicht, in den Städten
Konstantinopel, Korinth, Izmir, Ephesus, Damaskus, Alexandria und auf
zwei, drei Inseln interessante Frauen kennenzulernen. Er veranstaltete
mit Unterstützung von einflussreichen Honoratioren als elegante
Ereignisse geltende Feste, bei denen er einige vorher von ihm und
anderen Kennern ausgewählte Schönheiten und dazu incognito
mich einladen konnte. Ich konnte unauffällig herausfinden, ob
einige Frauen auf mich einen starken Eindruck machten und mir besonders
sympathisch wurden.
Wenn erkennbar wurde, dass auch sie sich eine komfortable Zeit mit mir
vorstellen konnten und später die übliche
Gesundheitsuntersuchung bestanden hatten, fädelte Dodo die
nötigen Formalitäten ein.
In Korinth verliebte ich mich bei einem exklusiven Gesellschaftsabend
in eine junge Dame, mit der ich oft hintereinander getanzt hatte. Wir
hatten uns einige Nettigkeiten zugeraunt; ich genoss die
körperlichen Berührungen sehr und verstärkte sie ganz
vorsichtig genießerisch. Ich wertete es schon als enormen Erfolg,
dass ich sie hinaus auf die Terrasse gedrängt hatte. Sie wehrte
sich gegen meinen Versuch, sie zu küssen, mit einer von ihr dunkel
angekündigten, merkwürdigen Bewegung ihrer Finger: Sie strich
mit geschlossenen Augen langsam über meine linke Schläfe, an
Wange und Mundwinkel vorbei bis unter mein Kinn.
Und dann sagte sie mit einer wunderschönen Berührung unserer
Gesichter ganz nahe an meinem Ohr: „Bitte entführen Sie mich! Mein
Vater will mich mit einem ekelhaften Mann verkuppeln. Bitte hohlen Sie
mich auf Ihr Schiff und bringen Sie mich in Sicherheit!“ Ich kam in
heftige Verlegenheit, weil ich als ein vermutbar ständig skeptisch
beobachteter Gast in der Fremde keine Möglichkeit sah, sie
heimlich auf unser Schiff zu bringen. Aber diese zauberhafte Frau war
in höchster Not und ich versuchte nach ihren unwiderstehlich
vorgebrachten Überredungsversuchen vieles, ihr zu helfen.
Dodo, der vorbildliche Beamte, riet mir heftig ab: „Das ist
unmöglich! Ich kann dir ernste diplomatische Verwicklungen
voraussagen!“ Zuletzt gab er aber nach und verhalf der überaus
attraktiven Frau zu einem landesüblichen Dienerinnengewand. Unter
den dichten schwarzen Tüchern war sie nicht mehr zu erkennen.
Als ich ihr auf dem Schiff eine kleine Kajüte frei machte und sie
sich dort erst einmal sicher fühlen konnte, klammerte sie sich an
mich und sagte: „Ich heiße Mahajusha. Ich habe riesige Angst. Ich
bin eine persische Prinzessin und mein Vater wird mich überall
suchen. Können Sie mich beschützen?“
Ich hatte in den bekannten Vermittlungshäusern ungewöhnlich
anziehende und mich sehr begeisternde spanische, portugiesische,
italienische, ungarische, bulgarische, griechische und arabische Frauen
für meinen wachsenden Harem angeworben und bereits Mühe, sie
vor der Schiffsmannschaft zu schützen. Übrigens war meine
Bereitschaft zur Gründung und Erweiterung meines Harems wesentlich
gewachsen, seit ich erkannt hatte, dass die Frauen, die ich anwarb, nur
eine erbärmliche Alternative hatten; bei mir hatten sie eine
für sie lohnende Gegenwart und eine günstige Zukunft.
Aus Sicherheitsgründen nahm ich Mahajusha doch mit in meine
Kajüte und gab sie vor den anderen einfach als meine Lieblingsfrau
aus.
Euch werden die Gründe einleuchten, aus denen ich mich in den
folgenden Tagen weiterhin den anderen Frauen widmen und sie auf das
Leben in einer Haremsgemeinschaft vorbereiten musste. Mahajusha
übernahm es ungefragt, mir dabei zu helfen und zuerst für
diese Frauen einen Drei-Monats-Plan zu erstellen und unser
Beisammensein und die Arbeiten für die Gemeinschaft im Haus, im
Park, für die Küche und den Wachdienst zu organisieren. Sie
machte das so souverän, dass die Frauen ihre Rolle respektierten
und sie auch bald schätzten.
Während ich jeweils eine der Frauen unter meinem Baldachin
näher kennenlernte, saß Mahajusha diskret mit einem meiner
überallhin mitgeführten Bücher bei einer Tischlampe. Das
war ihr, weil sie nichts in diesen Büchern verstehen konnte, bald
langweilig und deshalb machte sich die vielsprachige Prinzessin
unentbehrlich nützlich bei der immer unterhaltsamen, aber manchmal
zeitraubenden Verständigung ohne eine Kenntnis der Heimatsprachen
der Frauen.
Ich gewöhnte mich daran, sie neben mir zu haben. Durch ihre
ungezwungene Umgangsart war es mir nie peinlich, sie in der Nähe
zu wissen, wenn ich damit beschäftigt war, die Besonderheiten der
anderen Frauen zu entdecken und ihre Gefühle und Stimmungen zu
erahnen. Das musste bald auch nicht mehr hinter einem Vorhang
geschehen.
