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Ein Abend mit lauter Fragen
Liebe Gäste am Kamin, ich habe in den letzten Wochen einige Zettel
mit Fragen von Ihnen und von euch angesammelt; ich danke euch
dafür. Das Meiste will ich gern zu beantworten versuchen, weniges
will ich aber für mich behalten und einiges weiß ich selbst
noch nicht zu deuten. Schreibt mir weiter anonym auf, was Euch an
Fragen kommt. Heute gebe ich also die ersten Antworten:
Wie viele Frauen
waren es denn in Ihrem Leben?
Es reizt mich zu fragen: Wie viele Partner hatten Sie denn? Die
zählt man doch nicht wie ein Sammler seine Käfer; ich
jedenfalls nicht. Warum übrigens sollte ich jetzt schon mit dem
Zusammenzählen anfangen?
Haben Sie sich um
die Frauen, die Ihnen viel bedeuteten,
auch später noch gekümmert?
Wenn ich eine Chance dazu hatte, ja und liebendgern. Aber seltener als
ich wollte – das war bei mir sicher nicht anders als bei den meisten
Mitmenschen. Wunderbarerweise hat das Leben mich mit einigen wieder
zusammengeführt, wenn auch verändert, aber immer
beglückend und unbelastet: etwa mit Swantje in Amsterdam, mit Ewa
in Dresden und in Paris, mit Gabi in Göttingen, mit der Forscherin
aus Nordhausen in Weimar, mit Dorothee in Tarent und am Wunderbarsten:
mit Mahajusha in Frankfurt. Alle anderen hoffe ich im Himmel
wiederzusehen.
Sie sind nicht
zimperlich in der Beurteilung unserer Klassiker.
Verbirgt sich
dahinter ein gestörtes Verhältnis?
Sie vermuten Kollegenneid? Einer wie ich lebt ja mehr vom Nachruhm,
darauf verlassen sich auch andere, aber manche hatten schon zu
Lebzeiten Erfolg – nur waren sie damit nicht immer glücklich.
Nein, ich liebe viele große Dichter und verdanke ihnen viele
Kostbarkeiten in meinem Gedächtnis und in meinem Gemüt. Aber
Sie haben richtig erkannt, dass ich an der Patina einiger Denkmale
gerne mal kratze. Muss das eine Liebe nicht aushalten?
Hatten Sie
eigentlich auch einmal Misserfolge?
Aber ja! Aber negative Erlebnisse rutschen bei mir schnell in die
Versenkung. Misserfolge haben mich eher angetrieben. Ich habe mich
durch fehlende Erfolge nie entmutigen lassen. Das ist wohl eine
wichtige Voraussetzung für ein Vorankommen – nicht nur bei Frauen.
Aber die Gründe meiner größeren Erfolge waren neben
einer Beherztheit des Anpackens nicht zuletzt ein unverschämtes
Glück.
Was würdest Du
anders machen, wenn Du Dein Leben
noch einmal von
vorn anfangen könntest?
Das weiß ich nicht. Schon deshalb nicht, weil ich die
Lebensumstände nicht einschätzen kann. Ich könnte ja als
Sohn eines Kaminfegers geboren werden oder als der ungeliebte Sohn
einer ungewollt geschwängerten Magd. Oder als Lieblingskind eines
reichen Mannes. Ich glaube, dass ich aus jedem Anfangszustand etwas
machen würde. Vielleicht würde alles ganz anders sein, aber
sicher nicht langweiliger. Fest steht: ich habe kein Talent zum
Unglücklichsein.
Herr von
Münchhausen, wir alle wissen, dass Sie ungern
über Ihre
Erfolge in der Neuen Welt sprechen, aber
die
Zeitungsberichte sind sicher ungenau.
Erzählen Sie
uns bitte noch einmal Genaueres über Ihre Arbeit.
Nun, da gibt es inzwischen in rund 500 amerikanischen und kanadischen
Städten ein großes und nicht gerade billiges Restaurant mit
dem Namen „Heimatland“. Das hilft vielen Deutschstämmigen und
ihren Kindern und Enkeln gegen Heimweh – und verstärkt es
zugleich.
Dann gibt es in den meisten größeren Städten ein
bodenständiges, sehr gediegenes „Deutsches Haus“, in dem man sich
privat und zu Geschäften treffen und angenehm wohnen kann. Beiden
Einrichtungen ist ein Versandhaus angebunden, in dem man deutsche
Erzeugnisse bestellen kann.
Die „Deutsche Messe“ ist ein festes, jährliches Ereignis in
mehreren Landesteilen geworden, wo die Leute vom deutschen Klavier bis
zum soliden Fertighaus nach Friesen-oder Schwarzwald-Art ziemlich
vieles bestaunen und bestellen können.
Der tragisch verunglückten Prinzessin Mahajusha zuliebe gibt es
fast überall die Schönheitskaufhäuser „Prinzessin von
Persien“. Und unserem Sohn zuliebe betreibe ich mit mittlerweile
riesigem Erfolg deutsche „Kindergärten“.
Ach ja, dann habe ich noch die Viehmärkte eingerichtet, bei denen
Zuchttiere versteigert werden – Pferde, Rinder, Ziegen, Schafe,
Hühner und Gänse. Und Gabi zuliebe werden wir sicher noch ein
paar Fischzuchtbetriebe einrichten.
Die Geschäfte laufen alle wie von selbst – und es ist gar nicht
mehr nötig, dass ich mich ab und an einmal in ihnen sehen lasse.
