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Die Muse des Gesanges
Ich kenne wahrscheinlich kaum zweihundert Lieder auswendig und bin
sicher kein begabter Sänger, aber mir fiel kein anderer Ausweg
ein. Zuerst erinnerte ich mich auch an mein Konfirmationslied, von dem
konnte ich noch alle damals gesungenen Strophen von Paul Gerhardt: „Geh
aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines
Gottes Gaben…“
Die Wirkung war wieder sehenswert; sie hüpften wie vor Freude und
machten mir mit den bereits bewährten Gesten klar, dass sie mehr
hören wollten. So erfreute ich die Silberleute noch mit
Chorälen und mit einigen meiner geliebten deutschen,
französischen und englischen Volksliedern.
Beim Singen bemerkte ich, dass einige Gestalten eng aneinander
geschmiegt lauschten. Nach diesen ja auch auf Erden oft
tränentreibenden Liedern wollten sie gar nicht aufhören zu
hüpfen. Als sie mich auch nach zwei Stunden zum Weitersingen
nötigen wollten, tat ich so, als würden mir die Töne im
Hals stecken bleiben und machte ihnen klar, dass ich nicht weitersingen
konnte.
Immerhin schien ich ihnen jetzt nicht nur zu Untersuchungszwecken
nützlich zu sein; Kultur brauchen eben alle. Sie behandelten mich
aufmerksamer und gaben mir erstmals Sinnvolleres zu essen und zu
trinken. Leider war beides so beschaffen, dass es mich noch jetzt in
der Erinnerung würgt.
Im alles beherrschenden Wasser dort wimmelte es von Lebewesen, die mich
entfernt an Quallen, Nacktschnecken und Egel erinnerten, leider nicht
an Fische. Diese Schlabbertiere servierten sie mir roh und ohne jedes
Gewürz angerichtet. Dazu gab es eine Art Seetang, der reichlich
vorkam, und eine klebrige gelbe Flüssigkeit, die sie nach meiner
Vermutung aus zerquetschten Quallen gewonnen hatten. Ihr könnt
euch denken, dass mein Magen sich nicht an diese Kost gewöhnen
konnte. Auch nach mehreren Wochen war es mir nicht gelungen, einzelne
der Silberleute zu unterscheiden. Sie sahen absolut gleich aus. Ich
nahm aber an, dass sie selbst sich nicht nur mit ihrem Blinksystem,
sondern mit einem weiteren, mir aber verborgen gebliebenem
Verständigungssystem gegenseitig erkennen und unterscheiden
konnten.
Immerhin fiel mir auf, dass sich immer zwei Silberne zusammentaten, um
mich zum Singen zu bewegen. Lacht nicht so schamlos, Freunde, ich habe
mich ja auch nie im Leben als Sänger gefühlt und finde mich
zu dieser Kunstart so berufen wie eine Kuh zum Tanzen. Aber ich musste
das leichtsinnig begonnene Spiel weiterspielen; zuletzt sah ich in
dieser Kunst meine Überlebens-Chance.
Ich wollte vermeiden, dass sie mich aus Forscherdrang in kleine
Scheiben schneiden und für kommende Generationen in einer haltbar
machenden Flüssigkeit aufbewahren würden. Ich wollte ihnen
lebend wichtig werden, nun ja, warum nicht auch als
Unterhaltungskünstler.
Sie schienen keine Künstler zu kennen. Überhaupt schien mir
ihr Alltagsleben langweilig zu verlaufen; aber, dies ist wieder eine
mir zugewachsene Lebens- weisheit: Was du nicht kennst, vermisst du
nicht.
Die zwei anhänglichsten Silberfiguren versuchten mir klarzumachen,
dass ich für sie singen sollte. Ich hatte mir überlegt, dass
ich diese beiden als vermutlich Hauptinteressierte besonders zufrieden
stellen musste. Aber ich hatte mein größeres Ziel und
verwendete deshalb viel Mühe darauf, ihnen in Zeichensprache
klarzumachen, dass ich ein Konzert für viele von ihnen plane. Das
begriffen sie endlich.