Es war aber für mich eine Ehrensache, Mahajusha nicht zu
berühren, wenn sie aus Platz und Wärmegründen in der
Nacht neben mir lag. Ihr glaubt mir das nicht? Ich entsinne mich noch
genau, dass ich mir das fest vorgenommen hatte. Ihr werdet verstehen,
dass ich nicht mehr ganz genau weiß, was zwischen uns geschah,
wenn der herrliche griechische Wein seine Macht über mich gewonnen
hatte, aber ich habe Vertrauen zu mir.
Morgens sah ich die Prinzessin oft besorgt fragend an, und sie
bestätigte jedes Mal: „Natürlich habe ich nur wie eine
Schwester Ihr Lager geteilt. Wir haben beide tief und fest geschlafen.
Sie haben übrigens etwas geschnarcht.“ Von den hinreißenden
Köstlichkeiten ihres zauberhaften Körpers, von ihren
betörenden Küssen und von unvergleichlichen
Liebesnächten mit ihr werde ich nur geträumt haben. Meinen
Träumen habe ich zeitlebens vieles zugetraut…
Mahajushas einflussreicher Vater untersuchte mit über zweihundert
Soldaten jeden Winkel der Stadt, um seine verschwundene Tochter zu
finden. Wir hörten von mehreren Verhaftungen und von einer Sperre
aller Zugangsstraßen und auch des Hafenbeckens. Vorsorglich
schnitt sich Mahajusha unter Tränen ihre herrlichen langen Haare
ab, malte sich einige schlimm aussehende Gesichtsnarben, eine dicke
Warze und eine wie von frischen Männerschlägen violett
angelaufene Augenhöhle. Mit diesem Äußeren wirkte sie
völlig anders, fremder, und trotz ihres jetzt durch ein
planierendes Kissen plump verfremdeten Busens, weniger attraktiv.
Unser Schiff wurde zweimal durchstöbert. Die Soldaten sahen jedes
Mal eine mit Putzen beschäftigte Dienerin in verschlissener
Kleidung. Ein misstrauischer Soldat zwang sie, ihm ihre Hände zu
zeigen. Mahajusha war auch darauf vorbereitet: Ihre Finger waren
rötlich gefärbt und die Fingernägel sogar
überzeugend schwarz unterlegt.
Zuletzt verspürte er große Lust, sich mit ihr in meiner
Kajüte abzusondern. Mahajusha schrie so laut, dass ich sie
hören und noch rechtzeitig herbeieilen konnte. Ich hatte
vorsorglich einen falschen Schlüssel von innen in die Tür
gesteckt; das hinderte den Kerl daran, sich mit ihr
einzuschließen.
Der Soldat war bei meinem Kommen ziemlich verdattert. Er hatte die
Prinzessin auf mein Bett geworfen und seine Hose bereits geöffnet.
Ich spielte meine Überraschung herunter und es gelang mir, mit
einem stichbereiten Dolch in der Hand über die Situation so
ausgiebig zu lachen, dass der Mann sich verunsichert mit vielen
Entschuldigungen und Verbeugungen davon machte. Er hatte deutlich
erwartet, dass ich ihn aus Rache verstümmeln würde. Ich
tröstete Mahajusha einige Stunden lang; das war seelenmedizinisch
unerlässlich und wir kamen uns dabei menschlich nahe.
Wir blieben damals zur Sicherheit noch einige Tage im Hafen und ich
ging in dieser Zeit jeden Tag mehrere Stunden an Land. Mahajusha hatte
ich in meiner Kajüte eingeschlossen. Mein Erster Offizier sollte
mich bei jeder nahenden Inspektion mit zwei Kanonenschüssen an
Bord rufen.
Unsere Hafenausfahrt war noch einmal aufregend, weil sich ein Trupp
Soldaten nach der Durchsuchung auffällig lange bei uns aufhielt.
Die Männer ließen sich üppig bewirten und nahmen es
ausgiebig auf sich, eine ihnen verdächtige helle Flüssigkeit
in rücksichtslosen Selbstversuchen zu kosten und ihre Wirkung
abzuwarten. Unsere Matrosen mussten sie schließlich zu ihrer
Wachstation zurückrudern, weil sie nach drei Stunden ihr eigenes
Boot nicht mehr rudern konnten. Ich hatte ihnen vorsorglich ein
Fässchen mit Anisschnaps mitgegeben. Dessen Inhalt
beschäftigte die Soldaten, die unsere Ruderer empfingen, bis sie
zurückkehren und bis wir die Bucht von Korinth verlassen konnten.
Als wir in Alexandria anlandeten, war die Prinzessin ohne Verkleidung
an meiner Seite zu sehen; ich sah keinen Grund mehr, sie verborgen zu
halten. Dies war aber leider eine zu leichtgläubige
Fehleinschätzung, denn sie wurde trotz ihres blausilbernen
Schleiers, den sie tagsüber auch wegen ihrer nur langsam
nachwachsenden Haare trug, von einem reichen Geschäftsmann
erkannt. Zum Glück hielt er sich an die üblichen
Gepflogenheiten und ließ sich sein Schweigen mit einer
stattlichen Geldsumme vergelten; leider auch mit der hartnäckig
durchgesetzten Nachforderung, zwei meiner frisch angeworbenen
malaiischen Schönheiten als „Draufgabe“ zu bekommen.
Ich hatte die persische Prinzessin, dieses kostbare Geschenk des
Himmels, als Vorsteherin meines Frauenhauses eingesetzt und ihr
weitreichende Vollmachten gegeben. Sie hat mein Vertrauen voll belohnt.
Prinzessin Mahajusha sorgte dafür, dass unter den Frauen keine
Eifersucht aufkam und dass jede sich freute, wenn es ihr durch
unmerklich gelenkte Listen gelang, meine ohnehin leicht wechselnde
Gunst aus ihrer Sicht sinnvoll aufzuteilen.
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