Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Die Muse des Gesanges

Ich kenne wahrscheinlich kaum zweihundert Lieder auswendig und bin sicher kein begabter Sänger, aber mir fiel kein anderer Ausweg ein. Zuerst erinnerte ich mich auch an mein Konfirmationslied, von dem konnte ich noch alle damals gesungenen Strophen von Paul Gerhardt: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben…“

Die Wirkung war wieder sehenswert; sie hüpften wie vor Freude und machten mir mit den bereits bewährten Gesten klar, dass sie mehr hören wollten. So erfreute ich die Silberleute noch mit Chorälen und mit einigen meiner geliebten deutschen, französischen und englischen Volksliedern.

Beim Singen bemerkte ich, dass einige Gestalten eng aneinander geschmiegt lauschten. Nach diesen ja auch auf Erden oft tränentreibenden Liedern wollten sie gar nicht aufhören zu hüpfen. Als sie mich auch nach zwei Stunden zum Weitersingen nötigen wollten, tat ich so, als würden mir die Töne im Hals stecken bleiben und machte ihnen klar, dass ich nicht weitersingen konnte.

Immerhin schien ich ihnen jetzt nicht nur zu Untersuchungszwecken nützlich zu sein; Kultur brauchen eben alle. Sie behandelten mich aufmerksamer und gaben mir erstmals Sinnvolleres zu essen und zu trinken. Leider war beides so beschaffen, dass es mich noch jetzt in der Erinnerung würgt.

Im alles beherrschenden Wasser dort wimmelte es von Lebewesen, die mich entfernt an Quallen, Nacktschnecken und Egel erinnerten, leider nicht an Fische. Diese Schlabbertiere servierten sie mir roh und ohne jedes Gewürz angerichtet. Dazu gab es eine Art Seetang, der reichlich vorkam, und eine klebrige gelbe Flüssigkeit, die sie nach meiner Vermutung aus zerquetschten Quallen gewonnen hatten. Ihr könnt euch denken, dass mein Magen sich nicht an diese Kost gewöhnen konnte. Auch nach mehreren Wochen war es mir nicht gelungen, einzelne der Silberleute zu unterscheiden. Sie sahen absolut gleich aus. Ich nahm aber an, dass sie selbst sich nicht nur mit ihrem Blinksystem, sondern mit einem weiteren, mir aber verborgen gebliebenem Verständigungssystem gegenseitig erkennen und unterscheiden konnten.

Immerhin fiel mir auf, dass sich immer zwei Silberne zusammentaten, um mich zum Singen zu bewegen. Lacht nicht so schamlos, Freunde, ich habe mich ja auch nie im Leben als Sänger gefühlt und finde mich zu dieser Kunstart so berufen wie eine Kuh zum Tanzen. Aber ich musste das leichtsinnig begonnene Spiel weiterspielen; zuletzt sah ich in dieser Kunst meine Überlebens-Chance.

Ich wollte vermeiden, dass sie mich aus Forscherdrang in kleine Scheiben schneiden und für kommende Generationen in einer haltbar machenden Flüssigkeit aufbewahren würden. Ich wollte ihnen lebend wichtig werden, nun ja, warum nicht auch als Unterhaltungskünstler.

Sie schienen keine Künstler zu kennen. Überhaupt schien mir ihr Alltagsleben langweilig zu verlaufen; aber, dies ist wieder eine mir zugewachsene Lebens- weisheit: Was du nicht kennst, vermisst du nicht.

Die zwei anhänglichsten Silberfiguren versuchten mir klarzumachen, dass ich für sie singen sollte. Ich hatte mir überlegt, dass ich diese beiden als vermutlich Hauptinteressierte besonders zufrieden stellen musste. Aber ich hatte mein größeres Ziel und verwendete deshalb viel Mühe darauf, ihnen in Zeichensprache klarzumachen, dass ich ein Konzert für viele von ihnen plane. Das begriffen sie endlich.

Bei den beiden hatte ich besonders eindringlich herauszubekommen versucht, welches Geschlecht sie hatten, aber sie reagierten auf meine Bemühungen, einen Verschluss ihrer Silberhülle zu finden und zu öffnen, mit so panischem Schrecken, als hätte ich ihnen nach dem Leben getrachtet.

Irgendwie müssen sie sich aber wohl vermehren. Ich hatte beobachtet, dass sie im Dunkeln ihre Gestalten bogen und dass sie dabei ein Dauerstrom der Leuchtpunkte von unten nach oben durchlief – befruchten sie sich so? Strömt so die Lust durch sie? Und wo bleibe ich? Für mein Konzert hatte ich ein Programm zusammengestellt, das lang und wirkungsvoll sein sollte. Ich habe das nur gewagt, weil ich sicher war, dass sie keine Vergleichsmöglichkeit hatten und über alle meine vorgebrachten Töne staunen würden.

Wahrscheinlich wegen meines gewachsenen Ansehens bekam ich jetzt auch die übliche Silberkleidung, oder etwas, das ähnlich aussah, aber mit gut sichtbaren Unterschieden: Das Obergewand war eng, aber die unwahrscheinlich weite Hose musste ich mit einem elastischem Gurt zusammenhalten. Meine Kleidung war mit blauen Querstreifen versehen, die irgendwie leuchteten. Durch diese Farbunterschiede konnten sie mich leicht erkennen und deshalb fiel es ihnen vermutlich leichter, mir mehr Bewegungsfreiheit zu gewähren. Die silberne Kleidung schien auch ein lebenswichtiger Schutz gegen die Sonnenstrahlen zu sein.