Bei den beiden hatte ich besonders eindringlich herauszubekommen
versucht, welches Geschlecht sie hatten, aber sie reagierten auf meine
Bemühungen, einen Verschluss ihrer Silberhülle zu finden und
zu öffnen, mit so panischem Schrecken, als hätte ich ihnen
nach dem Leben getrachtet.
Irgendwie müssen sie sich aber wohl vermehren. Ich hatte
beobachtet, dass sie im Dunkeln ihre Gestalten bogen und dass sie dabei
ein Dauerstrom der Leuchtpunkte von unten nach oben durchlief –
befruchten sie sich so? Strömt so die Lust durch sie? Und wo
bleibe ich? Für mein Konzert hatte ich ein Programm
zusammengestellt, das lang und wirkungsvoll sein sollte. Ich habe das
nur gewagt, weil ich sicher war, dass sie keine
Vergleichsmöglichkeit hatten und über alle meine
vorgebrachten Töne staunen würden.
Wahrscheinlich wegen meines gewachsenen Ansehens bekam ich jetzt auch
die übliche Silberkleidung, oder etwas, das ähnlich aussah,
aber mit gut sichtbaren Unterschieden: Das Obergewand war eng, aber die
unwahrscheinlich weite Hose musste ich mit einem elastischem Gurt
zusammenhalten. Meine Kleidung war mit blauen Querstreifen versehen,
die irgendwie leuchteten. Durch diese Farbunterschiede konnten sie mich
leicht erkennen und deshalb fiel es ihnen vermutlich leichter, mir mehr
Bewegungsfreiheit zu gewähren. Die silberne Kleidung schien auch
ein lebenswichtiger Schutz gegen die Sonnenstrahlen zu sein.
Ich bekam einen blausilbernen Helm. Ich fühlte mich nicht nur der
Sonne, auch Gott näher. Oft habe ich Paul Gerhardts Jesusverse
verinnerlicht: „…und wenn mir nichts mehr schmecken will, soll mich
dies Manna speisen; im Durst solls sein mein Wasserquell, in Einsamkeit
mein Sprachgesell zu Haus und auch auf Reisen.“
Für mich sind die aus christlicher Religiosität entstandene
Musik und die Dichtung etwas unendlich Kostbares. Und dass Gebete und
Glaubenszuversicht einen Menschen im Leben, in allen Gefahren und beim
Sterben sehr stärken können, habe ich viele Male auch an mir
selbst erlebt – allerdings denke ich zuweilen darüber nach, was
die Kräfte der Einbildung und der Fantasie bewirken – und dazu
leider irgendwelche finsteren Mächte, die alles verändern und
aus uns herausholen können…
Nach meinen künstlerischen Erfolgen riskierte ich etwas mehr, um
eine andere Verpflegung zu bekommen. Ich übertrieb meine
Magenbeschwerden, simulierte aber nicht nur Magenkrämpfe und
völlige Ermattung.
Meine über mich Bestimmenden beratschlagten lange und rückten
dann mit einigen Vorräten heraus, die sie sich bei ihrem
Erdenaufenthalt besorgt hatten: Sie zeigten mir inzwischen völlig
verdorbenes Gemüse, getrocknete Früchte, einen Sack Nudeln
mehrerer Sorten, Reis, Mais, knochenhart gewordenes Brot, viele
Flaschen Olivenöl, steinharten Schinken, penetrant stinkende
Fischskelette, ein Fässchen Essig, viele trockene Kräuter,
zwei Fässer mit offenbar sizilianischem Wein und eine große
Menge gebündelten Knoblauch.
Es war alles unsachgemäß gelagert gewesen und ich hatte
einige Mühe, das Verdorbene vom noch Brauchbaren zu trennen; das
stieß auf heftigen Widerstand, den ich wort-und gestenreich
überwinden musste.
