Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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BuchKopf



Die Eroberung einer Burgherrin

Im Burghof sah ich eine stolze, wirklich ansehnliche und mir sofort sympathische Frau mit braunen Haaren, in die sie einige bunte Glasperlen geflochten hatte. Um die Schultern trug sie seidene Streifen in grün und blau über ihrem langen dunkelroten Kleid. Ihre Hüften sah ich wohlgeformt, ihr Busen wirkte üppig; ich fand es lohnend, hier zu bleiben, aber ich kam nicht dazu, mich vorzustellen: Sie ließ mich von drei kräftigen Kerlen aus ihrem Burghof werfen. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Ihre Beschützer freuten sich, dass sie mal einen Bettler verprügeln und ihm das Pferd abnehmen durften, das sie wohl für gestohlen hielten. Immerhin, stellte ich befriedigt fest: Einen Burgherrn scheint es nicht zu geben.

Ich versteckte mich in der Nähe. Am späten Abend kletterte ich auf einen hohen Baum und beobachtete einen Teil der Burg und des Innenhofes. Ich hatte Glück und sah die erleuchteten Räume, in denen die Burgherrin zuweilen zu sehen war. Zwei ihrer Fenster standen weit offen. Die Zugbrücke war hochgezogen worden und ein Wassergraben umgab die Mauer.

Ich hatte mir mein Vorgehen überlegt, meine ersten Pläne aber wieder verworfen. Zuletzt entschied ich mich, mit vollem Risiko zu spielen. Ich hatte einen Baum entdeckt, von dem ein Ast knapp über die Burgmauer reichte. Als ich die Mauer bewältigt hatte, waren die Kerzen der Burgherrin schon verlöscht. Aber ich hatte mir einen Anhaltspunkt gemerkt und konnte die Umrisse ihrer Fenster abschreckend hoch über mir sehen. Das alte Efeugestrüpp hatte sich in das Mauerwerk gekrallt und machte es mir möglich, hinaufzusteigen.

Aber ich hatte hierbei keine Übung und kam nur langsam höher. Ich hatte einige Male die Sorge, auf den harten Felsboden hinabzustürzen. Als ich das erste Fenster erreichte, fand ich es verschlossen und musste weiter zum nächsten klettern. Beim Versuch, mich hineinzuzwängen, bin ich ein Stück abgerutscht und die damit verbundenen Geräusche müssen sie alarmiert haben.

Gloria kam im Dunkeln zum Fenster; sie schien nicht beunruhigt zu sein. Wahrscheinlich hatte sie nur mit einem größeren Vogel gerechnet. Sie schaute in den Nachthimmel hinaus und ich sah, dass sie nackt war, jedenfalls ihr Oberkörper. Dann hat sie sich wohl noch einmal vorgebeugt und mich gesehen. Ihr erschreckter Schrei war nicht laut gewesen, aber sie war zurückgehastet und hat dabei ein Möbelstück umgeworfen. Und dann war ich schon in ihrem Gemach und fand sie im Mondlicht sofort; sie hockte schwer atmend neben einem Schrank und verschränkte die Arme schützend vor ihren Brüsten.

Ich versuchte, sie mit Worten und Gesten zu beruhigen und davon zu überzeugen, dass ich nichts Böses vorhatte. Ich hielt Abstand, ließ ihr bewusst einen Fluchtweg zur Tür und redete und redete und wusste gar nicht, ob sie überhaupt Deutsch verstand oder nur den Klang meiner Stimme. Ich stellte mich natürlich auch vor und nannte ihr meine Herkunft. Gut, ich sah nicht vertrauenswürdig aus und mein überfallähnliches Verhalten sprach auch nicht für mich, aber ich verließ mich auf mein Glück bei Frauen.

Dann setzte ich mich halb mit dem Rücken zu ihr unter einem Fenster auf den Boden, auch, um ihr Gelegenheit zu geben, ihre abgelegten Kleidungsstücke zu erreichen. Ich sah, dass sie in die gegenüberliegende Ecke des Raumes huschte. Und im Nu war sie wieder vor mir, in ihrer erfreulichen Nacktheit; sie zitterte etwas vor Aufregung, hielt mir aber eine Degenklinge vor die Brust und machte ein entschlossenes Gesicht. Ich musste unwillkürlich lächeln, weil das ein bühnenreifes Bild war, übrigens auch ein enorm erotisches: ihr dunkler Schoß und ihre erregt wogenden Brüste mit nie so gesehenen durchaus hohen, aber abgeflachten Türmchen, faszinierten mich weit mehr als der blanke Stahl.

Leider sah uns kein Publikum. Es reizte mich, das Bild aufzunehmen; ich drehte mich im Sitzen zu ihr, riss mein Hemd auf und bot ihr mit zurückgestützten Armen und geschlossenen Augen lächelnd meine Brust zum Zustoßen an. Viel zu früh, aber es wird es ein romantischer Tod! Meine Leiche wird sie wohl aus dem Fenster werfen lassen…

Nach einer Weile riskierte ich ein schmales Hingucken - und da war sie weg. Ich blieb sitzen und nahm mir vor, durchs Fenster zu springen und mich am Efeu festzuhalten.

Die Tür öffnete sich und sie kam nicht mit den von mir befürchteten männlichen Beschützern zurück, sondern mit einem Arm voll Kleidungsstücken und einem großen Handtuch. Sie warf mir alles vor die Füße und wies auf die Tür zu einem Nebenzimmer. Und noch ein Wunder: Sie sprach zum ersten Mal und sie sagte auf Deutsch: "Nun waschen Sie sich erst mal und trennen Sie sich von diesen ekligen Kleidern. Danach erzählen Sie mir Ihre Geschichte!"