Organisation ist eben alles – sonst könnte ich es mir auch nicht
leisten, alle paar Jahre mal eben drei Monate Heimaturlaub zu machen…
Frage: Sie hatten
doch vier Samenkapseln. Wer bekam sie?
War das nicht zu erkennen? Dann will ich dieses kleine Rätsel auch
nicht ganz auflösen; vielleicht regt Sie das an, länger zu
erörtern, wer meine mir so besonders liebgeworden Frauen waren.
Ich höre gern zu, wenn Sie denkbare Namen nennen.
Frage: Was ist
Ihnen an unserer Religion wirklich wichtig?
Ich weiß, woher ich komme und wer mich erwartet. Ich sehe mich
auf einem Rundweg, der mich auf selten geraden Wegen über meine
Mitmenschen zu Gott führt. Unsere Religion kann bewirken, dass wir
uns nicht als fertige Menschen sehen und uns noch selbst entwickeln
müssen, um vorzeigbarer zu werden. Es macht mich bekümmert,
dass wir Christen uns mehr mit dem unmündigen Kind in der Krippe
und mit dem toten Christus am Kreuz beschäftigen als mit dem
lebenden und segnendem Jehoshua (der den ihm später gegebenen
Namen Jesus nie gehört hat). Wir fragen alle kaum danach, wie
Christus in unseren Alltagsfragen handeln würde.
Mich überzeugen wenige der Menschen, die ihren bezahlten und mit
etlichen Vorteilen gesegneten Beruf darin sehen, sich als seine doch
allesamt selbsternannten Nachfolger und Stellvertreter auszugeben;
übrigens machte es mich auch sehr nachdenklich, dass gleich drei
meiner Jugendfreunde aus Pfarrhäusern stammten und doch strenge
Atheisten wurden.
Unsere Lieder und Tondichter erreichen mit ihren Werken viel inniger
mein Herz als viele Berufsfromme, die mich nur darauf bringen, dass man
ihnen das Christentum nicht allein überlassen sollte. Jeder muss
selbst auf Gottes Liebe antworten und seine Frömmigkeit
verantworten.
Ich kann mir schwer vorstellen, dass Christus einer unseren viel zu
vielen Christengemeinschaften angehören möchte und dass man
ihn dort auch aufnehmen und aushalten würde. Insgesamt habe ich
mehr Fragen als Antworten – und das ist mir auch bei anderen Menschen
wichtig.
Frage: Du kannst
alles und alle lieben Dich.
Das gibt es doch
nicht wirklich! Du lügst doch maßlos!
Wirklichkeit oder Lüge? Was hältst Du denn für wirklich
und was beschäftigt dich mehr? Was Du erlebst oder was Du
träumst? Ich denke oft an Saigyo Hoshi, den japanischen Mönch
und Dichter aus dem 12. Jahrhundert. Er sagte scheinbar leichthin:
„Seit ich weiß, dass die Wirklichkeit nicht wirklich ist, glaube
ich nicht, dass meine Träume nur Träume sind“.
Lügen unsere Träume? Dichter holen uns vieles aus dem dunklen
Land herüber, das wir nur bruchstückhaft aus unseren
Träumen kennen. Ich träume gern. In meiner Welt muss nicht
alles wirklich sein…
Ein arabischer Geschichtenerzähler hat mir gesagt: „Manche
Menschen hören lieber Liebesgeschichten, manche lieber
Mordgeschichten. Ich lasse mich von den Gesichtern meiner Zuhörer
inspirieren und frage mich, was bringt ihnen heute mehr? Manchmal frage
ich aber auch mich: welche Geschichte reizt mich heute? Alle
Geschichten sind meine Kinder, sie laufen im Spiel mal hierhin, mal
dahin. Meine Kinder lügen nicht, ich vielleicht einmal, aber ich
sehe auch vieles anders als andere. Ich will Dir noch ein Geheimnis
sagen, mein Freund: Die Gestalten, die aus meinem Kopf in die Welt
springen, kannte ich gestern noch nicht. Sie leben ihr eigenes Leben,
das gar nicht zu mir passt. Zum Beispiel schwärmt der Dieb Jussuf
für gebratenen Hammelschwanz und mich würgt es schon, wenn
ich ihn von weitem rieche…“
Mir geht es ganz ähnlich, Freunde: Meine Figuren leben mit ihren
Lebens- geschichten, ich bin selbst ja auch nur eine Figur in ihnen –
ich staune oft, was sie alles erleben… Übrigens finde ich, dass
manchmal eine Lüge barmherziger ist, als Mitmenschen mit einer
sehr schwer verkraftbaren Wahrheit zu belasten.
Frage: Geben Sie
zu, Baron, dass Ihre Geschichten
doch alles nur
Altmänner-Phantasien sind?
Was würde denn besser zu mir passen, Jungmännerfantasien
etwa? Oder Zukunftsversprechungen wie die von Menschen, die unbedingt
Ihr Vertrauen brauchen? Jeder hier weiß doch, was ich zum Wein
auftische. Kommt jemand nur wegen des Weins? Ich will´s mal
glauben.
Hören Sie einfach weiter nicht hin, wenn ich fantasiere und wenn
sich lustvolle Gedanken in Ihrem Kopf einnisten wollen, spätestens
auf dem Nachhauseweg oder danach in Ihrem Bett. Jagen Sie diese
Gedanken fort! Glauben Sie mir: Ich liebe standhafte Frauen; sie waren
mir immer besonders interessant. Sehr zum Wohl, meine Damen!
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