Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Ein Abend mit lauter Fragen

Liebe Gäste am Kamin, ich habe in den letzten Wochen einige Zettel mit Fragen von Ihnen und von euch angesammelt; ich danke euch dafür. Das Meiste will ich gern zu beantworten versuchen, weniges will ich aber für mich behalten und einiges weiß ich selbst noch nicht zu deuten. Schreibt mir weiter anonym auf, was Euch an Fragen kommt. Heute gebe ich also die ersten Antworten:

Wie viele Frauen waren es denn in Ihrem Leben?

Es reizt mich zu fragen: Wie viele Partner hatten Sie denn? Die zählt man doch nicht wie ein Sammler seine Käfer; ich jedenfalls nicht. Warum übrigens sollte ich jetzt schon mit dem Zusammenzählen anfangen?

Haben Sie sich um die Frauen, die Ihnen viel bedeuteten,
auch später noch gekümmert?


Wenn ich eine Chance dazu hatte, ja und liebendgern. Aber seltener als ich wollte – das war bei mir sicher nicht anders als bei den meisten Mitmenschen. Wunderbarerweise hat das Leben mich mit einigen wieder zusammengeführt, wenn auch verändert, aber immer beglückend und unbelastet: etwa mit Swantje in Amsterdam, mit Ewa in Dresden und in Paris, mit Gabi in Göttingen, mit der Forscherin aus Nordhausen in Weimar, mit Dorothee in Tarent und am Wunderbarsten: mit Mahajusha in Frankfurt. Alle anderen hoffe ich im Himmel wiederzusehen.

Sie sind nicht zimperlich in der Beurteilung unserer Klassiker.
Verbirgt sich dahinter ein gestörtes Verhältnis?

Sie vermuten Kollegenneid? Einer wie ich lebt ja mehr vom Nachruhm, darauf verlassen sich auch andere, aber manche hatten schon zu Lebzeiten Erfolg – nur waren sie damit nicht immer glücklich. Nein, ich liebe viele große Dichter und verdanke ihnen viele Kostbarkeiten in meinem Gedächtnis und in meinem Gemüt. Aber Sie haben richtig erkannt, dass ich an der Patina einiger Denkmale gerne mal kratze. Muss das eine Liebe nicht aushalten?

Hatten Sie eigentlich auch einmal Misserfolge?

Aber ja! Aber negative Erlebnisse rutschen bei mir schnell in die Versenkung. Misserfolge haben mich eher angetrieben. Ich habe mich durch fehlende Erfolge nie entmutigen lassen. Das ist wohl eine wichtige Voraussetzung für ein Vorankommen – nicht nur bei Frauen. Aber die Gründe meiner größeren Erfolge waren neben einer Beherztheit des Anpackens nicht zuletzt ein unverschämtes Glück.

Was würdest Du anders machen, wenn Du Dein Leben
noch einmal von vorn anfangen könntest?

Das weiß ich nicht. Schon deshalb nicht, weil ich die Lebensumstände nicht einschätzen kann. Ich könnte ja als Sohn eines Kaminfegers geboren werden oder als der ungeliebte Sohn einer ungewollt geschwängerten Magd. Oder als Lieblingskind eines reichen Mannes. Ich glaube, dass ich aus jedem Anfangszustand etwas machen würde. Vielleicht würde alles ganz anders sein, aber sicher nicht langweiliger. Fest steht: ich habe kein Talent zum Unglücklichsein.

Herr von Münchhausen, wir alle wissen, dass Sie ungern
über Ihre Erfolge in der Neuen Welt sprechen, aber
die Zeitungsberichte sind sicher ungenau.
Erzählen Sie uns bitte noch einmal Genaueres über Ihre Arbeit.

Nun, da gibt es inzwischen in rund 500 amerikanischen und kanadischen Städten ein großes und nicht gerade billiges Restaurant mit dem Namen „Heimatland“. Das hilft vielen Deutschstämmigen und ihren Kindern und Enkeln gegen Heimweh – und verstärkt es zugleich.

Dann gibt es in den meisten größeren Städten ein bodenständiges, sehr gediegenes „Deutsches Haus“, in dem man sich privat und zu Geschäften treffen und angenehm wohnen kann. Beiden Einrichtungen ist ein Versandhaus angebunden, in dem man deutsche Erzeugnisse bestellen kann.

Die „Deutsche Messe“ ist ein festes, jährliches Ereignis in mehreren Landesteilen geworden, wo die Leute vom deutschen Klavier bis zum soliden Fertighaus nach Friesen-oder Schwarzwald-Art ziemlich vieles bestaunen und bestellen können.

Der tragisch verunglückten Prinzessin Mahajusha zuliebe gibt es fast überall die Schönheitskaufhäuser „Prinzessin von Persien“. Und unserem Sohn zuliebe betreibe ich mit mittlerweile riesigem Erfolg deutsche „Kindergärten“.

Ach ja, dann habe ich noch die Viehmärkte eingerichtet, bei denen Zuchttiere versteigert werden – Pferde, Rinder, Ziegen, Schafe, Hühner und Gänse. Und Gabi zuliebe werden wir sicher noch ein paar Fischzuchtbetriebe einrichten.

