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Die Eroberung einer
Burgherrin
Im Burghof sah ich eine stolze, wirklich ansehnliche und mir sofort
sympathische Frau mit braunen Haaren, in die sie einige bunte
Glasperlen geflochten hatte. Um die Schultern trug sie seidene Streifen
in grün und blau über ihrem langen dunkelroten Kleid. Ihre
Hüften sah ich wohlgeformt, ihr Busen wirkte üppig; ich fand
es lohnend, hier zu bleiben, aber ich kam nicht dazu, mich
vorzustellen: Sie ließ mich von drei kräftigen Kerlen aus
ihrem Burghof werfen. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Ihre
Beschützer freuten sich, dass sie mal einen Bettler
verprügeln und ihm das Pferd abnehmen durften, das sie wohl
für gestohlen hielten. Immerhin, stellte ich befriedigt fest:
Einen Burgherrn scheint es nicht zu geben.
Ich versteckte mich in der Nähe. Am späten Abend kletterte
ich auf einen hohen Baum und beobachtete einen Teil der Burg und des
Innenhofes. Ich hatte Glück und sah die erleuchteten Räume,
in denen die Burgherrin zuweilen zu sehen war. Zwei ihrer Fenster
standen weit offen. Die Zugbrücke war hochgezogen worden und ein
Wassergraben umgab die Mauer.
Ich hatte mir mein Vorgehen überlegt, meine ersten Pläne aber
wieder verworfen. Zuletzt entschied ich mich, mit vollem Risiko zu
spielen. Ich hatte einen Baum entdeckt, von dem ein Ast knapp über
die Burgmauer reichte. Als ich die Mauer bewältigt hatte, waren
die Kerzen der Burgherrin schon verlöscht. Aber ich hatte mir
einen Anhaltspunkt gemerkt und konnte die Umrisse ihrer Fenster
abschreckend hoch über mir sehen. Das alte Efeugestrüpp hatte
sich in das Mauerwerk gekrallt und machte es mir möglich,
hinaufzusteigen.
Aber ich hatte hierbei keine Übung und kam nur langsam höher.
Ich hatte einige Male die Sorge, auf den harten Felsboden
hinabzustürzen. Als ich das erste Fenster erreichte, fand ich es
verschlossen und musste weiter zum nächsten klettern. Beim
Versuch, mich hineinzuzwängen, bin ich ein Stück abgerutscht
und die damit verbundenen Geräusche müssen sie alarmiert
haben.
Gloria kam im Dunkeln zum Fenster; sie schien nicht beunruhigt zu sein.
Wahrscheinlich hatte sie nur mit einem größeren Vogel
gerechnet. Sie schaute in den Nachthimmel hinaus und ich sah, dass sie
nackt war, jedenfalls ihr Oberkörper. Dann hat sie sich wohl noch
einmal vorgebeugt und mich gesehen. Ihr erschreckter Schrei war nicht
laut gewesen, aber sie war zurückgehastet und hat dabei ein
Möbelstück umgeworfen. Und dann war ich schon in ihrem Gemach
und fand sie im Mondlicht sofort; sie hockte schwer atmend neben einem
Schrank und verschränkte die Arme schützend vor ihren
Brüsten.
Ich versuchte, sie mit Worten und Gesten zu beruhigen und davon zu
überzeugen, dass ich nichts Böses vorhatte. Ich hielt
Abstand, ließ ihr bewusst einen Fluchtweg zur Tür und redete
und redete und wusste gar nicht, ob sie überhaupt Deutsch verstand
oder nur den Klang meiner Stimme. Ich stellte mich natürlich auch
vor und nannte ihr meine Herkunft. Gut, ich sah nicht
vertrauenswürdig aus und mein überfallähnliches
Verhalten sprach auch nicht für mich, aber ich verließ mich
auf mein Glück bei Frauen.