Ich sprang begeistert auf, küsste ihren Kleidersaum und dankte ihr. Ein bisschen hatte ich sie zum Lächeln gebracht. Als ich schon fast im anderen Raum war, rief sie mir nach: "Sie heißen nicht zufällig Odysseus?" Ich verstand sie nicht sofort; ich lachte unsicher, hatte aber das warme Gefühl, dass sich alles gut entwickeln würde.

Als ich einigermaßen kultiviert zurückkehrte, standen Brot und Butter und Käse und eine Flasche Rotwein auf dem Tisch. Meine Augen richteten sich gierig auf dieses Nahrhafte. Ich durfte die Flasche öffnen und bat um Nachsicht für meinen Heißhunger, mit dem ich mich auf die seit Tagen entbehrten Herrlichkeiten stürzte.

Zwischendurch konnte ich ihr nur wenig erzählen. Sie, die ich längst insgeheim ebenfalls zu den entbehrten Schätzen zählte, hörte mir immer entspannter zu, wurde auch müde darüber und am Ende duldete sie, dass ich mich auf einem Schaffell neben dem Schrank schlafen legte.

Es hat dann noch zwei Tage gedauert, bis sie so viel Vertrauen zu mir gewonnen hatte, dass ich mich nicht mehr in einem Schrank verstecken musste, wenn ihre Bediensteten aufräumten und ihr größere Mengen Speisen als sonst brachten, wobei sie mich oder Spuren von mir wohl bemerkt hatten, aber diskret blieben. Wir aßen und tranken dann ab dem dritten Tag zusammen, als ob das schon lange so gewesen wäre. Wir sprachen französisch miteinander, das fanden wir auch angenehm vor der Dienerschaft.

Es tat ihr gut, mir in meinen Armen aus ihrem Leben zu erzählen. Sie schmiegte sich mit ihrem Rücken an mich und meine Hände freuten sich an ihren Brüsten und an ihrem Schoß. Ich bin dabei wach und aufmerksam geblieben und habe sie nur ziemlich häufig auf eine uns beiden wichtige Weise unterbrochen. Nach einiger Zeit vertrautesten Umgangs hatte sie alle Scheu verloren, mich in betörend vielen Variationen zu verführen und auch ihre noch unerfüllten erotischen Wünsche auszusprechen.

Unser Leben schien mir besonders lebenswert und angenehm zu werden; ich brauchte nur zu bleiben und zu genießen. Meine Burgherrin hatte übrigens Gefallen daran gefunden, mich Odysseus zu nennen.

Gloria hatte nach meinen Berichten darauf bestanden, einen Knecht mit einem Packen Männerkleidung zu Franziskus hinunter zu schicken; auch eine Geldspende durfte er quittieren, und zwei Kisten Wein, ein Fässchen Branntwein und ein Korb mit Essbarem waren auch dabei.

Hätte ich bleiben sollen in dieser abgelegenen Burg bei dieser wohltuenden, anziehenden, leisen und doch in der Liebe stürmischen Frau, die mich in jeder wünschbaren Weise verwöhnte? Wir wurden unversehens zu einer nüchternen Entscheidung gedrängt, weil Glorias in England lebender Sohn seinen baldigen Besuch ankündigte und seiner Mutter seine Verlobte vorstellen wollte. Ich bin heute noch nicht sicher, ob ihm nicht jemand vom Burgpersonal einen Wink gegeben hatte.

Gloria war einige Tage lang verwirrt. Wir hatten lange Gespräche über unsere Wahlmöglichkeiten: Wenn ich bleiben würde, müsste ich „für immer“ bleiben und mich als neuer Mann an Glorias Seite zu erkennen geben; die Chancen, dass ihr Sohn mich akzeptieren würde, fanden wir beide unsicher. Unser Kompromiss sah so aus, dass ich abreisen und nach einigen Wochen wiederkommen würde. Wir wussten aber beide, dass es ein Lebewohl für immer sein würde.

Als ich in dieser unfrohen Lage von ihr Abschied nahm, ausgestattet wie ein vornehmer und wohlhabender Mann, fühlte ich mich elend und schäbig. „Danke für deine Liebe, Odysseus!“ hatte sie zum Abschied gesagt. Mir fiel ein, dass der antike Held auf seinem langen Heimweg auch öfter von zärtlich klammernden Armen aufgehalten worden war. Aber ich wollte ja gar nicht heim und nirgendwo zielstrebig hin. Statt das Geld dieser großherzigen Frau anzunehmen, hätte ich lieber in ein Bankhaus eingebrochen oder die Wochenendeinnahmen einer Spielbank geraubt.

Zugegeben, meine Skrupel schwanden bald. Es blieben mir wohltuende und wärmende Erinnerungen. Als ich viele Jahre später heimkam, lagen drei Briefe von ihr in den Postbergen auf meinem Schreibtisch, aber da war es zu spät.

Als ich einer späteren Herzensfreundin von diesem Aufenthalt in der Burg erzählt hatte, küsste sie mich ablenkend innig und ihre Zunge drang tief und viele Geister in mir weckend in meinen Mund; sie saß rittlings auf meinen Schoß und sagte, während sie meinen Gürtel öffnete, mit einem verführerischen Lächeln: „Es gibt eben viele Arten, einem Menschen etwas zu schenken. Ich zum Beispiel will jetzt von Dir etwas geschenkt bekommen…“

Ja, so gesehen, Freunde, haben wir einen triftigen Grund, auf die stillen weiblichen und männlichen Wohltäter in dieser Welt zu trinken! Ihr kennt sicher auch einige…

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater

Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan
Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
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