Die Geschäfte laufen alle wie von selbst – und es ist gar nicht mehr nötig, dass ich mich ab und an einmal in ihnen sehen lasse. Organisation ist eben alles – sonst könnte ich es mir auch nicht leisten, alle paar Jahre mal eben drei Monate Heimaturlaub zu machen…

Frage: Sie hatten doch vier Samenkapseln. Wer bekam sie?

War das nicht zu erkennen? Dann will ich dieses kleine Rätsel auch nicht ganz auflösen; vielleicht regt Sie das an, länger zu erörtern, wer meine mir so besonders liebgeworden Frauen waren. Ich höre gern zu, wenn Sie denkbare Namen nennen.
 
Frage: Was ist Ihnen an unserer Religion wirklich wichtig?

Ich weiß, woher ich komme und wer mich erwartet. Ich sehe mich auf einem Rundweg, der mich auf selten geraden Wegen über meine Mitmenschen zu Gott führt. Unsere Religion kann bewirken, dass wir uns nicht als fertige Menschen sehen und uns noch selbst entwickeln müssen, um vorzeigbarer zu werden. Es macht mich bekümmert, dass wir Christen uns mehr mit dem unmündigen Kind in der Krippe und mit dem toten Christus am Kreuz beschäftigen als mit dem lebenden und segnendem Jehoshua (der den ihm später gegebenen Namen Jesus nie gehört hat). Wir fragen alle kaum danach, wie Christus in unseren Alltagsfragen handeln würde.

Mich überzeugen wenige der Menschen, die ihren bezahlten und mit etlichen Vorteilen gesegneten Beruf darin sehen, sich als seine doch allesamt selbsternannten Nachfolger und Stellvertreter auszugeben; übrigens machte es mich auch sehr nachdenklich, dass gleich drei meiner Jugendfreunde aus Pfarrhäusern stammten und doch strenge Atheisten wurden.

Unsere Lieder und Tondichter erreichen mit ihren Werken viel inniger mein Herz als viele Berufsfromme, die mich nur darauf bringen, dass man ihnen das Christentum nicht allein überlassen sollte. Jeder muss selbst auf Gottes Liebe antworten und seine Frömmigkeit verantworten.

Ich kann mir schwer vorstellen, dass Christus einer unseren viel zu vielen Christengemeinschaften angehören möchte und dass man ihn dort auch aufnehmen und aushalten würde. Insgesamt habe ich mehr Fragen als Antworten – und das ist mir auch bei anderen Menschen wichtig.

Frage: Du kannst alles und alle lieben Dich.
Das gibt es doch nicht wirklich! Du lügst doch maßlos!

Wirklichkeit oder Lüge? Was hältst Du denn für wirklich und was beschäftigt dich mehr? Was Du erlebst oder was Du träumst? Ich denke oft an Saigyo Hoshi, den japanischen Mönch und Dichter aus dem 12. Jahrhundert. Er sagte scheinbar leichthin: „Seit ich weiß, dass die Wirklichkeit nicht wirklich ist, glaube ich nicht, dass meine Träume nur Träume sind“.

Lügen unsere Träume? Dichter holen uns vieles aus dem dunklen Land herüber, das wir nur bruchstückhaft aus unseren Träumen kennen. Ich träume gern. In meiner Welt muss nicht alles wirklich sein…

Ein arabischer Geschichtenerzähler hat mir gesagt: „Manche Menschen hören lieber Liebesgeschichten, manche lieber Mordgeschichten. Ich lasse mich von den Gesichtern meiner Zuhörer inspirieren und frage mich, was bringt ihnen heute mehr? Manchmal frage ich aber auch mich: welche Geschichte reizt mich heute? Alle Geschichten sind meine Kinder, sie laufen im Spiel mal hierhin, mal dahin. Meine Kinder lügen nicht, ich vielleicht einmal, aber ich sehe auch vieles anders als andere. Ich will Dir noch ein Geheimnis sagen, mein Freund: Die Gestalten, die aus meinem Kopf in die Welt springen, kannte ich gestern noch nicht. Sie leben ihr eigenes Leben, das gar nicht zu mir passt. Zum Beispiel schwärmt der Dieb Jussuf für gebratenen Hammelschwanz und mich würgt es schon, wenn ich ihn von weitem rieche…“

Mir geht es ganz ähnlich, Freunde: Meine Figuren leben mit ihren Lebens- geschichten, ich bin selbst ja auch nur eine Figur in ihnen – ich staune oft, was sie alles erleben… Übrigens finde ich, dass manchmal eine Lüge barmherziger ist, als Mitmenschen mit einer sehr schwer verkraftbaren Wahrheit zu belasten.

Frage: Geben Sie zu, Baron, dass Ihre Geschichten
doch alles nur Altmänner-Phantasien sind?

Was würde denn besser zu mir passen, Jungmännerfantasien etwa? Oder Zukunftsversprechungen wie die von Menschen, die unbedingt Ihr Vertrauen brauchen? Jeder hier weiß doch, was ich zum Wein auftische. Kommt jemand nur wegen des Weins? Ich will´s mal glauben.

Hören Sie einfach weiter nicht hin, wenn ich fantasiere und wenn sich lustvolle Gedanken in Ihrem Kopf einnisten wollen, spätestens auf dem Nachhauseweg oder danach in Ihrem Bett. Jagen Sie diese Gedanken fort! Glauben Sie mir: Ich liebe standhafte Frauen; sie waren mir immer besonders interessant. Sehr zum Wohl, meine Damen!

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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