Dann setzte ich mich halb mit dem Rücken zu ihr unter einem
Fenster auf den Boden, auch, um ihr Gelegenheit zu geben, ihre
abgelegten Kleidungsstücke zu erreichen. Ich sah, dass sie in die
gegenüberliegende Ecke des Raumes huschte. Und im Nu war sie
wieder vor mir, in ihrer erfreulichen Nacktheit; sie zitterte etwas vor
Aufregung, hielt mir aber eine Degenklinge vor die Brust und machte ein
entschlossenes Gesicht. Ich musste unwillkürlich lächeln,
weil das ein bühnenreifes Bild war, übrigens auch ein enorm
erotisches: ihr dunkler Schoß und ihre erregt wogenden
Brüste mit nie so gesehenen durchaus hohen, aber abgeflachten
Türmchen, faszinierten mich weit mehr als der blanke Stahl.
Leider sah uns kein Publikum. Es reizte mich, das Bild aufzunehmen; ich
drehte mich im Sitzen zu ihr, riss mein Hemd auf und bot ihr mit
zurückgestützten Armen und geschlossenen Augen lächelnd
meine Brust zum Zustoßen an. Viel zu früh, aber es wird es
ein romantischer Tod! Meine Leiche wird sie wohl aus dem Fenster werfen
lassen…
Nach einer Weile riskierte ich ein schmales Hingucken - und da war sie
weg. Ich blieb sitzen und nahm mir vor, durchs Fenster zu springen und
mich am Efeu festzuhalten.
Die Tür öffnete sich und sie kam nicht mit den von mir
befürchteten männlichen Beschützern zurück, sondern
mit einem Arm voll Kleidungsstücken und einem großen
Handtuch. Sie warf mir alles vor die Füße und wies auf die
Tür zu einem Nebenzimmer. Und noch ein Wunder: Sie sprach zum
ersten Mal und sie sagte auf Deutsch: "Nun waschen Sie sich erst mal
und trennen Sie sich von diesen ekligen Kleidern. Danach erzählen
Sie mir Ihre Geschichte!"
Ich sprang begeistert auf, küsste ihren Kleidersaum und dankte
ihr. Ein bisschen hatte ich sie zum Lächeln gebracht. Als ich
schon fast im anderen Raum war, rief sie mir nach: "Sie heißen
nicht zufällig Odysseus?" Ich verstand sie nicht sofort; ich
lachte unsicher, hatte aber das warme Gefühl, dass sich alles gut
entwickeln würde.
Als ich einigermaßen kultiviert zurückkehrte, standen Brot
und Butter und Käse und eine Flasche Rotwein auf dem Tisch. Meine
Augen richteten sich gierig auf dieses Nahrhafte. Ich durfte die
Flasche öffnen und bat um Nachsicht für meinen
Heißhunger, mit dem ich mich auf die seit Tagen entbehrten
Herrlichkeiten stürzte.
Zwischendurch konnte ich ihr nur wenig erzählen. Sie, die ich
längst insgeheim ebenfalls zu den entbehrten Schätzen
zählte, hörte mir immer entspannter zu, wurde auch müde
darüber und am Ende duldete sie, dass ich mich auf einem Schaffell
neben dem Schrank schlafen legte.
Es hat dann noch zwei Tage gedauert, bis sie so viel Vertrauen zu mir
gewonnen hatte, dass ich mich nicht mehr in einem Schrank verstecken
musste, wenn ihre Bediensteten aufräumten und ihr
größere Mengen Speisen als sonst brachten, wobei sie mich
oder Spuren von mir wohl bemerkt hatten, aber diskret blieben. Wir
aßen und tranken dann ab dem dritten Tag zusammen, als ob das
schon lange so gewesen wäre. Wir sprachen französisch
miteinander, das fanden wir auch angenehm vor der Dienerschaft.
Es tat ihr gut, mir in meinen Armen aus ihrem Leben zu erzählen.