Es gelang mir, ihnen klarzumachen, dass ich aus diesen Vorräten,
die wahrscheinlich für ihre „wissenschaftlichen“ Untersuchungen
vorgesehen waren, gern für mich etwas kochen würde. Fast noch
schwieriger war es, ihnen klarzumachen, dass ich eine Feuerstelle und
einen Topf brauchte.
Es wurde eine Sehenswürdigkeit für viele Hundert staunend
zusehende Sternbewohner, als ich eine einfache Mahlzeit für mich
zubereitete und mit höchstem Genuss verzehrte, obwohl ich mir
meine Kochhilfsmittel und mein Essbesteck, ja sogar das
Trinkgefäß erst selbst aus dazu nicht gut geeignetem
Material herstellen musste. Ohne die Erfindung wenigstens des
Löffels, aber mit der Konstruktion und Navigation eines
Raumfahrzeugs muss ihre Zivilisation wohl einen Sprung gemacht haben,
ging mir dabei durch den Kopf.
Alle lehnten es entsetzt ab, von meiner Speise oder auch nur vom Wein
zu kosten. Das ist vielleicht der Schlüssel: Ist eine
Kulturentwicklung ohne Wein überhaupt denkbar? Schließlich
tranken ihn die griechischen Götter und Jesus hat
angekündigt, dass es ihn auch im Himmel gibt, Gottseidank!
Ich bekam meine Zutaten immer nur nach längerem Feilschen
zugeteilt. Ich rätsele immer noch, wovon sie sich selbst
ernährten. Weil mir Salz und Pfeffer fehlten, verwendete ich
jeweils größere Mengen des von mir in Öl eingelegten
Knoblauchs. Trotz der beschränkten Möglichkeiten schmeckte
mir mein Essen und ich zeigte meine Freude und mein Wohlbefinden offen.
Zu schaffen machten mir zunächst unerklärbare
Verdauungsfolgen, unter denen ich wochenlang litt und die ich mit
konzentrierter Gedankenkraft aufzulösen suchte, bis mir ein
zündender Einfall kam, den ich dann in schlaflosen Nächten
ausgeformt habe. Aber das brauchte noch einige Zeit.
Freunde, ich will meine Geschichte aus aktuellen Hungergründen
abkürzen: Ich gab auf dem wasserhaltigem Stern an die
dreißig große Konzerte, zuletzt alle zwei Tage.
Ich war längst darauf gekommen, dass ich mir den Originaltext
sparen konnte – sie hatten ihn noch nie gehört und ich kannte
viele Melodien, aber nicht mehr die dazugehörigen Worte. Ich
übte mich auch zu meiner eigenen Unterhaltung in englischer,
französischer, russischer, lateinischer und deutscher Lautmalerei.
Das ergab ein abwechslungsreiches Programm mit einer Bandbreite, von
der Musikveranstalter auf Erden nur träumen können, aber es
war zu viel für meine ungeübten Stimmbänder: ich war
bald stockheiser und fand in meiner Umgebung keine Arznei dafür.
Aber auch diesen Klangunterschied schienen sie unterhaltsam zu finden;
das brachte mich auf den Einfall, ihnen einmal eine Stegreifrede zu
halten – eine über meine Sehnsucht nach Frauen und dann habe ich
ihnen viele Weisheiten des Laotse zitiert und einige dramatische
Balladen konnte ich auch noch auswendig. Und richtig: auch hierbei
bebte die zeitweise zu irgendeiner Fertigung benutzte große
Hallenwabe, in der ich auftrat, vor Begeisterung, aber es war dabei
unheimlich stumm und ich sah nur ihr Hüpfen und diese
merkwürdige Art zu tanzen.
Was für ein armseliger Tanz war das! Wie sehnte ich mich nach den
aufregenden Bauchtänzen meiner Haremsfrauen, überhaupt nach
dem Anblick von Menschen, nach anfassbaren Lebewesen mit weicher Haut
und rosigem Fleisch! Ich gebe gern zu, dass ich dabei überhaupt
nicht an Männer dachte...
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