Ich bekam einen blausilbernen Helm. Ich fühlte mich nicht nur der Sonne, auch Gott näher. Oft habe ich Paul Gerhardts Jesusverse verinnerlicht: „…und wenn mir nichts mehr schmecken will, soll mich dies Manna speisen; im Durst solls sein mein Wasserquell, in Einsamkeit mein Sprachgesell zu Haus und auch auf Reisen.“

Für mich sind die aus christlicher Religiosität entstandene Musik und die Dichtung etwas unendlich Kostbares. Und dass Gebete und Glaubenszuversicht einen Menschen im Leben, in allen Gefahren und beim Sterben sehr stärken können, habe ich viele Male auch an mir selbst erlebt – allerdings denke ich zuweilen darüber nach, was die Kräfte der Einbildung und der Fantasie bewirken – und dazu leider irgendwelche finsteren Mächte, die alles verändern und aus uns herausholen können…

Nach meinen künstlerischen Erfolgen riskierte ich etwas mehr, um eine andere Verpflegung zu bekommen. Ich übertrieb meine Magenbeschwerden, simulierte aber nicht nur Magenkrämpfe und völlige Ermattung.

Meine über mich Bestimmenden beratschlagten lange und rückten dann mit einigen Vorräten heraus, die sie sich bei ihrem Erdenaufenthalt besorgt hatten: Sie zeigten mir inzwischen völlig verdorbenes Gemüse, getrocknete Früchte, einen Sack Nudeln mehrerer Sorten, Reis, Mais, knochenhart gewordenes Brot, viele Flaschen Olivenöl, steinharten Schinken, penetrant stinkende Fischskelette, ein Fässchen Essig, viele trockene Kräuter, zwei Fässer mit offenbar sizilianischem Wein und eine große Menge gebündelten Knoblauch.

Es war alles unsachgemäß gelagert gewesen und ich hatte einige Mühe, das Verdorbene vom noch Brauchbaren zu trennen; das stieß auf heftigen Widerstand, den ich wort-und gestenreich überwinden musste.

Es gelang mir, ihnen klarzumachen, dass ich aus diesen Vorräten, die wahrscheinlich für ihre „wissenschaftlichen“ Untersuchungen vorgesehen waren, gern für mich etwas kochen würde. Fast noch schwieriger war es, ihnen klarzumachen, dass ich eine Feuerstelle und einen Topf brauchte.

Es wurde eine Sehenswürdigkeit für viele Hundert staunend zusehende Sternbewohner, als ich eine einfache Mahlzeit für mich zubereitete und mit höchstem Genuss verzehrte, obwohl ich mir meine Kochhilfsmittel und mein Essbesteck, ja sogar das Trinkgefäß erst selbst aus dazu nicht gut geeignetem Material herstellen musste. Ohne die Erfindung wenigstens des Löffels, aber mit der Konstruktion und Navigation eines Raumfahrzeugs muss ihre Zivilisation wohl einen Sprung gemacht haben, ging mir dabei durch den Kopf.

Alle lehnten es entsetzt ab, von meiner Speise oder auch nur vom Wein zu kosten. Das ist vielleicht der Schlüssel: Ist eine Kulturentwicklung ohne Wein überhaupt denkbar? Schließlich tranken ihn die griechischen Götter und Jesus hat angekündigt, dass es ihn auch im Himmel gibt, Gottseidank!

Ich bekam meine Zutaten immer nur nach längerem Feilschen zugeteilt. Ich rätsele immer noch, wovon sie sich selbst ernährten. Weil mir Salz und Pfeffer fehlten, verwendete ich jeweils größere Mengen des von mir in Öl eingelegten Knoblauchs. Trotz der beschränkten Möglichkeiten schmeckte mir mein Essen und ich zeigte meine Freude und mein Wohlbefinden offen.

Zu schaffen machten mir zunächst unerklärbare Verdauungsfolgen, unter denen ich wochenlang litt und die ich mit konzentrierter Gedankenkraft aufzulösen suchte, bis mir ein zündender Einfall kam, den ich dann in schlaflosen Nächten ausgeformt habe. Aber das brauchte noch einige Zeit.

Freunde, ich will meine Geschichte aus aktuellen Hungergründen abkürzen: Ich gab auf dem wasserhaltigem Stern an die dreißig große Konzerte, zuletzt alle zwei Tage.

Ich war längst darauf gekommen, dass ich mir den Originaltext sparen konnte – sie hatten ihn noch nie gehört und ich kannte viele Melodien, aber nicht mehr die dazugehörigen Worte. Ich übte mich auch zu meiner eigenen Unterhaltung in englischer, französischer, russischer, lateinischer und deutscher Lautmalerei. Das ergab ein abwechslungsreiches Programm mit einer Bandbreite, von der Musikveranstalter auf Erden nur träumen können, aber es war zu viel für meine ungeübten Stimmbänder: ich war bald stockheiser und fand in meiner Umgebung keine Arznei dafür.

Aber auch diesen Klangunterschied schienen sie unterhaltsam zu finden; das brachte mich auf den Einfall, ihnen einmal eine Stegreifrede zu halten – eine über meine Sehnsucht nach Frauen und dann habe ich ihnen viele Weisheiten des Laotse zitiert und einige dramatische Balladen konnte ich auch noch auswendig. Und richtig: auch hierbei bebte die zeitweise zu irgendeiner Fertigung benutzte große Hallenwabe, in der ich auftrat, vor Begeisterung, aber es war dabei unheimlich stumm und ich sah nur ihr Hüpfen und diese merkwürdige Art zu tanzen.
 
Was für ein armseliger Tanz war das! Wie sehnte ich mich nach den aufregenden Bauchtänzen meiner Haremsfrauen, überhaupt nach dem Anblick von Menschen, nach anfassbaren Lebewesen mit weicher Haut und rosigem Fleisch! Ich gebe gern zu, dass ich dabei überhaupt nicht an Männer dachte...


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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
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