Sie schmiegte sich mit ihrem Rücken an mich und meine Hände
freuten sich an ihren Brüsten und an ihrem Schoß. Ich bin
dabei wach und aufmerksam geblieben und habe sie nur ziemlich
häufig auf eine uns beiden wichtige Weise unterbrochen. Nach
einiger Zeit vertrautesten Umgangs hatte sie alle Scheu verloren, mich
in betörend vielen Variationen zu verführen und auch ihre
noch unerfüllten erotischen Wünsche auszusprechen.
Unser Leben schien mir besonders lebenswert und angenehm zu werden; ich
brauchte nur zu bleiben und zu genießen. Meine Burgherrin hatte
übrigens Gefallen daran gefunden, mich Odysseus zu nennen.
Gloria hatte nach meinen Berichten darauf bestanden, einen Knecht mit
einem Packen Männerkleidung zu Franziskus hinunter zu schicken;
auch eine Geldspende durfte er quittieren, und zwei Kisten Wein, ein
Fässchen Branntwein und ein Korb mit Essbarem waren auch dabei.
Hätte ich bleiben sollen in dieser abgelegenen Burg bei dieser
wohltuenden, anziehenden, leisen und doch in der Liebe stürmischen
Frau, die mich in jeder wünschbaren Weise verwöhnte? Wir
wurden unversehens zu einer nüchternen Entscheidung gedrängt,
weil Glorias in England lebender Sohn seinen baldigen Besuch
ankündigte und seiner Mutter seine Verlobte vorstellen wollte. Ich
bin heute noch nicht sicher, ob ihm nicht jemand vom Burgpersonal einen
Wink gegeben hatte.
Gloria war einige Tage lang verwirrt. Wir hatten lange Gespräche
über unsere Wahlmöglichkeiten: Wenn ich bleiben würde,
müsste ich „für immer“ bleiben und mich als neuer Mann an
Glorias Seite zu erkennen geben; die Chancen, dass ihr Sohn mich
akzeptieren würde, fanden wir beide unsicher. Unser Kompromiss sah
so aus, dass ich abreisen und nach einigen Wochen wiederkommen
würde. Wir wussten aber beide, dass es ein Lebewohl für immer
sein würde.
Als ich in dieser unfrohen Lage von ihr Abschied nahm, ausgestattet wie
ein vornehmer und wohlhabender Mann, fühlte ich mich elend und
schäbig. „Danke für deine Liebe, Odysseus!“ hatte sie zum
Abschied gesagt. Mir fiel ein, dass der antike Held auf seinem langen
Heimweg auch öfter von zärtlich klammernden Armen aufgehalten
worden war. Aber ich wollte ja gar nicht heim und nirgendwo zielstrebig
hin. Statt das Geld dieser großherzigen Frau anzunehmen,
hätte ich lieber in ein Bankhaus eingebrochen oder die
Wochenendeinnahmen einer Spielbank geraubt.
Zugegeben, meine Skrupel schwanden bald. Es blieben mir wohltuende und
wärmende Erinnerungen. Als ich viele Jahre später heimkam,
lagen drei Briefe von ihr in den Postbergen auf meinem Schreibtisch,
aber da war es zu spät.
Als ich einer späteren Herzensfreundin von diesem Aufenthalt in
der Burg erzählt hatte, küsste sie mich ablenkend innig und
ihre Zunge drang tief und viele Geister in mir weckend in meinen Mund;
sie saß rittlings auf meinen Schoß und sagte, während
sie meinen Gürtel öffnete, mit einem verführerischen
Lächeln: „Es gibt eben viele Arten, einem Menschen etwas zu
schenken. Ich zum Beispiel will jetzt von Dir etwas geschenkt bekommen…“
Ja, so gesehen, Freunde, haben wir einen triftigen Grund, auf die
stillen weiblichen und männlichen Wohltäter in dieser Welt zu
trinken! Ihr kennt sicher auch einige…
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